Rezension über:

Ralf-Torsten Speler (Hg.): Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff. Kunsthistorisches Journal einer fürstlichen Bildungsreise nach Italien 1765/66 (= Kataloge und Schriften der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz; Bd. 12), München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2001, 568 S., 30 Farb-, 130 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06275-7, EUR 34,80
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Rezension von:
Christoph Frank
Forschungszentrum Europäische Aufklärung, Potsdam / Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Frank: Rezension von: Ralf-Torsten Speler (Hg.): Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff. Kunsthistorisches Journal einer fürstlichen Bildungsreise nach Italien 1765/66, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2001, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 11 [15.11.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/11/4265.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit" in Ausgabe 3 (2003), Nr. 11

Ralf-Torsten Speler (Hg.): Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff

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Im Dessau-Wörlitzer Gartenreich - jene nach 1989 erneut ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit geratene Modellanlage des Aufklärungszeitalters, die am 30. November 2000 schließlich in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen worden ist - verstand man sich schon früh darauf, den Blick in seine Richtung zu lenken, sei es durch die programmatische Produktion von aufwändig aufgelegten Veduten aus der hauseigenen Offizin, der 1796 gegründeten "Chalcographischen Gesellschaft", oder durch eine gezielt verbreitete Publizistik in Form von zeitgenössischen Reiseführern des Vitruv-Übersetzers August von Rode (Dessau, 1788, 1798 und 1814) oder eine der frühesten, einem deutschen Künstler gewidmeten Monografien, dem "Leben des Herrn Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff", ebenfalls von Rode (Dessau, 1801). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die Kunde davon verbreiten sollten, was eine der vielleicht exemplarischsten Reisen eines "aufgeklärten" Fürsten in der Mitte des 18. Jahrhunderts, und dies unter dem maßgeblichen Einfluss Winckelmanns und so manch anderem prominenten Aufklärer, direkt inspiriert und ausgelöst haben soll, nämlich die Gestaltung des Wörlitzer Schlosses sowie seines bis dahin einmaligen Landschaftsparks. Diese sollten fortan als Begriff des guten Geschmacks verstanden werden und den zeitgenössischen Besuchern zur allgemeinen Verbesserung der Verhältnisse zum Vorbild dienen, weswegen denn auch das Wörlitzer Schloss von Anfang an einer weitgehend uneingeschränkten Öffentlichkeit von seinem fürstlichen Besitzer bis hin zu den Privaträumen zugänglich gemacht wurde.

In den Architekturen Erdmannsdorffs, die das Dessau-Wörlitzer Gartenreich überhaupt erst ausmachen, sehen denn auch die einen nichts weniger als die Gründungsmonumente einer neoklassizistischen Architekturauffassung in Deutschland, während andere in den Gartenanlagen den ersten Landschaftspark seiner Art auf dem Kontinent erkennen wollen, eine Einschätzung, die sicher noch weiterer Differenzierung bedarf. Gewiss ist nur, dass die Entstehung und Umsetzung einer neoklassizistischen Ästhetik sowie einer modernen Gartenauffassung an den Höfen der deutschen Territorien, trotz erheblicher Fortschritte auf diesem Forschungsfeld, nicht zuletzt in den letzten zehn Jahren, noch nicht genau genug untersucht worden ist, um diese Frage mit einiger Sicherheit beantworten zu können, wie allein ein vergleichender Blick auf die kulturelle Entwicklung der Höfe von Gotha und Weimar im Verlauf der 1760er und 1770er-Jahre zeigt. Eine solche vergleichende Sichtweise war vor allem auch der diesbezüglichen Forschung in der ehemaligen DDR zu Eigen, wie zum Beispiel die unter der Leitung von Joachim Menzhausen auf der Schallaburg 1984 durchgeführte Ausstellung "Barock und Klassik: Kunstzentren des 18. Jahrhunderts in der Deutschen Demokratischen Republik" nachhaltig belegt.[1]

