Rezension über:

Marc Jansen / Petrov Nikita: Stalin's Loyal Executioner. People's Commissar Nikolai Ezhov, 1895-1940, Stanford, CA: Hoover Institution Press 2002, XIII + 274 S., ISBN 978-0-8179-2902-2, USD 25,00
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Rezension von:
Jürgen Zarusky
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Zarusky: Rezension von: Marc Jansen / Petrov Nikita: Stalin's Loyal Executioner. People's Commissar Nikolai Ezhov, 1895-1940, Stanford, CA: Hoover Institution Press 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 1 [15.01.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/01/4087.html


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Marc Jansen / Petrov Nikita: Stalin's Loyal Executioner

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Nikolaj Jeschow [1] war ein kleiner Mann, aber ein großer Verbrecher. Er maß tatsächlich nur 151 Zentimeter, ein kleiner Mann aber war er vor allem, weil er in seiner ganzen Laufbahn stets nur funktionierte. Dass eine Zeit lang einige Städte und sogar das Dynamo-Stadion in Kiew nach im benannt waren, ändert daran ebenso wenig wie die Freiheiten, die er sich auf dem Gipfel seiner Karriere erlaubte: eine luxuriöse Datscha, westliche Luxusgüter für seine Frau, die Versorgung seiner Verwandten mit Wohnungen und Jobs, sexuelle Affären mit Frauen und Männern und vor allem einen exzessiven Alkoholismus. Jeschow war ein kleiner Mann, weil er nichts anderes war als eine Kreatur Stalins.

Ein großer Verbrecher wurde er als Chef des NKWD (Narodnyj Kommissariat Wnutrennych Del = Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) und eifriger Exekutor des Großen Terrors der Jahre 1937/38. Der Urheber und eigentliche Lenker dieses Massenmordes aber war unzweifelhaft Stalin selbst. Marc Jansen, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität von Amsterdam, und Nikita Petrov, stellvertretender Leiter der Forschungsabteilung von Memorial in Moskau, weisen in ihrer Biografie Jeschows alle gegenteiligen Annahmen zurück, etwa die, das NKVD sei zeitweilig außer Kontrolle geraten. Sie stützen sich dabei auf eine umfangreiche Quellenbasis, die auch Materialien aus den schwer zugänglichen Archiven des Präsidenten und des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation umfasst. Allein die von Jansen / Petrov errechnete Häufigkeit seiner Besuche in Stalins Büro in den Jahren 1937/38 zeigt, dass Jeschow stets an der kurzen Leine gehalten wurde: Bei 278 persönlichen Treffen hat er insgesamt 834 Stunden dort verbracht; öfter war nur Molotow bei Stalin.

Ohne Stalin hätte Jeschow niemals die Karrierestufen bis zum NKWD-Chef und Kandidaten des Politbüros erklommen. Zwar war er schon 1917 den Bolschewiki beigetreten, doch war er keineswegs der Edelproletarier, als der er später auftrat: Sein Vater war nicht, wie es in der offiziellen Biografie hieß, ein Petersburger Metallarbeiter, sondern unter anderem Bordellwirt und Inhaber eines Malerbetriebs mit zwei angestellten Arbeitern gewesen. Dass Jeschows Mutter Litauerin war, blieb in dem von Xenophobie und Spionagewahn geprägten Klima von Stalins Herrschaft auch besser verborgen. Seine Ausbildung beschränkte sich auf ein Jahr Elementarschule und einen 1926/27 auf der Kommunistischen Akademie absolvierten Einjahreskurs in Marxismus-Leninismus. Sein Gesundheitszustand war notorisch schlecht. Als Parteisekretär in Kasan, im Mari-Gebiet und in Kasachstan fiel er nicht durch besondere Leistungen auf. Dennoch wurde er 1927 von Ivan Moskvin in die Organisations- und Distributionsabteilung des Zentralkomitees geholt. Gut drei Jahre später gehörte er schon zum inneren Kreis um Stalin.

Jeschow sei er ideale Exekutor, hatte sein "Entdecker" Moskvin einmal über ihn gesagt. Er führe jede übertragene Aufgabe aus, ohne dass eine weitere Kontrolle erforderlich sei. Sein einziger Fehler sei, dass er nicht wisse, wann er aufhören müsse. Wahrscheinlich waren es diese Eigenschaften, die ihn in den Augen Stalins qualifizierten, der stets argwöhnisch darauf bedacht war, dass die Direktiven des Politbüros auch 1:1 umgesetzt wurden.

Jeschow leistete Stalin in den dreißiger Jahren drei wichtige Dienste: Er leitete die im April 1933 eingeleitete "Parteisäuberung", er war maßgeblich an der Organisation der drei großen Schauprozesse gegen Angehörige der alten Parteielite 1936-1938 sowie der Dezimierung der Militärelite beteiligt, und er war der Organisator der "Massenaktionen" der Jahre 1937/38.

Bei den Säuberungen, die bereits Vorläufer in den Zwanzigerjahren hatten, ging es um die "Reinheit" der Partei: Rund 200.000 Inaktive, Opportunisten, Karrieristen und politische Abweichler wurden ausgeschlossen. Nur eine Minderheit, etwa ein Zehntel, wurde aus den verschiedensten Gründen verhaftet.

