Rezension über:

Elisabeth Hüls: Johann Georg August Wirth 1798-1848. Ein politisches Leben im Vormärz (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien; Bd. 139), Düsseldorf: Droste 2004, 609 S., ISBN 978-3-7700-5256-1, EUR 78,00
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Rezension von:
Hans-Werner Hahn
Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Nikolaus Buschmann
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Werner Hahn: Rezension von: Elisabeth Hüls: Johann Georg August Wirth 1798-1848. Ein politisches Leben im Vormärz, Düsseldorf: Droste 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 3 [15.03.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/03/4969.html


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Elisabeth Hüls: Johann Georg August Wirth 1798-1848

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Als Hauptredner des Hambacher Festes vom Mai 1832 und Mitinitiator des Preß- und Vaterlandsvereins gehört Johann Georg August Wirth zwar zu den bekannten und in zahlreichen Arbeiten behandelten politischen Akteuren des deutschen Vormärz, eine modernen Ansprüchen genügende Biografie lag freilich bislang nicht vor. Die Münchener Historikerin Elisabeth Hüls will mit ihrem umfangreichen, auf einer breiten Quellengrundlage aufbauenden Buch diese Lücke ausfüllen und nimmt erstmals in einer wissenschaftlichen Arbeit den gesamten Lebensweg Wirths ausführlich in den Blick. Auf diese Weise sollen zugleich neue Einsichten in die großen Fragen des deutschen Vormärz - etwa in die Debatten über Nation, das Verhältnis von Einheit und Freiheit oder die Aufspaltung der Opposition in Liberale und Demokraten - gewonnen werden.

Nach der Einleitung, in der sowohl Grundsatzfragen des biografischen Ansatzes als auch Wirths Bedeutung für die Geschichtskultur der Bundesrepublik und der DDR angesprochen werden, widmet sich Hüls in einem ersten Abschnitt den Themen Herkunft und Ausbildung. Wirth wurde 1798 als Sohn eines Reichspoststallmeisters in Hof geboren. Angesichts des frühen Todes des Vaters und des engen Finanzspielraumes der Familie gestalteten sich Schulausbildung und Studium schwierig. Hüls verfolgt die einzelnen Etappen, geht dabei auch auf die um 1800 einsetzenden Veränderungen im Bildungssystem ein und kann einige neue Einsichten in Jugend- und Ausbildungszeit von Wirth vermitteln, etwa zu seiner Rolle im Bereich der Erlanger Studentenverbindungen. Nach dem Jurastudium scheiterte Wirth sowohl mit seinen wissenschaftlichen Ambitionen als auch mit Versuchen, im bayerischen Staatsdienst Fuß zu fassen. Mit der dann aufgenommenen Tätigkeit als Gehilfe in einer Bayreuther Anwaltskanzlei sicherte Wirth seiner inzwischen gegründeten Familie ein offenbar hinreichendes Einkommen. Über diese privaten Dinge erfährt man in dem Buch von Hüls freilich nur sehr wenig, weil die Überlieferung von autobiografischen Quellen letztlich doch schmal ist. Demgegenüber wird vor allem durch die Analyse der frühen juristischen Schriften überzeugend herausgearbeitet, dass Wirth trotz wachsender politischer Interessen noch keineswegs primär von liberalen Ideen geprägt war.

Im ausführlichsten Abschnitt des Buches, der sich mit dem Publizisten Wirth beschäftigt, zeichnet Hüls jenen Weg in die politische Arbeit detailliert nach, der Wirth innerhalb weniger Monate zu einem der bekanntesten deutschen Oppositionellen machen sollte. Das Jahr 1830 und die auch in Deutschland spürbar werdenden Folgen der französischen Julirevolution bildeten im politischen Leben von Wirth den entscheidenden Einschnitt. Allerdings bewegte sich der nun zum Journalistenberuf tendierende Wirth keineswegs von Anfang an im demokratischen Fahrwasser. Mit der Analyse von Wirths erster, bislang kaum beachteter Zeitung, die den Titel "Der Kosmopolit" trug, macht Hüls etwa an den Positionen zur Wahlrechtsfrage deutlich, dass Wirth noch Anfang 1831 eher gemäßigt-liberale Positionen vertrat und politischen Fortschritt mit den Monarchen auf dem Wege der Reform durchsetzen wollte.

Erst die repressive Politik, mit der König Ludwig I. von Bayern und andere Monarchen des Deutschen Bundes auf das neuerwachte politische Leben reagierten, das rigide Vorgehen der bayerischen Staatsführung gegen Wirths eigene Zeitung, gegen seine journalistische Tätigkeit für den Augsburger Verleger Cotta und die Verurteilung zu einer Arreststrafe drängten Wirth im Laufe des Jahres 1831 in neue politische Bahnen. Am deutlichsten tritt all dies in den Auseinandersetzungen um die "Deutsche Tribüne" hervor, eine Zeitung, die Wirth im Sommer 1831 in München gründete und die er angesichts der wachsenden Repression in München seit Anfang 1832 in der bayerischen Pfalz herausbrachte. Zur Entwicklung dieses Oppositionsorgans, zu den von Wirth aufgebauten Netzwerken, zu den Auseinandersetzungen mit der bayerischen Regierung und zur Herausbildung von Wirths neuem, von Nationalstaat, Volkssouveränität und Republik geprägten Politikkonzept kann Hüls zweifellos zahlreiche neue Informationen liefern. Die angestrebte Verknüpfung einer Analyse von bürgerlicher Lebenswelt und politischen Aktivitäten wird freilich auch in diesem Abschnitt aufgrund fehlender Quellen allenfalls ansatzweise geleistet, denn das Kapitel über das Familienleben umfasst gerade einmal vier Seiten.

