Rezension über:

René Schilling: "Kriegshelden". Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945 (= Krieg in der Geschichte (KRiG); Bd. 15), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2002, 436 S., ISBN 978-3-506-74483-8, EUR 49,00
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Rezension von:
Sabrina Müller
Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Sabrina Müller: Rezension von: René Schilling: "Kriegshelden". Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 11 [15.11.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/11/1599.html


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René Schilling: "Kriegshelden"

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Im Mittelpunkt von René Schillings Studie steht die Verehrung von "Opferhelden", Soldaten, die im Krieg für ein politisches Gemeinwesen kämpften und starben. Schilling untersucht, wie sich die Vorstellungen von Opferhelden zwischen den Befreiungskriegen und dem Ende des Zweiten Weltkrieges veränderten. Für solche Vorstellungen oder Bilder von Helden wählt er den Begriff "Deutungsmuster". Die Arbeit berücksichtigt zwei Untersuchungsebenen. Schilling interessiert sich nicht nur für die Konstruktion von Heldenbildern in populären biografischen Texten. Die Dissertation, die im Rahmen des Bielefelder Graduiertenkollegs "Sozialgeschichte von Schichten, Gruppen, Klassen und Eliten" entstand, beleuchtet auch den sozialen Hintergrund der Heldenbiografen. In mehreren Fallstudien analysiert Schilling die soziale Praxis der Heldenverehrung.

Kriterium für die Auswahl der Helden ist ihre Popularität im Untersuchungszeitraum. Den Grad der Popularität misst Schilling an der Zahl der Biografien. Dieser Ansatz erklärt das große Ungleichgewicht, mit dem die vier ausgewählten Helden in der Arbeit behandelt werden. Der Großteil der Studie ist dem Dichter Theodor Körner (1791-1813) gewidmet, der als Mitglied des Lützowschen Freikorps starb und zwischen 1813 und 1945 populär war. Der Turnpädagoge Friedrich Friesen (1784-1814), ebenfalls Mitglied des Lützowschen Freikorps, wird in die Untersuchung einbezogen, weil er in der Zeit des Nationalsozialismus größere Bedeutung erlangte. Mit dem Ersten Weltkrieg rücken die neuen "technischen Helden" in den Blick: Manfred Freiherr von Richthofen (1892-1918), der als erfolgreichster Jagdflieger des Ersten Weltkrieges galt, und der U-Boot-Kommandant Otto Weddigen (1882-1915).

Die Untersuchung ist durch folgende Leitfragen strukturiert: Welche Eigenschaften werden den Helden zugeschrieben? Welche Geschlechterrollen sind mit einem bestimmten Heldentypus verknüpft? Für welche politische und soziale Ordnung kämpft und stirbt der Held? Welche gesellschaftlichen Gruppen setzen sich in Texten und Gedenkfeiern für die Verbreitung eines bestimmten Heldenbildes ein?

Die Arbeit besticht durch die Vielfalt der Quellen. Neben biografischen Schriften zieht Schilling auch Gedichte, populäre Theaterstücke, Liedersammlungen und Romane heran. Er interpretiert überdies Gemälde, Büsten und Fresken, um zeitgenössische Vorstellungen von den Helden zu rekonstruieren. Die Schwäche der Studie liegt in der mangelnden Reflexion über den Untersuchungsraum. Es bleibt unklar, für welches Gebiet die Aussagen Schillings Gültigkeit beanspruchen können. In Titel und Schlussbilanz vertritt er den Anspruch, den Wandel des "Deutungsmusters vom Opferhelden" im Rahmen der deutschen Gesellschaft zwischen 1813 und 1945 zu untersuchen (380). Der Schwerpunkt der Arbeit liegt indes auf Preußen, Sachsen, Mecklenburg-Schwerin und Westfalen. Die Fallstudien konzentrieren sich auf Wöbbelin, Dresden, Berlin, Hamburg, Herford und Kiel.

Darstellung und Stil sind zum Teil zu kritisieren. Während die Zeit von 1813 bis 1913 sehr detailliert behandelt wird, ist das Kapitel über das Heldenbild im Ersten Weltkrieg eher thesenartig verfasst. Hier wäre eine größere Ausgewogenheit besser gewesen. Auch formuliert Schilling nicht immer glücklich, ein Beispiel soll hier genügen: "Hinzu kam die Betonung einer sachlichen Rationalität, die dem Zustand enthusiastischer Begeisterung diametral entgegenstand" (287).

Die Darstellung ist chronologisch mithilfe von drei Idealtypen gegliedert. Der "patriotisch-wehrhafte Bürgerheld" dominiert die Zeit von 1813 bis zur Reichsgründung. Ab den 1860er-Jahren rückt der "reichsnationale Kriegsheld" in den Vordergrund. Dieser wird ab Mitte der 1920er-Jahre vom "charismatisch-kriegerischen Volkshelden" abgelöst. Mit dem Typus des "patriotisch-wehrhaften Bürgerhelden" verbindet sich das oppositionelle politische Programm des aufstrebenden Bildungsbürgertums. Leitidee der Heldenbiografen ist eine Staatsbürgergesellschaft, die dem Adel Privilegien verwehrt und politische Teilhabe an Bildung knüpft. Die Trennlinien zwischen dem höheren Bürgertum im Staatsdienst und den Bildungsbürgern mit ungesicherter Existenz lassen sich bis in die Heldenbiografien hinein nachvollziehen. Letztere verfechten mit ihrem Heldenbild ein sozial offeneres Gesellschaftsmodell.

