Rezension über:

René Wiese: Orientierung in der Moderne. Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg in seiner Zeit (= Quellen und Forschungen aus den Landesarchiven Mecklenburg-Vorpommerns; Bd. 8), Bremen: Edition Temmen 2005, 320 S., 32 Abb., ISBN 978-3-86108-053-4, EUR 29,90
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Rezension von:
Mario Niemann
Historisches Institut, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Mario Niemann: Rezension von: René Wiese: Orientierung in der Moderne. Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg in seiner Zeit, Bremen: Edition Temmen 2005, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/10/8968.html


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René Wiese: Orientierung in der Moderne

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Die letzten biografischen Arbeiten über Friedrich Franz II. (1823-1883), Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, verfassten vor über 100 Jahren Zeitgenossen des Monarchen, die sich zudem der großherzoglichen Familie verpflichtet gefühlt hatten. Insofern war eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende, quellengesättigte Biografie zu Friedrich Franz II. lange überfällig. Dies unternimmt der Verfasser und möchte "den Großherzog unter neuen Fragestellungen vor dem Hintergrund der komplexen Bezüge und Einflüsse seiner Regierungszeit greifbar machen und einer kritischen Würdigung unterziehen" (9). Den Leser erwartet mit der von der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock im Sommersemester 2004 angenommenen Dissertation eine wissenschaftliche Qualifikationsschrift.

Die Gliederung des Buches folgt den für eine Biografie typischen chronologischen Gesichtspunkten. Sie berücksichtigt neben wichtigen Lebensabschnitten (etwa dem Regierungsantritt 1842) auch Zäsuren der deutschen Geschichte. Dabei sollen, wie es in der Einleitung heißt, ohne "naiven Monarchismus" und "ideologischen Tadel" (16) die Herausforderungen, die die aufkommende Moderne im 19. Jahrhundert für den Großherzog mit sich brachte, geschildert und die Reaktionen des Monarchen hierauf eingeordnet und bewertet werden.

Das erste Kapitel widmet sich folgerichtig der Kindheit und Jugend des künftigen Großherzogs. Großen Raum nehmen zu Recht die geistig-moralischen und theologischen Grundlagen seiner Erziehung ein. Auch anhand der Tagebuchaufzeichnungen Friedrich Franz' zeigen sich folgende Charaktereigenschaften: Trägheit, tiefe Frömmigkeit, durchschnittliche Begabung. Die typische Erziehung eines Prinzen seiner Zeit, hier unter den Aspekten der Erweckungsbewegung und des Neuluthertums, wird plastisch geschildert. Mit erst 19 Jahren musste Friedrich Franz, nachdem sein Vater eben 42-jährig verstorben war, die Regierung in Schwerin übernehmen. Er brachte hierzu nicht gerade günstige Voraussetzungen, sondern nur wenig eigenes Format mit, und so betitelt der Verfasser sein zweites Kapitel, das sich den Regierungsjahren im Vormärz zuwendet, treffend mit "Herrschaftsskrupel und Trägheit". Friedrich Franz, ein "überforderte[r] Monarch" (99), hatte bis 1848 wenig erreicht. Notwendigen sozialen und wirtschaftlichen Änderungen stemmten sich das seestädtische Bürgertum und die Großgrundbesitzer als konservative Kräfte im Land entgegen.

Es bedurfte erst der im dritten Kapitel geschilderten Revolution von 1848/49, um in Mecklenburg die zunehmend als Anachronismus empfundene ständische Verfassung aufzuheben. Unter dem Druck der mecklenburgischen Reformbewegung und geschickt gelenkt von seinem Ersten Minister Ludwig von Lützow, wurden im August 1849 das Staatsgrundgesetz als konstitutionelle Verfassung verabschiedet und in Mecklenburg-Schwerin Rechtsgleichheit hergestellt. Die alte, ständische Verfassung hatte aufgehört zu existieren, der Adel als Stand war abgeschafft. Wie in anderen Teilen Deutschlands, so waren auch in Mecklenburg die durch die Revolution herbeigeführten Veränderungen nicht von langer Dauer. Der gegenreaktionären Phalanx aus einheimischer Ritterschaft, dem Großherzog von Mecklenburg-Strelitz und dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. (seinem Onkel), zudem durch Verwandtschaft und Familie religiös und antidemokratisch beeinflusst, hatte Friedrich Franz nichts entgegenzusetzen. Religiöse Skrupel, der Druck von allen Seiten und die preußische Drohung, notfalls mit Truppen in Mecklenburg-Schwerin einzumarschieren, bewirkten das Umschwenken des Großherzogs. Der vorsichtig-konservative Reformer von Lützow musste zurücktreten, das Staatsgrundgesetz wurde zurückgenommen, vorrevolutionäre Zustände hielten wieder Einzug im Land. Die Gegenreaktion hatte gesiegt.

