Rezension über:

Susanne Rau: Geschichte und Konfession. Städtische Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur im Zeitalter von Reformation und Konfessionalisierung in Bremen, Breslau, Hamburg und Köln (= Hamburger Veröffentlichungen zur Geschichte Mittel- und Osteuropas; Bd. 9), München / Hamburg: Dölling und Galitz 2002, 674 S., ISBN 978-3-935549-11-0, EUR 29,80
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Rezension von:
Gregor Rohmann
Museum für Hamburgische Geschichte
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Kommentare zu dieser Rezension:

Kommentar von Susanne Rau mit einer Replik von Gregor Rohmann

Empfohlene Zitierweise:
Gregor Rohmann: Rezension von: Susanne Rau: Geschichte und Konfession. Städtische Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur im Zeitalter von Reformation und Konfessionalisierung in Bremen, Breslau, Hamburg und Köln, München / Hamburg: Dölling und Galitz 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 6 [15.06.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/06/1770.html


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Susanne Rau: Geschichte und Konfession

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Die städtische Geschichtsschreibung der frühen Neuzeit ist allzu lange nur als zu vernachlässigende Schwundform ihrer spätmittelalterlichen Vorgänger gesehen worden. Die Erinnerungskultur im weiteren Sinne ist überhaupt erst in den letzten Jahren Gegenstand der Betrachtung geworden. Susanne Rau weist in ihrer in Hamburg entstandenen Dissertation nun zu Recht auf die Bedeutung des historischen Wissens und seiner Medien für die gesellschaftlichen und kulturellen Formierungsprozesse des konfessionellen Zeitalters hin. Wie also funktionierten Geschichtsschreibung und kollektives Gedächtnis als Instanzen der Bewältigung konfessioneller Konflikte und damit der Vermittlung konfessioneller "Identitäten"? Welche Wahrnehmung von Ereignissen der Reformation vermittelten sie, und welche sprachlichen, narrativen, symbolischen und inhaltlichen Strategien verwendeten sie? Wenn die Formulierung des kollektiven Gedächtnisses ein Ausdruck gesellschaftlicher Macht ist, wer hatte dann ihre Medien in der Hand? Beantwortet werden sollen diese Fragen am Beispiel von vier Hansestädten: des zumindest dem Selbstverständnis nach strikt lutherischen Hamburg; des altgläubig beziehungsweise katholisch gebliebenen Köln; des zunächst wittenbergisch orientierten, dann reformierten Bremen und des nach Reformation und habsburgischer Rekatholisierung gemischt-konfessionellen Breslau. Angestrebt ist eine Fokussierung nicht nur auf die Chronistik im engeren Sinne, sondern auch auf andere Medien des kollektiven Gedächtnisses.

Es spricht für die Berechtigung dieser Aufgabenstellung, dass sie jener anderer, etwa gleichzeitig entstandener Arbeiten gleicht. Der qualitative wie quantitative Anspruch wird noch erhöht durch längere Explikationen zu den methodischen und theoretischen Grundlagen, etwa zum Konfessionalisierungsbegriff, zum kollektiven Gedächtnis und seinen Konstruktionsprinzipien, zur Narrativität von Geschichtsschreibung oder zur Konstruktivität von Identität. Gelinde gesagt apodiktisch werden dabei Prämissen gesetzt, denen zumindest der Rezensent nicht immer folgen kann: Gedächtnisorte im gebräuchlichen Wortsinn sind nicht "Fundorte von Quellen" (60). Raus wenig präzise Ausführungen über "Identität" ignorieren die einschlägigen Diskussionen in den Cultural, Postcolonial beziehungsweise Gender Studies ebenso wie etwa die grundsätzliche Begriffskritik Niethammers. Ist es ferner der Untersuchung zuträglich, die Reformation als "Differenzerfahrung" fraglos vorauszusetzen, statt sie vor dem Hintergrund des Konfessionalisierungsparadigmas zunächst einmal zu hinterfragen? Wenn Rau für die Wahrnehmung dieser "Störung der Welt" die jeweilige Quellengattung für "strukturell unerheblich" hält, obwohl doch je nach Schreibanlass und Intention die Reformation für manche Textgattungen schlicht unerheblich sein musste, ist dies eine selbst gewählte Entschärfung des methodischen Werkzeugs.

Überhaupt wird der hoch gesteckte Anspruch in Fragestellung und Methode über weite Strecken nicht eingelöst. Viel Material wird ausgebreitet, Theorien werden referiert, Chronikpassagen paraphrasiert, Biografien erzählt, Städte, ihre Institutionen und ihre Chronistik vorgestellt. Der analytische Zugriff bleibt dabei zumeist oberflächlich. Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier Kapitel für Kapitel Themen abgearbeitet wurden, die "hineingehören", ohne sich um einen organischen Argumentationsgang zu bemühen. So werden empirische Bausteine aufgehäuft, ein hochtrabendes theoretisches Gerüst errichtet und aus Prämissen und Fragestellungen ein schöner Plan gemacht. Ein Haus ergibt das noch lange nicht.

