Rezension über:

Robert Bees: Die Oikeiosislehre der Stoa. I. Rekonstruktion ihres Inhaltes (= Epistemata. Würzburger Wissenschaftliche Schriften. Reihe Philosophie; Bd. 258), Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, 395 S., ISBN 978-3-8260-1700-1, EUR 75,00
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Rezension von:
Claudia Horst
Institut für Geschichte, Universität Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Horst: Rezension von: Robert Bees: Die Oikeiosislehre der Stoa. I. Rekonstruktion ihres Inhaltes, Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/10/8152.html


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Robert Bees: Die Oikeiosislehre der Stoa

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Die so genannte Oikeiosislehre, ein zentraler Bestandteil der stoischen Philosophie, hat in den letzten Jahren zunehmendes Interesse gefunden. [1] In Ermangelung einer präzisen Begriffsdefinition kann die oikeiosis meines Erachtens vorläufig als ein Prozess beschrieben werden, in dem der Mensch sich die ihn umgebende äußere Welt anzueignen versucht.

Robert Bees, der eine insgesamt zwei Bände umfassende Ausgabe zur Oikeiosislehre plant, unternimmt in dem ersten, bereits veröffentlichten Band eine erneute Rekonstruktion ihres Inhalts. Ausgangspunkt seiner Ausführungen sind bestimmte Aporien, in denen die Forschung seiner Beobachtung nach immer wieder endet.

Die Ursache dieser Aporien sieht Bees darin, dass die oikeiosis bislang als ein vor allem vernunftgesteuerter Prozess beschrieben worden sei, obwohl die Quellen eine Übereinstimmung zwischen Natur und Vernunft postulieren. Im Gegensatz zur herrschenden Meinung vertritt er deswegen die These, dass die oikeiosis nicht als ein durch die Vernunft, sondern die "Natur" bzw. die Affekte des Menschen ausgelöster Prozess zu analysieren sei.

Eine Neuinterpretation der oikeiosis erfordere einerseits einen historisch-philologischen Zugriff sowie die Berücksichtigung moderner Theorieangebote. Bees kommt auf der Grundlage der Ergebnisse der Verhaltensbiologie und der von E. O. Wilson begründeten Soziobiologie letztlich zu dem Ergebnis, dass die oikeiosis als ein "genetisches Programm" zu verstehen sei (256 ff., bes. 258).

Festzustellen ist, dass sich die philologische Arbeit insgesamt überzeugender darstellt als die Anwendung verhaltensbiologischer Ansätze, die für die Interpretation der Quellen meines Erachtens einen nicht hinreichenden heuristischen Wert besitzen.

Zunächst die philologischen Ergebnisse: Als positiv hervorzuheben ist die neue Zusammenstellung des überlieferten Materials, die sehr ausführliche Zitation und Besprechung der Quellen, die den Gang der Analyse an jeder Stelle überprüfbar werden lassen. Überzeugend ist darüber hinaus vor allem die Rekonstruktion des modernen Forschungsproblems aus den Quellen heraus.

Die Vorstellung, es handle sich bei der oikeiosis um einen von der Vernunft gesteuerten Prozess, sei das Ergebnis eines methodischen Problems der älteren Forschung, die davon ausgeht, dass die Inhalte der Neuen Stoa im Wesentlichen auf Poseidonios zurückgingen, der im Gegensatz zur Alten Stoa behauptet, dass Vernunft und Natur nicht übereinstimmen. Mit der Rückführung der Neuen Stoa auf Poseidonios wird dessen Lehre zugleich als zentraler Bestandteil der stoischen Philosophie etabliert.

Im Gegensatz dazu wird von Bees der Nachweis erbracht, dass nicht die Lehre der Alten Stoa, sondern Poseidonios eine Mindermeinung hinsichtlich des Inhalts der Oikeiosislehre darstellt. Anhand von Cicero (De natura deorum II) und des 121. Briefes von Seneca zeigt Bees, dass die Neue Stoa nicht auf Poseidonios, sondern auf die Alte Stoa zurückgeht, insofern auch in diesen beiden Quellen die oikeiosis auf das Wirken der Affekte zurückgeführt wird.

Mit dieser Kritik an dem methodischen Ansatz der älteren Forschung ist es Bees gelungen, den bislang versperrten Zugang zu den wichtigen Dokumenten der Alten Stoa, die die Übereinstimmung von Vernunft und Natur lehren, wieder herzustellen. Darüber hinaus liefern ihm diese Quellen das Beweismaterial, mit dem er die These infrage stellen kann, dass die oikeiosis in erster Linie ein Produkt reiner Verstandestätigkeit gewesen sei. Am Beispiel sowohl der Alten als auch der Neuen Stoa wird von Bees überzeugend gezeigt, dass die oikeiosis einen vernunftgesteuerten Prozess darstellt.

Mit der Herausstellung der inhaltlichen Parallelen zwischen der Alten und der Neuen Stoa besteht die Gefahr, dass die gleichfalls zu beobachtenden Unterschiede nicht entsprechend berücksichtigt werden. Festzustellen ist, dass im Gegensatz zu der Alten Stoa in der Kaiserzeit lediglich als wahr anerkannte Sätze aus der Vergangenheit übernommen werden, ohne sie nochmals einer argumentativen Überprüfung zu unterziehen. Vor diesem Hintergrund wird es nicht mehr möglich sein, die Neue Stoa noch als eine Philosophie im engeren Sinne zu bezeichnen, die über die Fähigkeit verfügen sollte, Aussagen durch den Aufweis guter Argumente beweisen zu können.

