Rezension über:

Andreas Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit, 1848-1914, 2., erg. Auflage, München: Oldenbourg 2002, XII + 617 S., ISBN 978-3-486-56551-5, EUR 59,80
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Rezension von:
Philipp Felsch
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Rüdiger Graf
Empfohlene Zitierweise:
Philipp Felsch: Rezension von: Andreas Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit, 1848-1914, 2., erg. Auflage, München: Oldenbourg 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5 [15.05.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/05/1683.html


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Andreas Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert

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Dass die Geschichte der Populärwissenschaft bestenfalls trivial und schlimmstenfalls in Deutschland gar nicht vorhanden sei: diesem doppelten Vorurteil hat Andreas Daum in seiner Dissertation von 1995 über "Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848 - 1914" überaus erfolgreich entgegengearbeitet. Daher darf das Buch jetzt in zweiter Auflage erscheinen. Daums Gegenstand, die deutsche Populärwissenschaft des 19. Jahrhunderts, ist historiographisch lange vernachlässigt worden - und zwar von zwei Seiten: der Wissenschaftsgeschichtsschreibung zur goldenen Ära deutscher Wissenschaft im Kaiserreich gilt das populäre Genre herkömmlich als uninteressant, weil epistemologisch "kalt" und die relevanten Entwicklungen des wissenschaftlichen Feldes lediglich passiv verlängernd. Die deutsche Gesellschaftsgeschichte und die Bürgertumsforschung haben andererseits über die Rolle speziell naturwissenschaftlicher Bildungsinhalte für die Konstitution und Transformation einer bürgerlichen Kultur und Öffentlichkeit hinweggesehen. Dass die Nichtbeachtung in beiden Fällen einem Versäumnis gleichkommt, hat Daums Studie in prägnanter Weise deutlich gemacht, und darum bleibt auch die zweite, um ein aktuelles Literaturverzeichnis erweiterte Paperback-Ausgabe lesenswert.

Die Verachtung der akademischen Wissenschaft für ihre populäre Schwester, für ein Genre also, dass sich komplementär zur Ausdifferenzierung und Etablierung der modernen naturwissenschaftlichen Disziplinen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts etwa entwickelt, ist so alt wie das Genre selbst und hat sich auf die nachfolgende Geschichtsschreibung übertragen. Man neigt in ihrer Traditionslinie dazu, zwei separate Phasen zu unterscheiden, zwischen denen eindeutige Hierarchien bestehen: die eigentliche, akademische Wissensproduktion selbst und ihre populäre Aufbereitung für eine Öffentlichkeit von Laien - wobei letztere rein reaktiv, vereinfachend und damit im Grunde trivial verfährt. Daum rekonstruiert eine alternative Version und macht das wissenschaftstheoretische Zwei-Phasen-Modell damit selbst fragwürdig. Anstatt die Erkenntnisse der neuen, überwiegend biowissenschaftlichen Laboratorien schlicht allgemein verständlich nachzuerzählen, brachte das populärwissenschaftliche Genre "eigene Wissenstransformationen und -entwürfe" (26) hervor, die keineswegs triviale Beziehungen zur akademischen Forschung unterhielten.

Im populärwissenschaftlichen Diskurs, so zeigt Daum, wurde ein Wissen von der Natur tradiert und transformiert, das eigentlich mit dem positivistischen Zeitalter beendet und gerade durch die modernen Laborwissenschaften unwiderruflich abgelöst schien: das Wissen von der Natur als Kosmos. Alexander von Humboldts "Kosmos", dessen erster Band 1845 erschien, fungierte keineswegs zufällig als inspirierendes Moment und großes Vorbild der deutschen Populärwissenschaft, deren erste Programmentwürfe in etwa mit der Revolution von 1848 zusammenfallen, denn es führte in paradigmatischer Weise aus, was als kosmologischer Hintergrund die Mehrzahl der populärwissenschaftlichen Darstellungen organisieren sollte: die Vorstellung, dass naturkundliche Detailstudien am Ende immer wieder in die Einsicht von der Ganz- und Einheit der Natur münden müssten. Mit dieser Vorstellung tradierte und transformierte die deutsche Populärwissenschaft letztlich physikotheologisches Gedankengut von der göttlichen Ordnung und Schönheit der Natur. Da kann es zunächst kaum überraschen, dass entscheidende Impulse für die Ausbildung eines populärwissenschaftlichen Diskurses in Deutschland aus den freireligiösen Bewegungen der Jahrhundertmitte stammten. Überraschend ist dieser Befund jedoch für ein normativ-teleologisches Wissenschaftsverständnis. Weil gerade die Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts nach wie vor als Agenten einer geradlinigen Rationalisierung der Welt gelten, ist die enge Verbindung von wissenschaftlichen und religiösen Motiven in der deutschen Populärwissenschaft, von Daum treffend als "Wiederverzauberung der Welt" (14) tituliert, eine überaus bedenkenswerte Komplizierung des Sachverhalts.

