Rezension über:

Jörg Ernesti: Ferdinand von Fürstenberg (1626-1683). Geistiges Profil eines barocken Fürstbischofs (= Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte; Bd. 51), Paderborn: Bonifatius 2004, 442 S., ISBN 978-3-89710-282-8, EUR 29,80
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Rezension von:
Johannes Burkardt
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Staatsarchiv Münster
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Burkardt: Rezension von: Jörg Ernesti: Ferdinand von Fürstenberg (1626-1683). Geistiges Profil eines barocken Fürstbischofs, Paderborn: Bonifatius 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/6229.html


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Jörg Ernesti: Ferdinand von Fürstenberg (1626-1683)

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Gegenstand dieser Mainzer Habilitationsschrift ist der Paderborner, später auch Münsteraner Bischof Ferdinand von Fürstenberg. Von der bisherigen Forschung wird dieser Mann zwar als typischer Reformbischof der Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg eingestuft, als hochgelehrter Mann, der beseelt war von ehrlichem Pazifismus und von Reformbestrebungen im Sinne des Tridentinums. Im Grunde genommen blieb Fürstenberg für die Historiografie aber meist eine unbeachtete Nebenfigur im Schatten prägnanterer Charaktere wie beispielsweise seines Münsteraner Vorgängers Galen.

Das Buch ist nicht als umfangreiche Biografie angelegt, es ist mehr eine Collage. Im Kern besteht sie aus drei Hauptkapiteln, die sich mit dem Bischof, dem Gelehrten und dem Landesherren Fürstenberg auseinandersetzen. Alle drei Kapitel könnten theoretisch unabhängig voneinander als Aufsatz erscheinen. Unliebsame Folgen sind zahlreiche Wiederholungen und Doppelungen.

Der Bischof Fürstenberg wird charakterisiert als von jesuitischer Erziehung und der Bekanntschaft mit Fabio Chigi, dem späteren Papst Alexander VII., geprägter Seelsorger. Getragen von einer streng antievangelischen Grundeinstellung, war er besorgt um die innere und äußere Mission sowie um Frömmigkeitsförderung. Zum Programm gehörte die Unterstützung volksnaher Bräuche und von Wallfahrten, die Heranziehung eines gebildeten und qualifizierten Klerus, der Bau repräsentativer Gebäude, die Förderung der Bollandisten und die Protektion geistlicher Orden, und zwar vor allem der Jesuiten und Franziskaner.

Kapitel zwei hat den Gelehrten Fürstenberg im Auge. In diesem wohl gelungensten Abschnitt seiner Arbeit stellt Ernesti einen sprachbegabten und -gewandten Mann vor, der früh Mitglied des schöngeistigen Literatenzirkels um den Chigipapst wurde, diesem auch in Rom diente und von seinem Einfluss später oft profitierte. Er verfasste zahlreiche, meist panegyrische, dabei aber apolitische, vor allem an Sprachmustern und -bildern der Antike orientierte Gedichte. Er war ein interessierter und kompetenter Historiker, der sich quellenkundlicher Techniken bediente, die zeitgenössische Autoritäten wie Papebroich, Mabillon und Bolland entwickelt hatten, Personen, mit denen er auch korrespondierte, sie teilweise sogar persönlich aufsuchte. Er plante nicht nur historiografische Arbeiten über Westfalen (die Arbeiten Nicolaus Schatens über Paderborn verdanken wir beispielsweise seiner Initiative), er lebte und dachte auch in historischen Bahnen. Seine Ablehnung der evangelischen Konfession resultierte wesentlich aus dem Empfinden, es hier mit einem unentschuldbaren, dringend zu revidierenden Traditionsbruch zu tun zu haben.

Anschließend wird das Selbstverständnis des Fürsten und Herrschers Fürstenberg auf den Prüfstand gestellt. Als Politiker setzte Fürstenberg, angesichts der Mediokrität seines Herrschaftsbereichs nicht weiter verwunderlich, auf Passivität und Neutralität. Wesentliche Impulse verdankte ihm das Land nicht, wohl aber eine Atempause zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und den militärischen Konflikten der Siebzigerjahre.

Über alle Kapitel hinweg spielt ein Phänomen eine wichtige Rolle: Fürstenberg ergriff jede Chance zum Netzwerkaufbau und zur Pflege seiner Kontakte. Bekanntschaften aus dem persönlichen oder aus dem geistlichen Umfeld, literarische und wissenschaftliche Verbindungen, aber auch politische Anknüpfungspunkte wurden intensiv und dauerhaft genutzt. Auffallend dabei: die ansonsten omnipräsente konfessionelle Härte Fürstenbergs wurde hier durchbrochen. Gelehrte und hoch gestellte Briefpartner und Besucher behandelte er ungeachtet ihres konfessionellen Hintergrundes als Gleichrangige, mochten sie Bolland, Conring, Leibniz oder zur Lippe heißen.

