Rezension über:

Mischa Meier / Barbara Patzek / Uwe Walter / Josef Wiesehöfer (Hgg.): Deiokes, König der Meder. Eine Herodot-Episode in ihren Kontexten (= Oriens et Occidens. Studien zu antiken Kulturkontakten und ihrem Nachleben; Bd. 7), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, 99 S., ISBN 978-3-515-08585-4, EUR 28,00
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Rezension von:
Wolfgang Blösel
Institut für Altertumswissenschaften, Ernst-Moritz-Arndt Universität, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Blösel: Rezension von: Mischa Meier / Barbara Patzek / Uwe Walter / Josef Wiesehöfer (Hgg.): Deiokes, König der Meder. Eine Herodot-Episode in ihren Kontexten, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/10/6809.html


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Mischa Meier / Barbara Patzek / Uwe Walter / Josef Wiesehöfer (Hgg.): Deiokes, König der Meder

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Ungeachtet der Sammelbände, die in den letzten Jahren zu Herodot erschienen sind, mangelt es an Versuchen, einzelne Episoden aus den Historien aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten und zumindest auf dieser Ebene das Fehlen eines grundlegenden wissenschaftlichen Kommentars zu Herodot vergessen zu machen. Die vier Autoren dieses Sammelbandes haben dies nun anhand der Episode zum ersten Mederkönig Deiokes unternommen.

Den Aufsätzen ist eine Wiedergabe des griechischen Textes (1,96,1-1,101,1) und eine gut lesbare Übersetzung vorangestellt (10-13); diese verschleiert allerdings die Charakterisierung des Deiokes als prôtos heuretês einer strikten Trennung des Herrschers von den Untertanen (1,99,1).

Josef Wiesehöfer bestreitet in "Daiukku, Deiokes und die medische Reichsbildung" (15-26), dass der in den Khorsabad-Annalen des Assyrerkönigs Sargon II. zum Jahr 715 v. Chr. genannte mannäische Vasall Daiukku mit Deiokes identisch sei. Leider beschränkt er sich dabei zumeist darauf, die Summe aus den chronologischen und onomastischen Beweisführungen der Fachliteratur zu ziehen, sodass seine Argumentation für Nicht-Altorientalisten nur schwer nachzuvollziehen ist. Leichter gelingt dies im zweiten Teil des Beitrages: Darin stellt Wiesehöfer das von Herodot in seinem Mêdikos logos entworfene Bild eines medischen Großreiches seit Deiokes, mithin auch das einer medischen Oberherrschaft über die Perser, grundlegend infrage. Hingegen postuliert er erst für die Zeit kurz vor dem medischen Angriff auf das assyrische Kernland 615 v. Chr., dass einer der bisher unabhängigen und zumeist untereinander zerstrittenen Stadtherrn, nämlich Kyaxares, als Anführer einer vornehmlich aus medischen Verbänden zusammengesetzten Streitmacht anerkannt worden sei. Dennoch sei auch fortan bis zu ihrer Niederlage gegen die Perser um 550 v. Chr. nur von einer "lockere[n] Konföderation medischer 'Kleinstaaten' unter einer allein situativ bestimmten oder nur mit begrenzter Gewalt ausgestatteten zentralen Autorität" (22) auszugehen. Insgesamt könne Herodots medischer Logos nicht als Beschreibung der - mutmaßlichen - ethnologischen, politischen und dynastischen Verhältnisse Mediens benutzt werden.