Überhaupt wurde vor 1989 im Gegensatz zum Westen im östlichen Teil Deutschlands die Erforschung der Residenzen und ihrer jeweiligen Kulturen aus kunsthistorischer Perspektive besonders vorangetrieben, was zum einen darauf zurückzuführen sein mag, dass sie hier besonders prominent vertreten sind (Dresden, Potsdam, Weimar, aber eben auch Gotha, Rudolstadt und Schwerin), während zum anderen die Erforschung des kunsthistorischen 18. Jahrhunderts im Schatten einer staatlich tolerierten und bisweilen auch besonders sanktionierten Aufklärungsforschung trotz ihres im engeren Sinne "feudalen" Gegenstandes durchaus zum Zuge kommen konnte und dies vor dem Hintergrund eines devisenbringenden Tourismus wohl auch sollte, wie das Beispiel Dresden lehrt. Vor allem aber in den späten 70er- und in den frühen 80er-Jahren kam es bekanntermaßen zu einem ideologischen Umdenken in Fragen der historischen Vergangenheit, deren identitätsstiftenden Potenziale plötzlich wieder eingesetzt werden sollten im Spiegel einer abnehmenden Identifikation so manches Bürgers der DDR mit seinem Staat. Die Folge war zum einen eine Reihe von nationalen aber auch internationalen Ausstellungen zum 18. Jahrhundert - hier denke man insbesondere an die Ausstellung "The Splendor of Dresden", die 1978/79 in Washington, New York und San Francisco gezeigt wurde, sowie "Friedrich II. und die Kunst", die 1986 aus Anlass des 200. Todestages Friedrichs II. in Potsdam präsentiert wurde - während zum anderen Schloss- und Parkanlagen wie in Wörlitz und Weimar zumindest doch ideell aufgewertet wurden, wenngleich die Mittel zu ihrem Erhalt weiterhin spärlich flossen.

In Hinblick auf das Dessau-Wörlitzer Gartenreich ist es vor allem das Verdienst des Hallenser Altphilologen und Kulturhistorikers Erhard Hirsch (Jahrgang 1928) auf die Reformbestrebungen des Dessauer Hofes unter Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) eingehend hingewiesen zu haben und dies zu einem Zeitpunkt, als die Bearbeitung eines solchen Themas sicherlich nicht auf der Prioritätenliste einer staatlich sanktionierten historischen Forschung in der DDR stand. Als 1964 im Umfeld der 200-Jahrfeier der Wörlitzer Anlagen die Dessau-Wörlitz Kommission zur Erforschung und Pflege des Gartenreiches gegründet wurde, übernahm Erhard Hirsch die ehrenamtliche Funktion des Sekretärs, die es ihm bisweilen ermöglichte, gegenüber amtlichen Stellen der DDR Forderungen im Bezug auf die Erhaltung und Bewahrung des Gartenreiches zu äußern. Im Dezember 1969 verteidigte Hirsch an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg eine auch in Kreisen der westlichen 18.-Jahrhundert-Forschung vielbeachtete und jenseits der Mauer im Typoskript gelesene Dissertation unter dem Titel "Progressive Leistungen und reaktionäre Tendenzen des Dessau-Wörlitzer Kulturkreises in der Rezeption der aufgeklärten Zeitgenossen 1770-1815", die nunmehr nach über dreißig Jahren in überarbeiteter und mit einem den neuen Verhältnissen angepassten Titel (man mag sich fragen, ob dies wirklich nötig war?) in der Schriftenreihe des in Halle ansässigen Interdisziplinären Zentrums zur Erforschung der Europäischen Aufklärung erschienen ist.[2]