Aber Daums Hauptaugenmerk liegt weniger auf den Inhalten der Populärwissenschaft als auf ihren Institutionen, ihren Organen und ihren Protagonisten. Dass Forderungen nach der allgemein verständlichen Vermittlung und Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse erstmals im Revolutionsjahr 1848 laut wurden, indiziert ihre nahe Verwandtschaft mit dem bürgerlichen Prinzip der Öffentlichkeit: wie andere Felder staatlicher Aktivität sollten nun auch die exakten Naturwissenschaften diesem Prinzip unterzogen, also öffentlich zugänglich und diskutierbar werden. Entsprechend war die junge populärwissenschaftliche Bewegung auf die Schlüsselinstitutionen der aufstrebenden Zivilgesellschaft gestützt, - auf eine vielfältige Vereinslandschaft, die von Aquarienfreunden über Alpenvereine bis zu wissenschaftlichen Fachgesellschaften reichte, auf Festveranstaltungen, auf einen rasch expandierenden Buch- und Zeitschriftenmarkt. Daums Studie untersucht die hohe Affinität des komplexen populärwissenschaftlichen Kommunikationszusammenhangs von "Präsentation, Transformation und Rezeption" (85) zum bürgerlichen Vereinswesen und schreibt auf diesem Weg ein äußerst lesbares Stück deutscher Vereinsgeschichte. Im Zuge dieser Untersuchung erweist sich die Wissenschaftspopularisierung als lange unterschätzter Beitrag zur "kulturellen Vergesellschaftung des deutschen Bürgertums" (5). Wissenschaftshistorisch wird hier ein weiterer Dualismus fragwürdig, - das von C.P. Snow beschworene Bild der "zwei Kulturen", der gegenseitigen Entfremdung von Natur- und Geisteswissenschaften seit dem späteren 19. Jahrhundert, besitzt zumindest für das populärwissenschaftliche Feld keine Gültigkeit. Im Gegenteil: gerade die Aufnahme naturkundlichen Wissens in den klassischen Kanon humanistischer Bildungswerte fungierte vielfach als Ziel und Movens der popularisierenden Autoren.

Kritisch anzumerken bleiben aus wissenschaftshistorischer Perspektive die begrifflichen Vorentscheidungen der Studie, die bisweilen, so scheint es, den vollen Ertrag ihrer überraschenden Befunde zurückhalten. Dass die Populärwissenschaft kein passives Rezeptions- und Diffusionsfeld akademischer Forschung war, sondern eine spezifische epistemologische Eigenmächtigkeit besaß, ist ein zentrales Ergebnis der Untersuchung und geeignet, das populärwissenschaftliche Genre vom lange gehegten Vorurteil historischer Irrelevanz zu entlasten. Das Festhalten an der - von den zeitgenössischen Akteuren übernommenen - Kategorie der "Populärwissenschaft" verhindert aber an dieser Stelle die Möglichkeit zu weiterreichenden Erkenntnissen über die Rollen und Funktionsweisen der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert überhaupt. Sicher, Daum entscheidet sich explizit gegen die systematische Einebnung aller Polarität von Wissensproduktion und -rezeption, wie in den 1980er Jahren von angelsächsischen Historikern vorgeschlagen, um die Spezifik der populärwissenschaftlichen Bewegung im 19. Jahrhundert nicht zu unterschlagen (27). Aber jenseits einer derartig apriorischen Generalverabschiedung des Gegensatzpaares von Fach- und Populärwissenschaft sind in der jüngsten Wissenschaftsgeschichte Untersuchungen unübersehbar und viel versprechend, die die Präsenz des "Populären" - von der spezifischen Ästhetik physiologischer Laborforschung über den unhintergehbaren Einsatz von Bildmedien bis zur Experimentalisierung moderner Alltagserfahrungen - im historisch konkreten Einzelfall des akademischen Forschungsprozesses selbst ausmachen - und folglich von traditionellen Genregrenzen absehen müssen.

Philipp Felsch