Rezension über:

Bianca Kühnel: The End of Time in the Order of Things. Science and Eschatology in Early Medieval Art, Regensburg: Schnell & Steiner 2003, 384 S., 174 Abb., ISBN 978-3-7954-1505-1, EUR 66,00
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Rezension von:
Kathrin Müller
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Kathrin Müller: Rezension von: Bianca Kühnel: The End of Time in the Order of Things. Science and Eschatology in Early Medieval Art, Regensburg: Schnell & Steiner 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/4192.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Bianca Kühnel: The End of Time in the Order of Things

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Auch wenn das wissenschaftliche und das technische Bild in den letzten Jahren zunehmend in das Blickfeld der kunsthistorischen Forschung getreten sind, verlangen die wissenschaftlichen Diagramme des lateinischen Mittelalters nach wie vor nach einer systematischen Untersuchung. Mit dem jüngsten Buch von Bianca Kühnel (Jack Cotton Professor of the History of Art and Architecture sowie Director of the Institute for European Studies at the Hebrew University of Jerusalem) liegt nun eine Studie vor, die sich astronomischen und komputistischen Diagrammen des 8. bis 11. Jahrhunderts zuwendet. Das durchweg schön gestaltete Buch zeichnet sich insbesondere durch einen umfangreichen Abbildungsteil aus, der auch zahlreiche Farbreproduktionen enthält.

Die Autorin beschäftigt sich aus einer dezidiert kunsthistorischen Perspektive mit den Diagrammen und interessiert sich insbesondere für deren formale Eigenschaften. Gerade in der Form erkennt sie eschatologische Botschaften, so dass das wissenschaftliche Diagramm ihr zufolge immer auch Glaubensbild war. Während das Diagramm Elemente aus der christlichen Ikonographie integrierte, wurden seine geometrischen Strukturen wiederum in ganz anderen, nicht-wissenschaftlichen Bildern übernommen. Insbesondere das Bild der Maiestas Domini trat nach Kühnel in eine enge formale Nähe zum Diagramm.

Die systematische Analyse der formalen sowie inhaltlichen Wechselbeziehungen zwischen der Ikonographie des wissenschaftlichen Diagramms und derjenigen der Maiestas Domini ist das zentrale Anliegen Kühnels. Damit weist ihr Erkenntnisinteresse zum einen weit über den Forschungsstand zur geometrischen Formensprache in der Maiestas hinaus, deren Verwandtschaft mit dem Diagramm zwar bemerkt, aber bisher nicht präzise beschrieben worden ist. Die Studie verspricht zum anderen, die Beziehung zwischen Diagramm und christlichem Bild in einem materialreichen Zugriff für das gesamte frühe Mittelalter zu klären und damit einen Rahmen für bereits vorliegende Einzelstudien zu liefern.

Im Frühmittelalter zeichnet sich, so die Argumentation im ersten Kapitel, die formale Nähe zwischen Maiestas und Diagramm ab. Die Autorin geht davon aus, dass die Darstellung der Maiestas im Quincunx-Muster, das heißt die Gruppierung der in Medaillons eingefassten Vier Wesen um das zentrale Medaillon mit dem Christusbild, als eine genuin karolingische Bildfindung zu betrachten ist.

Damit behauptet Kühnel, dass das Maiestas-Bild erst in karolingischer Zeit in eine deutlich geometrische Ordnung gebracht wurde, welche auf eine stärkere Suggestion des X-Kreuzes zielte. Da im Zentrum des Quincunx-Schemas nach Kühnel seit der frühchristlichen Kunst das (lateinische) Kreuz dargestellt worden war, waren in der Maiestas nun beide Kreuzformen impliziert. Aus der ikonographischen Überblendung folgert die Autorin auch eine inhaltliche Überschneidung. Die Maiestas zeigte demnach nicht nur die Einheit der Evangelien, sondern wurde auch eindeutig als Bild der Wiederkunft Christi lesbar.

Eine grundsätzliche Problematik der Studie zeigt sich bereits in diesem ersten Kapitel: die Autorin reklamiert eine zentrale Bedeutung für Bildelemente, die nicht dargestellt, sondern suggestiv verborgen, die nicht unmittelbar gesehen, sondern nur assoziiert werden können. Dabei ist die Ansicht, dass mit den vier Eckelementen der Maiestas weniger die Quaternität dargestellt als vielmehr das X-Kreuz aufgerufen werden sollte, nicht zwingend. Zum einen wird in keinem der frühen Maiestas-Bilder das X-Kreuz durch weitere formale Eingriffe aus der Bildkomposition hervorgehoben. Die These der schon in der frühchristlichen Kunst fest etablierten Assoziation des Quincunx-Schemas mit dem Kreuz wird zum anderen nur äußerst spärlich belegt und die entsprechenden Vergleichsbeispiele werden nicht abgebildet. Eine bessere Abstimmung von Text und Abbildungen wäre der Argumentation zuträglich gewesen.