Auf das Engagement und die Forschungen von Erhard Hirsch sowie die Arbeit der Dessau-Wörlitz Kommission lassen sich schlussendlich auch die Studien des wohl besten Kenners des Werkes von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736-1800) zurückführen, Ralf-Torsten Speler, der sich 1981 in Halle-Wittenberg mit einer umfassenden Dissertation, die sich vor allem dem Studium der überlieferten Quellen widmete, promovierte.[3] Einzelne Ergebnisse seiner Forschungen, wie zum Beispiel die Rekonstruktion von Erdmannsdorffs Arbeitsbibliothek, gingen in die aus Anlass der Erdmannsdorff-Ehrung 1986 in Dessau und Wörlitz veranstalteten Ausstellungen ein. Das Privileg der Publikation einer zu jenem Zeitpunkt längst überfälligen, neuen Erdmannsdorff-Monographie blieb im selben Jahr jedoch Hans-Joachim Kadatz vom Institut für Städtebau und Architektur an der Bauakademie der DDR vorbehalten.[4] Spelers unveröffentlichte Forschungen wurden zur Grundlage einer Reihe äußerst fundierter Studien des Autors und dienten außerdem fortan zahlreichen Forschern zur Anregung. Der Rezensent selbst verdankt ihnen viel, nicht zuletzt das Bewusstsein um die Bedeutung handschriftlicher Überlieferungen im Bereich der historischen Reise- und Residenzenforschung, zumal einem jeden an diesen Fragestellungen Interessierten die Italienreise Leopolds III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau und Erdmannsdorffs in den Jahren 1765/66 als nahezu idealtypischer Ausgangspunkt für weitere Überlegungen und Fragestellungen erscheinen muss.[5] Denn selten ist die Überlieferung im Zeitraum 1750-1800 so dicht, die Betrachtung so originell und tiefgreifend und der Kontakt zur europäischen "république des lettres", den Antiquaren und Künstlern so umfassend wie in diesem Fall.

Von dieser Initialreise des deutschen Neoklassizismus haben sich nach erheblichen, kriegs- und auslagerungsbedingten Verlusten - darunter auch die eigenen Aufzeichnungen und Korrespondenzen des Fürsten - lediglich die französische Originalhandschrift von Erdmannsdorffs eigener Reisebeschreibung [6], die hier nunmehr in deutscher Übertragung vorliegt, sowie eine von Marie-Luise Harksen 1932 angefertigte maschinenschriftliche Abschrift eines weiteren, äußerst aufschlussreichen und ebenfalls auf Französisch verfassten Journals von Georg Heinrich von Berenhorst (1733-1814), das im 19. Jahrhundert in Auszügen ebenfalls in deutscher Übersetzung anpubliziert worden war [7], in der Anhaltischen Landesbücherei in Dessau erhalten. Außer einigen wenigen Briefen Erdmannsdorffs, die sich zumeist im Anhaltischen Hausarchiv (ehem. Landesarchiv Oranienbaum; seit Oktober 2002 im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt in Dessau) erhalten haben, stellt der leider immer noch nicht angemessen bearbeitete grafische Nachlass Erdmannsdorffs in der Anhaltischen Gemäldegalerie in Dessau eine besonders wichtige Ergänzung in der Überlieferung dieser Reise dar.

Der inhaltliche Unterschied beider Handschriften liegt vor allem darin, dass sich Erdmannsdorff weitestgehend auf die Schilderung und Beurteilung von Gebäuden, Kunstwerken und Sammlungen konzentriert - daher der vom Herausgeber im Bezug auf ein Reisejournal allzu epochenfremd formulierte Titel "Kunsthistorisches Journal" - während Berenhorst sich in erster Linie der Schilderung der gesellschaftlichen aber auch politischen Aspekte dieser Reise widmete, die natürlich nicht so ohne weiteres von den Ästhetischen zu trennen sind. Spelers Edition beschränkt sich somit auf die aus seiner Sicht allein kunsthistorisch und archäologisch relevanten Aspekte der Reise. Bei einer derart exemplarischen Überlieferung greift allerdings ein solchermaßen eingeschränkter Ansatz zu kurz. Denn gerade im Hinblick auf die Frage nach den konkreten Auswirkungen auf die Weiterentwicklung des kleinen Territoriums infolge der Reise, sowohl in ästhetischer als auch in politischer Hinsicht, wäre eine parallele Lektüre beider Texte von ungleich größerem Erkenntnisgewinn gewesen, wenn schon eine parallelisierte Herausgabe beider Texte nicht zur Diskussion stand.