Wie bereits gesagt, bezieht sich die Kritik an Bees jedoch weniger auf die philologische als die von der Soziobiologie geleitete Auseinandersetzung mit der stoischen Philosophie.

Auf der Grundlage soziobiologischer Ansätze zeigt Bees, dass nicht die Vernunft, sondern die Natur das alleinige Subjekt der oikeiosis ist. Die Rolle, die die ältere Forschung der Vernunft zugewiesen hat, scheint hier lediglich durch die Natur ersetzt zu werden. Dass darüber hinaus die in den Quellen bezeugte Übereinstimmung zwischen Vernunft und Natur vernachlässigt wird, mag eine unmittelbare Folge des soziobiologischen Ansatzes sein, dem es ebenfalls nicht primär um die Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Natur geht, sondern um die biologischen Faktoren, die das menschliche Handeln möglicherweise erklären können.

Die Gefahr, einem biologistischen Reduktionismus zu verfallen, wird erkennbar, wenn die so genannten spermatikoì lógoi, die begrifflich die stoische Gleichsetzung von Natur und Vernunft unmissverständlich zum Ausdruck bringen, als Gene bezeichnet werden (256).

Dass sich die Probleme auch aus den Quellen selber ergeben, zeigen diejenigen Textpassagen, in denen Bees nicht auf der Grundlage der Verhaltensforschung, sondern der Quellen referiert, wie sich Vernunft und Natur in der stoischen Philosophie zueinander verhalten. Nach stoischer Auffassung kann die Vernunft auch die Funktion besitzen, die von der Natur hervorgebrachten Handlungen wählen bzw. ihnen ihre Zustimmung geben zu können. Ausgehend von dieser Aussage müsste der Vernunft eine Wahlfreiheit unterstellt werden, die es ihr erlaubte, sich auch gegen die Natur entscheiden zu können. Somit wäre die Opposition zwischen Vernunft und Natur wieder hergestellt. Auch Bees bleibt im Zusammenhang der Interpretation dieser Textstellen dem Bild, dass Natur und Vernunft übereinstimmen bzw. demselben Determinismus unterliegen, nicht immer treu (260 ff., 212, 221, 231). An anderen Stellen folgt er, aber nicht ausreichend explizit, der von der Stoa angebotenen Lösung dieses Problems. Behauptet wird, dass die Vernunft letztlich keine Wahlfreiheit besitzt, da sie Teil des natürlichen Kosmos ist. Insofern Natur und Vernunft denselben Gesetzen des Kosmos unterliegen, kann die Vernunft gar nicht anders als den von der Natur hervorgebrachten Handlungen zuzustimmen.

Ausgehend von dieser stoischen Vorstellung, die sich mit verhaltensbiologischen Ansätzen gut in Übereinstimmung bringen lässt, schließt Bees auf die vollkommene Passivität des Menschen bzw. die Determination aller Handlungen. Damit wird man aber der stoischen Philosophie nicht gerecht.

Überzeugender sind demgegenüber die Ausführungen von Engberg-Pedersen, der im Gegensatz dazu das Selbstinteresse des Menschen als Ausgangspunkt und Ziel der oikeiosis definiert: "From start to end the process of oikeiosis should be understood in terms not of good but of belonging". [2]

Mit diesem Ansatz könnte gezeigt werden, dass Vernunft und Natur untrennbar miteinander verbunden sind, insofern beide in gleichem Maße dem Selbstinteresse des Menschen unterstellt sind. Es gäbe auch nicht die noch von der alten Forschung beobachteten zwei verschiedenen Ziele der oikeiosis, da die Vernunft nicht an altruistische Ziele, sondern in gleicher Weise wie die Affekte an das Selbstinteresse oder das Selbsterhaltungsstreben des Menschen gebunden wäre.

Natur und Vernunft unterscheiden sich unter dieser Voraussetzung nicht mehr hinsichtlich verschiedener Ziele, sondern nur insofern, als die zur Bedürfnisbefriedigung einzusetzenden Mittel verschieden bzw. von ungleicher Komplexität sind. Auch dies wird von Bees an manchen Stellen ähnlich dargestellt, aber leider nur am Rande. Zu überprüfen wäre, ob soziologische Machttheorien für die Interpretation der Oikeiosislehre einen höheren heuristischen Wert besitzen als verhaltenstheoretische Ansätze.

Trotz der genannten Einwände bringen die Ergebnisse von Bees die Forschung insgesamt einen großen Schritt voran. Zunächst wird durch die quellenkritische Methode die Aufmerksamkeit auf die Dokumente der Alten Stoa gerichtet, ohne die eine Neuinterpretation der Oikeiosislehre nicht möglich wäre. Zum anderen gelingt es aufgrund des theoretischen Ansatzes, alte Interpretationsmuster, die die oikeiosis als einen ausschließlich vernunftgesteuerten Prozess beschreiben, erstmals aufzubrechen.


Anmerkungen:

[1] Einen guten Überblick geben Troels Engberg-Pedersen: The Stoic Theory of Oikeiosis. Moral Development and Social Interaction in Early Stoic Philosophy, Aarhus 1990, sowie Chang-Uh Lee: Oikeiosis. Stoische Ethik in naturphilosophischer Perspektive, Freiburg / München 2002.

[2] Engberg-Pedersen: The Stoic Theory of Oikeiosis (wie Anm. 1), 99.

Claudia Horst