Rezension über:

Karen Nolte: Gelebte Hysterie. Erfahrung, Eigensinn und psychiatrische Diskurse im Anstaltsalltag um 1900 (= Geschichte und Geschlechter; Bd. 42), Frankfurt/M.: Campus 2003, 351 S., ISBN 978-3-593-37379-9, EUR 39,90
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Rezension von:
Sylvelyn Hähner-Rombach
Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Maren Lorenz
Empfohlene Zitierweise:
Sylvelyn Hähner-Rombach: Rezension von: Karen Nolte: Gelebte Hysterie. Erfahrung, Eigensinn und psychiatrische Diskurse im Anstaltsalltag um 1900, Frankfurt/M.: Campus 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/4334.html


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Karen Nolte: Gelebte Hysterie

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Karen Noltes Dissertation, die im Rahmen des Graduiertenkollegs "Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse. Dimension von Erfahrung" der Universitäten Kassel und Frankfurt entstanden ist, liefert einen Beitrag zur Geschichte der Hysterie, dessen Fragestellung den Rahmen dazu bisher erschienener Arbeiten überschreitet. Zum einen geht sie über eine reine Auswertung medizinischer Diskussionen über Hysterie hinaus, indem sie untersucht, "wie diese Diskurse in der psychiatrischen Praxis und in subjektiven Krankheitswahrnehmungen genutzt wurden" (7). Zum anderen bezieht sie in ihre Untersuchung Frauen der Unter- und Mittelschichten mit ein, während bislang überwiegend die Hysterie der Frauen gehobener Schichten analysiert wurde. Gleichzeitig liefert die Arbeit einen Beitrag zur Geschichte der psychiatrischen Wissenschaft und der modernen Anstaltspsychiatrie.

Ausgehend von der Gleichzeitigkeit verschiedener medizinischer Diskurse über Hysterie, will Nolte herausfinden, welche Konzepte von Hysterie, Körper und Geschlecht von den Praktikern, also Anstaltspsychiatern, auf der einen Seite und von den Patientinnen und gegebenenfalls deren Angehörigen auf der anderen Seite übernommen wurden. Basis ihrer Untersuchung sind Krankenakten von 236 Patientinnen der Landesheilanstalt Marburg (gegründet 1876), die zwischen 1876 und 1918 wegen Hysterie oder nervöser Leiden dort untergebracht waren. Von diesen 236 Fällen wurden 90 einer eingehenden Analyse der Krankheits- und Lebensgeschichte unterzogen. Ziel war es, die "subjektiven Wahrnehmungen, Erfahrungen und Aneignungsprozesse" (8) zu eruieren, um die "in der gegenwärtigen geschichtswissenschaftlichen Debatte vorherrschende Dichotomie von 'Diskurs' und 'Erfahrung'" (9) aufzubrechen. Darüber hinaus soll dem "bislang weitgehend unerforschten Verhältnis von Öffentlichkeiten, Krankheitszuschreibungen und subjektiver Krankheitswahrnehmung" (9) nachgegangen werden. Daneben geht es um einen Einblick in die Verhältnisse einer psychiatrischen Anstalt, um der "Innenperspektive" der Patientinnen und der Angestellten der Anstalt auf die Spur zu kommen.

Einleitend werden die hier skizzierte Fragestellung und ein Forschungsüberblick mit dem Schwerpunkt Entwicklung und Paradigmen der Historiografie der Hysterie ausgeführt. Grundlegende Thesen sind für Noltes Untersuchung "1. die misogyne Struktur der Konzeptionen von Hysterie, 2. die Nonkonformität und Widerständigkeit des Verhaltens von Hysterikerinnen, 3. Hysterie als nonverbale Artikulation kulturellen Unbehagens und 4. Hysterie als sozial und kulturell konstruierte Krankheit" (16). Noltes Verständnis von "Erfahrung" lehnt sich an Alf Lüdtke (1994) an, um die Ohnmacht-Macht-Dichotomie, die die Diskussionen über die Geschichte der Hysterie lange geprägt hat, zu durchbrechen. Methodisch ließ sie sich von Clifford Geertz' "dichter Beschreibung" anregen in ihrem Versuch, die verschiedenen Schichten von Bedeutungen aus den Quellen herauszulesen und zu analysieren. Dabei werden ihre Quellen, die auch literarische Texte umfassen können, "dialogisch" gelesen.