Berenhorst beschreibt detailliert die Reise durch Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland vom 18. Oktober 1765 bis zur Rückkehr nach Dessau am 3. März 1768. Der Text, dessen Redaktion erst 1775 abgeschlossen wurde, beinhaltet neben zahlreichen Schilderungen des Tagesgeschehens auch Briefe des Fürsten, des Prinzen Johann Georg und Erdmannsdorffs sowie eine Anzahl von umfangreichen Listen mit den Namen neuer Bekanntschaften. In Leipzig besuchte die Reisegruppe Gellert; in Rom traf sie auf Winckelmann und Reiffenstein, die den Reisenden fortan die Ewige Stadt in ihrer ästhetischen Bedeutung erschlossen; in Neapel suchten sie den englischen Gesandten Hamilton auf, dessen archäologische und vulkanologische Untersuchungen bekanntermaßen weite Kreise des gelehrten Europa brennend interessierten. Darüber hinaus begegnen sie mehrfach Lawrence Sterne (die mitunter witzigsten Augenblicke dieser Reise), dessen sentimentalische Schriften zu den meistgelesenen ihrer Zeit gehörten. Nahezu kein Aspekt der Reise und des in ihrem Verlauf Gesehenen bleibt unkommentiert; von der Geschichte und Topografie der besuchten Städte und Regionen bis hin zur politischen und religiösen Ordnung und dem Militärwesen. Berenhorsts wiederholte Beschäftigung mit militärtheoretischen Fragestellungen im Verlauf der Reise reflektiert nicht nur die vordergründigen Belange des kritischen Militärhistorikers, sondern auch die konkreten Auswirkungen der friderizianischen Politik auf das kleine Territorium Anhalt-Dessau. Der in der Folge des Siebenjährigen Krieges entstandene Reformbedarf hatte somit direkte Auswirkungen auf die enzyklopädisch universellen Betrachtungsweisen der Reisenden aus Dessau.

Die dem nunmehr vorliegenden Reisejournal Erdmannsdorffs zu Grunde liegende Handschrift ist von zentraler Bedeutung für die kunst- aber auch kulturhistorische Erforschung des frühen Klassizismus in Deutschland. Als solche war sie schon 1942 von den Editoren der Winckelmann-Briefausgabe (1952-57), Hans Diepolder und Walter Rehm, erkannt worden und in Bezug auf ihre vorbildhafte Edition ausgewertet worden. Ähnlich umfangreich und umfassend wie das Reisejournal Berenhorsts, analysiert in ihm der angehende Architekt und Kunstsachverständige unter dem direkten Einfluss Winckelmanns und Charles-Louis Clérisseaus die herausragenden Bauten der Antike sowie der Renaissance und des Barock. Er beschreibt die großen Kunstsammlungen und vollzieht dabei einen wesentlichen Teil seiner ästhetischen wie auch künstlerischen Ausbildung, von der er in seinem Journal Rechenschaft ablegt. Nur selten lässt sich die Genese eines werdenden neoklassizistischen Künstlers auf Grundlage seiner Selbstzeugnisse so genau nachvollziehen.

