Rezension über:

Jutta Dresken-Weiland: Sarkophagbestattungen des 4. - 6. Jahrhunderts im Westen des Römischen Reiches (= Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte; 55. Supplementband), Freiburg: Herder 2003, 455 S., 69 Abb., ISBN 978-3-451-26255-5, EUR 98,00
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Rezension von:
Kirsten Krumeich
Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Christian Witschel
Empfohlene Zitierweise:
Kirsten Krumeich: Rezension von: Jutta Dresken-Weiland: Sarkophagbestattungen des 4. - 6. Jahrhunderts im Westen des Römischen Reiches, Freiburg: Herder 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 11 [15.11.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/11/8167.html


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Jutta Dresken-Weiland: Sarkophagbestattungen des 4. - 6. Jahrhunderts im Westen des Römischen Reiches

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Die Göttinger Habilitationsschrift von Jutta Dresken-Weiland erscheint zu einem Zeitpunkt, da die Sammlung und Sichtung der spätantiken Sarkophagskulptur große Fortschritte macht. Nach mehr als 30 Jahren lebt unter der Herausgeberschaft von Thilo Ulbert das "Repertorium der christlich-antiken Sarkophage" wieder auf, dessen zweiter Band "Italien mit einem Nachtrag Rom und Ostia, Dalmatien, Museen der Welt" 1998 von Dresken-Weiland selbst vorgelegt wurde. Es folgte fünf Jahre später Band 3 von Brigitte Christern-Briesenick, "Frankreich, Algerien, Tunesien". Zwischenzeitlich publizierte im Jahr 2000 Guntram Koch sein Kompendium über "Frühchristliche Sarkophage" im Handbuch der Archäologie. Es erschienen mehrere Tagungsakten, zuletzt der opulent ausgestattete Band "Sarcofagi tardoantichi, paleocristiani e altomedievali", 2004 herausgegeben von Fabrizio Bisconti und Hugo Brandenburg.

In der vorliegenden Arbeit verbindet Dresken-Weiland archäologische Fragestellungen mit statistischen Untersuchungen an epigrafischem Material und greift zugleich Anliegen der Gender Studies auf. Die Materialgrundlage bildet vorwiegend die stadtrömische Überlieferung, die in Beziehung zu Befunden aus Italien und dem nördlichen Adria-Raum gesetzt wird, besonders aus Iulia Concordia und Salona. Weitere Regionen des weströmischen Reiches wie Nordafrika werden punktuell in der Analyse berücksichtigt und ausführlicher in den umfangreichen Katalogteilen am Ende des Bandes erfasst.

Der interdisziplinäre Ansatz liegt insbesondere Kapitel I zu Grunde, in dem nach einer knappen Einführung in Forschungsstand und Problematik (11-13) sowie einer Einleitung zu den Bestattungsformen (14-17) die auf Marmorsarkophagen überlieferten Inschriften ausgewertet werden (18-80). Im Vergleich mit der römischen Kaiserzeit sucht Dresken-Weiland 'Sozialdaten' für die Spätantike zu gewinnen: Es zeigt sich, dass im Rom des 4. Jahrhunderts die Anzahl der Frauenbestattungen in Sarkophagen zunimmt, zugleich aber weniger Kindern diese privilegierte Beisetzungsform zugedacht wird. Käufer bleiben weiterhin an erster Stelle Ehemänner für ihre Frauen, an zweiter Stelle Eltern für ihre Kinder. Über Rang und Beruf der Verstorbenen teilen die frühchristlichen Inschriften weniger mit als ihre paganen Vorläufer, der Senatorenstand ist jedoch entsprechend seiner zunehmenden Bedeutung stärker vertreten. Sarkophage aus Marmor leisten sich in der Regel die führenden Gesellschaftsschichten, ein wohlhabender fossor oder eine Sklavin aus reichem Privathaushalt (38 f.) fehlen aber ebenso wenig. Zum Christentum bekennen sich in vorkonstantinischer Zeit vorwiegend Frauen, bereits im ersten Drittel des 4. Jahrhunderts holen die Männer jedoch auf (61).