Die deutlich geometrische Komposition der karolingischen Maiestas führt Kühnel zu der geometrisch-abstrakten Darstellungsform schlechthin, zum Diagramm. Sie stellt fest, dass das Quincunx-Schema in karolingischer Zeit für wenige komputistische Diagramme genutzt wurde. Warum die einzelnen Diagramme - so zum Beispiel gerade dasjenige der Winde und Mond- und Meeresspiegelbewegung in Bedas De temporum ratione in zwei Handschriften aus der Mitte des 9. Jahrhunderts - für die Integration des X-Kreuzes geeignet befunden wurden, bleibt allerdings offen.

Problematisch ist grundsätzlich, dass Kühnel die eschatologische Dimension des wissenschaftlichen Denkens im Mittelalter, die sie an Gelehrten wie Isidor von Sevilla und Hrabanus Maurus sowie am Interesse an der Zeitrechnung festmacht, immer auch ins Diagramm umgesetzt sehen will. Entsprechend folgen in Kapitel 3 Diagrammanalysen, die das Kreuz und andere Christus-Symbole als beherrschende Elemente in der frühmittelalterlichen Wissensfigur erkennen.

So wird die Darstellung einer menschlichen Figur im Zentrum von Isidors Kreisdiagramm zu den Monaten immer als Christus-Bild identifiziert. Auch bei der Frage nach dem Kreuz haben die Interpretationen einen nivellierenden Effekt. Jede Kreuzform - sei es diejenige, die sich durch die Kreisbögen in einem Diagramm ergibt, aber durch die Farbgebung unterlaufen wird, oder die kleinen Kreuze vor dem Beginn von Inschriften, die die Rezeption des Diagramm erleichtern - wird als dominierendes und bedeutungsstiftendes Zeichen gesehen. Den eindeutigen Beispielen jedoch geht die Autorin nicht genauer auf den Grund. Warum etwa ist im Diagramm zum jahreszeitlichen Sonnenlauf in einer Handschrift aus Laon aus dem 9. Jahrhundert gerade die Inschrift hic semper media nox im Kreuz untergebracht?

Kapitel 4 untersucht die Wechselbeziehung, die wissenschaftliches Diagramm und biblische Ikonographie im 11. und 12. Jahrhundert eingehen. Kühnel verfolgt hier nicht die Entwicklung der Diagramme in den späteren Abschriften der wissenschaftlichen Traktate, die sie in den ersten Kapiteln herangezogen hat. Die These der stärkeren exegetischen Ausrichtung des kosmologischen Diagramms ab dem 11. Jahrhundert wäre dann sicherlich auch nicht haltbar. Die Beispiele sind nun vielmehr Initialseiten zur Genesis sowie zum Johannes-Evangelium, Kreisdiagramme zur Schöpfung sowie diagrammatische Elemente in den Apokalypse-Bildzyklen des 9. bis 11. Jahrhunderts.

Die Symbiose mit dem Diagrammatischen kennzeichnet Kühnel zufolge insbesondere die Maiestas-Darstellungen aus den Jahren um 800 sowie um 1000, denen sich die Autorin schließlich im fünften Kapitel zuwendet. Erneut geht es um die Entlehnung des Quincunx-Musters, das nun sogar als "computistical scheme" (224) bezeichnet wird. Darüber hinaus hält Kühnel es für möglich, dass das Rhombus-Element, das mit der Schule von Tours zum festen Bestandteil der Maiestas-Ikonographie avancierte, dem wissenschaftlichen Diagramm entlehnt wurde, wobei sie jedoch für letzteres nur zwei völlig singuläre Beispiele anführen kann. In der deutlich geometrischen Strukturierung der Maiestas Domini im Skriptorium von Tours sowie dann erneut in ottonischer Zeit sieht Kühnel somit ein Zeichen für eine stärkere Rezeption der Diagramme zu Astronomie und Komputistik.

In Abstimmung mit den Studien von Richard Landes und Johannes Fried zu gesteigerten Endzeiterwartungen um 800 sowie um 1000 interpretiert die Autorin die eschatologische Aufladung der Diagramme sowie die diagrammatische Ordnung der Maiestas gerade in dieser Zeit als Bemühungen, der Angst vor den Schrecken der Endzeit mit dem Versprechen der Rückkehr in die wohl geordnete göttliche Ordnung zu begegnen. [1] Letztlich kann jedoch weder die eschatologische Lesart des Diagramms noch Kühnels interessante, allerdings deutlich modern geprägte Gedankenfigur der Effektivitäts- und Autoritätssteigerung von Glaubensinhalten durch ihre wissenschaftliche Darstellung für das frühe Mittelalter überzeugen.

Der Verdienst der Studie besteht darin, einen systematischen Zugriff auf die diagrammatischen Bildleistungen des Mittelalters zu erproben, und es ist stark zu hoffen, dass sich weitere kunsthistorische Forschungen gerade den wissenschaftlichen Diagrammen dieser Epoche widmen werden.


Anmerkung:

[1] Kühnel bezieht sich insbesondere auf: (a) Richard Landes: Lest the Millenium be Fulfilled. Apocalyptic Expectations and the Pattern of Western Chronography, 100-800 CE. - In: W. Verbeke, D. Verhelst, A. Welkenhuysen (Eds.): The Use and Abuse of Eschatology in the Middle Ages, Leuven 1988 (Mediaevalia Lovaniensia: Series 1, Studia 15), 137-211 sowie (b) Johannes Fried: Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende. - In: Deutsches Archiv 45 (1989), 381-473.

Kathrin Müller