Rezension über:

William Urban: Teutonic Knights: A Military History, London: Greenhill Books 2003, XIII + 290 S., ISBN 978-1-85367-535-5, GBP 18,95
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Rezension von:
Sven Ekdahl
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Sven Ekdahl: Rezension von: William Urban: Teutonic Knights: A Military History, London: Greenhill Books 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/7094.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

William Urban: Teutonic Knights: A Military History

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Dieses Buch ist eine hervorragende Leistung des amerikanischen Historikers William Urban, Professor für Geschichte und Internationale Studien am Monmouth College in Illinois. In einer Zeit, wo sich fast jeder interessierte Laie berufen fühlt, Sachbücher zu historischen Themen zu schreiben, ist es wohltuend, wenn ein ausgewiesener Fachmann Ergebnisse von fast 40 Forschungsjahren in leicht verständlicher Form zusammenfasst und damit zugleich eine Wissenslücke schließt. Sowohl die Fachkollegen als auch die interessierten Laien werden ihm für dieses Buch dankbar sein.

Urban hat viele Arbeiten über die Kreuzzüge im Baltikum und über baltische Geschichte geschrieben. Er ist auch Mitherausgeber von vier livländischen Chroniken in englischer Übersetzung und hat ein umfangreiches Buch über die Schlacht bei Tannenberg 1410 verfasst. Hinzu kommen viele Aufsätze zu diesem Themenkreis und auch zur Geschichte des Baltikums nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Der Untertitel des hier zu besprechenden neuen Buches hätte ergänzt werden und lauten können: "A Political and Military History", denn Militärgeschichte lässt sich nur vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung schildern, wie es der Verfasser auch tut. Er beginnt mit den bekannten historischen Vorgängen bei der Gründung der Ritterorden im Heiligen Land und widmet sich dann der Geschichte des Deutschen Ordens. Der Leser wird mit verschiedenen Aspekten des Ordenslebens und der Kriegsführung im Heiligen Land bekannt gemacht, folgt dann den Deutschordensrittern nach Siebenbürgen und nach ihrer Vertreibung von dort nach Preußen, wo sie dem polnischen Fürsten Konrad von Masowien im Kampf gegen die heidnischen Prußen beistehen sollten. Sie erfüllten diese Aufgabe so effektiv, dass sie gegen Ende des 13. Jahrhunderts einen eigenen mächtigen Territorialstaat in Preußen besaßen und außerdem als "Erben" des Schwertbrüderordens in Livland (nach 1237) auch dort die wichtigste politische und militärische Kraft darstellten.

Die Kriege gegen heidnische Gegner in Preußen, Livland und Litauen sowie gegen orthodoxe Russen und römisch-katholische Polen werden alle unter Berücksichtigung politischer, strategischer, taktischer, kriegstechnischer und vieler anderer Aspekte dargestellt. Die Schilderung erstreckt sich bis zum Ende der beiden Ordensstaaten, das heißt bis 1525 in Preußen und 1561 in Livland. Der Verfasser schildert Tatsachen, die in Teilbereichen bereits von sehr vielen Historikern abgehandelt worden sind, aber es gelingt ihm mit pädagogischem Geschick, die mehr als dreihundertjährige Geschichte in kurzen und nie ermüdenden Kapiteln und Abschnitten zusammenzufassen und die Quintessenz seiner Forschungen in gut lesbarer Form zu gestalten. Etwas Vergleichbares gab es bisher nicht. Immer wieder überrascht Urban mit zum Teil sehr realistischen Beobachtungen und scheut sich dabei auch nicht, hier und dort seine eigene Lebenserfahrung in Form von amüsanten psychologischen Deutungen von Menschen und Ereignissen einzubringen. Insofern ist die Darstellung durch die persönliche Note wohl für kühl-sachliche Historiker manchmal etwas gewöhnungsbedürftig. Der Verfasser ist zwar in diesem jüngsten Werk zurückhaltender als sonst, aber immer noch kann man Sätze wie diese lesen (wobei es um die Entbehrungen der Ordensritter im Vergleich mit dem Leben weltlicher Ritter geht): "Secular knights who preferred a hot drink and a warm woman (or the other way around) were not eager to patrol dark paths in the forest or endure the freezing winds atop a lookout tower above lonely ramparts" (57). Mit dieser Äußerung hat Urban vermutlich recht - und der Laie freut sich über das Bonmot -, aber mancher Fachkollege wird wohl weniger tolerant urteilen. Das angeführte Beispiel soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Verfasser ein seriöser und belesener Historiker ist. Wer sich selbst mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigt hat, weiß, wie viel Forschermühe sich oft hinter der flüssigen Darstellung verbirgt.

