Rezension über:

Dirk Meier: Bauer / Bürger / Edelmann. Stadt und Land im Mittelalter, Stuttgart: Thorbecke 2003, 264 S., 30 Abb., ISBN 978-3-7995-0115-6, EUR 22,90
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Rezension von:
Thomas Meier
Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Meier: Rezension von: Dirk Meier: Bauer / Bürger / Edelmann. Stadt und Land im Mittelalter, Stuttgart: Thorbecke 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/4010.html


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Dirk Meier: Bauer / Bürger / Edelmann

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Wer liest schon Vorworte? Nun, in diesem Fall ersparen die nicht einmal zwei Seiten dem Leser manche Überraschung und manch Missverständnis. Denn kurz und präzise legt Dirk Meier dar, worum es ihm geht. Das Wichtigste zuerst: Der Autor ist Archäologe, kein Historiker im klassischen Sinn. Längst hat er sich in der interdisziplinären Siedlungsforschung vor allem an der deutschen Westküste einen Namen gemacht und unter anderem das EU-Projekt "Wege zur Kulturlandschaft" mit initiiert. [1]

Dirk Meier stellt in seiner Betrachtung "die funktionalen Zusammenhänge zwischen Mensch und Umwelt, Stadt und Land" ins Zentrum (5). Er konzentriert sich also auf die Wirtschafts- und vor allem auf die Umweltgeschichte. Einerseits reiht er sich so in einen neuen, boomenden Forschungszweig ein, doch indem er sich dem Mittelalter widmet, zählt er andererseits zu einer kleinen Minderheit. Denn überblickt man die Literatur in diesem Metier, so konzentriert sich die Forschung deutlich auf die Frühe Neuzeit. [2] Das liegt nicht zuletzt an den Quellen: Erst mit dem Ende des Mittelalters werden Schriftzeugnisse derart zahlreich und eloquent, dass sie eine detaillierte Annäherung an den ländlichen Raum erlauben. Für ältere Perioden bleiben sie vereinzelt und beleuchten schlaglichtartig einzelne Episoden, deren allgemeine Relevanz im Dunkeln liegt.

Für Meier allerdings zählen Schrift- und Bildzeugnisse nur als zwei unter vielen Quellen. Gemäß seiner Profession stützt er sich zuerst auf archäologische Untersuchungen und damit auf Sachquellen. Interdisziplinär, wie moderne Siedlungsarchäologie betrieben wird, sind das nicht nur Baustrukturen und Kleinfunde, sondern ebenso botanische Reste, Tierknochen, Bodenprofile und so weiter. Damit gelingt es ihm, ein ebenso facettenreiches, umfassendes wie spannendes Bild mittelalterlichen Lebens zu skizzieren.

Eingangs - gleich einem Tribut an die traditionelle Geschichtsschreibung - referiert der Autor knapp die Dreiteilung der mittelalterlichen Gesellschaft und den Feudalismus als Lebensrahmen, nicht ohne auf deren höchst theoretischen Charakter und die weitaus komplexere, vielen Wandlungen unterworfene Realität von Ministerialen, innerdörflicher Hierarchisierung und so weiter hinzuweisen. Und dann geht es auch schon mitten hinein in die Realien: Rodung und Holzknappheit, Landesausbau und Ostsiedlung, Dreifelder-, Plaggen- und Almwirtschaft sowie Haus-, Deich- und Wurtenbau erschließen auf etwa neunzig Seiten den ländlichen Siedlungsraum. Denn vom Land her, wo der größte Teil der mittelalterlichen Bevölkerung lebte und das in den Schriftquellen so schemenhaft bleibt, erschließt Meier sein Thema. Erst dann wendet er sich Kirchen und Klöstern, Burgen und Pfalzen sowie schließlich den Städten zu. Knapp berichtet er jeweils den bekannten historischen Rahmen, um den Schwerpunkt dann auf die Wechselbeziehung mit dem Land zu legen: Abgaben und Landesausbau bei den Klöstern, Wirtschaftshöfe und Servitien bei den Pfalzen, Marktfunktion und Kaufmannschaft schließlich in den Städten. Dazwischen werden anschauliche Beispiele archäologisch gut untersuchter Anlagen eingeflochten. Logisch setzt sich der Reigen mit den Verkehrswegen fort, denn was in Klöstern und Zehntscheuern abgeführt, auf dem Markt verhandelt werden sollte, musste dorthin und wieder von dort weg transportiert werden. Ausführlich würdigt Meier den Schiffsbau und seine zahlreichen Innovationen, während der Landtransport dauerhaft ein mühseliges und schlammiges Geschäft geblieben zu sein scheint. Dem technischen Fortschritt, so im Agrarbereich und vor allem im Bergbau, ist ein weiteres Kapitel gewidmet, zumal er oft archäologisch weit besser und früher zu fassen ist als durch andere Quellen.

