Rezension über:

Andreas Köstler: Place Royale. Metamorphosen einer kritischen Form des Absolutismus, München: Wilhelm Fink 2003, 279 S., 64 Abb., ISBN 978-3-7705-3772-3, EUR 28,90
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Rezension von:
Katharina Krause
Kunstgeschichtliches Institut, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Katharina Krause: Rezension von: Andreas Köstler: Place Royale. Metamorphosen einer kritischen Form des Absolutismus, München: Wilhelm Fink 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 1 [15.01.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/01/2366.html


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Andreas Köstler: Place Royale

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Selten nur wird man heute eine Abhandlung antreffen, die Geschichte so entschieden vom Ziel her präsentiert, wie Köstlers Studie zur Place Royale in Frankreich. Man wird auch kaum einmal ein Buch finden, das mit solcher Verve weit offene Scheunentore einrennt und das trotz manchen Stolperns noch weniges an Ernte rettet. Die Konzeption der Untersuchung und die Auswahl der Exempel sind geschickt. Köstler ist nicht auf Vollständigkeit bedacht, sondern zeichnet an Plätzen in Paris und in den Provinzstädten - zum Schluss auch an einigen Anlagen des Auslandes - nach, wie Königsplatz und Königsdenkmal zusammenfinden, wie dabei der Versuch des Herrschers scheiterte, mit der Situierung des Platzes in der Stadt ökonomische (Henri IV.), repräsentative (Louis XIV.) und sanierende (Louis XV.) Zwecke zu verfolgen. Ziel der Geschichte ist dabei der Platz in Reims, auf dem es den Bürgern gelungen sei, mittels des allegorischen Beiwerks am Denkmal nicht die Ansprüche des Herrschers an die Untertanen, sondern die der Bürger an den Fürsten zu artikulieren.

Der Wahl bislang nur wenig untersuchter Anlagen verdankt sich manche Detailkorrektur und manche Wissenserweiterung zu den Plätzen in Lille, Marseille und Rennes; doch auch zur Place Royale (Place des Vosges) in Paris kann Köstler aus den Archiven noch Erkenntnisse zu Tage fördern, die seine These vom Scheitern des Herrschers an den Widerständen der Zeitgenossen bezeugen: Henri IV. Wunsch nach der dauerhaften Ansiedlung von Manufakturen wurde zunichte gemacht, indem die Aristokratie sich an der Place Royale einkaufte. Louis XIV. gelang es nur mit Mühe, die Place des Conquêtes (Place Vendôme) überhaupt zu errichten, und dann brachte dort der Kommerz des Marktes das Reiterbild wenigstens zeitweilig in Bedrängnis. Städte wie Lille und Marseille konnten die Implantation einer solchen Anlage ganz verhindern.

Man kommt dem Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit sicher besser - beziehungsweise überhaupt - auf die Spur, wenn man wie Köstler nach diesem Anspruch fragt, den Titel des Platzes - königlich - ernst nimmt und die alten formgeschichtlichen Untersuchungen zu Stadtgrundrissen und Fassadenaufrissen hinter sich lässt. Indes hätte der Studie entschieden mehr an Kenntnis neuerer historischer Forschung zum Absolutismus einerseits, und mehr an mikro(kunst)historischer Sorgfalt andererseits gut getan. Köstlers Bild vom Absolutismus in Frankreich, gleich ob es sich um den Beginn oder das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts beziehungsweise das 18. Jahrhundert handelt, ist immer dasselbe: das der straffen, hierarchisch gegliederten, uneingeschränkten Herrschaft, weswegen es die Existenz der stadtbürgerlichen Widerstände aufzuzeigen gelte. Dass absolutistische Herrschaft nach den differenzierten Überlegungen der damaligen Staatsrechtler und in der Praxis nicht ohne Interessensausgleich mit den Beteiligten auskam, dass trotz des Schubs an Zentralisierung und Modernisierung der Staatlichkeit von absoluter Herrschaft nicht die Rede sein könne, hat die historische Forschung der letzten 25 Jahre vielfach gezeigt. So muss es doch erstaunen, dass ausgerechnet ein Kunsthistoriker mit derartigen Grundüberzeugungen die mit dem Fassadenschema der Place des Victoires operierende, ästhetische Modellsetzung in den Provinzstädten nicht einmal mit einem Seitenblick streift. Wenn sich die Place Royale letztlich für diese ästhetische Eroberung der Provinzen als ungeeignet erwies - die Hartnäckigkeit, mit der man von der Zentrale aus auf der Vorlage von Plänen beharrte, hätte Köstler auf diese Fragen aufmerksam machen können.

