Rezension über:

Gisela Engel / Nicole C. Karafyllis (Hgg.): Technik in der Frühen Neuzeit - Schrittmacher der europäischen Moderne (= Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit; Bd. 8, Heft 3/4), Frankfurt /M.: Vittorio Klostermann 2004, 484 S., ISBN 978-3-465-03341-7, EUR 32,00
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Rezension von:
Stefan Krebs
Lehrstuhl für Geschichte der Technik, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Krebs: Rezension von: Gisela Engel / Nicole C. Karafyllis (Hgg.): Technik in der Frühen Neuzeit - Schrittmacher der europäischen Moderne, Frankfurt /M.: Vittorio Klostermann 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/04/8174.html


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Gisela Engel / Nicole C. Karafyllis (Hgg.): Technik in der Frühen Neuzeit - Schrittmacher der europäischen Moderne

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Technisierung und Technologisierung sind zentrale Analysekategorien in der Modernisierungsdebatte über die Formierung Europas seit der Frühen Neuzeit. Die beiden Herausgeberinnen des vorliegenden achten Bandes der "Zeitsprünge" problematisieren in ihrer Einleitung ein lineares, modernisierungsorientiertes Geschichtsbild und versehen den Titel des Sammelbandes mit einem Fragezeichen. Gisela Engel und Nicole Karafyllis nehmen die Antwort auf ihre eingangs gestellte Frage bereits vorweg: "Die Technik" war nicht Motor der europäischen Moderne. "Vielmehr gab es ein kompliziertes Gemenge aus Erfindergeistern, kulturellen Mythen, historischen Vorbildern, politischen Interessenlagen und finanzkräftigen Potentaten [...]" (244), das sowohl modernisierend als auch retardierend wirkte. Die Aufsätze sollen ein neues Licht auf die vielfältigen kulturellen und sozialen Kontexte werfen, in denen sich Technik und Technologie in der Frühen Neuzeit entwickelten.

Petra Schaper-Rinkel fragt in ihrem Aufsatz nach dem Stellenwert von Technik und Sozialtechnologien in den drei klassischen Utopien von Thomas Morus (Utopia, 1516), Tommaso Campanella (Civitas Solis, 1602) und Francis Bacon (Nova Atlantis, 1627). Die besondere Rolle von Technik bei der Reproduktion der sozialen und politischen Ordnungen steht im Mittelpunkt der Untersuchung: Interessant ist, dass es sich um drei frühneuzeitliche Ordnungsutopien handelt, die sich gegen politische Modernisierungstendenzen ihrer Zeit stellten. Technik und wissenschaftlicher Wissenserwerb stehen so im Spannungsfeld zwischen Neuerung und Beharrung, wobei Schaper-Rinkel von Morus über Campanella zu Bacon eine konzeptionelle Modernisierung erkennt.

Martin Disselkamp beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem Zusammenhang zwischen Technik und Ordnung in Justus Lipsius' antiquarischen Schriften. Die Abhandlungen über Rom und die römische Militär- und Bautechnik liest Disselkamp als rhetorische Demonstrationsstrategie. In ihnen werde die Größe und Überlegenheit der römischen Technik als moralische Ordnungskompetenz aufgebaut: Technik werde so zum politischen Stabilitätsfaktor. Damit entwerfe Lipsius ein Gegenmodell zu den labilen politischen Verhältnissen seiner Zeit. Nach Disselkamps Ansicht forderte Lipsius mit Verweis auf die antiken Autoritäten "künstliche ordnungsbezogene Steuerungsmaßnahmen als Teil eines Modernisierungsprozesses im eigenen Zeitalter" (275).