Im zweiten Kapitel stellt die Autorin das Reformkonzept der Irrenheilanstalt Marburg vor. Dazu gehört die Darstellung der Entwicklung der Marburger Anstalt bis zum Ersten Weltkrieg und der Anstaltspsychiatrie im Allgemeinen. Daran anschließend wird der Anstaltsalltag hinsichtlich Intimität, Privatheit und Geheimnis beleuchtet. Das vierte Kapitel über "'Antipsychiatrie' um 1900" zeigt den Kontext für die Anstrengungen der Reformpsychiater, in der Öffentlichkeit und damit bei den (potenziellen) Patientinnen und deren Angehörigen Vertrauen in ihre Institutionen zu schaffen. Denn dies war gerade bei der Behandlung von "Hysterikerinnen" besonders wichtig. Die Hysteriekonzepte werden - in ihrer historischen Entwicklung - im fünften Kapitel dargestellt. Dabei bezieht Nolte auch die Konzepte der männlichen Hysterie mit ein. Das sechste Kapitel behandelt die um 1900 nach der Hysterie häufigste Nervenkrankheit, die Neurasthenie, ebenfalls unter geschlechtsspezifischen Aspekten. Auch hier wird zunächst der wissenschaftliche Diskurs erläutert, bevor die Neurastheniekonzepte der Marburger Anstalt vorgestellt werden, "untermalt" von Beispielen aus den Krankenakten. Sehr gut ist meines Erachtens der Einschub über die Frage der "weiblichen 'Rentenneurose'", in dem es um Neurasthenie als Berufskrankheit, dargestellt am Beispiel der Telegrafengehilfinnen, geht.

Das siebte Kapitel beinhaltet die Krankengeschichte der Schriftstellerin Sophie Junghans. Man kann sich fragen, warum die an sich sehr interessante Krankengeschichte an dieser Stelle eingefügt wurde, aber sie bietet ein Beispiel für das Konstrukt der literarischen Kranken und der (vermuteten) Aneignung dieses Konstrukts durch die Kranke. Im Anschluss daran geht es um den zeitgenössischen Diskurs über die nervlichen Auswirkungen ungeeigneter und ausschweifender Lektüre bei Frauen und um die (vermeintlichen) Folgen der "geistigen Überbürdung" am Beispiel von zwei Lehrerinnen, die in der Marburger Anstalt untergebracht waren. Das neunte Kapitel über "Erotik, Sexualität und Hysterie" behandelt unterschiedliche Hysterie-Konzepte des relativ jungen Berufsstands der Psychiater und der konkurrierenden Gynäkologen. Auffällig ist, dass sich die Marburger Anstaltspsychiater extrem wenig für das Sexualverhalten ihrer Patientinnen zu interessieren schienen, wenn es um die Abfassung von Gutachten oder um die universitäre Lehre ging. Nolte interpretiert dies als "fachliche Distanzierung dieser Psychiater zu der auf Genitalorgane fixierten, sexualwissenschaftlich sowie psychoanalytisch ausgerichteten Hysterielehre" (249). In den so genannten "Tagesnotizen" wurden sie dagegen regelrecht "geschwätzig", was die Sexualität ihrer Patientinnen anging. Der "Stehltrieb" wird in seiner Entwicklung zur "nervösen Kleptomanie" in einem eigenen Unterkapitel behandelt, da der mit der Einrichtung der neuen Warenhäuser zunehmende Diebstahl im zeitgenössischen Diskurs mit der weiblichen Sexualität in Verbindung gebracht wurde.

Das zehnte Kapitel schließlich widmet sich dem Konzept des "hysterischen Charakters", der mit der Tendenz zum Lügen, Verleumden und Intrigieren in Verbindung gesetzt wurde. Am Beispiel einer Klavierlehrerin, die einen Nachbarn des sexuellen Übergriffs angeklagt hatte und ihrerseits mit der Anklage eines Meineids bedroht wurde, und einer Arztehefrau, die ihren Mann öffentlich verleumdet haben sollte, geht Nolte den zeitgenössischen Diskursen über den "hysterischen Charakter" nach und konfrontiert diese mit aktuellen feministischen Diskussionen über sexuelle und körperliche Gewalt.

Karen Nolte hat in der Tat sehr viele Facetten und Aspekte der Geschichte der Hysterie aufbereitet. Es ist ihr gelungen, aufzuzeigen, wie die Hysterie-Diskurse in der psychiatrischen Praxis umgesetzt wurden, und eine Innenperspektive auf die Verhältnisse der Marburger Anstalt zu eröffnen. Mitunter fällt es allerdings schwer, ihren Interpretationen der Reaktionsweisen der betroffenen Frauen zu folgen, etwa, wenn diesen eine "Strategie" unterstellt wurde. So schreibt sie, um ein Beispiel zu nennen, im Kapitel zur Kleptomanie über eine Näherin: "Vermutlich waren Alwine B. die Erkenntnisse der sexualwissenschaftlich ausgerichteten psychiatrischen Lehre vertraut, da sie einen Zusammenhang zwischen den generativen Funktionen und dem krankhaften Stehltrieb herstellte" (265). Dies erscheint nicht unbedingt plausibel: Wie sollte eine Näherin um die Jahrhundertwende in der Lage sein, sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen "vertraut" zu machen und diese dann gezielt einzusetzen? Solche manchmal etwas kühn erscheinenden Interpretationen schmälern jedoch die Substanz der Arbeit keineswegs.

Sylvelyn Hähner-Rombach