Aus wissenschaftlicher Sicht stellt ein kaum zu überwindendes Manko der Edition die Tatsache dar, dass der von Erdmannsdorff ursprünglich auf Französisch verfasste Text direkt in deutscher Übersetzung vorgelegt wurde, sodass an seiner Erforschung ernsthaft Interessierte an die Handschrift in der Anhaltischen Landesbücherei in Dessau zwangsweise zurückverwiesen sind, nicht zuletzt wenn sie diese Quelle korrekt zitieren wollen. Weiterhin ist die Edition Spelers bedauerlicherweise nicht frei von zahlreichen Übersetzungs- und Kommentarfehlern.[8] Besonders auffällig ist außerdem, dass man die im Journal erwähnten antiken Skulpturen mithilfe des Berliner Archäologen Sascha Kansteiner durchgängig und kompetent identifizierte, während die Gemälde und nachantiken Kunstwerke unverständlicherweise unkommentiert blieben. Aus der Sicht des Rezensenten ist zudem hervorzuheben, dass die Zugänglichkeit dieses für die 18.-Jahrhundert-Forschung zweifelsohne zentralen Quellentextes ohne jede Not für internationale, das heißt der deutschen Sprache immer weniger mächtige Forscher, somit nur sehr eingeschränkt möglich sein wird. Vor dem Hintergrund einer ausgesprochen entwickelten Grand-Tour-Forschung in England, den Vereinigten Staaten, Frankreich, Italien und Holland ist nicht nachzuvollziehen, warum man durch eine solche Herausgeberschaft den Forschungsgegenstand mehr oder weniger ungewollt marginalisiert. Ein Blick auf die vorbildlichen Ausgaben von handschriftlichen Reisejournalen, die in den letzten Jahren sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch erschienen sind, verdeutlicht dies.[9] Gerade hier sähe der Rezensent eine Möglichkeit, über die Erschließung und Herausgabe von in Deutschland verfassten französischen oder auch anderssprachigen Texten, wie sie gerade im Bereich der Reisebeschreibungen und Korrespondenzen des 18. Jahrhunderts besonders zahlreich überliefert sind, an vergleichbare Projekte und Vorhaben, insbesondere im Bereich der Egodokumentenforschung, andernorts anzuschließen und somit den Kenntnisstand im Bereich von interkulturellen Fragestellungen zu erweitern.

Speler hat sich seit den frühen 80er-Jahren mit der Herausgabe dieses Textes getragen (8). Die Zeitumstände waren es, die eine solche bislang verhinderten. Zudem ist bekannt, dass vor 1989 in der DDR in Hinblick auf ein größtmögliches Lesepublikum fremdsprachige Texte in der Regel in Übersetzung erschienen sind. Gerade hier sind richtungsweisende Ausgaben erschienen, wie zum Beispiel die Auswahl aus den Werken Denis Diderots (hrsg. von Martin Fontius) oder jene aus der "Correspondance littéraire" von Friedrich Melchior Grimm (hrsg. von Kurt Schnelle), wenngleich es sich hierbei natürlich nicht, wie im hier besprochenen Fall, um Erstpublikationen handelte. Andererseits steht kaum außer Frage, dass gerade an der Akademie der Wissenschaften der ehemaligen DDR eine große Anzahl von Editionsvorhaben auf höchstem editorialen Niveau betrieben worden ist. Vielleicht gerade deshalb ist im Falle des Erdmannsdorff-Journals nur schwer nachzuvollziehen, warum ein Text, der uneingeschränkt eine historisch-kritische Herausgabe verdient hätte, nicht als solcher behandelt worden ist, sodass ihm schlussendlich eine angemessene Transkription und Kommentierung verwehrt blieb. Die Kommentare haben bisweilen eher zufälligen und wenig genauen Charakter, während oftmals dringend benötigte Verweise auf die neueste Forschungsliteratur gänzlich fehlen.[10] Dem allgemeinen Besucher von Wörlitz mag diese Ausgabe unter Umständen hilfreich sein, wenngleich sie zwangsläufig auf so manch falsche Fährte führt - auch hier wünschte man sich mehr Distanz zum Gegenstand oder auch eine Korrektur landläufiger Sichtweisen über die gegenwärtig vorherrschende regionalgeschichtliche Perspektive hinaus. Sehr viel wünschenswerter wäre jedoch gewesen, erst einmal eine historisch-kritische Ausgabe vorzulegen, auf deren Grundlage die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht eine besucherfreundlichere Anthologie hätte publizieren können.

