Rezension über:

Kilian Heck: Genealogie als Monument und Argument. Der Beitrag dynastischer Wappen zur politischen Raumbildung der Neuzeit, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002, 327 S., 164 Abb., ISBN 978-3-422-06338-9, EUR 34,80
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Rezension von:
Sabine Fastert
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Gabriele Wimböck
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Fastert: Rezension von: Kilian Heck: Genealogie als Monument und Argument. Der Beitrag dynastischer Wappen zur politischen Raumbildung der Neuzeit, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5 [15.05.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/05/2996.html


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Kilian Heck: Genealogie als Monument und Argument

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Kilian Heck lenkt in seiner breit angelegten Studie "Genealogie als Argument" den Blick auf ein Ausstattungselement der Frühen Neuzeit, das in der kunsthistorischen Literatur meist nur am Rande Beachtung findet, das Wappen. Heck geht es um die Frage, welche anschaulichen Formen die Genealogie zwischen 1450 und 1650 annehmen konnte und welche Motive hinter dem Funktionswandel der visuellen Symbolik stehen. Dabei fragt er aber nicht nach der Ikonographie des einzelnen heraldischen Zeichens, sondern nach der systematischen Bezugnahme der Zeichen aufeinander. Durch den ambitionierten Ansatz Hecks, Genealogie als Mittel der symbolischen Wirklichkeitskonstruktion zu interpretieren, werden aktuelle Fragestellungen in dieses Forschungsfeld eingebracht, wie sie beispielsweise im Sonderforschungsbereich 537 "Institutionalität und Geschichtlichkeit" der Dresdner TU seit einigen Jahren ertragreich diskutiert werden.

Heck nähert sich seinem Untersuchungsgegenstand mittels semiotischer Theorien, wobei die Funktionsweise genealogischer Zeichen in zweifacher Hinsicht beschrieben wird: Erstens bezeichnen Wappen eine in der Regel familiäre Zugehörigkeit ihrer Träger, zweitens wird durch sie der verwandtschaftliche Verband überhaupt erst bildlich erfahrbar. Heck fasst das Wappen als Markierung für eine bestimmte soziale Einheit, eine Person oder einen Personenverband auf, womit sich auf diese durch Wappen gegliederten Räume der soziale Raumbegriff anwenden lässt. Um die Verteilung der Zeichen im Raum oder über ein Feld erfassen zu können, greift Heck auf das von Jurij M. Lotman für die Literaturwissenschaft entwickelte Modell der "Semiosphäre" zurück (18). Lotmans Raumbegriff, der seinerseits auf kulturphilosophisch-soziologische Theoreme zurückgeht, interessiert sich vor allem für die Belegung der Randzonen. Hier findet Heck in der Tat einen günstigen Anknüpfungspunkt, denn gerade heraldische Zeichen wurden häufig an Orten der Peripherie, wie Stadttoren oder Portalen, angebracht. Dort markieren sie aus einer strukturierten Einheit heraus eine Grenze und überführen auf diese Weise ihre Ordnung in den Außenraum. Laut Heck handelt es sich bei der Genealogie "vermutlich um das stringenteste und größte soziale Semiotisierungsunternehmen zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert" (25).

Der Aufbau von Hecks Studie zeichnet eine bemerkenswerte Entwicklungslinie nach. War die Genealogie als kulturelle Ordnungsform gewiss auch älter, werden doch erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts Wappen auf die Wehrschilde der Ritter gesetzt, um diese oder ihre Familie während der Turniere und Kriegshandlungen leichter identifizieren zu können. In den nachfolgenden Jahrhunderten wandelt sich dieser wehrhafte Schild mit seinem aufgeprägten Wappen zu einer zweidimensionalen Repräsentanzebene des Wappenbildes. Die militärische Gebrauchsfunktion der Wappen nimmt laut Heck etwa in dem gleichen Maße ab, wie ihre Funktion als reines Zeichen zunimmt. Anfänglich verweist das Einzelwappen allgemein auf einen verwandtschaftlichen Verband, doch wird das heraldische Einzelbild in der Folge mit der agnatisch ausdifferenzierten Dynastie, das heißt mit der männlichen Linie, gleichgesetzt (44). Nach Heck ist somit seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die entscheidende Voraussetzung geschaffen, dass ein bestimmtes Wappenbild neben der Dynastie zugleich auch eine räumliche Einheit, ein bestimmtes Gebiet, ein Land oder ein Territorium bezeichnen kann. Die Ausbreitung genealogischer Zeichen knüpft dabei an den frühneuzeitlichen Raumbildungsprozess an. Die aus dem Mittelalter übernommene personale Identität der Dynastie wird auf die seit dem 15. Jahrhundert zunehmend entwickelten räumlichen Einheiten der Territorien übertragen (81).

