Rezension über:

Kilian Heck: Genealogie als Monument und Argument. Der Beitrag dynastischer Wappen zur politischen Raumbildung der Neuzeit, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002, 327 S., 164 Abb., ISBN 978-3-422-06338-9, EUR 34,80
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Rezension von:
Wolfgang Schmid
Fachbereich III, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Schmid: Rezension von: Kilian Heck: Genealogie als Monument und Argument. Der Beitrag dynastischer Wappen zur politischen Raumbildung der Neuzeit, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 2 [15.02.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/02/7997.html


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Kilian Heck: Genealogie als Monument und Argument

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Genealogie und Heraldik sind seit Jahrzehnten anerkannte historische Hilfswissenschaften, spielten in der kunstgeschichtlichen Forschung jedoch stets die Rolle eines Mauerblümchens: Durch die Bestimmung der Wappen erhoffte man sich vielfach eine Identifizierung der Stifter und dadurch Anhaltspunkte für die räumliche und zeitliche Verortung eines Kunstwerks. Notfalls dienten auch die Wappenformen als Hilfsmittel bei Datierungsversuchen. Wappen, Inschriften und Stifterbilder - auch dies ist bisher nur am Rande erforscht - schufen eine dauerhafte Verbindung zwischen einem Stifter und einem Kunstwerk, beziehen diesen nachhaltig in dessen Rezeption ein, garantieren das liturgische wie auch weltliche Gedenken durch die folgenden Betrachtergenerationen.

Die bei Wolfgang Kemp angefertigte Hamburger Dissertation von Kilian Heck will Genealogie als politische Denkform interpretieren, als Methode zur Okkupation und Konstruktion von Räumen. Eine umfangreiche Einleitung legt zunächst einmal die methodischen Grundlagen dar, die Rolle der Genealogie als Wissenschaft von den Vorfahren, bei der hierarchisch geordnete Sippenverbände rekonstruiert werden. Die Entwicklung und Bedeutung von Wappen wird ebenso behandelt wie die Grundlagen sozialer Hierarchien in der ständischen Gesellschaft, in der die genealogische Methode eine unerhörte Bedeutung besessen hat. Schließlich wird auf das methodische Instrumentarium der Semiotik verwiesen, das im Verlauf der Arbeit eine zentrale Rolle spielt und deren Lektüre - mit der Vorliebe des Autors für unkonventionelle Formulierungen und Wortspielereien - gelegentlich etwas anstrengend macht. Ein weiteres wichtiges Theorem ist Jurij M. Lotmans Raumbegriff, das Modell der Semiosphäre.

Bevor sich Heck an seine in vier Hauptteile gegliederte Arbeit begibt, folgen noch zwei weitere Einführungskapitel mit dem Titel "Genealogie als ephimistische Denkform" und "Standardisierung als Argument. Ahnentafel und Stammtafel als Legitimationsgrund von Dynastien". Hier werden die bildlichen Umsetzungsformen von Stammtafeln, Ahnenreihen, Ahnentafeln und Ahnenwappen vorgeführt. Das Kapitel liefert wichtiges Grundlagenmaterial für die folgenden Untersuchungen, wenngleich man sich als Leser eine etwas ausführlichere Darstellung der historischen Grundlagen der in der ständischen Gesellschaft außerordentlich geschätzten, heute aber außerhalb von Adelskreisen weitgehend in Vergessenheit geratenen genealogischen Methoden und der ihnen zu Grunde liegenden theoretischen Grundlagen gewünscht hätte.

Die Anzahl potenzieller Untersuchungsobjekte ist Legion, Heck hat sich auf Beispiele aus dem deutschen Hochadel des 15. bis 17. Jahrhunderts beschränkt, wobei ich mir als Pendant die Untersuchung des einen oder anderen Bischofsgrabes gewünscht hätte, zu denen ja nicht nur (ständische) Unterschiede, sondern auch zahlreiche (genealogische) Gemeinsamkeiten bestehen (Ausnahme: 207 ff.). Kapitel IV befasst sich anhand zweier breit angelegter Fallstudien mit der Installation dynastischer Sphären in politischen Räumen. Die Erste untersucht am Beispiel der südhessischen Residenzstadt Büdingen die Kennzeichnung von Räumen durch unterschiedliche soziale Gruppen wie Landesherr, Bürger und Burgmannen, also Themen, die auch die stadtgeschichtliche Forschung (Stichworte Sozialtopografie, Verfassungstopografie) längst entdeckt hat. Anschaulich kann der Umbau der Stadtkirche zu einer "dynastischen Ruhmeshalle" aufgezeigt werden, aber auch die Okkupation des Stadtraumes durch die Ysenburger. Über die eine oder andere Formulierung liest man mit einigem Befremden (Die Bauten sind wie landesherrliche Ausleger, wie Satelliten, in den Stadtraum induziert worden, 95). Die Qualität der Abbildungen lässt vielfach zu wünschen übrig, auch Vergleiche mit dem schwer lesbaren Stadtplan (87) und dem Luftbild (99) sind mühsam. Im Gegensatz dazu befasst sich die zweite Fallstudie mit den Wappen des Güstrower Festsaales, wo der Bezug zu genealogischen Abstammungsreihen und den Wappenreihen an Toren, Decken und Grabmälern eingehend untersucht wird.

