Rezension über:

Isabella Sandwell / Janet Huskinson (eds.): Culture and Society in Later Roman Antioch, Oxford: Oxbow Books 2004, 152 S., ISBN 978-1-84217-102-8, GBP 24,00
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Rezension von:
Julia Hoffmann-Salz
Seminar für Alte Geschichte mit Papyrusabteilung, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Julia Hoffmann-Salz: Rezension von: Isabella Sandwell / Janet Huskinson (eds.): Culture and Society in Later Roman Antioch, Oxford: Oxbow Books 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/6630.html


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Isabella Sandwell / Janet Huskinson (eds.): Culture and Society in Later Roman Antioch

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Der vorliegende Band zum spätantiken Antiochia enthält die Beiträge einer eintägigen Konferenz, die im Dezember 2001, gefördert durch das Institute of Classical Studies und die Open University, in London stattfand.

Antiochia konnte jahrhundertelang eine politisch, ökonomisch, kulturell und religiös herausragende Rolle im Römischen Reich spielen. Doch die Herausgeber des vorliegenden Bandes beklagen ein Desinteresse der modernen Forschung, die sich erst seit der Konferenz in Lyon 2001 "Antioch de Syrie: Histoire, images et traces de la ville antique" wieder verstärkt mit der Stadt beschäftige. Sie führen dies auf die inzwischen politisch und geografisch abgeschiedene Lage der Stadt in der Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien zurück. Trotz der angeblichen Missachtung durch die Forschung können die Beiträge selbst aber eine Fülle auch neuerer Publikationen zum Thema anführen.

Das vorliegende Werk möchte nun die Bandbreite der aktuellen Tendenzen in der Forschung zur Stadt vorstellen. Entsprechend finden sich Beiträge zum intellektuellen Leben (S. Lieu zu Libanios und Bildung in Antiochia sowie J. Haubold und R. Miles zu dem Verhältnis des Libanios zu den Pantomimen), zu Christianisierung und Christentum in Stadt und Territorium (I. Sandwell zur christlichen Selbstdefinition im 4. Jahrhundert, F. R. Trombley zur Christianisierung des Territoriums im 4. und 5. Jahrhundert und T. Vorderstrasse zu Romanisierung und Christianisierung in der Region), zu neuen archäologischen Untersuchungen (J. Casana über die archäologische Landschaft in der Spätantike sowie S. Ellis zu Läden und einfachen Behausungen in der Stadt) und natürlich zu den Mosaiken (J. Huskinson).

Im ausführlichen Vorwort wird darauf verwiesen, dass allen Beiträgen Fragen nach dem Verhältnis von Stadt und Territorium, nach dem Einfluss von Religion auf die Bevölkerung und vor allem nach kultureller und ethnischer Identität gemein sind. Dabei steht die große Vielfalt von Religionen, Kulturen, Sprachen und Ethnien der Bevölkerung Antiochias und ihres Hinterlandes im Vordergrund: "This, then, is perhaps the most important and new dimension of this present collection - that it will bring into closer focus the multi-faceted and very colourful life of this city and give us a clearer understanding of both its particular nature and its central place in the Roman world" (9). Vor allem in den Beiträgen von J. Haubold und R. Miles sowie F. R. Trombley gelingt es, diesen Aspekt der kulturellen und sozialen Mannigfaltigkeit herauszuarbeiten.

In dem Beitrag "Communality and Theatre in Libanius' Oration LXVI 'In Defence of Pantomimes'" geben J. Haubold und R. Miles eine Neuinterpretation der genannten Rede (24-34). Ausgehend von der Deutung B. Schoulers können die Autoren dabei in klar gegliederten Schritten die Bedeutung der Pantomime als Mittel der sozialen und kulturellen Integration im Kontext der spätantiken Stadt herausarbeiten. Es gelingt ihnen ferner, durch den Vergleich zu Parallelstellen vor allem bei Lukian die Pantomime bei Libanios als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart hellenistischer Traditionen zu erklären. Dabei deuten sie die Rede nicht als Ausdruck der tatsächlichen Einstellung des Libanios, sondern "as a brilliant thought experiment, one attempt among many at pulling together some of the divergent strands of life in the late antique city" (32).