Mischa Meier ist es mit Blick auf "Die Deiokes-Episode im Werk Herodots - Überlegungen zu den Entstehungsbedingungen griechischer Geschichtsschreibung" (27-51) um den Nachweis zu tun, dass Herodot "den Anschluß jüngerer Geschehnisse, in denen Menschen im Mittelpunkt stehen, an älteres Geschehen, das von Göttern und Heroen geprägt war", geschaffen und "so einen mythhistorischen Vergangenheitsentwurf von der Frühzeit bis in die Zeit der Perserkriege" (40) entfaltet habe. Meier sieht Herodots Darstellung des Deiokes wie auch des Solon als "mythisiertes Kunstprodukt" zur Vermittlung überzeitlicher, allgemeiner Ansichten über die Ausbildung einer Herrschaftsform bzw. das menschliche Schicksal. Die Herausbildung der griechischen Geschichtsschreibung im 5. Jahrhundert v. Chr. beschreibe auch nicht einen Übergang "vom Mythos zum Logos", sondern Herodot sei wie auch Hekataios noch von einem mythhistorischen Weltbild geprägt. Die Perserkriege stünden mit gutem Grund am Beginn der griechischen Geschichtsschreibung, denn sie seien schon sehr bald mythisiert worden. In eine heroische Sphäre seien die Freiheitskämpfer ebenso von den Dichtern gerückt worden wie durch ihre kultische Verehrung, durch die Tatenkataloge der athenischen Epitaphien und die Darstellungen der Stoa Poikile. Indem sich jedoch gerade die attische Tragödie dieses Stoffes angenommen habe, habe sie Herodot und auch Thukydides sowohl weltanschauliche Aspekte als auch formale Techniken an die Hand gegeben. Schließlich habe ungefähr 40 Jahre nach den Perserkriegen das fortschreitende Aussterben der Zeitzeugen einen gesellschaftlichen Druck erzeugt, deren Erinnerungen für die Nachwelt festzuhalten, dem Herodot mit seinen Historien nachgekommen sei.

Bedauerlicherweise macht Meier nicht klar, was er unter einer "Mythisierung historischer Ereignisse und Gestalten" (46) genau versteht. Auch wenn er diese an der Heroisierung der griechischen Kämpfer in den verschiedenen Medien exemplifiziert, so bleibt er eine genaue Beweisführung für die Mythisierung der Herodoteischen Protagonisten, insbesondere des Deiokes, schuldig. Für diesen bezweifelt nicht nur Uwe Walter (80 A. 22), sondern auch der Rezensent eine solche Mythisierung. Der Rezensent hegt große Skepsis gegenüber Meiers These, dass Herodots Darstellung der Kämpfer gegen die Perser tatsächlich dazu angetan gewesen sei, das Bedürfnis der Griechen nach identitätsstiftender Mythhistorie zu befriedigen. Denn weder das egoistische Verhalten der Anführer noch das permanente Zögern und Zagen ganzer hellenischer Heere und Flotten in den Historien bot ihnen Vorbilder. Vielmehr ist als Hintergrund für Herodots wenig schmeichelhafte Charakterisierungen der Griechen und ihrer Strategen eine weit komplexere Kommunikationssituation als bloße Verherrlichung zu vermuten. [1]

Barbara Patzek wirft die Frage auf: "Die Deiokes-Erzählung im Rahmen der Persergeschichten Herodots: eine konsequente Reihe historisch-erzählerischer Sinngebungen?" (53-73). Sie möchte nachweisen, dass Herodots Erzählen schon historisches Forschen darstelle. Mit dem Endpunkt der Historien, auf den die im historischen Erzählen hergestellte Kausalität abziele, verweise Herodot schon auf eine zweite "verborgene Geschichte", die Herrschaft der Athener im ersten attischen Seebund. "Die Objektivität Herodots bestünde in seiner Fähigkeit, verschiedene zeitliche Handlungsverläufe in Analogie zueinander zu setzen" (59), und zwar über die Frage nach der Entwicklung von Herrschaft in der Zeit. Herodot habe auch seine Deiokes-Erzählung aus mehreren Bausteinen zusammengefügt, die folkloristische, erzählerische Realien enthalten hätten, so etwa die auf immer wiederkehrende historische Ereignisse bezogenen Motive aus den orientalischen Königserzählungen. Damit komme Herodot einer historischen Diagnose nahe, weil die Verwendung dieser Typik allgemeinen historischen Sinn erzeuge. Mit dem Topos vom Fall eines großen Reiches (das der Assyrer) durch einen mächtigen, aber noch unzivilisierten Feind (die Meder) folge Herodot den Sinngebungen der altorientalischen Geschichtsschreibung; zudem beschreibe das geschilderte Milieu der verstreut in kleinen Dörfern siedelnden Meder eine historische Situation, in der sehr wohl eine solche Königsherrschaft entstehen könne. In der Deiokes-Episode habe Herodot der medisch-persischen Form der Monarchie einen Gründungsmythos verschafft und sie an den Anfang der persischen als einer der drei großen Erzähllinien der Historien (neben der spartanischen und der athenischen) gestellt. Ob die angeblich "recht genaue[n] Typisierungen" der altorientalischen Verhältnisse (70) tatsächlich über Gespräche von Griechen mit Orientalen in Herodots Werk gelangt sein können, wie Patzek annimmt, bleibt jedoch fraglich.