Ausgehend von William Shakespeares Metapher der Welt als Bühne und der zentralen Stellung des Theaters in der europäischen Kultur der Frühen Neuzeit untersucht Ralf Haekel die sich rasant entwickelnde Bühnentechnik des 17. Jahrhunderts. Eine Triebfeder für diese Entwicklung war nach Haekel die neue mechanistische Weltdeutung. Sie führte zum Versuch, die Welt mithilfe der Technik im Theater darzustellen. Das daraus hervorgehende Maschinentheater und der Wandel des Bühnen- und Zuschauerraums ist für Haekel ein Ausdruck der Säkularisierung des barocken Weltbildes. Löste zunächst der weltliche Herrscher Gott als idealen Zuschauer ab, ermöglichte es die Technik am Ende des Jahrhunderts, die Weltillusion auf den ganzen Zuschauerraum auszudehnen.

Nicole C. Karafyllis wendet sich in ihrem Beitrag gegen die Deutung der frühen, lebensnahen Automaten (1500-1750) als Urbilder des modernen Cyborgs. Indem sie sich deren Medialität und Materialität zuwendet, zeichnet sie ein differenzierteres Bild der frühneuzeitlichen Automaten. Deren verschiedene Funktionen als Imitation, Simulation und Imagination des Lebens spiegeln das sich wandelnde Verhältnis zwischen Automat und Lebensbegriff wider. Karafyllis weist darauf hin, dass auch die cartesianische Interpretation des Lebens in ihrer Metaphorik nicht so mechanistisch war, wie dies häufig in der Technikgeschichtsschreibung beschrieben wird. Die frühen Automaten waren demnach nicht die Vorbilder der Androiden des 18. Jahrhunderts, sondern bildeten - besonders mit Blick auf die Materialität ihres Antriebs - den handwerklich-technischen Wissensschatz für deren Konstruktion.

Marcus Popplow fragt nach der gesellschaftlichen Deutung von Technik in der Frühen Neuzeit und danach, wie Ingenieure der Renaissance die Wahrnehmung von Technik beziehungsweise technischen Artefakten beeinflusst haben. Mit dem Mittel der Diskursanalyse zeigt er, dass in den Erfinderprivilegien und gedruckten Maschinenbüchern des 16. Jahrhunderts ein neuer Maschinenbegriff geformt wurde. Die juristischen Rahmenbedingungen für die Erteilung von Erfinderprivilegien förderten die - von den Ingenieuren geprägte - idealisierende Deutung der Maschinentechnik als neu, nützlich und erfindungsreich. Der daraus resultierende Diskurs über die generelle Nützlichkeit der Maschine war demnach nicht das Ergebnis philosophischer oder allgemeiner Reflexion über den Stellenwert der Technik im Alltag, sondern dem Bemühen der technischen Experten um soziale Anerkennung geschuldet.

Auch die beiden folgenden Aufsätze beschäftigen sich mit Erfinderprivilegien: Daniela Lamberini untersucht systematisch alle in florentinischen Archiven überlieferten Privilegien aus der Zeit von Cosimo I. bis Cosimo II. Indem sie an zahlreichen Beispielen die Vergabepraxis der Privilegien nachzeichnet, kann sie aufzeigen, dass die frühneuzeitlichen Ingenieure trotz der fortschreitenden Verrechtlichung und Bürokratisierung des Erfinderschutzes weiterhin abhängig von den politischen Interessen und Launen der Fürsten blieben. Christian Mathieu wendet sich dem formalisierten Patentwesen in Venedig zu. Die abgelehnten Patentanträge weisen darauf hin, dass dem venezianischen Patentwesen ein reflexives Moment innewohnte. Das Patentverfahren schloss neben der bereits bekannten Überprüfung von Neuheit, Nützlichkeit und Erfindungsreichtum auch die experimentelle Untersuchung von intendierten und nichtintendierten Technikfolgen mit ein. Obwohl diese Art der Technikfolgenabschätzung wohl wesentlich der ökologisch prekären Lage der Lagunenstadt geschuldet war und für eine konservative, kritische Einstellung gegenüber technischen Neuerungen stand, deutet Mathieu sie als Aspekt der Modernisierung.