Im Folgenden konstruiert Heck eine Chronologie der Realien, die im Verlauf der Frühen Neuzeit in den dynastischen Monumenten einen zunehmenden Grad an räumlicher Substitution postuliert. Bei der Auswahl der Monumente hat er sich sinnvoller Weise auf Beispiele des reichsständischen deutschen Hochadels fürstlicher und gräflicher Provenienz beschränkt. Gerade in den Führungsschichten des Alten Reiches kam dem Beweis der Erblegitimität eine wichtige Bedeutung zu, da die Regierung über Stadt und Land immer noch weitgehend eine Regierung der personalen Elemente, weniger der Institutionen war. Am Beispiel des spätmittelalterlichen Stadtraums von Büdingen mit der wappenbesetzten Decke der dortigen Pfarrkirche Sankt Marien (131) sowie der frühneuzeitlichen Festsaalausstattung des Güstrower Schlosses präsentiert Heck Wappensysteme (159), die sich noch baulich realer Räume bedienen. Vor allem bei der gründlichen Analyse der heraldischen Topografie von Büdingen erweist sich das von Heck herangezogene Modell der "Semiosphäre" als sehr aufschlussreich.

Auch auf den steinernen Grabdenkmalen, die im Text anschließend behandelt werden, argumentieren die Wappen noch mit einer dreidimensionalen Monumentenhaftigkeit, wie das Beispiel des Maximiliansgrabs in Innsbruck zeigt (161). Doch bereits für das 16. Jahrhundert sieht Heck daneben eine flächengebundene, zweidimensionale Objekthaftigkeit hervortreten, für die besonders der Typus des Figurenwanddenkmals steht. Dort tragen die applizierten Wappensysteme seiner Meinung nach dazu bei, wenigstens zum Teil den verloren gegangenen Raum suggestiv zu ersetzen (224). Heck verfolgt an zahlreichen Beispielen die sich ausdifferenzierende heraldische Symbolik am Dynastengrab, doch fügen sich seine Beobachtungen hier weniger stringent in den Gang der Argumentation ein und der Erkenntnisgewinn bleibt hinter den zugegebenermaßen hoch gesteckten Erwartungen zurück. Beim Grab des Ulrich zu Mecklenburg im Güstrower Dom eine physisch-geschlechtsspezifische Komponente in den Ahnentafeln zu vermuteten, ist meiner Meinung nach zu gewagt. Beim Halbrund der Wappen fühlt sich Heck auf Grund der angeblich phallischen Form einerseits an einen "Zeugungsprozess", andererseits durch das vermeintlich organisch nach unten Herausleiten an einen "Gebärprozess" erinnert (197). Hier wären weitere, möglichst historische Belege erforderlich gewesen.

Die steinernen Grabmonumente stehen für Heck an der Nahtstelle zwischen realer Raumhaftigkeit und Raumsubstitution. Die dritte und letzte Gruppe der von ihm herangezogenen dynastischen Monumente ist hingegen gänzlich an die Fläche gebunden. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lösen laut Heck die gedruckten Funeralwerke der Landesherren die in den realen Kirchenraum gestellten steinernen Denkmale als repräsentative dynastische Monumente ab. Auch hier finden die genealogischen Zeichen ihren bewährten Platz an den Grenzmarken, in diesem Fall zwischen den Bildern und den Worten, "am kategorialen Übersprung zwischen den Realien des Augenscheins, den gedachten perspektivischen Räumen und der immanenten Logik der Textflüsse" (288). Auch die Landkarten gehören nach Heck in diesen Bereich, die im Dienste der dynastischen Raumordnung ebenfalls einen umfangreichen genealogischen Bedeutungsapparat aufweisen. Die Genealogie argumentiert hier mit quantifizierbaren Daten und bedeckt wie die Längen- und Breitengrade ein vorgefundenes Stück Land mit ihrer Semiotik (266).

Heck hat mit "Genealogie als Argument" eine verdienstvolle Studie vorgelegt, die einen neuen Blick auf vermeintlich Vertrautes ermöglicht. Mittels semiotischer Theorien gelingt ihm die in weiten Teilen überzeugende exemplarische Aufarbeitung der Geschichte von Verweisungsstrukturen, wobei sich der Begriff der "Semiosphäre" aus kunsthistorischer Perspektive als ausgesprochen tragfähig erwiesen hat. Im Rahmen des weiten Feldes der politischen Ikonographie wäre allerdings eine intensivere Beschäftigung mit der politischen Ideengeschichte wünschenswert gewesen. Die Hinweise zum sich wandelnden Herrscherbild bleiben in vielen Punkten zu vage - doch das wäre vermutlich der Stoff für eine weitere große Studie.

Sabine Fastert