Nachdem schon Clemens Alexander Wimmer, aus Anlass der von der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz im Jahre 1997 veranlassten und äußerst fehlerhaften Erstpublikation des Journals von Erdmannsdorffs Englandreise (1763/64), die von der Stiftung verfolgte Publikationspolitik scharf kritisiert hat[11], bleibt nunmehr nur noch zu hoffen, dass man dort ein Einsehen haben wird und zukünftig die Herausgabe von Quellentexten auf jenem Niveau unterstützt, das auch langfristig der weiteren Erforschung des Gegenstandes sachdienlich und nicht zuletzt der Qualität und Bedeutung des Gegenstandes angemessen ist. Angemerkt werden muss allerdings auch, dass Spelers Übersetzung und Kommentierung nunmehr als etabliert gelten wird, und dass es für alle, die dennoch eine historisch-kritische Ausgabe des französischen Quellentextes anstreben könnten, schwierig werden wird, die notwendige ideelle und vor allem auch materielle Unterstützung für ein solches Vorhaben zur erlangen, unabhängig von der Frage, wie sehr wir eine solche Ausgabe doch eigentlich benötigen.

Anmerkungen:

[1] Barock und Klassik: Kunstzentren des 18. Jahrhunderts in der Deutschen Demokratischen Republik, Ausstellungskatalog, Schallaburg, 1984 (Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge, Bd. 146), Wien 1984.

[2] Erhard Hirsch, Die Dessau-Wörlitzer Reformbewegung im Zeitalter der Aufklärung. Personen - Strukturen - Wirkungen (= Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung, Bd. 18), Tübingen, 2003. Bezüglich des Dissertationstyposkriptes aus dem Jahre 1969 siehe ein Exemplar in der Hochschulschriftenstelle der UB der Humboldt-Universität zu Berlin, Signatur 71 HB 2067:1-2.

[3] Ralf-Torsten Speler, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, Begründer der klassizistischen Baukunst in Deutschland. Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung des Nachlasses und der Familienakten, der Italienbriefe und unveröffentlichten Manuskripte sowie einer Auswahl des zeichnerischen Œuvres zu den Italienreisen, Diss. A, 2 Bde., Halle (Saale), 1981; ein Mikroficheexemplar in der Hochschulschriftenstelle der UB der Humboldt-Universität zu Berlin, Signatur 95 HM 2696, bzw. in der Bibliotheca Hertziana, Rom, Signatur Wa-ERD 4415-5810/1-2 raro.

[4] Hans-Joachim Kadatz, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff: Wegbereiter des deutschen Frühklassizismus in Anhalt-Dessau (1736-1800), Berlin (Ost), 1986.

[5] Vgl. Christoph Frank, Joachim Rees, Winfried Siebers und Hilmar Tilgner, "Europareisen der politischen Funktionsträger des Alten Reichs (1750-1800). Reisen und Aufklärung aus interdisziplinärer Perspektive", in: Frühneuzeit-Info, 10. Jg., Heft 1+2, 1999, S. 275-282; den Tagungsband Europareisen politisch-sozialer Eliten im 18. Jahrhundert. Theoretische Neuorientierung - kommunikative Praxis - Kultur- und Wissenstransfer, hrsg. von J. Rees, W. Siebers und H. Tilgner unter Mitwirkung von C. Frank, Berlin, 2002; sowie das demnächst in der Reihe des Forschungszentrums Europäische Aufklärung (Potsdam) erscheinende, von Joachim Rees und Winfried Siebers bearbeitete Inventar unveröffentlichter Reisetagebücher und reisebezogener Quellen der politischen Funktionsträger des Alten Reiches (1750-1800).

[6] Dessau, Anhaltische Landesbücherei, HB 10012. Das Journal wurde seit Riesenfelds Erdmannsdorff-Monographie (1913) erstmals wieder in vollem Umfang von Speler ausgewertet (Diss., 1981, Bd. 1, 174-249, bzw. Bd. 2, 123-178).

