Rezension über:

David Skuy: Assassination, Politics, and Miracles. France and the Royalist Reaction of 1820, Montreal: McGill-Queen's University Press 2003, XI + 301 S., ISBN 978-0-7735-2457-6, GBP 57,00
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Rezension von:
Bettina Frederking
Paris
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Bettina Frederking: Rezension von: David Skuy: Assassination, Politics, and Miracles. France and the Royalist Reaction of 1820, Montreal: McGill-Queen's University Press 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/7270.html


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David Skuy: Assassination, Politics, and Miracles

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Die französische Restauration ist eine Epoche, die lange Zeit von der Historiografie vernachlässigt wurde und deren Bedeutung in der Geschichte des postrevolutionären Frankreichs erst in jüngerer Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit findet. A priori müsste man deshalb jedes neue Buch über diese Epoche freudig begrüßen.

David Skuy wendet sich in seinem aus einer Dissertation der Universität Toronto hervorgegangenen Buch zwei der spektakulärsten, aber sicher auch folgenschwersten Ereignisse der Restaurationszeit zu: dem am 13. Februar 1820 verübten Attentat auf den Neffen Louis XVIII, Charles-Ferdinand Duc de Berry, das einzige zeugungsfähige Mitglied der Familie und Hoffnungsträger der Dynastie, und der posthumen Geburt seines Sohnes, des Duc de Bordeaux und späteren Comte de Chambord, am 29. September 1820. Der Tod des Prinzen führte zu einer der erbittertsten Debatten der Restaurationszeit, in denen die Frage nach der Natur des postrevolutionären Frankreichs und der Beurteilung der revolutionären Vergangenheit eine zentrale Rolle spielte.

Im Mittelpunkt von Skuys Buch steht die "Royalist Reaction", die Zeit vom Tod des Duc de Berry bis zum Wahlsieg der Royalisten bei den Deputiertenwahlen vom November 1820. Skuys Ziel ist es, eine Neubewertung der "Royalist Reaction" in der Historiografie herbeizuführen. Im Einklang mit der bisherigen Forschung gesteht Skuy zu, dass die auf das Attentat folgende politische Entwicklung mit zum Scheitern der Restauration beitrug. Diese Entwicklung sei jedoch keineswegs zwangsläufig gewesen und lasse sich weder aus dem widersprüchlichen Charakter der Charte ableiten, wie es Pierre Rosanvallon getan habe, noch aus dem von Sheryl Kroen analysierten Legitimationsdefizit des Bourbonenregimes bei der Bevölkerung (15 f.). [1] Vielmehr habe die durch den Tod Berrys in Gang gesetzte Ereigniskette und insbesondere das "Wunder" der Geburt des Duc de Bordeaux den Bourbonen zu einem derartigen Zuwachs an Popularität und Legitimität verholfen, dass er einer "Third Restoration" gleichzusetzen sei.

Seine These versucht Skuy in zwei Schritten zu beweisen. Im ersten, thematischen Teil seines Buches analysiert er drei Faktoren, die den Verlauf der politischen Entwicklung nach dem Attentat entscheidend beeinflusst hätten, nämlich das Wahlsystem, die "Conspiracy mentality" sowie die Natur von Royalismus und Liberalismus. Im zweiten, chronologischen Teil will Skuy durch die Analyse der Ereignisgeschichte der "Royalist Reaction" zeigen, wie die Royalisten und die Dynastie einen derartigen Gewinn aus dem Attentat ziehen konnten.

In Kapitel 1 bestreitet Skuy, dass die Charte a priori unpraktikabel gewesen sei. Die mangelnde Festlegung des Wahlsystems in der Verfassung habe jedoch zu zahlreichen Wahlrechtsänderungen sowie zu "indifference to the symbolic importance of a stable and trustworthy electoral system" (35) geführt. Infolgedessen seien Wahlergebnisse nicht als Ausdruck des Wählerwillens, sondern als Ergebnis von Manipulation seitens der Regierung angesehen worden.