Unter der Überschrift "Elaborierte Evidenz" befasst sich Kapitel V mit "Grabmonumenten als genealogischer Systemträger". Acht Beispiele werden untersucht, wobei umfangreiches Vergleichsmaterial wichtige Erkenntnisse über die Gattung Grabdenkmal ermöglicht, natürlich die viel diskutierte, unter diesem Gesichtspunkt jedoch noch nie analysierte Landgrafengrablege in der Marburger Elisabethkirche, in dynastischer Fortsetzung dazu das Grabmonument Philipp des Großmütigen in Kassel, einem gewaltigen Monument evangelischer Landesherrschaft, das den Altarbereich der Kirche okkupierte. Es folgt nochmals "hinterfangen von der Dynastie" beziehungsweise deren Stammtafel das Grabmal des Ulrich von Mecklenburg in Güstrow und als geistliches Pendant das Grabmal des Bischofs Dietrich von Fürstenberg in Paderborn; es ist noch größer als das Philipps des Großmütigen in Kassel und kann so als gegenreformatorische Antwort auf die hessische Herausforderung verstanden werden. Leider nur am Rande wird die Frage der ebenfalls aus dem Adel stammenden Genealogie der geistlichen Landesherren behandelt; in den Bischofsstädten an Rhein und Mosel findet man dazu reiches Vergleichsmaterial. Es folgen Studien über "das Monument als genealogische Schalttafel" am Beispiel des Grabmals Ludwigs IV. von Hessen und seiner Gattin in der lutherischen Pfarrkirche in Marburg sowie zum Epitaph Ludwigs V. von Hessen-Darmstadt und seiner Frau in Darmstadt und Marburg. Der Großraum Hessen wird verlassen mit Studien zum Grabmal der Anna Maria von Nassau in St. Arnual vor Saarbrücken und zu den Grafen von Schwarzburg im südthüringischen Rudolfstadt (Genealogie als Schaukasten), die den Reigen der Fallstudien abschließen. Das Grabmal Kaiser Maximilians in Innsbruck steht immer wieder eine Art Megamodell dar, die dynastischen und genealogischen Projekte des Kaisers konnten in der frühneuzeitlichen Adelskultur eine ungeheure Breitenwirkung entfalten, sorgten aber auch für eine stetige Weiterentwicklung: Die Konkurrenz der Geschlechter führte in Manierismus und Barock nicht nur zu immer größeren und aufwändigeren Monumenten, sondern auch zu immer ausgeklügelteren genealogischen Systemen.

Kapitel VI (Genealogische Repräsentanz als Tableau) verlässt den Bereich der Grabmäler und befasst sich abschließend noch mit den Gattungen Landkarten und Funeralwerken. Am Beispiel der Frese'schen Landtafel und der Lubin'schen Karten werden die Umsetzung genealogischer Systeme in der Geografie aufgezeigt. Die publizistischen Großunternehmen der Funeralwerke des Landgrafen Ludwig V. und Moritz von Hessen schlagen dann wieder den Bogen zu den Grabdenkmälern zurück und runden die Serie der Fallbeispiele in gelungener Weise ab. Die Studien zu den Grabmonumenten werden so durch Fallbeispiele zu einem Stadtraum und einem Exkurs zur politischen Geografie sinnvoll ergänzt. Anschaulich wird so der Einsatz genealogischer Medien in eher öffentlichen und eher privaten Räumen wie auch der Einsatz unterschiedener Medien deutlich.

Dem Autor ist es gelungen, ein für die politische und die Sozialgeschichte der Frühen Neuzeit zentrales Thema zu entdecken und eindrucksvoll zu bearbeiten. Das Instrumentarium der Semiotik und der Begriff der Semiosphäre hat sich dabei als brauchbar erwiesen. Auch wenn der Autor durch seine Sprache dem Leser einiges abnötigt, ist sein Brückenschlag als gelungen zu bezeichnen. Der Leser hätte an einigen Stellen gerne etwas mehr über die zeitgenössischen Überlegungen zu Genealogie und Heraldik, zu Geschichtsschreibung und dynastischer Konstruktion erfahren, auch das Herrscherbild der Zeit bleibt blass, gerne hätte man mehr über den Zusammenhang von Staatlichkeit und Heraldik gelesen, und über die Heraldik als Mittel der sozialen Distinktion in der Konkurrenz zwischen verschiedenen Ständen der Gesellschaft hätte man gerne mehr erfahren als das, was in dem Büdingen-Kapitel steht. Aber das sind Themen für eine landesgeschichtliche Monografie, nicht für eine kunsthistorische Dissertation. Hier hätte ich mir dagegen etwas mehr Sorgfalt und Qualität im Abbildungsteil gewünscht. In vielen Fällen sind die Druckvorlagen unzureichend, in anderen ist auf briefmarkengroßen Abbildungen überhaupt nichts zu erkennen (7, 11, 13, 20, 29, 114-115, 137, 145). Nicht nur Borwin von Mecklenburg und Johann Albrecht von Mansfeld, sondern auch Magdalena von Brandenburg hätten sich im Grabe herumgedreht, wenn sie auf den Abbildungen 85, 91 und 125 gesehen hätten, welches Bild von ihnen der Nachwelt überliefert wurde. Man fragt sich, warum ein renommierter Verlag für eine etablierte Reihe kein Geld in eine vernünftige Druckvorlage gesteckt hat und sich mit Repros aus älteren Werken zufrieden gegeben hat. Auch die Bildredaktion führt in die Irre: Abbildung 1 zeigt den Prager Domchor mit Verweis auf "Wachmeier", der aber im Literaturverzeichnis nicht auftaucht und im Abbildungsnachweis unter Kunstgeschichtliches Seminar Hamburg firmiert.


Anmerkung:

Zu dieser Publikation erschien bereits eine Rezension von Sabine Fastert, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5

Wolfgang Schmid