Rezension über:

John J. Wilkes: Documenting the Roman Army. Essays in Honour of Margaret Roxan (= Bulletin of the Institute of Classical Studies. Supplement; 81), London: Institute of Classical Studies 2003, XVII + 204 S., ISBN 978-0-900587-92-4, GBP 45,00
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Rezension von:
Peter Probst
Historisches Seminar, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Peter Probst: Rezension von: John J. Wilkes: Documenting the Roman Army. Essays in Honour of Margaret Roxan, London: Institute of Classical Studies 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/6787.html


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John J. Wilkes: Documenting the Roman Army

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Die Texte des vorliegenden Sammelbandes dokumentieren die Ergebnisse eines Kolloquiums, das im Mai 2002 zu Ehren von Margaret Roxan gehalten wurde. An die Beschäftigung der Geehrten mit den römischen Militärdiplomen anknüpfend befassen sich die zehn Aufsätze mit verschiedenen Bereichen der Epigrafik und des römischen Heerwesens. Neben der Vielfalt der vorgestellten Materialtypen ist auch die breite inhaltliche Ausrichtung hervorzuheben, die von methodisch-theoretischen Fragestellungen bis zu zeitlich oder regional eingegrenzten Spezialstudien reicht.

Im ersten Beitrag des Sammelbandes beschäftigt sich Anthony Birley mit der Frage, wie Angehörige des Ritterstandes zu Kommandeuren ernannt wurden, und arbeitet heraus, dass sie ihre Ernennungen neben bestimmten Qualifikationen noch weiteren Faktoren zu verdanken hatten. Birley betont zurecht, welch große Rolle persönliche Kontakte, verwandtschaftliche Beziehungen und Empfehlungsschreiben spielten. Insgesamt betrachtet, nahmen militärische Karrieren von Angehörigen des Ritterstandes einen höchst unterschiedlichen Verlauf. Mit einem Fortschreiten der Karriere entwickelten sich die persönlichen Kontakte in ihrem Umfang und ihrer Intensität, sodass der einst Protegierte selber zum Protegierenden werden konnte.

Der Aufsatz von Denis Saddington stellt den Militär und Historiker Velleius Paterculus in den Mittelpunkt seiner Darstellung. Zum einen betrachtet er ihn, von dessen politischer und militärischer Laufbahn ausgehend und im Vergleich zu anderen überlieferten Karrieren, als Beispiel für die Gruppe der so genannten "professionals" (22) unter den Kommandeuren, deren Vita einen außerordentlichen Verlauf zeigte. Zum anderen wendet sich Saddington dem Historiker Velleius zu und unterzieht das erhaltene Werk einer kritischen Analyse im Hinblick auf die dort verwendete militärische Terminologie. Anhand der Art und Häufigkeit bestimmter militärischer Begriffe lässt sich zum Beispiel zeigen, wie der Autor schon früh die Bedeutung der auxilia für das römische Heer richtig einschätzte.

Lawrence Keppie untersucht in seinem Beitrag die Erinnerung an den Militärdienst aufgrund der überlieferten Grabbauten in der frühen Kaiserzeit. Keppie hebt hervor, dass auf dem Land viele Grabbauten in einem privaten Kontext errichtet wurden, also auf dem eigenen Grund und Boden standen (36). Frühe Soldatengrabsteine waren im Allgemeinen ohne eine militärische Ausschmückung gestaltet. Keppie unterscheidet dabei aber zwischen Veteranen (eher zivile Gestaltungselemente) und im Dienst Verstorbenen (eher militärische). Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst hatte sich im Bewusstsein der Veteranen die Bedeutung des abgeleisteten Militärdienstes relativiert. Zahlreiche Abbildungen veranschaulichen die Ausführungen im Text.

Im vierten Aufsatz widmet sich Werner Eck eingehend den Militärdiplomen. Ausgehend von seinen Schätzungen der Zahl der einst ausgestellten Militärdiplome beschreibt Eck sie als ein "Massenphänomen" ihrer Zeit. Neben der Beschreibung der Herstellung und Publikation der Diplome sowie der damit verbundenen Verwaltungsabläufe zeigt Eck exemplarisch auf, dass der Kaiser selbst in hohem Maße an der den Militärdiplomen jeweils zu Grunde liegenden Konstitution beteiligt war. Darüber hinaus werden Veränderungen in der Gestaltung und Ausführung der Dokumente skizziert. Eck betont, dass dem Militärdiplom neben seiner formal-administrativen auch eine psychologische Funktion innewohnte, erzeugte es doch - allein durch beider Namensnennung - eine Verbindung zwischen dem einfachen Soldaten und dem Kaiser. Unbeantwortet bleibt trotz allem die Frage, warum überhaupt die Ausgabe von Militärdiplomen eingestellt wurde.