Das von ihm postulierte Misstrauen gegenüber dem politischen System betrachtet Skuy als Grundlage der "Berry-Conspiracy", der royalistischen Interpretation des Attentats als Folge einer liberalen Verschwörung (Kapitel 2). Ihren Ursprung sieht Skuy in der Anklage des ultraroyalistischen Deputierten Clausel de Coussergues, der den Innenminister Elie Decazes und seine Politik der Mitschuld am Tod Berrys bezichtigte. Die ultraroyalistische Verschwörungstheorie habe maßgeblich zum Erfolg der "Royalist Reaction" beigetragen, da sie in größerem Maße an die Ängste von Bevölkerung und Wählern zu appellieren vermocht habe als die liberale Gegenthese, die Ultras benutzten das Attentat als Vorwand, um eine Rückkehr zum Ancien Regime durchzusetzen. Die Glaubwürdigkeit derartiger Verschwörungstheorien erklärt Skuy mit ihrer Geläufigkeit seit der Gegenreformation und insbesondere der Französischen Revolution, aber auch mit der beträchtlichen Anzahl tatsächlicher Verschwörungen während der Restauration.

Als dritten Faktor, der den Verlauf der "Royalist Reaction" erklärt, führt Skuy an, dass die Royalisten sich um Monarchie und katholische Kirche versammeln konnten, während sich die politisch vielgestaltige Linke aufgrund der revolutionären und imperialen Vergangenheit in einer defensiven Perspektive befunden habe (Kapitel 3).

In den folgenden fünf Kapiteln verfolgt Skuy Monat für Monat den Verlauf der "Royalist Reaction" von Februar bis November 1820. In Kapitel 4 (Februar) behandelt Skuy den Rücktritt Decazes und die "panic in the provinces" (107) bei Bekanntwerden des Attentats, die Darstellung des Verbrechens in den Medien, die aus ganz Frankreich an Louis XVIII gesandten Kondolenzadressen und Berrys Begräbnis. In Kapitel 5 (März / April) untersucht Skuy die seiner Meinung nach parallele und komplementäre Entwicklung von politischer und populärer "Royalist Reaction": Während die Kammern die "Ausnahmegesetze" zur Wiedereinführung der Pressezensur und zur Aufhebung der individuellen Freiheit debattierten und verabschiedeten, hätten breite Teile der Bevölkerung an den offiziellen Trauerfeiern für Berry und der Subskription für ein Berry-Denkmal teilgenommen und die offizielle Interpretation des Attentats rezipiert, die Berry als Helden, die Duchesse als tragische Figur des "Good Wife" und Louvel als revolutionären Fanatiker dargestellt hätte.

Kapitel 6 (Juni) ist der Debatte um die die konservative Seite begünstigende Wahlrechtsreform und den gegen sie gerichteten Protesten gewidmet; ein äußerst knapper Einschub behandelt den Prozess Louvels. Das 7. Kapitel (August-September) behandelt erneut die gegen Decazes gerichteten ultraroyalistischen Anklagen, die liberale Verschwörung vom 20. August 1820, die diese im Nachhinein zu rechtfertigen schienen, und die Geburt des Duc de Bordeaux. Das letzte Kapitel analysiert die Feiern zur Geburt des Thronfolgers, die nationale Subskription zum Erwerb des Schlosses Chambord, die Propagierung der Duchesse de Berry als "Good mother" und endet mit dem Wahlsieg der Royalisten bei den Abgeordnetenwahlen im November 1820.

Obwohl sich Skuy gegen Sheryl Kroens Interpretation der Restauration wendet, setzt er sich mit Kroens zentraler, die Restaurationsforschung revolutionierende These, dass die Restauration eben gerade nicht die Allianz von Thron und Altar war, sondern dass beide Institutionen konkurrierende Konzeptionen der Monarchie und Strategien der Vergangenheitsbewältigung vertraten, nur unzureichend auseinander. Laut Skuy verbreiteten Kirche und Staat einmütig die "offizielle" Interpretation des Attentats. Dass Louis XVIII versuchte, die von der Kirche verbreitete "Sühnerhetorik" nach dem Attentat zu verhindern, und zu diesem Zweck ein allgemeines Predigtverbot erließ [2], ist Skuy nicht bekannt. Sein "typischer" Trauergottesdienst (148) ist alles andere als "typisch", da Skuy aus regionalen Départementsquellen für Isère und Haute-Garonne verallgemeinert hat.

