Rezension über:

Ken MacMillan / Jennifer Abeles (eds.): John Dee. The Limits of the British Empire (= Studies in Military History and International Affairs), Westport, CT: Praeger Publishers 2004, X + 150 S., ISBN 978-0-275-97823-5, GBP 48,99
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Rezension von:
Torsten F. Reimer
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Torsten F. Reimer: Rezension von: Ken MacMillan / Jennifer Abeles (eds.): John Dee. The Limits of the British Empire, Westport, CT: Praeger Publishers 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/7756.html


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Ken MacMillan / Jennifer Abeles (eds.): John Dee

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Martin Frobishers Expeditionen auf der Suche nach der Nordwestpassage, Francis Drakes Weltumsegelung und Sir Humphrey Gilberts versuchte Koloniegründung markieren in den späten 1570er-Jahren die zunehmenden englischen Aktivitäten in Übersee. Um diese Vorhaben rechtlich abzusichern, verfasste der Gelehrte John Dee in diesen Jahren einige Abhandlungen für die englische Krone. Tatsächlich leistete er aber noch viel mehr: Dee formulierte Englands Anspruch nicht nur auf die neuen Entdeckungen, sondern auf alles Festland, alle Inseln und die See von Nordamerika bis Finnland.

In die Geschichte eingegangen ist Dee jedoch vor allem als Geisterbeschwörer und hermetischer Magier und firmiert etwa als Übersetzer des unheiligen "Necronomicon" in den Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft. Die Vielfältigkeit von Dees Interessen - etwa Geografie, Astronomie, Mathematik, Navigation und Geschichte - ist der Forschung schon länger bekannt. Auch Dees zentrale Rolle als Ratgeber der elisabethanischen Expansion nach Übersee wurde etwa von E.G.R. Taylor behandelt. [1] Jedoch hat es erst die Entdeckung einiger bisher verloren geglaubter Schriften mit dem Titel "Brytanici Imperii Limites" im Jahr 1976 ermöglicht, Dees Beitrag zur Geschichte des Empire angemessen zu würdigen.

Durch die Herausgabe dieser Schriften wollen Ken MacMillan und Jennifer Abeles Dees Legitimation eines weltumspannenden elisabethanischen Empires Forschern und auch Studenten zugänglich machen. Die Edition kommt zum richtigen Zeitpunkt, nähert sich doch die Forschung in letzter Zeit dem Empire der Frühen Neuzeit verstärkt unter geistesgeschichtlicher Perspektive. Zudem ist ein neues Interesse an Dee als einer der zentralen Figuren der elisabethanischen Renaissance zu bemerken, nachdem man seine okkulten Aktivitäten inzwischen nicht mehr als "unwissenschaftlich" ablehnt, sondern als durchaus üblichen Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeitsweise seiner Zeit versteht.

Die Handschrift der "Limites" besteht aus vier Texten unterschiedlicher Länge. Ursprünglich wohl 1577-1578 verfasst, wurden sie 1593 in der nunmehr edierten Handschrift zusammengefasst. MacMillan rekonstruiert überzeugend die Genese der Texte, die von Dee in der Hoffnung auf königliche Patronage verfasst und persönlich Elisabeth I. vorgelegt wurden, und bettet sie in die Geschichte englischer Entdeckerfahrten ein. Dee präsentierte zuerst geografische Erkenntnisse, die die Existenz der Passage nach Asien belegen sollten. Danach konstruierte er den englischen Anspruch auf weite Teile der nördlichen Hemisphäre. Dabei griff er nicht zuerst auf englische Rechtstraditionen zurück, ja akzeptierte sogar die päpstliche Bulle von 1493, auf die Spanien und Portugal ihren Anspruch auf die Neue Welt stützten. Er versuchte vielmehr, eine völkerrechtlich gültige Argumentation zu konstruieren, die auf Natur- beziehungsweise römisches Recht zurückging. Bloße Entdeckung galt dabei nicht als ausreichende Begründung für die Herrschaft über neue Länder, zumindest nicht, wenn sie nicht durch die Ausübung tatsächlicher Herrschaft abgesichert wurde. Selbst wenn der Papst Spanien auch Nordamerika zugesprochen hätte, was Dee verneinte, hätten die Spanier ihren Anspruch verwirkt, da sie dort nicht siedelten. Zugleich konstruierte Dee eine Geschichte englischer Entdeckerfahrten und Eroberungen, die bis auf König Artus und den mittelalterlichen walisischen Prinzen Madoc zurückging. In Verbindung mit den neuen Fahrten stellte diese historische Legitimation durch erste Entdeckung und dauernden Kontakt mit der Neuen Welt für Dee einen unumstößlichen Anspruch auf ihren Besitz dar. Quasi nebenbei dokumentierte er noch englische Besitzansprüche auf Nordeuropa wie auch Schottland. Diese weit reichenden Ansprüche konnten von der englischen Krone natürlich nicht umgesetzt werden. MacMillan zeigt aber auf, dass Dees Schriften dennoch mit Interesse zur Kenntnis genommen wurden und wohl zum Teil auch in die Verteidigung englischer Entdeckerfahrten gegen Spanien eingingen.

