Rezension über:

Hans-Ulrich Musolff / Anja-Silvia Göing (Hgg.): Anfänge und Grundlegungen moderner Pädagogik im 16. und 17. Jahrhundert (= Beiträge zur Historischen Bildungsforschung; Bd. 29), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, VI + 254 S., ISBN 978-3-412-07503-3, EUR 29,90
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Rezension von:
René Franken
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
René Franken: Rezension von: Hans-Ulrich Musolff / Anja-Silvia Göing (Hgg.): Anfänge und Grundlegungen moderner Pädagogik im 16. und 17. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 11 [15.11.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/11/3368.html


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Hans-Ulrich Musolff / Anja-Silvia Göing (Hgg.): Anfänge und Grundlegungen moderner Pädagogik im 16. und 17. Jahrhundert

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Der vorliegende Band geht auf die 9. interdisziplinäre Tagung des Arbeitskreises Vormoderne Erziehungsgeschichte (AVE) vom 28.-30.11.2002 in Bielefeld zurück. Ausgehend von der Grundfrage nach konfessionellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Entwicklung von Lehrinhalten, -methoden, -institutionen und -konzepten in der Epoche der Reformation und der Konfessionalisierung waren sich die Veranstalter der Tagung und die Herausgeber dieses Bandes der Problematik dieses Themas in seiner interdisziplinären Stellung zwischen Pädagogik und Geschichte durchaus bewusst.

Es wird nicht von einer Grundlegung der modernen Pädagogik erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgegangen. Vielmehr wird über die Mittel der Sozial- und Kulturgeschichte der Blick für eine Pädagogik der Frühen Neuzeit geschärft, die bisher als Lücke zwischen den scholastischen Lehrmethoden des Mittelalters und der modernen Pädagogik einer näheren wissenschaftlichen Betrachtung harrte. So wurden zumindest auf der Tagung die Grenzen der Disziplin- und Institutionengeschichte einer pädagogischen Wissenschaftsgeschichte durchbrochen und eine fächerübergreifende Diskussion möglich, die jedoch im vorgelegten Band nicht immer festzustellen ist. In der Einleitung stellen die Herausgeber die These vieler Historiker in den Vordergrund, dass in der Pädagogik durch ihre eigene wissenschaftliche Tradition die Gefahr einer ideengeschichtlich nahe liegenden Unterschätzung der Wirksamkeit älterer Traditionen zu Gunsten einer Überschätzung der neuen Traditionen ab dem 18. Jahrhundert besteht. Leider bleibt gerade der grundlegende Vortrag "Konfessionalisierung und Bildung aus erziehungswissenschaftlicher Sicht" von Rudolf W. Keck weit hinter den Erwartungen zu diesen zumindest in der Pädagogik neuen wissenschaftsgeschichtlichen Ansichten zurück.

Im ersten Teilabschnitt des Bandes stehen sich im Sinne einer Makro- und Mikrohistorie der erwähnte Beitrag von Rudolf W. Keck und der Aufsatz von Andreas Lindner "Das bikonfessionelle Schulwesen Erfurts im 16. und 17. Jahrhundert" gegenüber. Für einen makrohistorischen Einblick, vor allem zur Einführung in die Problematik des Begriffs der Konfessionalisierung in diesem erziehungswissenschaftlichen Zusammenhang, wäre jedoch auch ein Beitrag eines Historikers, nicht nur der eines Erziehungswissenschaftlers, notwendig. So wird das hehre Ziel eines interdisziplinären Diskurses bereits mit dem ersten Aufsatz durch ein einseitiges Übergewicht der Pädagogik verfehlt, was jedoch durch die Qualität der darauf folgenden Aufsätze relativiert wird, die durchaus den Weg des Diskurses beschreiten.