Quellenkundlich ist die Arbeit gründlich und detailliert gearbeitet. Vor allem Korrespondenzen, Tagebücher und die Autobiografie Fürstenbergs werden akribisch analysiert. Zentrale Texte sind in einem Anhang ediert. Im Kleinen sind die Ergebnisse immer äußerst präzise und überzeugend. Umso bedauerlicher ist, dass dem Verfasser der Mut für ein umfassendes, deutliches Urteil fehlt. Die alle Kapitel verklammernde Hauptfrage wird versteckt auf Seite 91 gestellt: Empfand sich Fürstenberg mehr als Geistlicher, als Hirte oder mehr als Fürst und Herrscher? Die Antwort findet sich nicht in dem additiven und das bisher gesagte subsumierenden Kapitel über die Persönlichkeit Fürstenbergs (wo man sie erwarten würde), sondern unmittelbar vorher auf Seite 294. Dort heißt es, und das weniger unter Berufung auf die vorangehende Analyse als auf ein Jedin-Zitat (!), der Bischof sei mehr Hirte und Seelsorger denn Landesherr und Princeps gewesen. Nach der Lektüre des Buches gewinne ich den Eindruck, dass Fürstenberg beides nicht war. Vielmehr scheinen seine Interessen und Aktivitäten primär auf den Gebieten der Literatur und der Geschichtsschreibung gelegen zu haben. So muss Ernesti selbst zugeben: "Sein theologisches Profil bleibt blass, er ist von ganzem Herzen Historiker und Schöngeist" (237). Und: "Bildung ist für ihn nicht nur ein Mittel zum beruflichen Fortkommen, sondern auch Lebens-Form, Attitüde und selbstgewählte Daseinsart" (260). Blass bleibt somit auch das Fazit des Buches, was noch durch Ernestis wiederholte Bemerkung zusätzlich verwässert wird, es gehe ihm nicht darum, Hagiografie zu treiben oder eine Seligsprechung zu erwirken. Diese Aussage erweckt eher den Eindruck, den Bischof entschuldigen als seine Denk- und Verhaltensmuster sachlich erklären zu wollen.

Eine gründliche Schlussredaktion des Manuskripts wäre auch in formaler Hinsicht wünschenswert gewesen. Nach dem Kapitel über den Charakter des Bischofs folgt ein abschließendes, hier nicht stimmig platziertes, aber in den Einzelheiten spannendes Kapitel über Fürstenberg als Bauherrn und Kunstmäzen. Abermals entsteht vor den Augen des Lesers das Bild eines traditionsbewussten Katholiken, dem daran gelegen war, die Kirchen seines Landes zu geistlichen "Schutzburgen" für die Einheimischen und zu "Trutzburgen" gegen die evangelischen Andersgläubigen werden zu lassen. In der - zu kurz geratenen - Einleitung des Buches wird dieses Kapitel nicht angekündigt, sodass anzunehmen ist, dass es nachträglich eingeschoben wurde. Abgerundet wird die Darstellung durch den bereits erwähnten editorischen Anhang sowie durch ein ausführliches Literaturverzeichnis und einen Index. Das in der Einleitung angekündigte Archivalienverzeichnis fehlt leider.

Die spannenden Ergebnisse des Buches liegen also im Detail. Es finden sich zahlreiche Ansatzpunkte, die kirchengeschichtlich, aber auch interdisziplinär interessant sind: für die Philologie sind das die formalen und inhaltlichen Beobachtungen an der Lyrik und den Briefwechseln Fürstenbergs, für die Kunstgeschichte ist es das künstlerische und architektonische Engagement des Bischofs, für die Verwaltungsgeschichte sind es einige leider nur am Rande gemachte Beobachtungen, zum Beispiel über die Tendenzen Fürstenbergs, ein geistlich-lenkendes Gremium in der Art eines Konsistoriums zu schaffen, oder auch, dass es ihm im Fall des Falles gelang, gezielt an den etablierten Institutionen und Gremien seines Landes vorbeizuregieren. Gerade die genannten Einzelheiten und feinen Beobachtungen machen die Lektüre lohnend und die Anschaffung des Bandes empfehlenswert.

Johannes Burkardt