Mit dem Bergbau und seinen ökologischen Folgen leitet Meier schließlich zu einem sehr eigenen Kapitel über. Unter der Überschrift "Am Ende?" beleuchtet er die "Wachstumsgrenzen" des Mittelalters. Sie sind durch ökologische Katastrophen markiert, oft (auch) anthropogener Natur etwa als Resultat unangemessener Bewirtschaftung. Deutlich schlägt hier der Fortschrittsskeptizismus unserer eigenen Zeit durch. Klar bekennt sich der Autor zu dieser Sicht und blickt abschließend auf die heutige Kulturlandschaft: Stringent zeigt er, wie mit der Verstetigung der Siedlungsplätze im Lauf des Mittelalters die Grundlagen der heutigen Raumstrukturen fixiert wurden. Das Mittelalter verliert damit viel von seiner Distanz und wird plötzlich auf Schritt und Tritt unmittelbar erfahrbar. Das bleibt keineswegs Rhetorik, sondern Meier klinkt sich in die aktuelle Diskussion des Umwelt- und Denkmalschutzes über Pflege und Entwicklung historischer Kulturlandschaften ein. Wichtig und vom Autor vielfach belegt ist hier nicht zuletzt der Hinweis, dass entgegen einer historisierenden Naturschutzromantik das Mittelalter seine Landschaften ebenso wenig pflegte, sondern bewirtschaftete, wie wir es heute tun. Vorbildlich oder gar im Einklang mit der Natur war die mittelalterliche Mensch-Umwelt-Beziehung daher nicht, aber zum Verständnis unserer heutigen Landschaften und Raumstrukturen ist sie unerlässlich.

Angesichts der Kürze des Buches bleibt Vieles holzschnittartig. Dem Spezialisten werden Wenn und Aber und wichtige Details zu "seinem" Kapitel einfallen. Der gestrenge Methodiker mag bemängeln, dass die verschiedenen Quellengattungen nicht vorgestellt und gegeneinander abgewogen werden - vom fehlenden Anmerkungsapparat ganz zu schweigen. Doch diese Kritik ginge an der Intention Meiers vorbei, der auf breiter Basis Interesse am Mittelalter wecken möchte. Allenfalls wäre hier aus oberdeutscher Perspektive zu bemäkeln, dass die Küstenforschung als genuines Arbeitsfeld Meiers stets deutlich spürbar bleibt. Der Autor ist sich dieser maritimen Perspektive bewusst und versucht, mit einem eigenen Kapitel zur alpinen Wirtschaft gegenzusteuern. Damit klammert er seine Betrachtung freilich zwischen zwei Extremräume (Wattenmeer - Hochalpen), die strukturell gar nicht so unähnlich sind. Im Ergebnis bleiben weite Teile Mitteleuropas, die weniger naturräumlichen Besonderheiten und Risiken ausgesetzt waren, etwas im Schatten.

Alles in allem ist das Buch für den wirtschafts- und umweltgeschichtlich interessierten Historiker eine große Bereicherung, erschließt es doch Perspektiven mittelalterlichen Lebens, die bei aller Forschung der letzten Jahre auf Basis der Schrift- und Bildquellen kaum zu fassen sind. Meiers Fokus auf den materiellen Quellen erweitert daher das Bild vom Mittelalter beträchtlich. Er sollte als großer Pluspunkt betrachtet werden, der dem Historiker jenseits archäologischer Spezialliteratur den Zugang zu diesem Blickwinkel erleichtert. [3] Für den Archäologen ist es eine kompakte Zusammenstellung des aktuellen Forschungsstandes, dem man viele Jahre intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema ansieht. Für den interessierten Laien schließlich ist das Buch eine spannend zu lesende, farbige Einführung in die Parameter des mittelalterlichen Alltags jenseits der Herrscher- und Ereignisgeschichte. Den Wunsch des Autors, sein Buch möge nicht "erschöpfend" sein, sondern "Denkanstöße geben" (6), erfüllt es in jedem Fall.

Bedauerlich allein, dass die Bebilderung mit der Qualität des Textes in keiner Weise mithält. Das ist freilich nicht dem Autor anzulasten, denn sorgsam ausgewählt wären die 30 Abbildungen eigentlich von hohem illustrativen Wert für das Verständnis des Buches. Doppelt schade daher, dass der Verlag daraus nichts zu machen wusste: Briefmarkengroß und in den Grauwerten versumpft sind sie ein echtes Ärgernis. Warum werden sie dem Leser vorenthalten? Platz stünde doch ausreichend zur Verfügung. Offenbar sind dem Verlag Leser und Käufer aus dem Blick geraten: Bilder sollten zunächst einmal das Verständnis unterstützen, erst dann sind sie Gestaltungsmittel. Wo sie wie hier zu Miniaturen zusammen geschoben werden, haben sie Sinn und Zweck verloren.

Dass es auch anders geht, hat Meier fast zeitgleich mit dem Theiss-Verlag vorgeführt [4]: Konzentriert auf das Siedeln in extremen Landschaften, also am Meeresrand und im Gebirge, finden sich wesentliche Inhalte des hier besprochenen Buches wieder. Diesmal allerdings mit zahlreichen brillanten Farbbildern illustriert, die dem Text entscheidende Eindrücke der behandelten Landschaften zur Seite stellen. Warum hat man dieses wesentliche Potenzial bei Thorbecke verspielt?


Anmerkungen:

[1] Vgl. http://www.pcl-eu.de/ [30.9.2004].

[2] Vgl. etwa den Überblick im Juli-Forum der sehepunkte "Ländliche Gesellschaft in der Vormoderne" http://www.sehepunkte.de/2004/07/lg.html [30.9.2004].

[3] Anders dagegen Chr. Deutsch: Rezension zu: Dirk Meier: Bauer, Bürger, Edelmann. Stadt und Land im Mittelalter, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 52 (2004), 750 f., deren Kritik, weiterführende Hinweise fehlten, angesichts von über 16 Seiten Literaturverzeichnis im Übrigen nicht zutrifft.

[4] Dirk Meier: Siedeln und Leben am Rande der Welt zwischen Steinzeit und Mittelalter, Stuttgart 2003.

Thomas Meier