Rezension über:

Sönke Lorenz / Jürgen Michael Schmidt (Hgg.): Wider alle Hexerei und Teufelswerk. Die europäische Hexenverfolgung und ihre Auswirkungen auf Südwestdeutschland, Stuttgart: Thorbecke 2004, X + 668 S., 41 Abb., ISBN 978-3-7995-0137-8, EUR 29,90
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Rezension von:
Peter Arnold Heuser
Historisches Seminar, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Peter Arnold Heuser: Rezension von: Sönke Lorenz / Jürgen Michael Schmidt (Hgg.): Wider alle Hexerei und Teufelswerk. Die europäische Hexenverfolgung und ihre Auswirkungen auf Südwestdeutschland, Stuttgart: Thorbecke 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/5564.html


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Sönke Lorenz / Jürgen Michael Schmidt (Hgg.): Wider alle Hexerei und Teufelswerk

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Im Herbst 1994 richtete das Badische Landesmuseum Karlsruhe im Karlsruher Schloss eine viel beachtete Landesausstellung "Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten" aus. Das Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen war maßgeblich an der Ausstellungskonzeption beteiligt, vor allem an der Erstellung des großformatigen Aufsatzbandes, der als Teil eines zweibändigen Katalogwerkes unter der Herausgeberschaft des Tübinger Historikers und Institutsleiters Sönke Lorenz erschien, redaktionell betreut von Jürgen Michael Schmidt.

Zehn Jahre später legt das Tübinger Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften, wiederum vertreten durch Lorenz und Schmidt als Herausgeber, erneut einen umfangreichen, aber handlichen Band zum Thema vor, der die längst vergriffene Ausstellungspublikation von 1994 ersetzen und dem Erkenntnisgewinn Rechnung tragen soll, den ein Jahrzehnt intensiver Spezialforschung zu Hexerei und Zauberei in der Region erbracht hat. In mehrjähriger Arbeit entstand am Institut "weniger eine zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage" des Karlsruher Aufsatzbandes, "sondern ein mehr oder weniger neuer Band von stark verändertem Umfang und völlig neuem Aussehen" (IX), zu dem den Herausgebern zu gratulieren ist, zumal sich das Resultat als eine auch buchtechnisch ansprechend gestaltete gebundene Hardcover-Ausgabe präsentiert, die angesichts ihres Umfangs von annähernd 700 Seiten mit 29,90 € ein durchaus erfreuliches Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist.

Das Gemeinschaftswerk ist dem amerikanischen Sozialhistoriker H. C. Erik Midelfort gewidmet, der in seiner bahnbrechenden Regionalstudie " Witch Hunting in Southwestern Germany 1562-1684. The Social and Intellectual Foundations" (Stanford 1972) erstmals eine territorienübergreifende sozialgeschichtliche Untersuchung auf quantifizierender Basis bot, die zusammen mit seinem Forschungsbericht von 1968 "Recent Witch Hunting Research, or Where Do We Go from Here" einen Paradigmenwechsel in der Erforschung von Zauberei und Hexerei auslöste und Midelfort zum Nestor einer sozialgeschichtlichen "Hexenforschung" in Deutschland machte, die sich der notwendigen Interdisziplinarität ihrer Aufgaben bewusst ist. Der Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH), der seit 1985 jedes Jahr im Tagungszentrum Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart zusammenkommt, verdankt dem Geehrten viel; und insofern ist es folgerichtig, dass der AKIH, der auf ein 20-jähriges Bestehen zurückschauen kann, den Großteil der 29 Beiträger des Bandes stellt. Die Herausgeber würdigen Midelfort einleitend als den Begründer einer "Schule [...], deren Repräsentanten zurzeit das Erscheinungsbild der neueren Hexenforschung bestimmen" (X).

Die Beiträge verteilen sich in lockerer Form auf drei Hauptabschnitte des Buches. Das Schwergewicht liegt mit fast 300 Textseiten auf dem "Speziellen Teil: Südwestdeutschland", Teil B des Sammelbandes. Sönke Lorenz führt dort in die regionale Hexenprozessforschung ein; dann folgen 21 Beiträge, die jeweils den aktuellen Wissensstand für ein Territorium des südwestdeutschen Raumes skizzieren: Corinna Schneider berichtet über die Hexenverfolgungen in den Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach, Anita Raith über das Herzogtum Württemberg, Jürgen Michael Schmidt über die Kurpfalz und Sabine Schleichert über die vorderösterreichischen Besitzungen des Hauses Habsburg (Elsass, Breisgau, Hagenau und Ortenau). Es folgen Beiträge über Vorarlberg (Manfred Tschaikner), Schwäbisch-Österreich (Johannes Dillinger), die südwestdeutschen Grafschaften und Fürstentümer der Hohenzollern (Casimir Bumiller), die Grafschaften Hohenlohe (Elisabeth Schraut) und Wertheim (Elmar Weiss), die südwestdeutschen Gebiete des Mainzer Erzstifts (ebenfalls Elmar Weiss), die Hochstifte Augsburg (Wolfgang Behringer) und Konstanz (Wolfgang Zimmermann), die Fürstpropstei Ellwangen (Wolfgang Mährle) und die Deutschordenskommende Mergentheim (Karin Wohlschlegel). Aufsätze über mehrere Reichsstädte schließen sich an: über Esslingen (Gisela Vöhringer-Rubröder), Reutlingen (Thomas Fritz), Rottweil (Mario R. Zeck), Schwäbisch Gmünd (Klaus Graf), Schwäbisch Hall (Elisabeth Schraut) und Ulm (Bernd Schlaier); Jutta Nowosadtko berichtet über die Scharfrichter Johann Volmar und Christoph Hiert aus Biberach.

