Rezension über:

Elizabeth Harvey: Women and the Nazi East. Agents and Witnesses of Germanization, New Haven / London: Yale University Press 2003, XII + 384 S., 37 b/w-illus., 7 maps, ISBN 978-0-300-10040-2, USD 40,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Elissa Mailänder-Koslov
École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris
Empfohlene Zitierweise:
Elissa Mailänder-Koslov: Rezension von: Elizabeth Harvey: Women and the Nazi East. Agents and Witnesses of Germanization, New Haven / London: Yale University Press 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/09/4791.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Elizabeth Harvey: Women and the Nazi East

Textgröße: A A A

Mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen wurden ab September 1939 massiv deutsche und österreichische Frauen für verschiedene Aufgabenbereiche in den besetzten Gebieten rekrutiert. Frauen aus dem "Altreich" und der "Ostmark" kam in der nationalsozialistischen Siedlungspolitik im besetzten Polen eine zentrale Erziehungs- und Fürsorgerolle zu: Sie sollten in spezifisch "weiblichen" Tätigkeitsbereichen mithelfen, die "volksdeutschen" bzw. "deutschstämmigen" Umsiedlerinnen und Umsiedler aus Osteuropa in solide, leistungsfähige Mitglieder der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu verwandeln und die deutsche "Kultur" auszubauen bzw. neu einzupflanzen. Elisabeth Harvey untersucht in der vorliegenden Studie die konkrete Rolle reichsdeutscher Frauen in der nationalsozialistischen Volkstumspolitik und lotet dabei die Handlungsräume und Erfahrungen so genannter Ansiedlungs- und Dorfberaterinnen, Lehrerinnen sowie Kindergärtnerinnen im besetzten Polen aus. Damit wird ein weiteres Stück nationalsozialistische Besatzungspolitik aus einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive untersucht.

Harvey betrachtet die radikale nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen zugleich aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive als eine Form von europäischem Kontinentalkolonialismus. "Kultur" verstanden als System von Selbst- und Fremd-Deutungen erlaubt es ihr einerseits den Konstruktions- und Inszenierungscharakter von Differenz, Rasse, Geschlecht herauszuarbeiten. Andererseits werden mit der Untersuchung der Alltagspraktiken die strukturellen und sozialen Hervorbringungen dieser "Vorstellungswelten" berücksichtigt. [1] Es geht Harvey also nicht so sehr um die politischen bzw. wirtschaftlichen Aspekte des nationalsozialistischen Kolonialismus, sondern vielmehr um die Analyse der Machtstrukturen und Asymmetrien zwischen den Kolonisatorinnen bzw. Kolonisatoren und Kolonisierten am Beispiel der Germanisierungspolitik. Insofern spielt die Tatsache, dass der Warthegau und Danzig-Westpreußen im Gegensatz zum Generalgouvernement in das 'Dritte Reich' integriert waren, für ihre Untersuchung keine entscheidende Rolle.