Uwe Walter überzeugt in seinem Beitrag "'Da sah er das Volk ganz in seiner Hand.' - Deiokes und die Entstehung monarchischer Herrschaft im Geschichtswerk Herodots" (75-95) mit seiner Interpretation der Episode als einer rein innergriechischen Diskussion über die Entstehung von Verfassungen ähnlich wie der Verfassungsdebatte (Hdt. 3,80-82). Da die Meder nach der Abschüttelung der assyrischen Herrschaft aus Bequemlichkeit die Richterfunktion und dann die allgemeine politische Führung, mithin ihre Autonomie, sogleich wieder einem König übertragen, könne die Episode als negativer Demokratiediskurs gelesen werden. Schon von den homerischen basileîsher kannten die Griechen das Problem der großen Macht von Schiedsrichtern; viel unmittelbarer erinnerten jedoch Deiokes' Machtmittel an griechische Tyrannen, so der Einsatz von Parteigängern, die Leibwache und groß angelegte Baumaßnahmen. Obgleich sich bei den griechischen Tyrannen wie auch bei Deiokes und der persischen Verfassungsdebatte Monarchie und Demokratie als eigentliche Gegensätze darstellten, sei die Alleinherrschaft in allen Fällen doch vornehmlich von der Aristokratie gefährdet. Durch zahlreiche Schlüsselbegriffe, wiederkehrende Motive und ähnlich aufgebaute Erzählbausteine in den genannten Passagen habe Herodot sein griechisches Publikum, insbesondere die Athener und die ihnen im Seebund unterworfenen Ioner, auf die Grundfrage nach dem Spannungsverhältnis von Herrschaft und Freiheit sowie die Mühseligkeit einer Autonomie aufmerksam gemacht. Auch wenn dem Rezensenten keineswegs sicher scheint, dass Herodot hier tatsächlich der Demokratie das Wort redet, liefert Walter doch insgesamt eine schlüssige Interpretation der Deiokes-Episode innerhalb eines rein griechischen Kontextes.

Es bleibt hingegen fraglich, ob jedoch gerade diese Erzählung von Meier und Patzek als schlagendes Beispiel für ihre jeweils deutlich umfassenderen Thesen zu Herodots Methode der Mythisierung bzw. der historisch-narrativen Sinnbildung durch Kombination von 'Tatsachen' und reiner Fiktion herangezogen werden kann.

Ein Namens- und Sachregister (97-99) schließt den Band ab. Gerade die Aufnahme des Lemmas 'Deiokes' wäre jedoch hilfreich gewesen für eine schnellere Orientierung darüber, auf welchen Seiten diese Herodoteische Episode "eigentlich" analysiert wird. Die unterschiedlichen Grundprämissen und Herangehensweisen der einzelnen Autoren machen einerseits die Breite des Zugangs aus. Allerdings drängen sich Zweifel auf, ob auch die dadurch in Kauf genommene Heterogenität des Sammelbandes als "Muster für einen künftigen intra- und interdisziplinären Kommentar" (so der hintere Klappentext) zu den Historien dienen kann.


Anmerkung:

[1] Dazu jetzt ausführlich Wolfgang Blösel: Themistokles bei Herodot: Spiegel Athens im fünften Jahrhundert. Studien zur Geschichte und historiographischen Konstruktion des griechischen Freiheitskampfes 480 v. Chr. (= Historia Einzelschriften; 183), Stuttgart 2004, 53 f. u.ö.

Wolfgang Blösel