An dieser Stelle fügt der Verfasser ein essayartiges Kapitel über das Schweriner Schloss ein, das die Querelen um den jahrelangen Schlossbau sowie die Jagdleidenschaft des Großherzogs zum Inhalt hat. Außer den von Friedrich Franz II. bevorzugten, für das 19. Jahrhundert üblichen Methoden der Herrschaftsrepräsentation zeigt dieser Teil jedoch wenig von den Problemen im Land. Instruktiver sind die nächsten beiden Abschnitte über Mecklenburg-Schwerin in den 1850er- und 1860er-Jahren. Nachdem die "Politik der vorsichtigen Konstitutionalisierung" (167) der Jahre 1848 bis 1850 gescheitert und im Schiedsspruch von Freienwalde vom 12.9.1850 das Staatsgrundgesetz beseitigt und die Grundrechte aufgehoben waren, flüchtete sich der Großherzog einmal mehr in religiöse Resignation. Es gab kaum Veränderungen. Leider unterlässt es der Verfasser, spätestens hier ausführlicher auf die soziale Situation im Land einzugehen. Mecklenburg-Schwerin blieb bis 1918 eine Ständemonarchie. Die sozialen Verhältnisse der Landbevölkerung etwa, sowohl im Domanium als auch im ritterschaftlichen Gebiet, bleiben merkwürdig konturlos, das Phänomen der massenhaften Überseeauswanderung wird nur beiläufig erwähnt. Aber dies hätte wohl auch den Rahmen der biografischen Darstellung gesprengt, und so sind hier weitere Forschungen vonnöten.

Mit dem Beitritt zum Norddeutschen Bund 1867 zog nun auch in Mecklenburg das allgemeine und gleiche Wahlrecht ein, zumindest für die Wahlen zum norddeutschen Reichstag. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 versuchte der Großherzog, durch ein Truppenkommando wenigstens auf militärischem Gebiet und außerhalb des Landes Erfolge und Genugtuung zu erreichen, was ihm in der Heimat, wo er vielfach von der mächtigen Ritterschaft abhängig blieb, nicht gelingen wollte. Aber auch hier blieb Friedrich Franz II. bestenfalls Durchschnitt, wie an der überzeugenden Korrektur seiner (Selbst-)Darstellung als Held der Einigungskriege sichtbar wird.

Das letzte Kapitel zeigt die Jahre des Großherzogs im Kaiserreich. Friedrich Franz II. schwankte weiter "zwischen Reform und Resignation hin und her" (241), Pläne wie die einer Verfassungsreform scheiterten nach wie vor an der Ritterschaft. War der Monarch erfolgreich, so bei der Herausbildung einer mecklenburgischen Landesidentität. Als Friedrich Franz II. 1883 starb, hatte sich seine bereits 1846 formulierte Selbsteinschätzung als erstaunlich treffsicher erwiesen: "etwas Erkenntnis, wenig Kenntnisse, viel Wollen, wenig Kraft, noch weniger Erfolg" (92).

Die abschließende Zusammenfassung der Arbeit bündelt noch einmal die erzielten Ergebnisse und zeichnet ein facettenreiches Bild des Großherzogs. Es ist ein unbestrittenes Verdienst des Verfassers, Leistungen und mehr noch Grenzen des Monarchen fundiert aufgezeigt und die lange vorherrschende Sichtweise von Friedrich Franz II. als "eine der hervorragendsten Gestalten auf dem mecklenburgischen Thron" (9; so Otto Vitense 1920) gerade gerückt zu haben. Das Buch wird durch ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einen Orts- und Personenindex beschlossen und mit insgesamt 32 kommentierten Abbildungen illustriert.

Insgesamt liegt eine kenntnisreich, einfühlsam und wohltuend differenziert geschriebene, auf vielfältigen Quellen unterschiedlicher Provenienz basierende und angenehm zu lesende Biografie des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin, Friedrich Franz' II., vor. Sie bereichert die bisherigen Darstellungen zur mecklenburgischen Landesgeschichte ungemein und liefert darüber hinaus der Erforschung der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts neue Facetten. Der Verfasser regt mit seiner Arbeit zu weiteren Forschungen an und liefert dafür viele Anknüpfungspunkte. Abschließend soll auf einen kleinen sprachlichen Fehler, der sich allerdings durch die ganze Arbeit zieht, aufmerksam gemacht werden: Die gebeugte Form von "Landesherr" lautet nicht "Landesherren" (das wäre der Plural), sondern "Landesherrn". Eine Lektüre des Buches kann gleichwohl nur empfohlen werden.

Mario Niemann