In seinem Rückgriff auf die Strömungen des 15. Jahrhunderts zeichnet Keck eine Entwicklungslinie von der vorkonfessionellen, spätmittelalterlichen Bildungswelt über devotio moderna und Humanismus zum frühneuzeitlichen Konfessionalismus. Für das 16. Jahrhundert stellt er die gleichlaufenden Bildungsabsichten und -vorstellungen auf katholischer und protestantischer Seite fest und spricht von der "dilatorischen Schwebelage" der konfessionellen Unentschiedenheit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wobei er jedoch in seinem Vergleich von Gymnasien Melanchthon'scher und Sturm'scher Prägung mit Jesuitengymnasien zu kurz greift. Vor allem die Einbeziehung der historischen Rahmenbedingungen, angefangen von der Territorialisierung über die frühneuzeitliche Staatenbildung bis hin zur Volksfrömmigkeit, Volksbildung und die kirchengeschichtlichen Entwicklungen bis zum Trienter Konzil, würden die Parallelität von reformatorischer und altkirchlicher Methode in Religiosität und Bildung bis zur Mitte des Jahrhunderts auch begründen können. Erasmus und Luther hatten beispielsweise trotz ihrer grundverschiedenen Haltungen zu kirchlichen Reformen ursprünglich vergleichbare Vorstellungen von Bildung und Erziehung, die in ihrem humanistischen Horizont begründet lagen und sich nicht grundsätzlich widersprachen. Das humanistische Ideal wurde in beiden entstehenden Konfessionen bis weit über das 16. Jahrhundert hinaus hochgehalten. Aus kirchengeschichtlicher Sicht kann auch lange noch die Hoffnung auf eine wirkliche Reform der Kirche, wie sie ursprünglich in Luthers Sinne war, oder später zumindest auf einen konfessionellen Ausgleich als Grund angesehen werden, warum die Parallelität anhielt.

Beispielhaft für die sich anschließenden gelungenen Detailstudien widmet sich Andreas Lindner in seiner Untersuchung dem ungewöhnlichen Beispiel eines bikonfessionellen Schulwesens in Erfurt. Mit diesem Aufsatz wird die These von den beträchtlichen Gemeinsamkeiten konfessionsdifferenter Schulen im 16. Jahrhundert an einem städtischen Fall weiter vertieft. Lindner stellt deutlich das gemeinsame Erbe des Humanismus und der städtischen Verwurzelung der Schulen in einer bikonfessionellen Stadtgesellschaft heraus. Ein weiteres Beispiel für die Entwicklung von Bildung und Erziehung im 16. Jahrhundert bietet der Aufsatz von Daniel Tröhler über "Republikanische Tugend und Erziehung bei Nicolò Machiavelli und im Selbstverständnis des Schweizer Stadtbürgertums des 16. Jahrhunderts". Er geht dabei auf völlig unterschiedlich strukturierte und kulturell geprägte Regionen ein und kommt zu dem Schluss, dass die im Sozialisationskonzept des "Bürgerhumanismus" bei Machiavelli liegenden Möglichkeiten vom reformierten Schweizer Stadtbürgertum bewahrt, von der späteren Pädagogikgeschichtsschreibung jedoch völlig verdrängt wurden. Anja-Silvia Göing untersucht das konfessionell geprägte höhere Züricher Schulwesen am Beispiel des Unterrichtsfaches "Physica", das im Laufe des 16. Jahrhunderts nicht nur wegen seiner philosophischen Bedeutung im Fächerkanon der frühneuzeitlichen höheren Schulen stand, sondern mehr und mehr vor allem in der Ausbildung von Pfarrern und Medizinern Bedeutung gewann.

Simone De Angelis und Lutz Koch behandeln in ihren Beiträgen zwei essenzielle Richtungen der Pädagogik der Frühen Neuzeit. Simone De Angelis' Aufsatz "Bildungsdenken und Seelenlehre bei Philipp Melanchthon. Die Lektüre des Liber de Anima (1553) im Kontext von Medizintheorie und reformatorischer Theologie" eröffnet in diesem Zusammenhang mit der Interpretation eines selten beachteten Werkes eine neue Sichtweise auf den Zusammenhang zwischen lutherischer Konfessionalisierung und frühneuzeitlichem Bildungsdenken im Rahmen einer psychologisch und anatomisch begründeten Anthropologie. Er kommt zu dem Schluss, dass die Seelenkonzeption sowohl in der relativ früh professionalisierten medizinischen und juristischen Ausbildung als auch im pädagogischen Diskurs wirksam wurde. Lutz Koch beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel objektwissenschaftlicher und pädagogischer Gesichtspunkte bei Comenius. Vor allem hinsichtlich der Formalkriterien des methodischen Denkens hebt der Autor die Modernität der Arbeiten Comenius' hervor und platziert diese vergleichend neben spätere Autoren.