[7] Journal de voyage des princes Léopold Frédéric François et Jean George d'Anhalt du 18. octobre 1765 jusqu'au 3. mars 1768, conduit par de Berenhorst le 19. avril 1775, 383 S., machinenschriftliche Kopie aus dem Jahre 1932, teilweise unveröffentlicht; Dessau, Anhaltische Landesbücherei, HB 23841. Das Original ist im II. Weltkrieg verbrannt; vgl. Ralf-Torsten Speler und Renate Flügel, Erdmannsdorff-Ehrung 1986. Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff und seine Zeit in literarischen Zeugnissen, Ausstellungskatalog, Stadtbibliothek, Dessau, 1986, S. 5, Nr. II.2. Eine ein Drittel des Textes umfassende deutsche Übersetzung erschien 1847: Eduard von Bülow, Hrsg., Aus dem Nachlasse von Georg Heinrich von Berenhorst, 2 Bde., Dessau, 1845-47, Bd. 2, S. 21-118.

[8] Siehe nur zum Beispiel den Eintrag vom 30. Dezember 1765 bezüglich des Deckenfreskos in der Villa Albani von Anton Raphael Mengs: "Une composition sage et grande, un dessein correct et élégant, des attitudes digne d'un sujet élevé, des airs de tête divins, une expression qui enchante, un coloris vrai et vigoureux, toutes ces qualités réunies dans une même pièce ne laissent plus rien à désirer. Ce savant peintre doit briller d'autant plus que les artistes de notre siècle..."; Dessau, ALB, HB 10012, nicht paginiert. Bei Speler erfährt diese Passage folgende, gleich in mehrerlei Hinsicht semantisch problematische bzw. falsche Übersetzung: "Eine ungekünstelt einfache ["sage" wäre in diesem Fall wohl am ehesten mit "lehrreich" zu übersetzen] und große Komposition, korrekte und elegante Zeichnung ["dessein" steht im 18. Jahrhundert sowohl für "Zeichnung" als auch "Komposition" und verdeutlicht die inhärente semantische Problematik solcher Übersetzungen], Haltungen ["attitudes" wäre mit "Posen" zu übersetzen], eines erhabenen Inhalts ["sujet" steht wohl eher für den "Gegenstand"] würdig, das Aussehen der göttlichen Köpfe [sollte heißen die "göttlichen Mienen der Köpfe"], einen Ausdruck, der entzückt, eine wahre und kräftige Farbgebung - alle diese Qualitäten in einem einzigen Stück lassen nichts mehr zu wünschen übrig. Dieser erfahrene ["savant" wäre in diesem Fall allein mit "gelehrt" zu übersetzen] Maler muss umso mehr als die Künstler unseres Jahrhunderts glänzen..."; Erdmannsdorff, Kunsthistorisches Journal, 141.

[9] Vgl. Das italienische Reisetagebuch des Prinzen August von Sachsen-Gotha-Altenburg, des Freundes von Herder, Wieland und Goethe, hrsg. u. komm. von Götz Eckardt (Schriften der Winckelmann-Gesellschaft, Bd. 9), Stendal 1985, oder die vorzügliche von J. W. Niemeijer und J. Th. De Booy vorbereitete Ausgabe der Voyage en Italie, en Sicile et à Malte - 1778 - par quatre voyageurs hollandais: Willem Carel Dierkens, Willem Hendrik van Nieuwerkerke, Nathaniel Thornbury, Nicolaas Ten Hove, accompagnés du peintre vaudois Louis Ducros, 2 Bde., Boulogne-Billancourt 1994.

[10] Bei Erdmannsdorffs Schilderung der in diesen Jahren besonders wichtigen römischen Antikensammlung des Conte Giuseppe Fehde (191) fehlt zum Beispiel der Hinweis auf Alessandra Giubileis grundlegenden Aufsatz "Il conte Fehde e la Villa Adriana: storia di una collezione d'arte", in: Atti e memorie della Società Tiburtina di Storia e d'Arte già Accademia degli Agevoli e Colonia degli Arcadi Sibillini, Bd. 68, 1995, 81-147. Im Zusammenhang mit dem Besuch der Villa Hadriana (255) fehlt zum Beispiel auch der Hinweis auf William L. MacDonald und John A. Pinto, Hadrian's Villa and its Legacy, New Haven und London 1995.

[11] In: Die Gartenkunst, Heft 10, 1998, 186-188.

Christoph Frank