Matteo Burioni geht in seinem Beitrag der Frage nach, ob "mit der Entstehung eines modernen Kunstverständnisses im 16. Jahrhundert schon die Saat seiner späteren Auflösung [...] gelegt wurde" (391). Die mit der Gründung der Accademia del Disegno verbundene Institutionalisierung der Ausbildung von Malern, Bildhauern und Architekten erforderte eine Definition der einzelnen Disziplingrenzen. Entlang der Streitschriften von Benvenuto Cellini, Vincenzo Danti und Bernardo Puccini zeichnet Burioni die Diskussion nach, ob Architektur Kunst, Handwerk oder Technik sei. Das erfolgreiche Paradigma des Künstlerarchitekten führte zur Ausgrenzung der Befestigungsingenieure aus der Akademie. Die Architektur sollte eine schöne und nicht bloß nützliche Kunst sein. Die Ingenieure begriffen dies als massiven Eingriff in die Rechte ihrer Berufsgruppe und nannten sich als Reaktion auf ihren Ausschluss trotzig Militärarchitekten.

Der italienischsprachige, reich bebilderte Aufsatz von Romano Nanni diskutiert anhand der Untersuchung von - bislang wenig beachteten - frühneuzeitlichen Textilmaschinen das Konzept der "Renaissance der Maschinen".

Torsten Meyer untersucht die Entstehung von Johann Beckmanns "Anleitung zur Technologie" (1777) und seine enge Verbindung zur Naturgeschichte. So übernahm Beckmann Linnés naturhistorische Methodologie des "Sehens" und wandte sie auf die Technologie an. Für die technologische Transkription musste er jedoch zunächst eine eigene Terminologie entwerfen. Diese Begriffsbestimmungen halfen ihm dabei, analog zu Linnés taxonomischen Prinzipien, die Technologie systematisch zu ordnen. Abschließend geht Meyer der Frage nach, ob Beckmanns Technologie ein modernes oder modernisierendes Konzept war. Er kommt zu dem Schluss, dass die "Anleitung" zwar einerseits durch die von ihr ausgehenden Popularisierung der Technik modernisierend wirkte, andererseits aber durch ihre Beschränkung auf das Sehbare lediglich für die frühneuzeitliche Technik angemessen und insofern nicht zukunftsweisend war.

Norman Fuchsloch beschäftigt sich mit der Disziplingenese der Geologie und ihrem Beitrag zur europäischen Modernisierung im 18. Jahrhundert. Der Newton'schen Idee folgend, dass überall auf der Erde die gleichen Naturkräfte wirken, erschloss die Geologie die dritte Dimension der Natur, die Tiefe. So förderte die Wissenschaft von der Erde die frühneuzeitliche Binnenkolonisation. Die neuen Annahmen zur Erdgeschichte, die den überkommenen biblischen Berichten über das Alter der Erde widersprachen, wirkten modernisierend und trugen damit wesentlich zur Trennung von Theologie und Naturwissenschaften bei.

Die elf Beiträge des Bandes erlauben dem Leser einen differenzierteren Blick auf die Rolle von Technik und Technologie im europäischen Modernisierungsprozess. So werden neben den modernisierenden Momenten auch die Beiträge der Technik zur Stabilisierung der bestehenden politischen, sozialen und kulturellen Ordnungssysteme deutlich herausgearbeitet. Die genaue Betrachtung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse widerlegt die eindimensionale Sichtweise des technischen Fortschritts und zeigt, unter welchen Bedingungen "Technik für wen wichtig ist, wichtig werden kann und auch an Wichtigkeit verlieren kann" (244). Insofern wird der Band seinem selbst formulierten Anspruch gerecht, auch den Blick für unsere heutigen Debatten über die gesellschaftliche Stellung und Zukunft der Technik zu schärfen. Der positive Gesamteindruck wird ein wenig dadurch getrübt, dass es nicht allen Autoren gleichermaßen gelingt, die Aktualität ihrer Untersuchungen für das Projekt der europäischen Moderne deutlich herauszuarbeiten.

Stefan Krebs