Man tut dem Verfasser sicher nicht unrecht, wenn man ihn als einen Apologeten des Deutschen Ordens bezeichnet, denn er macht selbst kein Hehl daraus. Diese Tendenz kommt bei der Lektüre immer wieder zum Vorschein. Urban sieht sich nämlich nicht nur als Historiker, sondern auch als Anwalt, ja Botschafter des christlichen Kreuzzugsideals des Abendlandes, des "Latin Europe", und damit auch des Deutschen Ordens. Zwar heißt es an einer Stelle, dass "nicht jeder Ordensritter ein Heiliger war", aber er neigt grundsätzlich dazu, die seit dem Mittelalter geäußerte Kritik am Orden als zumeist unberechtigt, unhistorisch und anachronistisch abzuwehren ("[...] at the hands of propagandists, nationalists, Protestants and secularists", XII). Er hat damit zweifellos in vielem Recht - man braucht nur an den Missbrauch des Ordens in der Propaganda des "Dritten Reichs" zu denken -, aber auch die strikte Gegenposition lässt sich nicht immer verteidigen. Die Behauptung, Hitler "had nothing good to say about the Teutonic Order" (XII), ist allzu pauschal ausgedrückt. Gerade hierin sieht der Rezensent eine Schwachstelle der Darstellung. Urban vertritt Ansichten, die er schon in früheren Aufsätzen zum Ausdruck gebracht hat und die zwar in den USA und teilweise auch in Deutschland, aber auch nach dem Zerfall der Sowjetunion in den ehemaligen "Target countries" kaum begrüßt werden.

Das Thema des Buches ist aber die Militärgeschichte des Deutschen Ordens, weshalb die historiografischen Aspekte hier beiseite gelassen werden können. Es ist eine erstaunliche Fülle von wertvollen Informationen und Analysen, die geboten und vom Rezensenten dankbar zur Kenntnis genommen wird. Kurzum: Urbans Buch ist sehr empfehlenswert nicht nur für den Kriegshistoriker, sondern für jeden, der sich für die Geschichte der Deutschordensritter und deren Nachbarn interessiert. Es dürfte bald zum Standardwerk in vielen Sprachen werden und dabei auch eine lebhafte Diskussion auslösen.


Anmerkungen:

[1] Wobei sich Titel und Inhalte manchmal überschneiden: William Urban: The Samogitian Crusade, Chicago 1989; The Baltic Crusade, Chicago 1975 und 1994; The Prussian Crusade, Chicago 1980 und 2000; The Livonian Crusade, Chicago 1981 und 2004.

[2] Ders.: Tannenberg and After. Lithuania, Poland, and the Teutonic Order in Search of Immortality, revised ed. Chicago 2003.

[3] Vgl. dazu Sven Ekdahl: Tannenberg/Grunwald - Ein politisches Symbol in Deutschland und Polen, zuletzt in: Udo Arnold (Hg.): Deutscher Orden 1190-1990, Lüneburg 1997 (= Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung; Band 11), 241-302, speziell 271-278.

[4] Siehe dazu demnächst ders.: Crusades and Colonialism in the Baltic, in: Helen Nicholson (Hg.): The Palgrave Guide to the Crusades, London.

Sven Ekdahl