Rezension über:

Emanuel Mayer: Rom ist dort, wo der Kaiser ist. Untersuchungen zu den Staatsdenkmälern des dezentralisierten Reiches von Diocletian bis zu Theodosius II. (= Römisch-Germanisches Zentralmuseum. Monographien; Bd. 53), Mainz: Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 2002, VII + 256 S., 44 Tafeln, 1 Beilage, ISBN 978-3-88467-074-3, EUR 47,00
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Rezension von:
Kathrin Schade
Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Christian Witschel
Empfohlene Zitierweise:
Kathrin Schade: Rezension von: Emanuel Mayer: Rom ist dort, wo der Kaiser ist. Untersuchungen zu den Staatsdenkmälern des dezentralisierten Reiches von Diocletian bis zu Theodosius II., Mainz: Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/5943.html


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Emanuel Mayer: Rom ist dort, wo der Kaiser ist

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"Rom ist dort, wo der Kaiser ist": Die Wahl der Worte des Herodian (1, 6, 3-5) als Titel des Buches erweist sich nicht nur als 'griffig', der Satz zieht sich tatsächlich als metaphorischer Leitfaden durch die Argumentationsketten von Emanuel Mayers Publikation, bei der es sich um seine an der Universität Heidelberg eingereichte Dissertation handelt. Der zeitliche Fokus liegt allerdings, anders als bei Herodian, nicht auf der mittleren Kaiserzeit, sondern auf einer Epoche, der in den letzten Jahren gerade in der Klassischen Archäologie größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde - der Spätantike. Genauer gesagt wählt Meyer als Betrachtungszeitraum die Epoche von Diocletian bis Theodosius II. aus, eine Eingrenzung, die bezüglich seiner Fragestellung als durchaus sinnvoll erscheint. Betrachtungsgegenstand ist die traditionsreiche Gattung der römischen Staatsdenkmäler. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandlungsprozesses, der sich in dem genannten Zeitraum vollzog, entwickelt Mayer bei wechselseitiger Analyse der politischen Ikonografie der Monumente, ihrer urbanistischen Kontextualisierung und des Verhältnisses von kaiserlicher und nichtkaiserlich-elitärer Stifterpraxis folgende These: Mit der Dezentralisierung des Reiches, die sich in der Gründung und Ausstattung neuer Herrschaftssitze durch die spätrömischen Kaiser manifestierte, verlor die Stadt Rom nicht nur ihren Status als sedes imperii, sondern auch ihre normative Verbindlichkeit für die Konstruktion des jahrhundertelang geltenden Kaiserideals, das aus der Republik hergeleitet und durch den - mittlerweile politisch marginalisierten - römischen Senat kontrolliert worden war. An dessen Stelle traten nun neue Eliten, Angehörige des sacer comitatus, die sich lediglich dem Kaiser verpflichtet fühlten. Wie dieser frei vom 'Ballast' der römischen Tradition, brachten jene Eliten mittels Statuen und baulichen Stiftungen neue Kaiserbilder hervor, "die zunächst die Werte der Republik ignorierten und später offen gegen sie verstießen" (3). Die von Mayer programmatisch vorgetragene These eines bewusst und radikal betriebenen Bruchs mit dem traditionellen Herrscherideal ist insofern brisant, als gerade in jüngeren Untersuchungen zur Spätantike (vordergründige) Kontinuitätsphänomene im Prozess der Transformation der römischen Gesellschaft thematisiert worden sind. [1]

Die Arbeit ist in vier größere Teile untergliedert. Der erste Teil hat einführenden Charakter und formuliert die Thesen für die folgenden Kapitel (4 ff.): Es geht um Wesen und Funktion kaiserzeitlicher Staatsdenkmäler im Allgemeinen, deren Wahrnehmungs- und Wirkungsästhetik sowie um Kontinuität und Wandel der öffentlichen Repräsentation im 4. Jahrhundert. Nach einem kurzen Überblick über die Forschungsliteratur schlägt Mayer sein Interpretationsmodell vor, nämlich "die Genese eines Staatsdenkmals aus dem ideologischen Diskurs zwischen dem Kaiser und der jeweiligen gesellschaftlichen Elite, der die Aufgabe zukam, den Herrscher öffentlich zu ehren", zu erklären (5). Weder dies noch die Prämisse, dass der genannte Diskurs auf einer "gemeinsamen Wertebasis von Stiftern und Geehrtem" basierte, erscheint zunächst neu (6). Neu ist indes die Situierung dieses Wechselverhältnisses in einem "panegyrischen Milieu", in dem Herrscherideal und Wertvorstellungen der Stifter gleichermaßen zur Geltung kamen - und zwar ohne größere Rücksicht auf die senatorische Tradition. Die Einbeziehung der panegyrischen Texte in die bildliche Interpretation wird sich in den folgenden Kapiteln als ausgesprochen gewinnbringend erweisen.

