Rezension über:

Wilhelm Füßl / Helmuth Trischler (Hgg.): Geschichte des Deutschen Museums. Akteure, Artefakte, Ausstellungen, München: Prestel 2003, 454 S., 12 Farb-, 52 s/w-Abb., ISBN 978-3-7913-3025-9, EUR 39,95
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Rezension von:
Helmut Lackner
Technisches Museum, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Martina Heßler
Empfohlene Zitierweise:
Helmut Lackner: Rezension von: Wilhelm Füßl / Helmuth Trischler (Hgg.): Geschichte des Deutschen Museums. Akteure, Artefakte, Ausstellungen, München: Prestel 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/6256.html


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Wilhelm Füßl / Helmuth Trischler (Hgg.): Geschichte des Deutschen Museums

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Im Jahr 2003 beging das bei seiner Gründung größte und bis heute bedeutendste Naturwissenschafts- und Technikmuseum sein hundertjähriges Jubiläum. Im Laufe dieser 100 Jahre gelang es dem Museum immer wieder, nach Krisen in neuen Anläufen diese zu überwinden und auf neue Trends pragmatisch und innovativ zugleich zu reagieren. Nicht nur seine Größe, sondern vor allem seine Sammlungen, Ausstellungen sowie die Vermittlungs- und Forschungsarbeit geben vergleichbaren Einrichtungen weltweit immer wieder neue Standards vor. Ein Haus dieser Größe hat aber immanente Probleme. Es reagiert manchmal träge und mit einer gewissen Verzögerung auf neue Entwicklungen, dann aber nachhaltig und prägend, vergleichbar einem großen Ozeandampfer.

Zum Jubiläum wurde neben der Eröffnung eines weiteren Zweigmuseums, dem Verkehrszentrums in den ehemaligen Münchner Messehallen, auch Bilanz gezogen. Das Museum legte vorerst einen vom Generaldirektor herausgegebenen großformatigen Bild-Text-Band vor. Die wissenschaftlichen Vorarbeiten mündeten in zwei Sonderbänden zur Sammlungspolitik der Gründungszeit und zum Wiederaufbau nach 1945. [1]

Mag man den ersten Band als eigentliche Festschrift im konventionellen Sinn bezeichnen, so intendierten die Herausgeber der hier zu besprechenden, umfassenden Museumsgeschichte eine reflektierende "kritische Festschrift". Wie im Vorwort ausgeführt, sollten die 15 Autoren die Geschichte des international führenden Technikmuseums vor dem Hintergrund der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlich-technischen Entwicklung darstellen. Die Verknüpfung der historisch-institutionellen mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung als Grundthese führte zu einer inhaltlichen Zweiteilung. Fünf Beiträge (45-218) behandeln mit der Organisation, den Ausstellungen und Sammlungen zentrale Handlungsebenen in Großepochen. Weitere fünf Beiträge (219-398) widmen sich ausgewählten Aufgabenfeldern des Museums: der Chemie, dem Bergbau, der Schifffahrt, der Forschung und dem Museum als öffentlichen Raum. Als Rahmen sind diesen zentralen Teilen ein interner Blick von Wolf Peter Fehlhammer vor- und eine externe Bewertung der Vorbildwirkung des Museums von Bernhard S. Finn nachgeordnet. Den Band beschließt ein umfangreicher Anhang (Chronik, Ausstellungen, Exponat- und Buchbestände, Referenten, Literatur, Register).

Fehlhammer, seit 1993 Generaldirektor, zieht eine kritische Bilanz. Das klassische Medium Ausstellung habe angesichts steigender Ansprüche seine Grenzen erreicht. Das Museum der Zukunft ist für ihn ein offenes, kontextorientiertes Haus im Dialog mit seinen Besuchern. Allen bisherigen neuen Beispielen, wie unter anderem Mannheim und dem ehemaligen Museum of American History, stellt er ein vernichtendes Zeugnis aus, einschließlich dem eigenen Verkehrszentrum, dessen Konzept die Kontextualisierung vermissen lasse (24). Seine Hoffnungen konzentrieren sich auf das geplante "Zentrum Neue Technologien" auf der Museumsinsel. Mit dem Fokus auf Informationstechnologie, Molekularbiologie und Nanotechnologie will das Museum wieder einmal den Anschluss an die aktuelle Technikentwicklung schaffen.

Zur Vorgeschichte und den Voraussetzungen der Gründung durch Oskar von Miller rechnet der Technikhistoriker Wolfhard Weber die Welt- und Industrieausstellungen sowie die Hygiene- und Unfallschutzmuseen, auch wenn diese vorerst ausgeklammert wurden und Miller sich auf die Präsentation der auf den Naturwissenschaften basierten Technik konzentrierte. Der Berliner Maschinenbauprofessor Alois Riedler hat sich dazu kurz danach (erfolglos) kritisch geäußert. Auf den ersten Blick in Kontrast dazu erfolgte 1930 die Eröffnung der auf dem Hygienekonzept basierenden Ausstellungseinheiten Hochbau, Gas, Wasser, Elektrizität und Beleuchtung. Die Musealisierung der Technik ging jedoch auch Hand in Hand mit ihrer Popularisierung und das Museum verstand sich als Vermittler zwischen Hersteller und Anwender. Das vermittelte Technikbild definierten aber ausschließlich die Ingenieure.