Während des Kaiserreichs verliert die Heldenverehrung ihren oppositionellen Charakter und wird zum "gleichsam offiziellen Bestandteil der militaristischen Symbolik" (315). Das Lützowsche Freikorps wird von der politischen und militärischen Obrigkeit in die nationale Erinnerungspolitik integriert. Im Ersten Weltkrieg erreicht der Heldenkult einen Höhepunkt. Vor dem Hintergrund des massenhaften Sterbens und der Technisierung des Krieges werden die neuen Helden, der Jagdflieger Manfred von Richthofen und der U-Boot-Kommandant Otto Weddigen, zu "Rittern der Lüfte" und der "Tiefe" stilisiert (267). Nachdem die Verehrung der Opferhelden zu Beginn der Weimarer Republik an Bedeutung verloren hat, gelingt es der extremen Rechten ab Mitte der 1920er-Jahre das Gedenken an die Helden zu dominieren. Die Verbreitung des Bildes vom "charismatisch-kriegerischen Volkshelden" trägt auf ideologischer Ebene dazu bei, die Demokratie zu zerstören und den Nationalsozialismus zu etablieren. In der Zeit von 1933 bis 1945 erlebt der Heldenkult nochmals eine Hochkonjunktur, was Schilling zufolge von der bisherigen Forschung nur unzureichend berücksichtigt worden ist. Die Verehrung der Opferhelden wird von Parteiorganen, Wehrmacht und staatlichen Behörden benutzt, um die Bevölkerung auf den Krieg vorzubereiten und die Loyalität zum NS-System zu stärken.

Das Staatsmodell, für das die Helden aus der Perspektive ihrer Biografen kämpfen und sterben, wandelt sich zwischen 1813 und 1945 von einer Gesellschaft, die von gleichberechtigten Bürgern gestaltet wird, zu einer autoritären Ordnung. Entsprechend verändern sich auch die Eigenschaften, die den Helden zwischen 1813 und 1945 zugeschrieben werden. Der "patriotisch-wehrhafte Bürgerheld" zeichnet sich durch umfassende Bildung und eine humanistische Gesinnung aus. Er entscheidet selbstständig und strebt die moralische Vervollkommnung seiner Persönlichkeit an. Bei der Konstruktion des "reichsnationalen Kriegshelden" zwischen 1890 und 1913 erhalten körperliche Merkmale den Vorrang. Die Biografen betonen die körperliche Überlegenheit und Kampfbereitschaft des Helden. Intellektualität und Humanität werden zunehmend negativ bewertet. Bei den neuen "technischen Helden" verknüpfen sich jugendliches Draufgängertum und Risikobereitschaft mit Professionalität im Umgang mit den neuen Waffen. Der "charismatisch-kriegerische Volksheld" besitzt eine übernatürliche, persönliche Ausstrahlung und eine "quasireligiöse" Aura.

Schilling hebt hervor, dass die Geschlechterrollen, die mit den Heldenbildern verbunden sind, bis zum Vormärz noch relativ offen gewesen seien. Die Eigenschaften, die dem "Bürgerhelden" zugeschrieben wurden, hätten nicht als spezifisch männlich gegolten. Den Siegeszug des Modells sich polar gegenüberstehender Geschlechtscharaktere lässt Schilling mit der Niederlage der Revolution von 1848/49 beginnen. Erst ab der Jahrhundertmitte habe sich ein Rollenbild etabliert, das Männern ein aktiv-kriegerisches und Frauen ein passiv-friedfertiges Verhalten zuwies. Die Offenheit der Geschlechterrollen in der ersten Jahrhunderthälfte wird von Schilling jedoch überbewertet. Selbst radikale Demokraten erwarteten in der Revolution von 1848/49 von Frauen eher ein fürsorgliches Verhalten am Rande der Gefechte. Ihre Rolle sollte sich auf die Erziehung künftiger demokratischer Rebellen, die Pflege der Verwundeten und - als äußerstes Zugeständnis - auf die Herstellung von Patronen beschränken.

Insgesamt gelingt es René Schilling in dieser Längsschnittstudie, entlang des Deutungsstreites über "heroische Männlichkeit", politische und soziale Konfliktlinien in der Gesellschaft zwischen 1813 und 1945 zu erhellen. Bei der Lektüre der Studie drängt sich die Frage auf, ob die Verehrung von Opferhelden überhaupt mit der politischen Kultur einer demokratischen Gesellschaft vereinbar ist. Schilling betont, dass "das Deutungsmuster vom Opferhelden" nach 1945 "in der vom Nationalsozialismus zelebrierten Form endgültig diskreditiert" gewesen sei (374). Wie aber könnten die Bilder von Opferhelden beschaffen sein, die für die Identitätsstiftung in einer demokratischen Gesellschaft taugen? Sind die Menschen, die für die Verwirklichung der Menschenrechte kämpften und für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus hingerichtet wurden, nicht eine andere Form von Opferhelden, die für unsere heutige Erinnerungskultur wichtig sind? Es wäre interessant gewesen, hätte Schilling in seinem Ausblick diese Frage noch erörtert.

Sabrina Müller