Slobodan Dušanić beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedeutung militärische Ereignisse (Aufbruch zum Feldzug oder Bürgerrechtskonstitutionen) zusätzlich erhalten konnten, wenn sie an einem bestimmten Tag des römischen Kalenders stattfanden. Exemplarisch wird der Aufbruch Trajans zum Dakerfeldzug des Jahres 105 angeführt, der am dies festus des Hercules magnus custos stattfand. Die Wahl des Tages sei bewusst im Hinblick auf die imitatio Herculis durch Trajan erfolgt. Dadurch habe ein solches Ereignis für die Öffentlichkeit einen zusätzlichen Sinn erhalten. Propaganda ist nicht der richtige Begriff, um die Bedeutung der Wahl solcher symbolträchtiger Tage hervorzuheben. Dušanić merkt am Ende selber an, dass die beteiligten Personen sich möglicherweise aus religiösen Überlegungen bewusst für den ausgewählten Tag entschieden.

Paul Holder zeichnet in seinem Beitrag die Truppenverteilung der Auxiliareinheiten unter Hadrian anhand eines breiten Spektrums an Quellen nach. Seine nach Provinzen gegliederte Untersuchung verdeutlicht, dass Auxiliareinheiten eine recht hohe Lebensdauer hatten und im frühen 2. Jahrhundert viele Stationierungen noch nicht endgültig festgelegt waren. Zahlreiche Truppenverlegungen, die man aus den Militärdiplomen rekonstruieren kann, lassen sich konkreten politischen Ereignissen zuschreiben. Ein umfangreicher Anhang, in dem die Verteilung der Truppen auf die Provinzen und die wichtigsten Quelle statistisch zusammengefasst werden, rundet die Darstellung ab.

David Breeze greift in seinem Beitrag zum Hadrians-Wall die in der Forschung bis heute nicht abschließend beantwortete Frage auf, woher die Soldaten kamen, die am Wall den Wachdienst verrichteten. Ob sie aus eigenen numerus-Einheiten kamen oder von den im Hinterland stationierten größeren Auxiliareinheiten abkommandiert wurden, kann auch Breeze nicht beantworten. Die Untersuchung der am Wall gefundenen epigrafischen Zeugnisse zeigt vielmehr auf, dass auf den Inschriften, die eindeutig Soldaten zugewiesen werden können, häufiger Legionäre als Auxiliare belegt sind.

Der Beitrag von Valerie Maxfield stellt ein weiteres Gebiet der Epigrafik vor, die Ostraka aus Ägypten. Diese hatten als Beschreibmaterial einen hohen Verbreitungsgrad und zeichnen sich durch einen guten Erhaltungszustand aus. Neufunde der letzten Jahre ermöglichten zum Beispiel die eindeutige Zuordnung von Ortsnamen. Sie informieren weiterhin über die Truppenverteilung, den Rang der kommandierenden Offiziere, die Größe der Garnisonen, die Nachschuborganisation, aber auch über Einzelheiten aus dem zivilen Bereich. Ausgehend von Maxfields bisherigen Arbeiten liegt der geografische Schwerpunkt des herangezogenen Materials in der Region um den Mons Claudianus. Trotz des lokalen Kontextes lassen sich viele Erkenntnisse durchaus von Ägypten auf andere Gebiete des Römischen Reiches übertragen.

Roger Tomlin richtet in seinem Beitrag das Augenmerk verstärkt auf Zeugnisse zum Alltagsleben in einem römischen Garnisonsort. Im Gegensatz zu den Inschriften aus Stein sind es gerade die in Carlisle gefundenen beschriebenen Holztäfelchen, die Einblicke in den Tagesablauf von Soldaten und die Dokumentation von Routine- und Verwaltungsabläufen geben. Anhand von Bescheinigungen über Getreidelieferungen oder einer Waffenverlustliste zeigt Tomlin auf, welche weiterführenden Schlüsse sich daraus ziehen lassen.

Der den Band abschließende Aufsatz von Peter Weiss betont zum einen die Bedeutung der Militärdiplome für viele Bereiche der Alten Geschichte. Zum anderen stellt Weiss die Frage, wie es mit der Dokumentation und Publikation dieser Inschriftengattung nach Roxans Tod weitergeht. Vor dem Hintergrund der ständig wachsenden Zahl an Neufunden und der daraus resultierenden Publikationsmenge kann man nur hoffen, dass seine Anregungen (Fortführung der RMD-Reihe, Ausbau der Dokumentation durch Bildmaterial) Gehör finden.

Allen Aufsätzen gelingt es, im Hinblick auf Zeugnisse über die römische Armee viele interessante Einzelaspekte aufzuzeigen. Von ihrem Charakter her sind fast alle Beiträge als Spezialstudien mit einer regionalen oder zeitlichen Schwerpunktsetzung angelegt. Darüber hinaus zeigen sie aber auch durch die Berücksichtigung eines großen Spektrums an Quellenmaterial, welche weit reichenden allgemeinen Erkenntnisse sich über die römische Armee aus ihnen gewinnen lassen. Insgesamt machen die Beiträge den hohen Grad der Schriftlichkeit im Heer der römischen Kaiserzeit deutlich.

Peter Probst