Skuys Hauptthese ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Die Belege für die Existenz einer "popular Royalist Reaction" sieht Skuy neben der ikonografischen Verarbeitung des Attentats und der Geburt des Duc de Bordeaux vor allem in den Kondolenzadressen, der massiven Teilnahme an Berrys Begräbnis, dem Erfolg der beiden Subskriptionen sowie den Feiern zu der Geburt von Bordeaux. Man muss sich jedoch fragen, inwieweit es möglich ist, aus diesen Elementen einen Zuwachs der Bourbonen an Legitimität und Popularität bei der Bevölkerung abzuleiten, und in welchem Ausmaß die Reaktion der Bevölkerung auch von offiziellen Erwartungen, sozialem Druck und Eigennutz bestimmt wurde.

Die Teilnahme der Würdenträger des Königreichs an Berrys Staatsbegräbnis lässt sich sicher nicht, wie Skuy behauptet, als Beweis für royalistischen Kampfgeist werten, sondern war eine von persönlichen Überzeugungen unabhängige Verpflichtung. An den Subskriptionen nahmen, wie Skuy selbst belegt, überwiegend Personen teil, die zur Regierung in einem mehr oder weniger starken Abhängigkeitsverhältnis standen. Die Redaktion von Kondolenzadressen zu einer derartigen Gelegenheit war allgemein üblich, worauf auch Skuy hinweist, und wurde insbesondere von Amtsträgern wie Bürgermeistern und Präfekten erwartet, die ein persönliches Interesse daran hatten, den "bon esprit" der ihnen unterstehenden Bevölkerung zu demonstrieren.

Welche Bedeutung Skuy letztendlich der "Royalist Reaction" zuschreibt, ist auch nach der Lektüre des Buches nicht ganz nachzuvollziehen. In der Geburt des Duc de Bordeaux sieht Skuy gleichzeitig "the apex of the Royalist Reaction, inaugurating a third French Restoration", wie "the beginning of the end" (194). Das Postskript, in dem Skuy kurz auf die Feiern zur Taufe von Bordeaux, das Scheitern der Regierung Richelieu und die Machtübernahme der Ultraroyalisten eingeht, sowie einige über das Buch verteilte Bemerkungen zum Zusammenhang von Attentat und Juli-Revolution geben keine überzeugende Antwort auf die Frage, wie es von dieser "dritten Restauration" zum Ende des Bourbonenregimes kommen konnte.

Problematisch ist auch der Aufbau des Buches. Der erste Teil behandelt viele Themen, die im Lauf des zweiten Teils erneut vorkommen; eine Zerstückelung, die zu Wiederholungen führt und ermüdend ist, da erst nach Lektüre des gesamten Buchs sämtliche Informationen zu einem Thema vorliegen (wie zum Beispiel bei der Kontroverse um die Wahl des als "Königsmörder" angesehenen Abbé Grégoire zum Abgeordneten oder bei der Analyse der Ikonografie). Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob es möglich ist, manche Ereignisse einem ganz bestimmten Zeitpunkt zuzuordnen. Die Kondolenzadressen, die an Louis XVIII gesandt wurden, lassen sich ebenso dem Monat Februar zuordnen, wie Skuy es tut, wie den folgenden Monaten.

Skuys an sich fruchtbarer Ansatz, die Wirkung der "Royalist Reaction" in zwei Départements auch auf der regionalen Ebene zu untersuchen, scheint dazu geführt zu haben, die nationale Ebene zu vernachlässigen. Denn nur so lassen sich zahlreiche Lücken und Irrtümer in Skuys Buch erklären.