Der zweite und zugleich umfangreichste Teil behandelt die archäologischen Zeugnisse außerhalb von Rom (28 ff.): Auf eine eher kurz geratene Abhandlung zu den tetrarchischen Residenzstädten Nikomedia, Mailand und Trier folgt eine ausführliche Besprechung des Kaiserpalastes und des Galeriusbogens von Thessaloniki sowie der Kaiservillen Split und Gamzigrad. Es schließt sich ein Kapitel zum constantinischen Constantinopel und zum valentinianischen Antiochia an. Am ausführlichsten ist dann das Kapitel zu Constantinopel in theodosianischer Zeit. Unverständlich bleibt, warum Ravenna als spätere Hauptstadt des Weströmischen Reichs in den Abhandlungen fehlt. Auch dort führten städtebauliche Veränderungen zur Schaffung einer "neuen Bühne für die Selbstdarstellung der theodosianischen Dynastie" und "für ein gewandeltes Kaiserlob", was heute freilich hauptsächlich in den Sakralbauten fassbar ist. Dabei stellt sich aber die prinzipielle Frage, inwieweit eine Trennung der Kirchen von anderen Monumentalbauten wirklich gerechtfertigt ist (2, Anmerkung 5), insbesondere dann, wenn es sich um kaiserliche Stiftungen handelte. So wäre es interessant zu erfahren, wie sich beispielsweise die programmatische Mosaikausstattung der von Galla Placidia gestifteten Kirche San Giovanni Evangelista zu Ravenna in die vorliegende Argumentation eingefügt hätte. [2]

Das generelle Problem dieses zweiten Teils besteht in den nur lückenhaft vorliegenden archäologischen Befunden. Zumeist handelt es sich bei den besprochenen Orten um Residenzstädte oder spätere Bischofssitze, die durch jahrhundertelange Siedlungskontinuität zerstört oder überbaut wurden und durch ihre fortdauernde Nutzung Grabungen nur partiell zulassen. Der Autor räumt dies wiederholt ein (27, 29, 39, 42, 107). Er geht somit das Risiko ein, dass eventuelle spätere Grabungen seine These ins Kippen bringen könnten, was seinen jetzigen Forschungsergebnissen aber keinen Abbruch tut, bedeutet archäologische Arbeit doch stets Umgang mit der Lücke, das heißt mit einem momentan offensichtlich fragmentarischen Zustand. Insofern ist der Autor oft auf die nicht ganz unproblematischen literarischen Quellen angewiesen. Folgende Argumente arbeitet er zur Verifizierung der oben genannten These heraus: Die Kaiserbauten in den neuen tetrarchischen Residenzen - in der Regel ein Ensemble aus Palast, Circus und Thermen - wiesen Hauptstadtformat auf, konkurrierten also mit Rom. Diocletian und Galerius bauten nicht nur monumentale Villen in ihren Heimatregionen auf dem Balkan, sie ließen sich überdies dort auch bestatten, was als Affront gegenüber der urbs aeterna gewertet werden kann. Die - ausführlich besprochenen - Staatsmonumente, der Galeriusbogen in Thessaloniki (47 ff.), die Theodosius- und die Arcadiussäule in Constantinopel (130 ff. 143 ff.), offenbaren zudem Tabubrüche in der politischen Ikonografie: personenspezifische Huldigung der militärischen Leistung des Galerius, unverhohlene Darstellung von Bügerkriegsszenen, prominente Vergegenwärtigung germanischer Truppen auf den Seiten der Römer. Die Argumente werden sehr rigoros vorgetragen, vernachlässigen mögliche Kontingenzen der Bildsemantik, treffen grundsätzlich aber das Richtige. Die Aufstellung des Theodosiusobelisken auf dem Hippodrom als "Demütigung der Ewigen Stadt" (125 f.) zu werten, scheint allerdings doch etwas übertrieben. Denkbar wäre auch, dass Theodosius, der sich - wie Mayer selbst bemerkt (113) - in der Tradition des constantinischen Hauses wissen wollte, das Werk im Sinne der pietas an Constantin verwirklichte, nachdem Constantius II. längst den anderen Obelisken in Rom hatte aufstellen lassen. Dass Theodosius mittels der Reliefbasis das ornamentum für die eigene Selbstdarstellung nutzte, überrascht dabei keineswegs.

