Rezension über:

Christopher Tuplin (ed.): Xenophon and his World. Papers from a conference held in Liverpool in July 1999 (= Historia. Einzelschriften; Heft 172), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, 524 S., ISBN 978-3-515-08392-8, EUR 84,00
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Rezension von:
Johannes Engels
Institut für Altertumskunde, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Engels: Rezension von: Christopher Tuplin (ed.): Xenophon and his World. Papers from a conference held in Liverpool in July 1999, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/7652.html


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Christopher Tuplin (ed.): Xenophon and his World

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Unter den Prosaautoren des späten 5. und 4. Jahrhunderts vor Christus ragt der Athener Xenophon schon durch die Klarheit und einfache Struktur seines Attischen heraus. Bereits in der Antike unbestritten als kanonischer Historiker und Schulautor anerkannt, hatten seine zahlreichen Werke aus verschiedenen Gattungen in der handschriftlichen Tradition ein außergewöhnlich günstiges Überlieferungsschicksal. Die große Zahl der verschiedenartigen Werke, ein individuelles Charakteristikum Xenophons, das ihn von anderen damaligen Historikern abhebt, und ihre günstige Überlieferungslage erlauben gründliche Studien zu Xenophons auktorialer Persönlichkeit und seiner Bedeutung als Zeitzeuge des klassischen Griechenland. Fast alle xenophontischen Werke werden in diesem Band zumindest kurz behandelt. Es ist meines Erachtens völlig angemessen, dass einige scripta minora dabei gegenüber den Hauptwerken deutlich in den Hintergrund treten.

Auf der größten Konferenz der jüngeren Vergangenheit, die Xenophon und seiner Welt gewidmet war, wurden in Liverpool 1999 insgesamt 56 Beiträge diskutiert, welche schon vor Konferenzbeginn allen Teilnehmern zur Kenntnis gebracht worden waren. Daher stand auf dieser Konferenz erheblich mehr Zeit für intensive Diskussionen zur Verfügung, als es auf ähnlich großen Konferenzen üblich ist. Möglicherweise empfiehlt sich eine solche innovative Konferenzorganisation auch für andere zukünftige Kongresse. Mit 25 Beiträgen in dem nun vorliegenden Band wurde ein repräsentativer Querschnitt dieser Konferenz veröffentlicht, weitere interessante Studien sind inzwischen andernorts publiziert worden. Über 40 Monografien und darunter vielleicht von besonderem Gewicht ausführliche Kommentare zu einzelnen xenophontischen Werken sowie Studien zu Xenophons Rolle als Zeitzeuge des späten 5. und frühen 4. Jahrhunderts sind in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht worden (vgl. die Übersicht bei Tuplin, 13, Anm. 1). Ein Abflauen der derzeitigen Welle neuer Xenophonstudien ist nicht abzusehen. Ergänzend zu Tuplin weise ich zum Beispiel auf zwei gewichtige neue italienische Sammelbände hin. [1] Denn sie rücken Themenbereiche in den Mittelpunkt, welche im vorliegenden Band der Liverpooler Konferenz eine weniger zentrale Stellung haben.

Nach einer informativen Einleitung des Herausgeber Christopher Tuplin (13-31), die nicht nur auf die folgenden Beiträge hinführt, sondern als ein Resumée aktueller Trends in der Xenophonforschung gelesen werden kann, folgen sieben größere thematische Blöcke. Sie beginnen mit Studien zur Vita des Xenophon und zum Zusammenhang zwischen dem Leben des Autors und seinen Werken sowie der umstrittenen Abfassungszeit einiger Schlüsselwerke (33-78). Dann folgen Beiträge zu Xenophon und Sokrates (79-146), der Sicht des Historikers auf die 'barbarische' Welt, präziser gesagt auf das achaimenidische Zeremoniell und spezifisch persische Formen der Vasallität (147-199). Danach findet man Beiträge zu Xenophons Spartabild (201-228). Ohne Xenophons Lakedaimonion Politeia, den Agesilaos und die Notizen in der Anabasis und den Hellenika, die Spartaner und Spartas Politik betreffen, wäre unser Bild vom Kosmos Spartas in der klassischen Periode erschreckend unvollständig. Weitere Beiträge diskutieren den immer noch häufig in seiner Bedeutung für das Verständnis des 4. Jahrhunderts unterschätzten, engen Zusammenhang von Religion und Politik in der griechischen Poliswelt (229-287). Es folgen Studien zur Anabasis (289-339) und abschließend der größte Block des Konferenzbandes, sieben Studien zu den Hellenika Xenophons (341-480) sowie erfreulich ausführliche und zuverlässige Indices. Hätte man sich die Mühe gemacht, die einzelnen Bibliografien am Ende der Beiträge zu einer Gesamtbibliografie zusammenzufügen, wäre damit zugleich als Zugabe eine aktuelle Xenophonbibliografie bereitgestellt worden. Aber zweifelsohne liegt mit diesem Band ein Referenzwerk für weitere Xenophonstudien vor.

