Rezension über:

Franceso Cossiga: Per carità di patria. 12 anni di storia e politica italiana 1992-2003, a cura di Pasquale Chessa, Mailand: Mondadori 2003, 325 S., ISBN 978-8804511434, EUR 17,00
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Rezension von:
Amedeo Osti Guerrazzi
Rom
Empfohlene Zitierweise:
Amedeo Osti Guerrazzi: Rezension von: Franceso Cossiga: Per carità di patria. 12 anni di storia e politica italiana 1992-2003, a cura di Pasquale Chessa, Mailand: Mondadori 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/4147.html


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Franceso Cossiga: Per carità di patria

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Wer - vor allem als Ausländer - wissen möchte, wie in Italien Politik gemacht wird, kann ruhigen Gewissens darauf verzichten, Francesco Cossigas Buch zu lesen. Denn hier rekonstruiert einer der zentralen Akteure die politische Geschichte Italiens in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts gleichsam von innen her und nimmt dabei laufend Bezug auf Ereignisse, Fakten und Personen, die nur Eingeweihten geläufig sind. Andererseits macht dieses Buch deutlich - und wiederum wird dies vor allem Ausländern auffallen -, wie sehr die italienische Politik mittlerweile von Machiavellismus und Byzantinismus durchdrungen ist.

Francesco Cossiga ist ein Dinosaurier der italienischen Politik. Unzählige Male Staatssekretär oder Minister, bekleidete er in den Siebzigerjahren das Amt des Innenministers. Dabei war er vor allem der Linken ausgesprochen verhaßt; an den Wänden konnte man nicht selten den Spruch lesen: "Kossiga Mörder", wobei das im Italienischen wenig geläufige K für die preußische Härte stand, mit der der Minister für gewöhnlich missliebigen oder gar gewalttätigen öffentlichen Protest unterdrücken ließ. Er war noch Innenminister, als der designierte Ministerpräsident Aldo Moro von den Roten Brigaden entführt und nach 55 Tagen ermordet wurde - 55 Tage, in denen die Cossiga unterstehenden Sicherheitsorgane eine Kostprobe ihrer geradezu unglaublichen Ineffizienz gaben. Die Unzulänglichkeit der Geheimdienste ließ sogar den Verdacht aufkommen (und diese Zweifel sind bis heute nicht vollständig ausgeräumt), dass man Aldo Moro absichtlich von den Terroristen habe töten lassen, um ihn zum einen daran zu hindern, eine Regierung zu bilden, in der auch die Kommunisten vertreten gewesen wären, und weil er zum anderen nach seiner Freilassung durch sein Wissen um die geheimen Hintergründe eine Art von "wandernder Mine" gewesen wäre. Cossiga musste im Zuge der Affäre um Aldo Moro zwar als Innenminister zurücktreten, wurde aber gleichsam zum Dank für sein Krisenmanagement mit dem höchsten Staatsamt Italiens abgefunden - man machte ihn zum Präsidenten der Republik.

Die Jahre, die Cossiga in seinem Buch beschreibt, sind nicht zuletzt die seiner siebenjährigen Amtszeit als Staatspräsident, an deren Ende 2001 die Geburt der zweiten Regierung Berlusconi stand. Es waren Schlüsseljahre der Republik, die seit 1992 von einer Krise erschüttert wurde, an deren Ende der Zusammenbruch des seit 1962 von Christdemokraten und Sozialisten beherrschten politischen Systems stand. Man sieht zumeist nur die innenpolitische Negativbilanz des christdemokratisch-sozialistischen Kondominiums, doch darf auch nicht vergessen werden, dass es eben dieses Kondominium war, das für die Westbindung Italiens stand und die absolute Treue des geostrategisch bedeutsamen Mittelmeerlandes zur NATO garantierte.

Der Fall der Berliner Mauer und eine verheerende Wirtschaftskrise waren entscheidende Voraussetzungen dafür, dass unter dem Eindruck einer Serie von Skandalen eine der korruptesten und ineffizientesten politischen Klassen des Westens von den Bühnen der Macht gefegt wurde und dass mit dieser auch die alte Democrazia Cristiana von der Bildfläche verschwand, zu deren einflussreichsten Vertretern Cossiga gehörte. Mit dem Ende der so genannten Ersten Republik kam auch das Ende des von der Mitte her - das heißt mit anderen Worten: von der Democrazia Cristiana - bestimmten Parteiensystems, an dessen Stelle ein neues Parteiensystem mit der von Berlusconi 1996 aus der Taufe gehobenen Partei Forza Italia und den Postkommunisten (Democratici di Sinistra) als wesentlichen Exponenten trat. Die Sehnsucht nach dem implodierten politischen System der Ersten Republik und ein Politikverständnis, in dem kein Platz für eine Kontrolle der Regierenden durch die Regierten ist, durchziehen Cossigas Buch wie ein roter Faden. So läßt Cossiga auch keine Gelegenheit aus, um Breitseiten von Anspielungen auf alle Gegner der alten politischen Klasse abzufeuern und diese als Feinde der von ihm verkündeten "Erneuerung" zu brandmarken, einer Erneuerung, die in der Wiedergeburt der alten Democrazia Cristiana ihren Ausdruck finden würde. So beschreibt er die Richter aus Mailand, die er beschuldigt, mit ihren Untersuchungen den Zusammenbruch des politischen Systems der Ersten Republik verursacht zu haben, als Revolutionäre und Jakobiner. Der Richter Antonio Di Pietro, eine Symbolfigur dieser Zeit, wird als ebenso arroganter wie ignoranter Inquisitor abgeurteilt. Die Mafia, dieses auch und vor allem wegen seiner politischen Verbindungen (insbesondere zu christdemokratischen Kreisen) prosperierende Krebsgeschwür in der italienischen Gesellschaft, ist für Cossiga dagegen kaum mehr als eine Ansammlung gewöhnlicher Krimineller. Auch für die führenden Vertreter der Zivilgesellschaft und ihren Kampf gegen die Mafia findet Cossiga kein lobendes Wort; er versucht sie im Gegenteil durch "Zeugnisse" von Personen wie des großen sizilianischen Schriftstellers Leonardo Sciascia und des Richter Falcone aus Palermo in ein schlechtes Licht zu rücken - Personen, die über jeden Zweifel erhaben sind, aber nicht widersprechen können, da sie bereits tot sind. Die Korruption unter den Politikern wird dagegen zu einem notwendigen Übel bagatellisiert; wer sich dem widersetze, sei ein Illusionär und Idealist.

Cossiga plaudert zwar aus dem Nähkästchen, so könnte man bilanzieren, der Hintergrund der italienischen Politik wird dabei jedoch nicht ausgeleuchtet, weil sich der ehemalige Staatspräsident in schwer verständlichen Anspielungen ergeht, auf Fakten rekurriert, die nur wenigen bekannt sind, und weil er es dem Leser dadurch nicht erleichtert, seinen Ausführungen zu folgen. Überdeutlich wird dabei nur eines: die Dekadenz einer herrschenden Klasse und die Verwilderung der italienischen Politik.

Amedeo Osti Guerrazzi