Nach dem rätselhaften Mord an dem Leningrader Parteisekretär Kirow wies Stalin die Ermittlungsorgane an, die Schuldigen in den Kreisen der Leningrader Opposition um Sinowjew und Kamenjew zu suchen. Jeschow sorgte als Beauftragter des Generalsekretärs dafür, dass das widerwillige NKWD unter Jagoda in die "richtige" Richtung ermittelte. Er entwickelte auch ein Szenario, in dem sich alle kommunistischen Gegner Stalins, von den Trotzkisten bis zu den "rechten" Anhängern Bucharins, in einer einzigen terroristischen Verschwörung gemeinsam mit Bürgerkriegsgegnern und auswärtigen Mächten wieder fanden. In den drei großen Schauprozessen vom August 1936 bis zum März 1938 - in dessen Letzten auch der Ende 1936 von Jeschow abgelöste Jagoda zum Tode verurteilt wurde - wurde dieses öffentlichkeitswirksam inszeniert.

Die Massenaktionen waren eine Art "Generalbereinigung" der Gesellschaft. Zu diesem Zweck legte das Politbüro Quoten von zu Erschießenden und zu Verhaftenden fest. Die entsprechenden Listen wurden vor Ort von so genannten Trojkas aus Partei-, Geheimpolizei- und Justizfunktionären aufgestellt - verfahrenslose Todes- und Hafturteile über hunderttausende von Menschen. Betroffen waren neben ehemaligen "Kulaken" und angeblichen politischen Abweichlern vor allem Ausländer und Angehörige nationaler Minderheiten. Insgesamt wurden nach heutigem Kenntnisstand in eineinhalb Jahren rund 1,5 Millionen Menschen verhaftet, zirka 700.000 von ihnen erschossen.

Trotz beträchtlicher wissenschaftlicher Anstrengungen und einer immer noch wachsenden Erinnerungsliteratur ist das ganze Ausmaß der menschlichen Tragödie dieser blutigen Periode und ihre Genese wohl noch nicht wirklich begriffen. Jansen und Petrov beschränken sich hier im Wesentlichen darauf, das Wirken Jeschows zu schildern, der alles andere als ein reiner Schreibtischtäter war. Er verband Papierarbeit und Praxis. Er ließ nicht nur foltern, sondern liebte es - nicht selten in betrunkenem Zustand - selbst Hand anzulegen und sich dessen zu brüsten.

So nüchtern und ereignisorientiert die Biografie von Jansen / Petrov auch ist, sie vermittelt doch ein bedrückendes Bild von Jeschows berauschtem Aktivismus. 1938 folgte ein steiler Absturz. Jeschows Trinkerei war allzu auffällig geworden, Zweifel an seiner Loyalität zu Stalin kamen auf, zwei hochrangige NKWD-Mitarbeiter setzten sich ins Ausland ab, und überhaupt hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan. Die Massenoperationen wurden gegen Ende des Jahres eingestellt; Berija wurde Jeschow als Stellvertreter und Aufpasser beigesellt und löste ihn wenig später ab. In Jeschows Entourage kam es zu Verhaftungen und Selbstmorden; auch seine Ehefrau nahm sich offenbar auf ein vereinbartes Zeichen ihres Mannes hin das Leben. Zum finsteren Charakterbild Jeschows passt, dass er nach seiner Verhaftung im April 1939 aus Angst vor der Folter widerstandslos die gegen ihn erhobenen absurden Beschuldigungen akzeptierte, darunter die, seit 1930 für den deutschen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Am 2. Februar 1940 wurde er vom Militärkollegium des Obersten Gerichts zum Tode verurteilt und erschossen. "Sagt Stalin, ich sterbe mit seinem Namen auf den Lippen", gab er seinen Exekutoren auf.

1995 stellte die pensionierte Akkordeonlehrerin Natalja Chajutina einen Antrag auf Rehabilitierung für Nikolaj Jeschow. Sie war seine Adoptivtochter, und sie erinnerte sich an ihn nur als einen liebenden Vater. Er sei weder ein Konterrevolutionär noch ein Saboteur gewesen, argumentierte sie durchaus zutreffend und brachte damit die Militärhauptstaatsanwaltschaft in eine schwierige Situation. Das Rehabilitationsgesetz von 1991 war dazu bestimmt, die Ehre der Opfer von Stalins Regime wiederherzustellen und nicht seine Schlächter rein zu waschen. So wurden die Anklagepunkte der Sabotage und der Durchführung terroristischer Akte mit Blick auf den Terror aufrechterhalten und die Rehabilitierung verweigert, obwohl die Anklage von 1940 sich gar nicht darauf bezogen hatte. Die Zeit, dem Wortlaut des Gesetzes zu folgen und sich ansonsten auf das Urteil der Geschichte zu verlassen, ist in Russland noch nicht gekommen.

Anmerkung:

[1] Im Interesse der Lesbarkeit wird im weiteren die Duden-Transkription verwendet, die vom angloamerikanischen Transkriptionssystem abweicht.

Jürgen Zarusky