In seiner Einführung arbeitet MacMillan die hier nur kurz umrissene Argumentation Dees heraus. Er setzt die "Limites" in Bezug zu Dees anderen Werken, leitet überzeugend die Datierung der Handschrift her und gibt Belege für ihre Rezeption im Umfeld der Krone. Allerdings merkt man der Struktur der Einführung auch an, dass sie auf zwei von MacMillans früheren Aufsätzen beruht. Obwohl sich Informationen dazu verstreut im Text finden, wäre gerade in Anbetracht der explizit erwähnten Absicht, sich auch an Studenten zu wenden, eine einführende Biografie Dees hilfreich gewesen. Nicht nur Studenten werden es begrüßen, dass lateinische Passagen der "Limites" übersetzt wurden, unerklärlich bleibt aber, warum nicht zusätzlich zur Übersetzung auch der lateinische Text wiedergegeben wurde. Am Volumen lag es jedenfalls nicht, umfasst die gesamte Edition mit Anmerkungen und Einführung doch nur 150 Seiten. In Anbetracht dieser Kürze und des Preises hätte man vielleicht auch überlegen können, statt einiger weniger Abbildungen die "Limites" komplett zu faksimilieren, sodass auch die lateinischen Teile erhalten geblieben wären.

Es wäre sicher auch interessant gewesen, die "Limites" noch stärker mit anderen zeitgenössischen Schriften, etwa Richard Hakluyts als "Discourse of Western Planting" bekannt gewordener Abhandlung über Kolonisierung, zu vergleichen. MacMillan zeigt sehr wohl, dass Dee bisher zu wenig für seine originellen Denkansätze gewürdigt wurde, und weist darauf hin, dass sich andere Autoren auf seine Schriften bezogen. Jedoch könnte ein ausführlicherer Vergleich helfen, die Position der "Limites" stärker herauszuarbeiten. Ergänzend wäre hier vielleicht ausführlicher auf eine andere Schrift Dees, die "General and rare Memorials" von 1577, einzugehen. Dee entwickelte in dieser komplementären Abhandlung den Anspruch der englischen Krone auf die Großbritannien umgebenden Gewässer, vereinfacht gesagt eine Vorwegnahme des Konzepts vom "Mare Clausum". MacMillan geht allerdings auf die "Memorials" nicht wesentlich weiter ein, außer sie als geografische Abhandlung (9) mit nationalistischem Zuschnitt (12) zu bezeichnen. Diese zu kurz geratene und im Fall des Nationalismus auch falsche Referenz erklärt sich vielleicht aus MacMillans Annahme, die "Memorials" hätten wenig "lasting impact" (2) gehabt - eine bestreitbare Annahme, gibt es doch für das gesamte 17. Jahrhundert Belege für ihre Rezeption, anders als bei den "Limites". Abgesehen von diesem Kritikpunkt ist die Einführung in die "Limites" aber durchaus gelungen.

MacMillan und Abeles machen ein wichtiges Dokument zur Geschichte des Imperialismus zugänglich. Die Einführung erschließt den Kontext der "Limites" und gibt Hilfestellung für eine kritische Auseinandersetzung mit Dees Gedanken. "The Limits of the British Empire" ist also allen zu empfehlen, die sich mit historischer Geografie, Geschichte des Völkerrechts, Kolonisierung und Empire befassen.


Anmerkung:

[1] Peter J. French: John Dee. The World of an Elizabethan Magus, London 1972; William H. Sherman: John Dee. The Politics of Reading and Writing in the English Renaissance, Amherst 1995; E.G.R. Taylor: Tudor geography, 1485-1583, New York 1930.

Torsten F. Reimer