Rezension über:

Ute Jung-Kaiser: Kunstwege zu Mozart. Bildnerische Deutungen vom Rokoko bis heute, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2003, 263 S., 94 Abb., ISBN 978-3-03910-093-4, EUR 65,50
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Rezension von:
Johanna Zimmermann
München
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Johanna Zimmermann: Rezension von: Ute Jung-Kaiser: Kunstwege zu Mozart. Bildnerische Deutungen vom Rokoko bis heute, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/5861.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Ute Jung-Kaiser: Kunstwege zu Mozart

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Rechtzeitig zum bevorstehenden Mozartjahr 2006 erscheint dieses Buch, gleichsam als Aufforderung an die Leser, sich mit Mozart zu beschäftigen. In 17 voneinander unabhängig konzipierten Einzelstudien stellt Ute Jung-Kaiser Werke der bildenden Kunst vor, die in Auseinandersetzung mit Mozart entstanden sind. Ihr Ausgangspunkt ist dabei das didaktische Anliegen, durch die Übertragung der Musik in das Medium der Malerei das Verständnis für Mozart, seine Musik, seine Ästhetik und sein Genie zu fördern.

Es "verwundert" nicht (8), sondern ist vielmehr nahe liegend, dass Mozarts Musik so viele Künstler inspiriert hat, behandeln doch die meisten der besprochenen Kunstwerke Mozarts Opern, vor allem die "Zauberflöte". Darunter wiederum befinden sich zahlreiche Bühnenbilder. Auf der Grundlage der Sekundärliteratur führt Jung-Kaiser ausführlich in jedes behandelte Kunstwerk ein, um es dann in Bezug auf die Musik zu deuten und zu bewerten.

Für die in der Literatur des 19. Jahrhunderts beliebte Parallelisierung von Mozart und Raffael scheint es kein authentisches Beispiel in der Malerei zu geben. Da Jung-Kaiser den Vergleich dieser beiden Künstler zudem für unpassend hält, muss die von ihr verfertigte Collage nach Overbeck (18) nicht nur in kunsthistorischer, sondern auch in pädagogischer Hinsicht fragwürdig erscheinen. An anderen Bildern hat Jung-Kaiser einen Zusammenhang mit Mozart entdeckt, der von den Künstlern nicht beabsichtigt sein konnte. Sie betont etwa die ästhetischen Gemeinsamkeiten zwischen Mozart und den Gemälden des zwei Generationen älteren Jean-Antoine Watteau. Den direkten Zusammenhang stellt sie zwischen den Bildern zur "Einschiffung nach Cythera" und Mozarts Oper "Così fan tutte" her, die jeweils inhaltliche Parallelen zum Komödientypus des Régence-Dichters Pierre de Marivaux aufweisen. Auch Watteau und Mozart gehen über das oberflächliche Schäferspiel beziehungsweise die Liebeskomödie hinaus. Die Oper "lotet die mythischen Dimensionen der Liebe atmosphärisch aus, artikuliert und vollendet ihre Ästhetisierung und legitimiert somit den stilistischen Vergleich mit den letzten Cythera-Bilder Watteaus" (90).

In dem "Exkurs" über Philipp Otto Runge überträgt Jung-Kaiser den musikalischen Schöpfungsakt, der in der "Lehrstunde der Nachtigall" in malerischer Form zum Ausdruck kommt, auf Mozarts Inspirations- und Schaffensprozess. Dieser soll mithilfe des Bildes anschaulich werden und damit besser nachvollziehbar sein (114). Das malerische Kompositionsprinzip von Georges Braques "Les oiseaux / L'oiseau noir et l'oiseau blanc" setzt Jung-Kaiser in Analogie zu Mozarts Musik, da Farbkontrast und formale Korrespondenz in einem "klassischen Balanceverhältnis" stehen. Jung-Kaiser sieht hierin die musikalische Klassik so deutlich veranschaulicht, dass sie es "schade [findet], daß Braque dieses Bild nicht 'Gemalte Klassik' oder 'Ich und Mozart' getauft hat" (184).

Carl Friedrich Schinkels Interpretation der "Zauberflöte" in den Bühnenbildern zur Berliner Inszenierung von 1816 bestimmte das Verständnis der Oper nachhaltig. Die ägyptisierende Architektur veranschaulicht den Zusammenhang der Oper mit freimaurerischen Ideen. Damit wird der Charakter einer Märchenoper zu Gunsten einer vernunftgeprägten und idealistischen Deutung aufgegeben. An den Beispielen von Lotte Reiniger und Roman Clemens zeigt Jung-Kaiser die weitreichende Gültigkeit von Schinkels Deutung. Daneben entstanden im 20. Jahrhundert aber auch Inszenierungen mit einem neuen, psychologischen Ansatz, wie beispielsweise die Bühnenbilder für die Hamburger Inszenierung von 1977 von Ernst Fuchs. Hier erscheinen die beiden Welten - Sarastros Geisteswelt und das Reich der Königin der Nacht - übereinander angeordnet, wobei der Prüfungsweg Taminos durch die Verbindung der beiden Welten mit einer Säule als bewusste, rationale Handlung verstanden wird.