Der Benutzer profitiert von vier Übersichtskarten (191-194), die ihm die Lokalisierung der behandelten Territorien erleichtern. In der Gesamtschau fügen sich die territorialen Fallstudien zu einer Art Handbuch zusammen, das den Interessenten nicht nur in Baden-Württemberg auf einem durchwegs hohen Niveau über den Forschungs- und Literaturstand informiert, der für bestimmte territoriale und lokale Teilräume des deutschen Südwestens erreicht ist, und ihm zugleich gestattet, einen Überblick über die Vielfalt aktueller Fragestellungen, Methoden und Erkenntnisse der neueren Hexenforschung zu gewinnen. Schade nur, dass der redaktionelle Verzicht darauf, dem Band ein Register beizugeben, den schnellen Zugriff auf lokale, personelle oder sachbezogene Details doch erheblich behindert.

Gegenüber dem geschlossenen regionalhistorischen Block, den Teil B der Aufsatzsammlung bildet, wirken die Beiträge des allgemeinen Teils A in ihrer Auswahl etwas zu beliebig, was aber bei einem Gemeinschaftswerk wie dem vorliegenden wohl kaum zu vermeiden ist. Auch hier bietet der Band dem Interessenten wichtige Informationen und Übersichten zu Stand und Tendenzen der allgemeinen Hexenforschung: etwa zu den "Dimensionen der Hexerei: Vorstellung - Begriff - Verbrechen - Phantasie", die der Bielefelder Rechtshistoriker Wolfgang Schild in einer diachronen Übersicht vorstellt, über die Frühgeschichte der Hexenverfolgungen in der Schweiz, am Bodensee und am Oberrhein (Andreas Blauert), über das Verhältnis von Hexengesetzgebung und Prozesspraxis im Alten Reich (Sönke Lorenz), zur Geschichte der Alltagsmagie (Anita Chmielewski-Hagius) oder zur Virulenz der Hexenthematik in der Gegenwart (Dieter R. Bauer). Eine "Geschichte der abendländischen Hexenverfolgung", die Erik Midelfort beiträgt (105-118), fällt leider allzu gerafft und verkürzt aus.

In Teil C des Bandes findet der Leser unter der Überschrift "Forschungsüberblick" allein einen - jedoch einen sehr gewichtigen - Beitrag: die gegenüber 1994 stark erweiterte und aktualisierte "Geschichte der Hexenforschung", die Wolfgang Behringer auf fast 200 Seiten beisteuert (485-668). Sie ist ein Lektüre-Muss für jeden, der sich für den forschungsgeschichtlichen Wandel auf diesem viel diskutierten Themenfeld interessiert, das, "von der Geschichtswissenschaft zeitweise vernachlässigt", "immer wieder in eine Schlüsselposition rückte, von der aus sich auf magische Weise Türen zu Nachbardisziplinen öffnen lassen" (487).

Sönke Lorenz und Jürgen Michael Schmidt, das Tübinger Institut für Geschichtliche Landeskunde und die Mitarbeiter des Arbeitskreises Interdisziplinäre Hexenforschung haben ein wertvolles Buch vorgelegt, wie man es sich in dieser Güte auch für andere Großlandschaften des Alten Reiches wünscht: ein Handbuch und Nachschlagewerk für jeden, der exakte, aktuelle und forschungsnahe Informationen über die Hexenverfolgungen im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Südwestdeutschland sucht. Als solches wird es für die kommenden Jahre ein unverzichtbares Standardwerk bleiben, das eine reiche Rezeption verdient, nicht zuletzt auch als eine kompetente Einführung in die Geschichte der "Hexenforschung", eines Begriffes, der leider nicht "präzise", aber doch immerhin "prägnant" (485) ist und sich in der deutschsprachigen Forschung durchgesetzt hat, wenngleich man über ihn nicht unbedingt glücklich sein muss.

Peter Arnold Heuser