Ein Beispiel: Sehr zu Recht weist Rau darauf hin, dass die zahllosen Chronikabschriften, die unsere Stadtarchive füllen, nicht Zeugnisse blinden Kopierens, sondern einer gezielten, weiterentwickelnden, aktiven Aneignung sind. Von dieser Erkenntnis ausgehend hätte die detaillierte Untersuchung eines Überlieferungsbestandes ganz neue Aufschlüsse zur Rezeptionsgeschichte bieten können. Leider wird diese dann ausgerechnet mit Hinweis auf die Quellenlage für unmöglich erklärt (407). So bleibt es bei als solchen lesenswerten Vorarbeiten zu einer noch zu leistenden Untersuchung (417 ff.), wie auch der Abschnitt über Bibliotheken und Büchersammlungen (445 ff.) viel Sammlungsgeschichte und wenig konkrete Analyse bietet. Wie diese hätte aussehen können, zeigt die ausgesprochen gelungene Untersuchung der Hamburger Reformationsfeste der Jahre 1617 und 1717 (484 ff.).

So kann Rau auch ihre mit einer gewissen Hartnäckigkeit vorgetragene Grundannahme nicht verteidigen, die Geschichtsschreibung als Formulierung des kollektiven Gedächtnisses sei in den frühneuzeitlichen Städten kein Arcanum, kein monopolisiertes Herrschaftswissen ratsnaher Eliten mehr gewesen. Dass die Obrigkeiten öffentliche Manifestationen des Geschichtsbewusstseins förderten und selbst veranstalteten, ist doch gerade ein Indiz für und nicht gegen ihre Deutungshoheit! Eine diesbezügliche Öffnung gegenüber dem späten Mittelalter hätte sie mit ihrem Material vielleicht durchaus belegen können, wenn es ihr wirklich um eine tiefenscharfe Analyse zu tun gewesen wäre. Ausgangspunkt hätte etwa Raus Annahme sein können, dass ratsfernere Verfasser und Abschreiber gerade auf die mangelnde Überprüfbarkeit der obrigkeitlichen Informationen reagierten, sich also das monopolisierte Geschichtswissen aneigneten (416 f.). Auch hätte jeder Verfechter der Vertraulichkeits-These sich dankbar eines Besseren belehren lassen, wenn sie etwa den Versuch gemacht hätte, jene (445) von ihr zitierte Quellenpassage zu verifizieren, der zu Folge man 1603 in Hamburg geplant habe, das "Stadtbuch" im Druck herauszubringen. Aber für etwaige diachron feststellbare Veränderungen in ihrem Untersuchungszeitraum, der ja immerhin von Luther bis Goethe reicht, interessiert sich Rau grundsätzlich nicht.

Die Reformation, dieses Ergebnis der Analyse der Erzählstrukturen sei hier festgehalten, ist für die Zeitgenossen kein geschlossenes Ereignis. Vielmehr erzählen sie von einer Vielzahl von Einzelereignissen, verbinden diese jedoch durch Querverweise indirekt zu einer Plotstruktur und tragen so zur Konstruktion einer Epoche bei. Inwieweit die den pro-reformatorischen Chronisten zugeschriebene Vorliebe für narrative Nullpunktmuster der erkenntnisleitenden Prämisse von der "Störung der Welt" geschuldet ist, sei dabei dahingestellt.

Dass die konfessionelle Konkurrenzsituation in den Vorreden der Chroniken zu einer Flut von topischen Wahrheitsbeteuerungen führte, sollte man nicht als Zeugnis einer Tendenz zur Objektivität missverstehen (139 ff.). Eher schon führte die Konkurrenz zu einem höheren Bedarf an Belegbarkeit und Sorgfalt, was jedoch wiederum nicht mit "Methodisierung" im Sinne von Fortschrittlichkeit (503 ff.) zu übersetzen ist.

Abschließend postuliert Rau als methodischen Rahmen mit einem gewissen Innovationsanspruch die "Annäherung an zeitgenössische Deutungssysteme". Das kann man ganz ähnlich schon bei Heinrich Schmidt 1954/58 lesen. Raus Untersuchung hätte über diesen und über den aktuelleren Forschungsstand weit hinausführen können, wenn sie denn tatsächlich durchgeführt worden wäre. Stattdessen wiederholt sie abschließend noch einmal jene Prämissen und Hypothesen, die präzise zu belegen sie zuvor über gut 500 Seiten versäumt hat.

Jede Argumentation braucht ihren Raum. Die vorliegende Arbeit hätte auch bei größerer Durchdringungstiefe gut einen durchschnittlichen Umfang haben können, ohne inhaltlich zu verlieren. Denn die Sprache ist weitschweifig und unsorgfältig, die Gliederung undurchsichtig und redundant. Bei einer Qualifikationsarbeit hätte man hier auch Betreuer, Herausgeber und Verlag in der Verantwortung gesehen. Wissenschaft ist ihrem Wesen nach ein Wettbewerb. Bücher wie dieses entstehen und bestehen in einem akademischen Betrieb, in dem das Bewusstsein für die Spielregeln, ja: für den Sinn dieses Wettbewerbs verloren gegangen ist. So bleibt dem Rezensenten die wissenschaftlich undankbare und menschlich unerfreuliche Aufgabe, zu kritisieren, wenn es zu spät ist.

Gregor Rohmann