Rezension über:

Otto Friedrichs: Das niedere Schulwesen im linksrheinischen Herzogtum Kleve 1614-1816. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte der Elementarschulen in Brandenburg-Preußen (= Schriften der Heresbach-Stiftung Kalkar; Bd. 5), Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2000, 319 S., ISBN 978-3-89534-261-5, EUR 24,00
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Rezension von:
Thomas Wolff
Historisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Wolff: Rezension von: Otto Friedrichs: Das niedere Schulwesen im linksrheinischen Herzogtum Kleve 1614-1816. Ein Beitrag zur Regionalgeschichte der Elementarschulen in Brandenburg-Preußen, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2000, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/10/3081.html


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Otto Friedrichs: Das niedere Schulwesen im linksrheinischen Herzogtum Kleve 1614-1816

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Für das Rheinland liegen kaum neuere schulgeschichtliche Beiträge vor. Neben der hier vorliegenden Arbeit ist die 1996 publizierte Studie von Johannes Kistenich über das Schulwesen der Stadt Kalkar zu nennen. [1] In seiner Münsteraner Dissertation beschäftigt sich Friedrichs mit dem bislang von der Landesgeschichte eher vernachlässigten Bereich der Entwicklung der Elementarschulen in der älteren preußischen Zeit Kleves zwischen 1614 und 1816. Damit schließt der Autor eine Lücke in der Literatur, denn das Projekt der Darstellung einer klevischen Schulgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des niederen Schulwesens war bis dato ein Desiderat. Dies war sicherlich der Quellenlage geschuldet, denn die Überlieferung ist grosso modo zwar als günstig, aber als stark verzweigt zu bezeichnen. Bestände aus elf regionalen und überregionalen Archiven werden in Friedrichs' Arbeit ausgewertet, die sich zugleich als ein Beitrag zur Regionalgeschichte der Elementarschulen in Brandenburg-Preußen versteht. Damit reiht sich der Verfasser ein in die vor allem von Wolfgang Neugebauer angeregte Erforschung der Schulwirklichkeit im absolutistischen Preußen (286). [2] Doch Friedrichs versäumt es, den von Neugebauer aufgeworfenen Fragestellungen zur Rolle der Schule im Kontext der ständischen Gesellschaft oder dem geistigen Einfluss der Aufklärung auf das (Aus-)Bildungsprogramm von Lehrern und Schülern sowie schließlich dem Verhältnis von Schulregiment und Staatsbildung nachzugehen. Der Bezug zur Forschung bleibt damit leider plakativ. Eine methodische Grundlegung und eine reflektierte Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Forschung hätte der Kontextualisierung der Arbeit gut getan.

Die vom Autor geleistete archivische Kärrnerarbeit indes eröffnet dem Leser bei der Lektüre des in sieben Kapiteln klar und übersichtlich gegliederten Werkes eine Fülle von interessanten Details. Nach einem Überblick über die Geschichte des Herzogtums Kleve, das nach dem Jülich-Klevischen Erbfolgestreit 1614 Kurbrandenburg zugesprochen wurde, erfolgt eine genaue Analyse verschiedener Schulordnungen des 17. und 18. Jahrhunderts. Die reformierte Schulordnung des Jahres 1662 oder die lutherische Schulordnung Jahres 1687 kamen noch auf den kleve-märkischen Provinzsynoden als Bestandteile der Kirchenordnungen zu Stande. Erst mit Edikten des preußischen Königs von 1713 und 1717 wird eine rein staatliche Initiative greifbar, die dann mit dem Generallandschulreglement Friedrichs des Großen von 1763 und der Gründung des Oberschulkollegiums im Februar 1787 zur Institutionalisierung und Verstaatlichung des Bildungswesens in Preußen geführt hat.

Vor diesem Hintergrund steht die Auswertung der Visitationsprotokolle des Archidiakonats Xanten aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die unter anderem hinsichtlich des Ausbildungsstandes der Lehrerschaft, der Besoldung und des Unterhalts der Schulen sowie des verwendeten Lehrmaterials aufschlussreiche Ergebnisse präsentiert. So wurden 1753 92% der Schulen noch von den Kirchen, lediglich 8% aber von den Gemeinden und Magistraten unterhalten. Die Visitation wurde im Jahr 1753 zu 74% von den Pfarrern durchgeführt, was die Kontrolle der Lehrmittel oder die Durchführung von Abschlussprüfungen der Schulabgänger einschloss. Für die Visitationen der Jahre 1682 und 1714/22 wurde ein Anteil von jeweils 30,8% der Lehrer ermittelt, die studiert hatten, weitere 13,8% hatten 1714/22 eine positive Beurteilung ihrer Arbeit erhalten.

