Rezension über:

Arbeitskreis historische Bildforschung (Hg.): Der Krieg im Bild - Bilder vom Krieg (= Hamburger Beiträge zur historischen Bildforschung), Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2003, 276 S., 16 Abb., ISBN 978-3-631-39479-3, EUR 39,80
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Rezension von:
Dietrich Erben
Kunstgeschichtliches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Dietrich Erben: Rezension von: Arbeitskreis historische Bildforschung (Hg.): Der Krieg im Bild - Bilder vom Krieg, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/5172.html


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Arbeitskreis historische Bildforschung (Hg.): Der Krieg im Bild - Bilder vom Krieg

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Der Krieg ist nicht darstellbar. So wie es angesichts der gesellschaftlichen Totalität des Krieges kaum gelingt, den Begriff des Krieges scharf zu fassen, so kann ein Bild des Krieges - sofern es nicht ohnehin auf Symbole oder Allegorien ausweicht - nur Segmente seiner Realität darstellen. Eine politische Ikonographie des Krieges kann sich nicht auf Schlachten oder Scharmützel beschränken, sondern hat den weiten Radius des bildlichen Niederschlags der Militarisierung von Staat und Gesellschaft auszumessen: die Bildwelten von Erziehung, Propaganda und Feindbildkonstruktion, von kriegerischer Gewalt und Zerstörung, von Triumph und Niederlage - und schließlich von der Erinnerung an all diese Vorgänge und Verhältnisse. Bilder von Soldaten überlagern solche von Zivilisten, die Kampfhandlungen die so genannten Begleiterscheinungen wie Hunger, Krankheit, Vertreibung und nicht zuletzt Korruption und destruktive Verschwendung.

Im Rahmen dieser Darstellungskontexte, wie sie vom Krieg praktisch in allen Lebensbereichen erzeugt werden, unterliegt das Bild des Krieges zudem einer eigenen Funktionslogik. Dies gilt gleichermaßen für seine Wirkung als Handlungsaufforderung wie für seine Bedeutung als Erinnerungsträger. Schon lange vor den "neuen Kriegen" (Herfried Münkler) seit dem 11. September 2001 vermochten Kriegsbilder als regelrechte Akteure Einfluss auf das historische Geschehen selbst zu nehmen. Gleichzeitig ist dem Kriegsbild stets auch die Problematik seiner medialen Vermittlungsfunktion immanent. So hat Susan Sontag jüngst noch einmal an die Differenz von Geschehen und Bild erinnert, als sie in ihrem Essay über einige Ikonen der Kriegsfotografie feststellte, das Problem bestehe "nicht darin, daß Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern daß sie sich nur an die Fotos erinnern." (Das Leiden anderer betrachten, München 2003). Angesichts dieser doppelten und offenbar unausweichlichen Hypothek, aus der sich auch die generelle Skepsis gegenüber dem Kriegsbild nachhaltig begründet, entstand der "Bilderfriedhof" von Alfredo Jaar. Der Künstler hatte 1994 den Bürgerkrieg in Ruanda fotographisch dokumentiert. Anstatt aber die tausenden von Aufnahmen auszuwerten, begrub er sie in schwarzen Kästen, deren Aufschriften mitteilen, was nun nicht mehr zu sehen ist.

Einige dieser inhaltlichen und methodischen Probleme werden implizit in den Fallstudien des vorliegenden Sammelbandes zum Kriegsbild aufgerufen. Der Band ist aus zwei Tagungen hervorgegangen, die Ende 2001 vom Hamburger Arbeitskreis für Historische Bildforschung veranstaltet wurden. Die Großschreibung von "historisch" verweist selbstbewusst auf die Institutionalisierung von Thema und Methode der Bildforschung. So versteht sie auch Rainer Wohlfeil, der innerhalb der Geschichtswissenschaft die Bildkunde vor etwa zwei Jahrzehnten neuerlich initiiert hat und im Vorwort knapp deren Vorgehensweise skizziert. Diese zielt primär darauf ab, Bilder als geschichtswissenschaftliche Quellen zu untersuchen und für die historische Forschung nutzbar zu machen. Wohlfeil kommt nicht umhin zu konstatieren, dass sich Bildforschung und Kunstgeschichte bislang wenig zu sagen hatten. Insofern könnte sich der vorliegende Band als nützlich erweisen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Eine kurze Einleitung der Gründer des Arbeitskreises bietet eine inhaltliche Zusammenfassung und erläutert knapp das Programm des Buches. Die insgesamt zehn Beiträge sind allesamt instruktiv und aus einer angemessenen, medienkritischen Distanz geschrieben. Sie basieren auf einer bisweilen umfangreichen Erschließung von Quellen, die Einarbeitung ebenso einschlägiger wie disparater Literatur erweist sich als höchst anregend für den gesamten Themenbereich. Die offene Konzeption des Bandes deutet sich schon in dem - sprachlich als Kippfigur formulierten - Titel an. Sie schlägt sich auch in den drei Zwischenüberschriften nieder, nach denen die Beiträge unter den Vorzeichen von "Instrumentalisierung von Bildern im Krieg", "Bilder zwischen Anklage und Rechtfertigung" und "Reflexionen über den Krieg" rubriziert sind.

Mit Ausnahme einer Studie zum Schlachtenpanorama widmen sich alle Beiträge den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Innerhalb der Epoche liegt der thematische Schwerpunkt mit sechs Aufsätzen wiederum auf dem Zweiten Weltkrieg. Für diesen Zusammenhang gelingt eine mehrfache Brechung der deutschen Perspektive. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Akteure des Krieges und seiner weltweiten Opfer als auch im Hinblick auf die zeitliche Ausdehnung des Krieges über die Zäsur der militärischen Kapitulation hinaus. Den Einzeluntersuchungen zur nationalsozialistischen Kriegspropaganda am Beispiel der Bauplastik eines Distriktverwaltungsneubaus im so genannten Generalgouvernement in Polen und zum Einsatz der Propagandakompanie-Maler antwortet der Gegenblick auf die Werbestrategien für den Kriegseinsatz der USA seitens der dortigen Industrie. Die deutsche Nachkriegszeit wird mit Untersuchungen über die Filmproduktion der Alliierten im Dienste von "re-education" und "re-orientation", über das Bild des Landsers in Populärzeitschriften und über die biografischen Konstruktionen in den Lebenserinnerungen der militärischen Führungselite in den Blick genommen. Beiträge über die technischen Darstellungsstrategien der Kriegsberichterstattung während des zweiten Golfkrieges, über die künstlerische Verarbeitung des russischen Bürgerkriegs und Reflexionen über die Kriege der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der deutschen Kunst der Nachkriegszeit erweitert den Horizont auf eine Epoche, als deren Signatur eine extreme Kriegsverdichtung zu gelten hat.

Es resultiert aus den eingangs angedeuteten Gegebenheiten der Sache selbst, dass eine Folge von Einzelbeiträgen nur beispielhaft Facetten des Kriegsbildes erhellen kann. Auch wenn man sich eine deutlichere Begründung für die Zusammenstellung der Beiträge und eine explizite methodische Standortbestimmung innerhalb der einzelnen Aufsätze gewünscht hätte, so ist das Buch durch seinen weit abgesteckten Radius von Problemfeldern für die Auseinandersetzung mit dem Kriegsbild doch herausfordernd.

Dietrich Erben