Besonders deutlich wird das bei Skuys Behandlung des Attentäters Louvel: "Not much is known about him, apart from his occupation" (8). Weder die zahlreichen Vernehmungsprotokolle, noch die Prozessakten, noch die Haftberichte, noch Louvels Verteidigungsrede vor der Cour des Pairs wurden von Skuy zur Kenntnis genommen, obwohl diese Lücke auch ohne Rekurs auf die Archive durch die Forschungsliteratur hätte geschlossen werden können. [3] So enthält das Buch zahlreiche Fehlinformationen zu Louvel (Vorname, Alter, Familienverhältnisse, Datum und Art der Hinrichtung et cetera). Verwundern muss auch, dass Skuy Louvels Prozess vor der Cour des Pairs für eine "banal affair" (168) hält, obwohl dieser Gerichtshof während der Restauration nur sieben Mal einberufen wurde. Gerade die genauere Analyse der Person und Motive Louvels hätte jedoch weiteren Aufschluss darüber geben können, warum Louvel als Handlanger der "révolutionnaires" angesehen werden konnte und inwieweit auch Louvels eigene Aussagen die von Skuy postulierte "Berry-Conspiracy" und Louvels Darstellung als "revolutionärer Fanatiker" nährten.

Auch andere Bereiche bleiben von Irrtümern nicht verschont, von denen nur einige genannt werden können. So vermischt Skuy bei seiner Darstellung der Anklage Decazes' durch Clausel de Coussergues und der Vorlage der Ausnahmegesetze in den Kammern die beiden Sitzungen vom 14. und 15. Februar (104 f.), zitiert die Anklage Clausel de Coussergues' falsch (48 und 105), lässt dagegen Lally-Tollendals Entwurf einer Adresse der Pairskammer, die ein wichtiges Beispiel der "Conspiracy mentality" ist, weg. Skuys Wiedergabe der Debatte um die Kondolenzadresse der Deputiertenkammer ist schlichtweg falsch, da sich nicht die Ultras, sondern die gemäßigten Royalisten und die Linke durchsetzten.

Eine genauere Kenntnis der Archives parlementaires, die manchmal aus zweiter Hand zitiert werden, und des in den Archives nationales vorhandenen Quellenmaterials, sowie eine ausreichende Berücksichtigung der älteren und neueren Forschungsliteratur hätte manche, zum Teil leicht vermeidbare Irrtümer und Unklarheiten ausräumen können.

Flüssig, ja manchmal salopp geschrieben und mit zahlreichen Illustrationen versehen, bietet das Buch dem unbedarften Leser einen Einblick in eine wichtige, vernachlässigte Epoche der französischen Geschichte. Dem Historiker wird jedoch geraten, lieber zu älteren Standardwerken wie Bertier de Sauvigny oder Duvergier de Hauranne zu greifen.


Anmerkungen:

[1] Pierre Rosanvallon: La monarchie impossible. Les Chartes de 1814 et de 1830, Paris 1994; Sheryl Kroen: Politics and Theatre. The Crisis of Legitimacy in Restoration France, 1815-1830, Berkeley / Los Angeles / London 2000.

[2] Bettina Frederking: Auf der Suche nach dem 'wahren' Frankreich: Das Attentat auf den Duc de Berry am 13. Februar 1820, in: M. Einfalt / J. Jurt u. a. (Hg.): Konstrukte nationaler Identität: Deutschland, Frankreich und Großbritannien (19. und 20. Jahrhundert), Würzburg 2002, 35-57.

[3] Um nur einige Titel zu nennen: Jean Lucas-Dubreton: Louvel le régicide, Paris 1923; Laurent Louessard: L'épopée des régicides. Passions et Drames 1814-1848, Montreuil 2000; Gilles Malandain: La conspiration solitaire d'un ouvrier théophilanthrope: Louvel et l'assassinat du duc de Berry en 1820, in: Revue historique 614 (2000), 367-393.

Bettina Frederking