Die epigrafischen Zeugnisse aus Concordia und Salona spiegeln die charakteristische Sozialstruktur eines von Männern dominierten Militärstandortes bzw. eines Statthaltersitzes mit durchschnittlicher Zivilbevölkerung und gut vertretenem Klerus (66-76). Quellen zu den Kosten einer Sarkophagbestattung ergeben schließlich ein disparates Bild, sodass nicht über die Aussage hinauszukommen ist, man habe eine "hohe Geldsumme" (79) investieren müssen.

Im kurzen Kapitel II wird die Gestaltung solcher Sarkophage analysiert, deren Inhaber man aus Inschriften kennt (81-97). Es erweist sich, dass der clipeus mit Büsten eines Ehepaars ebenso wie die dextrarum iunctio spezifische Frauenthemen sind und die hohe Bedeutung der Ehe für eine spätantike Frau dokumentieren (81-83). Kinderporträts bleiben mit ihrer einheitlichen Kurzhaarfrisur geschlechtsneutral; gelegentlich gibt eine Sonderanfertigung das verstorbene Kind in der Rolle eines Erwachsenen wieder, beispielsweise als Soldaten, worin die Projektion gescheiterter Hoffnungen der Eltern zu erkennen ist (83-85). Das Auftreten bossierter Bildnisse und Divergenzen der bildlichen Darstellung zum Geschlecht des Verstorbenen akzeptiert die Verfasserin ebenso wenig wie standardisierte Bildprogramme als eindeutige Belege für eine Serienfabrikation von Reliefsarkophagen. Sie sieht vielmehr ein Überwiegen individueller Kompositionselemente, die eine Fertigung auf besondere Bestellung nahe legen (85-93). Der gesellschaftliche Status der beigesetzten Person kann sich in Kleidung und Schmuck des Porträts spiegeln; Qualität oder Programm der Sarkophagreliefs erlauben hingegen keinen Rückschluss auf die soziale Position des Bestatteten (94-97).

In das Kerngebiet der Christlichen Archäologie führt Kapitel III zurück, in dem Aufstellungsorte und Kontexte von Sarkophagen besprochen werden (98-198). Es ist der umfangreichste und zugleich auch der ertragreichste Teil der Studie. Die Kompilation setzt mit Stücken ein, die in oder außerhalb von Grabbauten und in Katakomben angetroffen wurden (98-112), um sich anschließend ausführlich den Sarkophagbestattungen in frühchristlichen Kirchen zu widmen (113-178). Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der konstantinischen Peterskirche und der Basilica Apostolorum (S. Sebastiano), bevor weitere Umgangsbasiliken in Rom sowie S. Paolo fuori le mura betrachtet werden. Es folgen Sarkophagbestattungen im übrigen Italien und die ravennatische Überlieferung; zuletzt kommt die Sprache auf Kirchen und Mausoleen in Dalmatien.

Die wertvollen Marmorsarkophage wurden überraschend häufig im Boden beigesetzt. Unmittelbar nach der Bestattung waren viele Exemplare bereits den Blicken der Zeitgenossen entzogen. Andere wurden oberirdisch in engen Grabbauten oder in der Nähe von Licht- und Treppenschächten der Katakomben aufgestellt; sie waren sichtbar, jedoch nur aus geringer Distanz und für einen eingeschränkten Personenkreis. Man muss sich bewusst machen, dass dies glattwandige und aufwändig reliefierte Sarkophage gleichermaßen betrifft: Der so genannte Probus-Sarkophag aus dem Mausoleum der Anicier an St. Peter (Rep. I 678) wurde ebenso unter das Laufniveau versenkt wie der prächtige, im 16. Jahrhundert unter der Confessio der Peterskirche aufgedeckte Sarkophag des römischen Stadtpräfekten Iunius Bassus (Rep. I 680). In diesen speziellen Fällen bestimmte die Nähe zum vermuteten Apostelgrab, der Wunsch nach einer Bestattung ad sanctum, die Wahl des unterirdischen Grabplatzes. Oft waren hingegen profane Motive ausschlaggebend: Man erhoffte sich Schutz vor Grabräubern oder suchte eine Wiederverwendung des wertvollen Sarges durch spätere Generationen zu verhindern. Hinzu kam der Platzmangel, der in Mausoleen, Coemeterialbasiliken und städtischen Kirchen gleichermaßen herrschte. Dresken-Weiland diskutiert die Möglichkeit einer oberirdischen Aufstellung von Sarkophagen in römischen Kirchen und hält sie grundsätzlich für gegeben (179-185). Doch angesichts der Vielzahl von Bodengräbern, die nicht überdeckt werden durften, findet sie besonders in den Umgangsbasiliken nur wenige Orte, die für eine Sarkophagaufstellung geeignet waren. An diese Beobachtungen knüpft sie die Hypothese, die räumliche Enge in Grabbauten und Kirchen sei ein Faktor gewesen, der schließlich zur Aufgabe der römischen Sarkophagproduktion im frühen 5. Jahrhundert geführt habe (184).