Der Schwerpunkt der Arbeit Friedrichs' liegt indes auf der Darstellung der Geschichte der Elementarschulen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die umfangreichen Reformmaßnahmen der nach dem Abzug der Franzosen ab 1814 eingesetzten provisorischen preußischen Verwaltung stehen im Mittelpunkt des sechsten Kapitels der Arbeit. Johann August Sack, Generalgouverneur des Nieder- und Mittelrheins, zu dem nun auch das Gebiet des ehemaligen Herzogtums Kleve gehörte, begann ab Juli 1814 mit einer umfangreichen Reorganisation des Schulwesens. Nach dem Vorbild der 1783/1784 im Fürstbistum Münster von Bernard Overberg durchgeführten Visitationen des niederen Schulwesens, ließ der von Sack 1814 als Direktor für den öffentlichen Unterricht eingesetzte Karl Friedrich August Grashof eine Bestandsaufnahme vornehmen. Ein 43 Fragen umfassender Katalog, von denen 29 die Primärschulen betrafen, sollte ein genaues Bild des Schulwesens vermitteln. Dieser Katalog ist der Arbeit als Quellenanhang beigegeben.

Die Auswertung der Erhebung gibt Aufschluss über die äußeren Schulverhältnisse, wie sie sich unter anderem im Schulbesuch oder der Schuldichte ausdrücken, aber auch zur inneren Struktur der Schule und damit zum Unterricht, den Lehrgegenständen und dem Lehrmaterial. Friedrichs liefert für alle Untersuchungsbereiche genaues und umfangreiches Zahlenmaterial. So kann er anhand der Quellen einen weitaus höheren Schulbesuch in den Landgemeinden als in den linksrheinischen Städten registrieren, wo dieser mit 25% um rund 8% niedriger lag. Die Schuldichte im Gebiet des ehemaligen Herzogtums Kleve lag insgesamt bei rund 97,5%, wobei leichte konfessionelle Unterschiede zu berücksichtigen sind. Von den insgesamt 80 Pfarreien im Untersuchungsgebiet waren 64 katholisch, 14 reformiert und 2 lutherisch. In den Pfarreien gab es 78 Elementarschulen, wovon auf die Reformierten 13, auf die Lutheraner 2, auf die Katholiken allerdings 64 Schulen entfielen.

Die von Friedrichs herangezogenen Quellen zeigen auch, dass noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts die niederländische Sprache eine große Bedeutung hatte. Niederländische Lehrbücher waren in Gebrauch, und mancherorts wurde die deutsche Sprache erst in den höheren Klassen unterrichtet, während die ersten Unterweisungen in Schreiben und Lesen in niederländischer Sprache stattfanden. Für zahlreiche Kinder, die bereits vor dem 12. beziehungsweise 13. Lebensjahr die Schule verließen, fand somit kein Deutschunterricht satt. Erst die rigiden Maßnahmen der preußischen Regierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängten das Niederländische zu Gunsten des Deutschen, was langfristig zu einer tief greifenden Veränderung der traditionell an den Niederlanden orientierten Kulturlandschaft des ehemaligen Herzogtums Kleve und des Niederrheins führte.

Das siebte und letzte Kapitel der Arbeit beschäftigt sich mit der Lehrerbildung im ehemaligen Herzogtum und den unterschiedlichen Plänen zur Einrichtung von Lehrerseminaren in Wesel, Emmerich und Kleve zwischen den 1780er-Jahren und 1815 und reiht die erfolgten Gründungen und Pläne in den Kontext der gesamtpreußischen Entwicklung seit Gründung der ersten Lehrerseminare in den 1730er- und 1740er-Jahren ein.

Friedrichs' Arbeit ist ein Beispiel für eine detailreiche, gleichwohl klar disponierte Archivarbeit, hinter der allerdings die methodische Reflektion zurücktritt. Die Vielzahl der erarbeiteten Ergebnisse eröffnet indes der lokalen Geschichtsforschung neue Einblicke und Erkenntnisse.


Anmerkungen:

[1] Johannes Kistenich: Das Schulwesen der Stadt Kalkar vor 1800 (= Veröffentlichungen des Landschaftsverbandes Rheinland, Amt für Rheinische Landeskunde Bonn), Köln 1996.

[2] Wolfgang Neugebauer: Absolutistischer Staat und Schulwirklichkeit in Brandenburg-Preußen (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; Bd. 62), Berlin / New York 1985; siehe auch: Ders.: Schule und Absolutismus in Preußen. Akten zum preußischen Elementarschulwesen bis 1806 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; Bd. 83), Berlin / New York 1992.

Thomas Wolff