Harvey geht es weiter darum, Kontinuitäten der deutschen Polenbilder und der Vorurteile gegenüber dem "Osten" aufzuzeigen. Sie arbeitet hier mit Dokumenten aus der Besatzungszeit (Zeitungsartikel, Berichte an Vorgesetzte, Egodokumente) und Interviews, die sie zwischen 1994 und 2001 mit 16 im besetzten Polen in unterschiedlichen Bereichen tätigen Frauen geführt hat. Bewusst stellt sie in den ersten beiden Kapiteln die spätere Tätigkeit deutscher Frauen in Polen während des Zweiten Weltkrieges in einen weiteren historischen Rahmen und zeigt damit Kontinuitätslinien auf. Ende des 19. Jahrhunderts eröffnete sich deutschen Frauen aus dem Bürgertum in den deutschen Kolonien in Afrika ein ganz neuer Wirkungsbereich. Als Ehefrauen und Missionsangestellte halfen sie mit, die deutsche Haus- und Familienordnung wie die koloniale Rassenordung zu erhalten. Obgleich nur von kurzer Dauer, ist diese Kolonialerfahrung nicht zu unterschätzen; der Verlust der Kolonien wurde schwer verkraftet. Im zweiten Kapitel untersucht Harvey ausführlich den militanten Germanisierungsaktivismus in den deutschen Grenzgebieten zwischen den Weltkriegen. National gesinnte Frauenvereine engagierten sich für die Aufrechterhaltung der "deutschen Kultur". Sie zielten dabei nicht nur auf die Kenntnis der Sprache und des Brauchtums, sondern auch auf die Vermittlung "deutscher" Hauswirtschaft und Kindererziehung. Im dritten Kapitel legt Harvey anschaulich dar, dass Haushalt, Kinder- und Jugendpflege keine "unschuldigen", apolitischen Tätigkeitsbereiche waren. Hier wurde gewaltsam versucht, den Dörfern ein "deutsches Antlitz" zu verleihen; neu errichtete Zäune, reinliche Wege und verputzte Häuser sollten die "polnische Wirtschaft", Synonym für "typisch polnische" Unordnung und Schmutzigkeit, buchstäblich ausmerzen. Öffentliche Räume wurden auf diese Weise durch "weibliche" Arbeit von "fremden" Einflüssen "gereinigt". In der Landschaftsgestaltung wie in der Hauswirtschaft zeigte sich ein handfester "Drang zur Domestizierung".

Der Polenfeldzug erweiterte das Tätigkeitsfeld für Frauen: Jetzt ging es darum, die "volksdeutschen" Umsiedlerinnen und Umsiedler aus Polen, dem Baltikum sowie aus Rumänien und den besetzten sowjetischen Gebieten "einzudeutschen", womit der Bedarf an reichsdeutschen Frauen weiter anstieg. Im vierten Kapitel untersucht Harvey die Rekrutierungsmodalitäten. Es wurden in erster Linie junge Frauen im Alter zwischen zwanzig und dreißig, meist unverheiratet und kinderlos, für den Osteinsatz angeworben. Die meisten hatten gerade ihre Ausbildung abgeschlossen oder waren noch im Studium. All diese Faktoren machten sie zu mobilen, anpassungsfähigen Arbeitskräften, die in ländliche Orte geschickt werden konnten. Im fünften Kapitel nimmt Harvey die Tätigkeit reichsdeutscher Frauen im besetzten Polen genauer unter die Lupe. Nachdem der anfängliche "kulturelle Schock" einmal überwunden und die kulturelle und technische Rückständigkeit des Landes beklagt war, gingen die Frauen daran, mit ihrer "ordnenden Hand" ihren Lebensraum "gemütlich" und "fleckenlos deutsch" (142) zu gestalten. Aus ihren Berichten und Briefen wird die Perspektive des "Eroberers" deutlich. Harvey zeigt sehr anschaulich das selbstgefällige, herrschaftliche Auftreten der reichsdeutschen Besatzerinnen, die sich Kultur und Land buchstäblich aneigneten. Die tief sitzenden antipolnischen wie antisemitischen Vorurteile wurden durch die NS-Propaganda vor Ort noch verstärkt.