In dem für diese Besprechung vorgegebenen Rahmen kann verständlicherweise nicht jeder einzelne der durchweg anregenden und niveauvollen Beiträge vorgestellt und gewürdigt werden. Einer der Schwerpunkte liegt aber (mit sieben von 25 Beiträgen und zahlreichen Querverweisen in Studien der anderen thematischen Blöcke) ohne Zweifel auf dem historiografischen Hauptwerk Xenophons, den Hellenika. Seine hellenische Zeitgeschichte ist immerhin unsere wichtigste annähernd zeitgenössische erhaltene Darstellung des halben Jahrhunderts vom Jahre 411 und dem Abbruch des thukydideischen Werkes bis zur Schlacht von Mantineia 362 vor Christus. Ich möchte aus diesem thematischen Block ein bekanntes Problem herausgreifen. Nicht nur in den Hellenika Xenophons, sondern auch in weiteren Schriften hat man schon seit langem bemerkt, dass aus der Sicht der heutigen Forschung (und wohl auch schon der Zeitgenossen Xenophons) hochbedeutende Ereignisse und Entwicklungen offenbar absichtlich von Xenophon in seiner fortlaufenden Darstellung ausgelassen oder übergangen werden. Das berühmteste Beispiel solcher "challenging silences" (Tuplin, 17) ist wohl das Schweigen über die Gründung des Zweiten Attischen Seebundes. Immerhin gibt es möglicherweise aber eine Anspielung auf dessen Gründung in der Lakedaimonion Politeia (Kapitel 14,6). Hierfür hat man als Erklärung erwogen, dass sich diese hegemoniale Symmachie der Athener gegen Sparta richtete und der im Buch 5 der Hellenika über die Jahre 389-375 angeblich prospartanisch und zugleich antithebanisch eingestellte Xenophon die Gründung des Bündnisses deswegen verschwiegen haben könnte. Ernst Badian, der Xenophon in allen Phasen seines Lebens als patriotischen Athener betrachtet, vermutet im vorliegenden Band (51-52) dagegen, Xenophon habe die Ereignisse von 378/77 in den 360er-Jahren und damit eben zu einer Zeit beschrieben, als der Zweite Attische Seebund sich nach der Gründung der athenischen Kleruchie auf Samos und infolge der Flottenfahrt der Thebaner unter Epaminondas in einer ersten schweren Krise befand. Deshalb habe er darauf verzichtet, dessen Gründung ausdrücklich zu referieren. Im Ansatz vergleichbar wäre zum Beispiel die Meinung von John Dillery [2], der eine Abfassung der einschlägigen Passagen der Hellenika während oder kurz nach dem für Athen unglücklich verlaufenen Bundesgenossenkrieg der 350er-Jahre erwog, ebenfalls eine Zeit, in der es nicht opportun war, ein athenisches Publikum an die Gründung des Zweiten Seebundes ausführlich zu erinnern. Martin Jehne (463-480) hält dagegen die Gründung des Seebundes für ein provokatives Zeichen dafür, dass Athen 378/77 nicht mehr bereit war, sich mit einem zweitrangigen Status in einer durch Sparta dominierten hellenischen Staatenwelt zufrieden zu geben. Xenophon habe sich dafür entschieden, die Gründung des Seebundes zu verschweigen, damit sein einseitiger Bericht über die Anlässe und Gründe des Ausbruches des Krieges zwischen Sparta und Athen von 378 infolge der Intrigen der Thebaner und des Angriffes des Sphodrias auf den Piräus nicht an Glaubwürdigkeit und Stimmigkeit verliere.

Xenophons einfache, klare Sprache und sein unprätentiöser Stil haben zu Unrecht in der älteren Forschung dazu verführt, dem Historiker generell Gedankentiefe und Urteilskraft abzusprechen. Vergleiche wurden gerne zwischen Thukydides und Xenophon gezogen, die meist ungünstig für Letzteren ausfielen. Allerdings lassen sich auch charakteristische Eigenarten des xenophontischen Werkes anführen, wegen derer er neben Thukydides oder anderen Fortsetzern des thukydideischen Werkes gut bestehen kann. So räumt Xenophon der Religion und bestimmten Riten im zivilen und militärischen Leben der Poleis seiner Zeit eine größere Bedeutung ein als Thukydides. In dieser Hinsicht trifft Xenophon wohl die Realität und Mentalität der klassischen Poliswelt besser. Vielleicht werden nicht wenige Leser nach der Lektüre des vorliegenden wichtigen Konferenzbandes dem Rezensenten zustimmen, dass sich Xenophon in seinen zahlreichen Werken in vieler Hinsicht als ein repräsentativer Zeitzeuge erweist.


Anmerkungen:

[1] Giovanna Daverio Rocchi / Marina Cavalli (Hgg.): Il Peloponneso di Senofonte, Milano 2004; Cinzia Bearzot (Hg.): Federalismo e autonomia nelle Elleniche di Senofonte, Milano 2004.

[2] John Dillery: Xenophon and the history of his times, London / New York 1995, 231-232.

Johannes Engels