Der dritte Teil bespricht die Bauaktivitäten in Rom (175 ff.), beginnend mit denen der ersten Tetrarchie und gefolgt von denen des Maxentius. Erwartungsgemäß waren diese "auf Stadtrom zugeschnitten" (180) und beschworen die alten Werte sowie die aeternitas der urbs. "Gegen die neuen Kaiserbilder" - wie der dritte Teil übertitelt ist - dürften aber hauptsächlich die senatorischen Stiftungen konzipiert gewesen sein. Exemplarisch wurde der Konflikt von alt und neu am Constantinsbogen ausgetragen, auf den Mayer angemessen ausführlich eingeht (185 ff.): Ausgerechnet die konservativen Senatoren wurden zum Tabubruch gezwungen, indem sie die Aufnahme von schonungslosen Bürgerkriegsbildern dulden mussten; als Ausgleich durften sie mit der Wiederverwendung der Reliefs des 2. Jahrhunderts ihr altes Kaiserideal beschwören. Tatsächlich kulminiert am Constantinsbogen die gesamte Widersprüchlichkeit der constantinischen Herrschaft: das Verhältnis von traditionellen und neuen Bildern, von Stiftern und Geehrtem, von Traditionalismus und Innovation schlechthin. Mayer betont vordergründig den Bruch des Kaisers mit der Vergangenheit, den dieser zweifelsohne auch vollzog. Dennoch lassen sich die konservativen Züge seiner Herrschaftsrepräsentation nicht völlig leugnen. Bei der Verwendung der mittelkaiserzeitlichen Spolien, die zumindest sein Einverständnis gefunden haben dürften, ging es Constantin wohl weniger um "Nostalgie" (200) als vielmehr darum, sich als optimus princeps in die Reihe der vorbildlichen römischen Kaiser einzureihen.

Der vierte Teil, der das Verhältnis traditioneller Werte und uneingeschränkter Machtpräsentation aus der Wahrnehmung der Rezipienten thematisiert, hat resümierenden Charakter (207 ff.). Die Kaiserbilder, ob alt oder neu, hatten natürlich nur dann Erfolg, wenn sie den Erwartungshaltungen der Zeitgenossen entsprachen, andernfalls drohte ein Scheitern wie im Fall des Iulian in Antiochia (208 ff. - ein ausgesprochen lesenswertes Kapitel!). Die Semantik der Bilder erfordert also eine kommunikative Übereinkunft, sei es im Sinne von Topoi eines universalen Konsens (siegreiche Kaiser, gedemütigte Feinde; göttliche Helfer und kaiserliche Tugenden; Concordia und Konsens), oder aber von solchen eines Dissens (Bürgerkrieg und absolute Monarchie; Aufwertung germanischer Militärs). Diese abschließende Betrachtung fasst nicht nur vorher Beobachtetes unter systematischem Aspekt zusammen, sondern mündet aufschlussreich in die Diskussion allgemeiner, richtungsweisender Phänomene der Spätantike: der Verlust des gesamtgesellschaftlichen Konsens, die Ablösung kaiserlicher Tugendleistungen durch einen übergeordneten göttlichen Willen, die absolutistische Überhöhung des Kaisers durch Diadem, Ornat und Hofzeremoniell.

Im letzten Satz seiner Zusammenfassung kommt Mayer zu dem Schluss, dass der spätkaiserzeitliche Herrscher ein absoluter Monarch war. Er nimmt damit etwas provokativ Bezug auf Theodor Mommsens Dominatstheorie, wohl wissend, dass der 'Absolutismus' keineswegs staatsrechtlich, sondern lediglich - wie die Monumente zeigen - auf der symbolischen Ebene der Repräsentation begründet war.

Insgesamt hat Mayer eine interessante, gut lesbare Arbeit vorgelegt. Die Argumente überzeugen, auch wenn manche Interpretation sehr apodiktisch vorgetragen wird und der eine oder andere vermeintliche historische Bruch auf Prozesse zurückgeht, die sich schon im Verlauf des 3. Jahrhunderts zu formieren begannen. Dies darf zu weiteren Reflexionen über die Relation von langandauernden Wandlungsprozessen und kurzfristigen Umbrüchen, über die Rolle des Subjekts in historischen Prozessen und seine Interaktion im jeweiligen sozialen Gefüge anregen.


Anmerkungen:

[1] S. Ensoli / E. La Rocca (Hrsg.): Aurea Roma. Dalla città pagana alla città cristiana. Ausstellungskatalog, Rom 2000; F. A. Bauer / N. Zimmermann (Hrsg.): Epochenwandel? Kunst und Kultur zwischen Antike und Mittelalter, Mainz 2001; K. Schade: Frauen in der Spätantike - Status und Repräsentation, Mainz 2003.

[2] F. W. Deichmann: Ravenna, Hauptstadt des spätantiken Abendlandes II 1, Wiesbaden 1974, 91 ff. 107 ff. 114 ff.; V. Zangara in: AntTard 8 (2000), 279 ff.

Kathrin Schade