In den folgenden vier Kapiteln widmet sich Harvey jeweils einer spezifischen Berufsgruppe: Kapitel sechs und sieben behandeln ausführlich die Arbeit der Lehrerinnen und Ansiedlungsbetreuerinnen im "Reichsgau Wartheland". Im achten und neunten Kapitel wechselt Harvey ins Generalgouvernement und beschäftigt sich mit den Kindergärtnerinnen im Distrikt Lublin und Galizien. Kapitel zehn untersucht die Tätigkeit von Dorfberaterinnen und stellt die interessante Fallstudie einer 29-jährigen Lehrerin in Zamosc, Distrikt Lublin, vor. Die Geschlechterhierarchie wurde im besetzten Polen durch die dominierende Rassenhierarchie teilweise konterkariert, reichsdeutsche Frauen übernahmen im "Volkstumskampf" pädagogische, sozialpflegerische, aber auch politische Aufgaben. Wegen des chronischen Personalmangels ersetzten Frauen teilweise männliche Parteifunktionäre auf dem Land. Das besetzte Polen schaffte somit Freiräume, in denen die Grenzen der tradierten Geschlechterordnung überschritten werden konnten. Junge Frauen, die innerhalb der Dorf- und Siedlungsgemeinschaft im besetzten Polen eine Autoritätsrolle eingenommen hatten, wurden nachhaltig von diesen Erfahrungen geprägt. Dies zeigt sich im Selbstverständnis der interviewten Frauen, die zum Teil sehr selbstbewusst auftraten und sich handlungsmächtig darstellten.

Dennoch werden auch die Grenzen sichtbar: Viele Frauen klagten über Konflikte mit den männlichen NS-Funktionären. Nichtsdestotrotz sahen die meisten in den schwierigen Arbeitsbedingungen eine Herausforderung und gingen buchstäblich in der Arbeit auf. Es erstaunt daher kaum, wenn aus den Interviews als Grundtenor hervorgeht, dass die Frauen den "Osten" nur schweren Herzens verlassen haben. Alles in allem sei es eine "schöne Zeit" gewesen.

Harvey stellt mit ihrer Untersuchung letztendlich die Frage nach einer spezifisch weiblich geprägten Art der Täter- / Mittäterschaft und zeigt mit ihrer Studie die Vielschichtigkeit weiblichen Engagements auf. Vermeintlich "unpolitische" Tätigkeiten gewannen im Rahmen der gewalttätigen und rassistischen nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik eine andere Dimension. Ansiedlungs- und Dorfberaterinnen, Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen wurden nicht nur Zeuginnen von gewalttätigen Vertreibungen, sondern waren direkte Profiteure der mörderischen Besatzungspolitik und Akteure der menschenverachtenden nationalsozialistischen Germanisierungspolitik. In ihrer Funktion als Fürsorgebetreuerinnen und Erzieherinnen halfen deutsche Frauen aktiv mit, den neu eroberten "Lebensraum" häuslich und national zu gestalten. Für die einheimische polnische Bevölkerung bedeutete die nationalsozialistische Volkstumspolitik Enteignung, Zwangsvertreibung und Umsiedlung, für die jüdische Vernichtung. Harvey ist es weiter gelungen, die "gewöhnliche" Verachtung und alltägliche Ausgrenzung der als rassisch und kulturell "minderwertig" eingestuften Polen und Polinnen durch die reichsdeutschen Frauen nachzuzeichnen. Was das Schicksal der polnischen Juden und Jüdinnen betrifft, macht Harvey mit ihrer feinen Analyse die Gleichgültigkeit bzw. das Wegschauen vor Ort sichtbar. Vieles lässt sich mit dem lebensgeschichtlichen Kontext der untersuchten Frauen erhellen: Bei der Mehrheit verschränkten sich nationale wie völkische Ressentiments mit Ängsten, Autoritätshörigkeit und persönlichen Ambitionen. Das Buch nimmt die Komplexität von Interessen, Gefühlslagen, Erfahrungen, Handlungen und Vorstellungen dieser Frauen in den Blick. Harvey richtet mit ihrer Untersuchung den Fokus auf Handlungen und Mentalitäten der Eroberinnen; Alltag und Erfahrungen der Eroberten bleiben dabei weitgehend ausgeblendet, sodass man nur wünschen kann, dass bald auch die Vielschichtigkeit der polnischen und "volksdeutschen" Erfahrungen untersucht wird.


Anmerkung:

[1] Vgl. Birthe Kundrus: Die Kolonien - "Kinder des Gefühls und der Phantasie", in: dies. (Hg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt / Main 2003, 7-18, hier 8.

Elissa Mailänder-Koslov