Der folgende Abschnitt über Wirths Rolle auf dem Hambacher Fest kommt letztlich nur wenig über das hinaus, was in der bisherigen Literatur bereits zu lesen war. Neue Einsichten enthalten allerdings die Ausführungen zu positiven wie negativen Darstellungen Wirths in der Druckgrafik und in Alltagsgegenständen aus dem Umfeld des Hambacher Festes sowie die folgenden Kapitel über die Häftlingszeit des nach dem Hambacher Fest verurteilten Wirth und seine Jahre im französischen und schweizerischen Exil. Hier kommen dann auch die Fragen der Familiengeschichte, vor allem die Rolle seiner politisch ebenfalls engagierten Frau Regina, aber auch das Wirken seines Sohnes Max, stärker in den Blick. Am wertvollsten erscheinen freilich die Analysen der politischen Schriften und Zeitungsprojekte während der Haft- und Exilzeit. Die in der Haftzeit entstandenen "Fragmente zur Culturgeschichte" zeigen Wirth von einer Seite, die bislang in der Literatur nur wenig Erwähnung fand. Die unausgegorenen Versuche, eine Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Geschichtsforschung herzustellen, den unaufhaltsamen Fortschritt des Menschengeschlechts aus Naturgesetzen abzuleiten und dabei bestimmten Rassen besondere Aufgaben zuzuweisen, stießen bei Fachgelehrten auf vernichtende Kritik.

Die Überlegenheit der germanischen Rasse, die Wirth im Umbruchsprozess der 1830er- und 1840er-Jahre zu erkennen glaubte, kam auch in den folgenden Exilschriften, etwa in den Beiträgen zur Literaturzeitschrift "Braga" und in Wirths "Geschichte der Deutschen", deutlich zum Ausdruck und stieß selbst bei früheren Gesinnungsgenossen auf Kritik. Wirths Hinweise auf die germanische Vorgeschichte sollten zwar dazu dienen, den Kampf der Deutschen für Einheit und Freiheit zu befördern und unterschieden sich auch in anderer Hinsicht vom späteren Germanen-Mythos. Dennoch enthielten sie durchaus bereits Elemente, an die spätere Rassentheoretiker anknüpfen konnten. Neues Licht fällt schließlich auf Wirths kurze Rolle in der Revolution von 1848. Wirth fühlte sich nach Ausbruch der Revolution zumindest selbst keineswegs nur als eine "Größe von gestern", sondern entwickelte noch einmal erstaunliche Aktivitäten und stellte zwischenzeitliche Überlegungen einer Reformpolitik mit den Fürsten wieder zurück, um für die Errichtung einer Republik zu kämpfen. Der plötzliche Tod im Sommer 1848 beendete diese Aktivitäten, die Instrumentalisierung des Gestorbenen spielte aber, wie Hüls zeigen kann, für die Demokraten durchaus noch eine Rolle.

Im Schlussabschnitt ihres Buches unternimmt Hüls schließlich noch einmal den Versuch, Wirth in der politischen Ideenwelt der vormärzlichen Opposition zu verankern. Es ist ihr zustimmen, wenn sie vor vorschnellen Zuordnungen warnt. Wirths politische Positionen, die sich zudem durch Zeiterfahrungen auf einigen Feldern mehrfach verschoben, waren offenbar nicht so eindeutig, wie es bisher betont worden ist. Dies gilt für Wirths Stellung im Spannungsfeld der auseinander driftenden liberalen und demokratischen Opposition. Dies gilt aber auch für seine Haltung zu Frankreich, die nicht nur von den oft zitierten antifranzösischen Ausfällen bestimmt war. Auch Frankreich hatte für Wirth seinen Platz im Europa der friedlichen Nationen. Es war dann aber nicht nur das französische Streben nach "natürlichen Grenzen", das Wirths zum Teil sehr heftige Frankreich-Kritik hervorrief, sondern es war vor allem ein ganz an der Sprach- und Kulturnation orientiertes Nationskonzept, das Wirth in einen tiefen Gegensatz zur französischen Politik brachte. Solche Differenzierungen und die Vielzahl von neuen Erkenntnissen zu Leben und Werk Wirths machen das Buch von Hüls zweifellos zu einem wertvollen Beitrag zur Geschichte des Vormärz. An manchen Stellen ist die Darstellung freilich zu breit geraten, während man an anderen Stellen sich eine präzisere Einordnung des eigenen Gegenstandes in die breite Vormärzforschung gewünscht hätte.

Hans-Werner Hahn