F. R. Tromley (59-85) zeigt anhand zahlreicher Inschriften, dass im Hinterland Antiochias noch lange nach der Erklärung des Christentums zur 'Staatsreligion' eine heterogene heidnische Bevölkerung überwog. Eindeutig christliche Namen konnten sich erst im Zeitraum zwischen 363 und 445/446 in den Inschriften durchsetzen und konkurrierten dabei lange Zeit mit Namen aus iranischen, syrisch-griechischen oder auch römischen Traditionen. Dagegen tauchte die Formel "one God and his Christ" schon seit 341/342 auf Inschriften auf, um dann vor allem zwischen 390 und 407 weite Verbreitung zu finden. Vergleiche mit der literarischen Überlieferung zeigen, dass die Formel auch im Alltag eine große Rolle als Ausdruck eines radikalen Monotheismus spielte. Die der Studie beigegebenen Aufstellungen der aktuell bekannten Inschriften sind tabellarisch nach Themengebieten des Beitrags gegliedert. Diese erlauben nicht nur ein problemloses Nachvollziehen der Argumentation des Autors, sondern regen auch zu weiteren Analysen an.

"The Archaeological Landscape of Late Roman Antioch" ist Thema des Beitrages von J. Casanas (102-125). Hier werden die vorläufigen Ergebnisse des Amuq Valley Regional Project des Oriental Institute der Universität Chicago vorgestellt. Dieses sucht mit modernsten Prospektionsmethoden, unterstützt durch Satellitenaufnahmen, die Besiedlung des Tales in der Spätantike zu rekonstruieren. Interessante Ergebnisse zur dichten Besiedlung des Tales und der es umgebenden Bergketten erlauben Aussagen über die Wirtschaft der Region, die ihre Parallelen in Textstellen bei Libanios finden: Intensive, aber diversifizierte landwirtschaftliche Nutzung ging dabei einher mit verstärkter Besiedlung und Entwaldung, was in der Spätantike zu nachweisbar dramatischen Erosionsprozessen, Überschwemmungen und Ähnlichem führte. Die dem Beitrag beigefügten Karten und Satellitenbilder erleichtern nicht nur die Orientierung, sondern demonstrieren einmal mehr die Effektivität solcher Untersuchungsmethoden für den Bereich der Siedlungsforschung.

In dem Beitrag "Surveying the Scene" (134-152) bewertet J. Huskinson die Mosaiken der Stadt in einem soziokulturellen Kontext neu und zeigt, wie sie als Quelle für historische Entwicklungen nutzbar gemacht werden können. Dabei folgt einer Beschreibung der sich wandelnden Motive und ihrer lokalen Bedeutungshorizonte eine Analyse der spezifischen historischen und kulturellen Ursachen dieses Motivwandels. Huskinson kann dabei auf ältere Untersuchungen zurückgreifen und am Ende zu Recht festhalten: "Since this period saw such changes in the traditional values of Antioch [...], it seems unsurprising that the Hellenistic imagery which had for so long been their natural form of expression disappeared from use, or that it was replaced by symbols which were more cosmopolitan and polyvalent. These might still express the patron's values but in terms which could support different religious readings or which signified ideals to which no-one could tale exception" (146).

Ausführliche Bibliografien am Ende jedes Aufsatzes bieten zahlreiche Möglichkeiten zur weiteren Vertiefung und erlauben insgesamt einen guten Einblick in die aktuelle Forschungsliteratur zum spätantiken Antiochia. Dennoch wäre eine gemeinsame Bibliografie am Ende des Bandes ebenso wie ein Orts- und Quellenregister wünschenswert gewesen. Druckfehler und Wortauslassungen in den Beiträgen erschweren zudem das Lesevergnügen.

Die sehr unterschiedlichen Beiträge können nur durch die im Vorwort gegebenen ausführlichen Hinweise ein zusammenhängendes Bild von Kultur und Gesellschaft des spätantiken Antiochia bieten. Der Band ist für eine grundsätzliche Einführung zum spätantiken Antiochia also nur bedingt geeignet. Dem formulierten Anspruch, einen Einblick in aktuelle Forschungstendenzen zu geben, wird er jedoch gerecht.

Julia Hoffmann-Salz