Rezension über:

Christoph Classen: Faschismus und Antifaschismus. Die nationalsozialistische Vergangenheit im ostdeutschen Hörfunk (1945-1953) (= Zeithistorische Studien; Bd. 27), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, 384 S., ISBN 978-3-412-15403-5, EUR 44,90
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Rezension von:
Konrad Dussel
Mannheim
Empfohlene Zitierweise:
Konrad Dussel: Rezension von: Christoph Classen: Faschismus und Antifaschismus. Die nationalsozialistische Vergangenheit im ostdeutschen Hörfunk (1945-1953), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/07/7484.html


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Christoph Classen: Faschismus und Antifaschismus

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"Antifaschismus" war ein Aspekt, der für die Legitimation der DDR größte Bedeutung besaß, so will es zumindest im Rückblick nach 1990 scheinen. Aber war dem tatsächlich so? Versucht man die Frage empirisch zu beantworten, stellen sich sogleich eine Menge Probleme. Zu den wichtigsten dürften gehören: Welche Quellen hält man für aussagekräftig genug, um den zeitgenössischen Diskurs adäquat zu spiegeln? Welchen Antifaschismus-Begriff legt man zu Grunde? Und welche Zeiträume hält man für besonders untersuchenswert?

Christoph Classen nähert sich mit seiner am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung entstandenen Studie, die 2003 an der Freien Universität als Dissertation angenommen wurde, diesen Fragen mit großer methodologischer Umsicht und entsprechend überzeugend sind sein Ergebnisse.

Am meisten dürften vielleicht schon seine Quellenbefunde überraschen. Er behauptet zwar, dass in den ostdeutschen Radioprogrammen "die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus von Anfang an einen zentralen Stellenwert" besaß (109), schränkt dies aber sofort ein: Eigentlich habe dies nur für das Jahr 1945 gegolten. Schon 1946 und 1947 nahm die Zahl der Beiträge "stark" ab (110). Und diese Tendenz setzte sich bis 1953 fort (226). Seinen Vorbehalten in puncto unzureichender Quellenlage ist zwar zuzustimmen, genauso aber auch, dass sich die Verzerrungen in Grenzen halten dürften. Im DDR-Rundfunk wurden die politisch relevanten Materialien durchaus aufgehoben, und so besitzt es schon einige Aussagekraft, wenn sich aus rund 1.100 Sendemanuskripten und Tondokumenten des Jahres 1948 nur 90 (8%) "der NS-Thematik" zuordnen lassen (226).

Zu den Stärken von Classens Zugriff zählt, dass er die Begrifflichkeit zunächst sehr vage hält, um dann die genaueren Inhalte und ihre Veränderungen umso präziser zu analysieren. Den Gesamtbereich strukturiert er in die drei Felder "Verfolgung und Repression", "Krieg" und "Widerstand" und verfolgt deren Konjunkturen. "Verfolgung" war das Hauptthema der allerersten Nachkriegszeit. Charakteristisch war dabei, dass "die Vielfalt der noch wenig strukturierten Erinnerungen [...] noch zahlreiche Erinnerungen erkennen [ließ], die später vollständig verloren gehen sollten" (119). Auch das Thema "Widerstand" wurde noch sehr facettenreich behandelt, und der kommunistische Part war keineswegs hervorgehoben. Dürfte die Akzeptanz bei den Hörern für diese beiden Themenkomplexe und ihre Darstellung noch relativ groß gewesen sein, so war dies bei der Behandlung des Krieges sicherlich anders, weil hier "die offenbar obligatorischen Verbeugungen vor der sowjetischen Besatzungsmacht" (143) eine Anknüpfung an unter den Deutschen verbreitete Sichtweisen von vornherein ausschlossen; gewisse Spielräume gab es dafür nur bei literarischen Gestaltungen des Themas. Vor dem Hintergrund der spätestens 1948 einsetzenden Veränderungen macht Classen klar, dass die frühe Zeit keineswegs von gesellschaftlicher Offenheit geprägt war, sondern von einem von den Sowjets "kontrollierten Pluralismus", die damit ihre Herrschaft besser abzusichern hofften (311).

Die entscheidende Veränderung nach 1948 bestand wohl darin, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit immer mehr in den Dienst der tagespolitischen Notwendigkeiten gestellt wurde. Besonders deutlich ist dies am Thema "Widerstand" aufzuzeigen. Hier wurden nicht nur die bürgerlichen und christlichen Varianten ausgegrenzt, auch der kommunistische Widerstand wurde so "gereinigt", dass das damit zu verbindende soziale Kapital den aus Moskau nach Ostdeutschland zurückgekehrten Exilanten nicht gefährlich werden konnte. Eine Schlüsselposition bei dieser schwierigen Operation kam dabei der Mythologisierung des 1944 ermordeten KP-Führers Ernst Thälmann zu. "Vergangenheit hatte in dieser auf die Gegenwart und die Zukunft fixierten politischen Kultur vor allem die Funktion einer disponiblen Negativfolie, vor der sich die aktuelle Politik mit ihren chiliastischen Erlösungsversprechen positiv abheben sollte" (265).

Trotz aller unbestreitbaren Vorzüge, die Classens Studie aufweist, sind doch auch gewisse Mängel zu thematisieren, die jedoch weniger aus subjektiven Unzulänglichkeiten als aus eher objektiven Wissenschaftskonventionen zu entspringen scheinen. Gemeint ist dabei nicht, dass des Öfteren die Fußnoten zu einem Zweit-Text ausgebaut sind und sich keineswegs nur auf Belegangaben beschränken. Es geht um das Unbehagen, das sowohl bei jenen Lesern, die vor allem am Antifaschismus-Diskurs, als auch bei jenen, die vor allem am Hörfunk-Programm interessiert sind, zurückbleiben muss. Beide werden sich letztlich unbefriedigt fühlen: Die einen werden sich an der Beschränkung auf den Hörfunk stoßen. Vielleicht überschätzt Classen ja auch die Bedeutung des Mediums für die Nachkriegszeit, zumindest für die Partei? Vielleicht war für deren Führung die Presse viel wichtiger? Das hat einige Wahrscheinlichkeit. Und die anderen werden sich fragen, was denn die Hauptinhalte zumindest der politischen Teile des Ostrundfunks waren, wenn es die NS-Thematik nicht war. Classen gibt hier nur den Hinweis, dass dazu das Aufbau-Thema gehörte. Daneben wird auch die Auseinandersetzung mit dem "kapitalistischen" Westdeutschland zu nennen sein. Und beide werden nicht ganz nachvollziehen können, warum sie über die zentralen, der inhaltlichen Analyse gewidmeten Passagen hinaus so viel lesen müssen, dessen Neuigkeitswert relativ begrenzt ist. Vor allem die Abschnitte über die "institutionellen Bedingungen und Entwicklungen des Rundfunks" sind viel zu weitläufig geraten.

Das Problem, das sich dahinter verbirgt, ist relativ einfach darzustellen: Die selbst gestellte wissenschaftliche Ausgangsfrage hat Christoph Classen mit erheblichem Aufwand klar und überzeugend beantwortet. Allerdings ist die Frage, ob dazu nicht auch 300 Seiten ausgereicht hätten.

Konrad Dussel