Im letzten Abschnitt des Sammelbandes stehen Themen des tatsächlichen Lernens und die Schülerperspektive im Vordergrund. Nach der eingehenden Behandlung von verschiedenen, oft detaillierten Bildungsinhalten verfolgt Hans-Ulrich Musolff eine völlig andere Sichtweise auf die konfessionellen Eigenarten und Gemeinsamkeiten von Bildung und Erziehung in der Frühen Neuzeit. Musolff kommt in seiner Betrachtung der Curricula zu dem Schluss, dass sich die humanistische Bildungsvorstellung mit ihrer Wertschätzung des Rhetorischen und der praktisch-politischen Lebensführung im 17. Jahrhundert nicht erhalten habe. Anhand einer bislang wenig erforschten Quellengattung, der gedruckten Theses oder Disputationes, zeigt Musolff, dass die theoretisch-epistemischen Lehr- und Lerninhalte konfessionsübergreifend wiederkehren. Er entfernt sich bewusst von der bisherigen Forschungsmethode, in der die Interpretation von Lehrbüchern im Vordergrund stand. In den untersuchten Curricula können so theoretische Ansätze nachgewiesen werden, die mit modernen Bildungstheorien vergleichbar sind.

Den Blick auf mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung im Kontext höfisch-aristokratischer Lebensformen im Frankreich des 17. Jahrhunderts eröffnet Frauke Böttcher. Böttcher vertritt die These, dass sich zusammen mit methodischen Veränderungen der Durchbruch moderner wissenschaftlicher Paradigmen im 17. Jahrhundert außerhalb der traditionellen Ausbildungsinstitutionen vollzog. Eine Beobachtung, die aber auch in Bezug auf humanistische Werke von Erasmus oder Conrad von Heresbach über die Prinzenerziehung bereits hundert Jahre zuvor gemacht werden kann.

Der kunsthistorische Aufsatz von Ulrich Pfisterer schließt mit seiner Interpretation von Schülerzeichnungen und Gemälden als bildungsgeschichtliche Quelle die Themenvielfalt dieses Sammelbandes ab. Sein Aufsatz "Kunst im Curriculum des 15. und 16. Jahrhunderts oder: Eine Nürnberger Erziehungsallegorie der Reformation" ergänzt die vorangegangenen um den wichtigen Aspekt der ästhetischen Erziehung und der ikonografischen Quelleninterpretation, die einerseits wieder konfessionsübergreifende Zusammenhänge, andererseits aber ganz klare konfessionelle Spezifika in der Bildersprache und vor allem in der Symbolik aufweist.

Der vorliegende Sammelband stellt eine gelungene Kompilation der Tagungsergebnisse dar und zeigt die Dringlichkeit einer neuen Bildungsgeschichte der Frühen Neuzeit. Vor allem die Darstellung konfessionsübergreifender Kontinuität der Bildungsanstrengungen bildet einen deutlichen Schwerpunkt. Die regional weit gestreuten Beispiele tragen zwar dazu bei, die bisherige Verengung des schulhistorischen Blicks auf territorialstaatliche Normsetzungen zu überwinden. Aus Sicht der Geschichtswissenschaften wäre es jedoch auch wünschenswert gewesen, die Bildungsbestrebungen der Obrigkeit und deren Kontrolle des Bildungssystems, beispielsweise durch Visitationen, sowie die gesetzliche Normgebung im Zuge der frühneuzeitlichen Staatenbildung in den Blick zu nehmen. Besonders die auch auf der Tagung diskutierte Frage der Terminierung des Konfessionalisierungsprozesses zeigt, welche Chancen in einer weiteren Beschäftigung mit diesem Themenkreis liegen. Beachtlich bleibt zum Schluss der wichtige Schritt in der bildungsgeschichtlichen Forschung, die stereotype Frage nach dem Grad der Fortschrittlichkeit pädagogischer Klassiker hinter sich gelassen zu haben und neue Fragen nach den Ursprüngen und Traditionen pädagogischen Handelns zu stellen.

René Franken