Allzu viele Details können hier nicht ausgebreitet werden. Daher sei nur auf die wichtigsten Punkte hingewiesen: Man wird gegen Köstler fragen müssen, ob der Herrscher in Lille insgesamt negative Bilanz ziehen musste, als sein Platz nicht gebaut und sein Denkmal nicht errichtet, aber ein mächtiges Stadttor erbaut wurde. Wo ist der von Köstler postulierte Eroberungsgestus deutlicher: an dem mit allen Militaria versehenen Triumphbogentor mit der Victoria, die das Porträt Ludwigs XIV. bekrönt, oder bei der nicht realisierten konventionellen Herrscherstatue auf einem friedlichen Zwecken dienenden Platz? Sicher ist Köstlers Lektüre der Allegorien am Denkmal Ludwigs XV. in Reims korrekt. Ihm ist auch, angesichts der langen Arbeitszeiten an derartigen Büchern, nicht zum Vorwurf zu machen, dass mit Gérard Sabatiers Versailles-Buch seit 1999 diese Gegenüberstellung der Reimser Place Royale zum Absolutismus Versailler Prägung gedruckt vorliegt. Man darf aber erwarten, dass die Nutzung der Bauten am Platz in die Deutung einbezogen wird: Das Hôtel des Fermes, auf das die Anlage in Reims ausgerichtet war, ließ den Platz von königlicher Herrschaft - dem Recht, Steuern zu erheben - künden und forderte - nun im Sinne Köstlers - den Anspruch auf "bonheur" seitens des Volkes heraus. Ich bezweifele, dass in Nancy die Ansiedlung einer Ausbildungsstätte für Mediziner, der naturwissenschaftlichen Gesellschaft, des Theaters und Konzertsaals als Zielpublikum den "lothringischen Hofstaat" hatte, dass also Bestrebungen zur aufklärerischen Reform des Bildungswesens in Stadt und Staat von Stanislas Leszczynski nur vorgeschoben waren.

Man wüsste gerne, wer und zu welchen Zeiten jene Distanz zwischen den Herrscher und seine wirtschaftenden Untertanen legte, von der die repräsentativ leeren Pariser Königsplätze und die Projekte in den Provinzen zeugen: Der Königsplatz Heinrichs IV. war unter anderem für das Gewerbe der Seidenproduktion vorgesehen, wurde alsbald vom Adel für Wohnzwecke vereinnahmt. Das Denkmal auf dem Pont-au-Change von 1647 zeigte den jungen Herrscher Louis XIV. mit seinen Eltern über einer mit Trophäen bewehrten Arkade; darunter öffnete sich ein Ladengeschäft. In Poitiers wurde 1687 das Standbild Ludwigs XIV. auf dem sonst unveränderten Marktplatz errichtet (beide von Köstler nicht erwähnt). Erst zu dieser Zeit setzte die säuberliche Trennung der Funktionen ein. Sie verdankt sich an der Place des Victoires dem Stifter, dem Duc de La Feuillade. Waren es in den anderen Fällen Ludwig XIV. selbst oder eher Colbert bzw. Louvois oder insbesondere die Architekten, die sich soeben durch das Verbot des "tenir boutique" von den Bauunternehmern - akademisch zu ihrem Vorteil, ökonomisch zu ihrem Nachteil - separiert hatten? Nimmt man den Absolutismus als System ernst, wird man auch nach der Entscheidungsgewalt in derartigen und in ästhetischen Belangen fragen müssen. Wir neigen dazu, die Aufmerksamkeit des Herrschers für künstlerische Probleme, als deren Anwalt wir uns fühlen mögen, zu überschätzen. Es sei in diesem Zusammenhang nur darauf hingewiesen, dass Louis XIV. in den 1670er-Jahren von Colbert erinnert werden musste, wofür er Bernini eine Pension hatte zahlen wollen.

Das Buch kommt im Sprachduktus des investigativen Journalismus daher, dessen Texte bekanntlich begrenzte Leserkreise und begrenzte Haltbarkeit haben. Wer wird jetzt außerhalb und bald auch innerhalb Deutschlands noch wissen, was "peanuts" sind? Und es wirft ein schräges Licht auf den Verfasser, dass er sich jenes dumme Wort eines Bankers für einen Kasus des 17. Jahrhunderts zu Eigen macht. Aufgedeckt werden die vermeintlichen Schändlichkeiten des Ancien Regime; dieser Stoß muss ins Leere gehen. Aufgedeckt werden die Schändlichkeiten der Kunsthistoriker; es fragt sich nur, ob Albert Erich Brinkmann noch ein ernst zu nehmender Gegner ist. Verdienstlich ist das Durchexerzieren der Place Royale als Exempel für das Austarieren aller beteiligten Interessen. Gewünscht hätte sich die Rezensentin, dass der Autor erklärte, wie er seine Leitbegriffe mit durchaus unterschiedlicher Provenienz verstanden und kombiniert haben möchte: "Kritische Form" und "Formgelegenheit" tragen Ballast aus der Fachgeschichte mit sich, der Köstler nicht zu scheren scheint.

Katharina Krause