Wilhelm Füßl, Leiter der Museumsarchive, ortet gravierende Forschungsdefizite: weder zum Gründer des Freilichtmuseums Skansen in Stockholm Artur Hazelius und zum Gründer des Technischen Museums in Wien Wilhelm Exner noch zu Miller liegen wissenschaftliche Biografien vor. Füßl kündigt eine solche zu Miller für 2005 an. Weitgehend bekannt ist dessen Geschick und Zähigkeit in der Einbindung von Vereinen und Personen, einschließlich Kaiser Wilhelm II., für seine Zwecke. Eine Erklärung, warum trotzdem der 1909 begonnene Neubau erst 1925 eröffnet werden konnte - vor allem im Vergleich mit Wien (1909 Grundsteinlegung, 1913 Fertigstellung, Mai 1918 Eröffnung) -, bleibt Eve Duffy in ihrem Aufsatz, umfassend die Jahre 1925 bis 1944, schuldig. Unter dem Druck der seit 1930 verstärkten politischen Einflussnahme resignierte Miller im Mai 1933. An seine Stelle trat bis 1953 der damals dreiundsechzigjährige Jonathan Zenneck. Das Museum zog sich defensiv zurück. Jedenfalls bleibt seine Geschichte nach 1940/41 weitgehend im Dunkel. Otto Mayr, der über den Wiederaufbau schreibt, erwähnt lapidar, dass sich die Entnazifizierung bis 1948 hinzog (156). Der Wiederaufbau sollte bis um 1970 dauern. Damals erhielt das Museum erstmals einen Generaldirektor, erreichte mit 50.000 m2 die Ausstellungsfläche der Vorkriegszeit, eröffnete die neue, inszenierte und kontextorientierte Landverkehr-Abteilung und errichtete eine Hauptabteilung Bildung und Öffentlichkeit.

Seit damals steht auch eine seit der Gründung prägende Wachstumsphilosophie mit einem bis in die Gegenwart ungebremsten Expansionsstreben als Antwort auf den permanenten Wandel im Vordergrund: 1984 wird die neue Luft- und Raumfahrthalle, 1992 das Flugmuseum Schleißheim, 1995 das neue Zweigmuseum, das Deutsche Museum Bonn, und 2003 das Verkehrszentrum eröffnet. Ob sich das Museum damit und mit Organisationsänderungen nach Gutachten von McKinsey den "Herausforderungen des modernen Kulturmanagements und der wachsenden Komplexität und Beschleunigung des wissenschaftlichen und technischen Wandels" stellte (188), wie Eva A. Mayring behauptet, ist im Hinblick auf das "Kulturmanagement" zu hinterfragen.

Das Konzept des Sammelbandes mit 15 Autoren hat seine Schwächen. Wiederholungen sind unvermeidlich und der "rote Faden" muss aufgrund unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen aus den Einzelbeiträgen rekonstruiert werden. Das betrifft insbesondere den ersten Abschnitt zur Museumsgeschichte. Oft lässt sich erst aus einzelnen Teilen ein neues Puzzle zusammenstellen. Miller hat, so wie Exner, offensichtlich weniger neu erdacht, als Vorhandenes zusammengefügt. Das oft kopierte Konzept der historischen "Ensembles" brachte er 1914 aus Stockholm mit; ein Alchemistenlabor und ein Liebig-Labor sahen bereits die Besucher der Weltausstellung in St. Louis; ein begehbares Schaubergwerk gab es nicht nur, wie Klaus Freymann erwähnt, auf der Weltausstellung in Paris 1900, sondern ein solches sah Peter Tunner 1870 in der Bergakademie in St. Petersburg; den pädagogischen Anspruch und die Ausrichtung auf Popularisierung hatte bereits die Berliner Urania entwickelt und dass sich München durch Bibliothek und Archiv von den Museen in Paris und London unterschied, wie Wilhelm Füßl behauptet (68), widerlegt Helmut Hilz später mit dem Hinweis auf die 1883 gegründete Bibliothek im Science Museum, die um 1930 sogar größer als jene in München war (345).

Seine internationale Bedeutung und Einzigartigkeit verdankt das Deutsche Museum, abgesehen von seiner Größe, zwar auch diesen einzelnen Elementen, aber als Institution insgesamt vor allem der Strategie, "wie diese Elemente miteinander verknüpft sind", so ein Resümee von Bernhard S. Finn in seiner Analyse von außen (397). Man wünscht sich beim Lesen oft, mehr von dieser "Verknüpfung" zu erfahren, ebenso vom Einfluss der Industrie, der nur kurz beim Verkehrszentrum mit BMW als Partner erwähnt wird (208) und weniger Eigenlob und Superlative (324, 343). Das hat das Deutsche Museum nicht nötig.


Anmerkung:

[1] Ulf Hashagen / Oskar Blumtritt / Helmuth Trischler (Hrsg.): Circa 1903. Artefakte in der Gründungszeit des Deutschen Museums (= Abhandlungen und Berichte, Neue Folge, Band 19). München 2003; Otto Mayr: Wiederaufbau: Das Deutsche Museum 1945-1970 (= Abhandlungen und Berichte, Neue Folge, Band 18). München 2003.

Helmut Lackner