Das zusammengestellte Material erfordert nicht zuletzt ein Umdenken hinsichtlich der Rolle des Betrachters (185-198). Es bestätigt sich die Auffassung von Josef Engemann, dass die aufwändigen Bildprogramme der Sarkophage nicht den Lebenden galten, sondern wie die Inschriften die Verstorbenen ansprachen (191 f.). Man darf sich die Hinterbliebenen nicht beim ausgiebigen Studium der Reliefbilder vorstellen; erst der moderne Betrachter hat häufig wieder Gelegenheit, mit aller Sorgfalt Einzelszenen und Gesamtprogramm zu entschlüsseln. Die Verfasserin geht sogar so weit, dem Bildschmuck eine verschwindend geringe Bedeutung zuzumessen: Die Tatsache einer kostbaren Sarkophagbestattung an sich habe den Verstorbenen geehrt und - nachrangig - dem Repräsentationsbedürfnis der Familie Genüge getan. Glattwandige und reliefierte Exemplare habe man gleichermaßen geschätzt, wie an Beispielen einer hervorgehobenen oberirdischen Aufstellung unverzierter Sarkophage zu belegen sei (193-198).

Eine Zusammenfassung (199-202), die in französischer, italienischer und englischer Sprache wiederholt wird (203-214), gibt präzise Inhalt und Thesen der Untersuchung wieder. Es folgt ein umfangreicher, übersichtlich gestalteter Katalog, der den Lesern das epigrafische und archäologische Material an die Hand gibt (215-425). Drei Indices erschließen die behandelten Inschriften und Sarkophage nach Maßgabe der ausgewerteten Corpora und nach Fundorten (443-455). Vergleichsweise knapp ist der Abbildungsteil angelegt, der mit 69 Bildern - ausschließlich Reproduktionen - ein solides Anschauungsmaterial bietet. Der Text ist in flüssigem Stil geschrieben und besitzt einen umfangreichen Anmerkungsapparat. Eigenwillig ist die Verlegung der mittleren Kaiserzeit aus den Jahren 69 bis 193 n. Chr. in das frühe 2. bis späte 3. Jahrhundert (13 und passim), die ohne Diskussion erfolgt. Gut begründet könnte es jedoch eine interessante Überlegung sein, die Chronologie der römischen Kaiserzeit neu zu ordnen und die Spätantike als ihre letzte Phase zu sehen.

Für das Verständnis der spätantiken Sarkophagskulptur hat Dresken-Weiland mit ihrer Untersuchung wichtige Perspektiven eröffnet. Die interdisziplinäre Anlage ihrer beiden ersten Kapitel wird das Bild von der Entwicklung der spätantiken Gesellschaft nicht grundlegend verändern, hierzu sind die Zahlen der Sarkophagbestattungen zu gering. Die Synthese epigrafischer und ikonografischer Beobachtungen aber ist ein viel versprechender Ansatz, und es ist zu begrüßen, dass die Verfasserin sich künftig in einem neuen Forschungsprojekt mit "Darstellungen und Vorstellungen vom Tod" anhand frühchristlicher Grabinschriften auseinandersetzen will.

Kirsten Krumeich