Die "Zauberflöte" sowie "Die Hochzeit des Figaro" und "Don Giovanni" wurden auch in Bilderzyklen behandelt. Als erster Künstler ist hier Moritz von Schwind zu nennen, in dessen Werken die musikalischen Themen nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell zum Ausdruck kommen. Dies wird beispielsweise an dem "Hochzeitszug", einem Album mit dreißig Federzeichnungen, anschaulich. Den thematischen Ausgangspunkt bildet eine Szene aus Mozarts "Hochzeit des Figaro", die Schwind jedoch um zahlreiche Paare, die nicht in der Oper vorkommen, erweitert. Die mit tänzerisch leichtem Schritt einhergehenden Paare und Figuren von Schwinds "Hochzeitszug" entsprechen dem insgesamt zu beobachtenden Tanzcharakter der Mozartoper. Max Slevogt hat sich intensiv mit "Don Giovanni" sowie mit der "Zauberflöte" auseinandergesetzt und auch Bühnenbilder für die beiden Opern entworfen. Hier erstaunt vor allem der Vergleich mit den Scherenschnitten zur "Zauberflöte" von Lotte Reiniger aus dem Jahr 1971. Wenn Slevogt in der Darstellung des Liebesduetts von Pamina und Papageno nicht - wie Reiniger - die äußere Handlung, sondern den Textinhalt wiedergibt, so hat er sich hier wohl kaum mit einer "Notlösung" abgefunden (164). Vielmehr gelingt es Slevogt, die Seite nicht nur inhaltlich, sondern auch formal auf Mozarts Partiturhandschrift abzustimmen. Es scheint doch gewagt und auch dem Verständnis von Mozarts Musik wenig dienlich, Slevogts Bilderfindung im Vergleich zu Lotte Reinigers als "trivialisiert und verkitscht" zu bewerten (167).

In jüngerer Zeit haben sich Künstler auch zu sehr individuellen Werken inspirieren lassen. So verfremden beispielsweise Marc Chagalls Bilder zur "Zauberflöte" die Vorlage so stark, dass Jung-Kaiser sie als "Traumphantasien" des Künstlers bezeichnet, die den "Zauberflöten"-Stoff nur berühren (204). Otto Herbert Hajek verarbeitet in seiner ungegenständlichen Malerei, die sich durch Klarheit der geometrischen Formen auszeichnet, auch rein musikalische Werke Mozarts wie zum Beispiel die Jupiter-Symphonie. Jung-Kaiser hat bei den Künstlern der Postmoderne wie Michael Turzer, Axel Heil, Rune Mields, Otto Herbert Hajek und Arnulf Rainer ein besonderes Interesse an Mozarts Requiem beobachtet. Sie stellt fest, dass sich diese Künstlergeneration nicht mehr mit den Idealgestalten von Mozarts Opern identifizieren kann, sondern mit dem Requiem einen Weg sucht, die grausamen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts künstlerisch zu verarbeiten.

Jung-Kaiser zieht die Kunstwerke heran, um ihr Verständnis von Mozarts Musik zu veranschaulichen. Diese Herangehensweise mag in pädagogischer Hinsicht legitim sein, führt aber häufig zu einer subjektiven Bewertung, die kunsthistorischen Ansprüchen nicht gerecht wird. Eine Berücksichtigung des jeweiligen historischen Kontextes würde nicht nur zum besseren Verständnis der Künstler beitragen, sondern gleichzeitig deutlich machen, dass auch Mozarts Musik zu den verschiedenen Zeiten unterschiedlich rezipiert wurde. Alle besprochenen Kunstwerke sind, zumeist sogar in Farbe, abgebildet. Daher scheinen die von Jung-Kaiser selbst verfertigten Skizzen überflüssig.

Jung-Kaiser bietet mit diesem Buch erstmals einen umfassenden Überblick über die vielseitige Rezeption, die Mozart seit seinen Lebzeiten bis heute in der bildenden Kunst erfahren hat, indem sie die bedeutendsten Werke zum Thema aus verschiedenen Kunstepochen und -gattungen vorstellt. Diese Bildbetrachtungen ermutigen den musikbegeisterten Leser, seinen Blick zu weiten und die Musik in der bildenden Kunst zu entdecken.

Johanna Zimmermann