Rezension über:

Jennifer Siegel: Endgame. Britain, Russia and the Final Struggle for Central Asia. Foreword by Paul Kennedy (= International Library of Historical Studies; 24), London / New York: I.B.Tauris 2002, XVIII + 273 S., ISBN 978-1-85043-371-2, GBP 29,50
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Rezension von:
Olaf Haselhorst
Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Hermann Beyer-Thoma
Empfohlene Zitierweise:
Olaf Haselhorst: Rezension von: Jennifer Siegel: Endgame. Britain, Russia and the Final Struggle for Central Asia. Foreword by Paul Kennedy, London / New York: I.B.Tauris 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 4 [15.04.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/04/2683.html


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Jennifer Siegel: Endgame

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In dem Buch der US-amerikanischen Historikerin Jennifer Siegel wird die Rivalität zwischen den "einzigen zwei Weltmächten" [1], Großbritannien und Russland, durch welche die internationalen Beziehungen des "langen 19. Jahrhunderts" stark beeinflusst wurden, an einem Knotenpunkt des Imperialismus, und zwar am Beispiel Mittelasiens, dargelegt. Schon Ludwig Dehio stellte in seiner 1947 erschienenen Studie "Gleichgewicht oder Hegemonie" fest, dass der englisch-russische Gegensatz in der Welt fast ein Jahrhundert lang das überragende Hauptmotiv aller diplomatischen Beziehungen gewesen sei. [2] Zu einem Weltkrieg habe er dennoch nicht geführt. [3] Überraschend sei für alle Beobachter gewesen, dass beide Mächte im August 1907 in einem Übereinkommen ihre Interessenssphären in Afghanistan, Tibet und Persien absteckten. [4]

Siegel zeichnet zunächst kurz die Entwicklung nach, die zur Asienkonvention vom 31. August 1907 führte und beschäftigt sich im größten Teil ihrer Untersuchung damit, welchen Einfluss das Abkommen der beiden Mächte auf deren Politik in Asien hatte. Dabei hebt sie besonders die Tatsache hervor, dass die Konvention nicht zu einer Annäherung beider Mächte in Asien geführt habe, sondern die Beziehungen sich immer weiter verschlechterten, bis sie 1914 kurz vor dem Bruch gestanden hätten. Das Abkommen sei 1914 "tot" gewesen (175).

Im Mittelpunkt der Studie stehen zwei Fragen: Suchten Englands Staatsmänner wirklich aus Angst vor dem wilhelminischen Deutschland, seiner mächtigen Flotte und seiner Frankreich bedrohenden Armee einen Ausgleich mit Russland in Asien, um, die überspannten britische Kräfte in Europa konzentrierend, eine anglo-französisch-russische Front gegen Deutschland in Stellung zu bringen? Oder war Großbritannien bestrebt, seine Herrschaft über Indien und den Persischen Golf gegen russisches Vordringen zu schützen, um dann im Ersten Weltkrieg dem Zarenreich territoriale Kompensationen in Mitteleuropa zu offerieren (und nicht um Belgien oder Frankreich zu verteidigen), anstatt russischen Expansionswünschen in Mittelasien stattzugeben? Nach einer Analyse der Politik beider Mächte zwischen dem Abschluss der Konvention 1907 und dem Ausbruch des Krieges in Europa 1914 kommt Siegel zu dem Schluss, dass trotz des "Interessenausgleichs" über Tibet, Afghanistan und Persien die Politiker beider Seiten 1914 viel größere Ambitionen auf die drei Länder entwickelt hatten als im Jahre 1907.

Jennifer Siegel legt dies schlüssig anhand von Aktenbelegen aus russischen und britischen Archiven dar, wertet zeitgenössische und aktuelle Literatur aus. Für die Briten war 1914 klar, dass die Politik der beiden Mächte in Mittelasien nicht länger durch den Vertrag von 1907 definiert werden konnte. Sie waren nicht willens, die weitere "friedliche Durchdringung" Persiens durch Russland hinzunehmen. Die Rückkehr zum kalten Krieg der Großmächte, schließlich sogar zur offenen Feindschaft, trat an die Stelle des erklärten Konsenses, sodass ein bewaffneter Konflikt um Mittelasien in greifbare Nähe rückte. Nur die Schüsse von Sarajewo und die daraus folgende weitere Entwicklung in Europa überdeckten die instabile politische Lage in Mittelasien.

Siegel ist nur insofern beizupflichten, als die eurozentrische Sichtweise vieler angloamerikanischer Historiker den Blick auf die äußerst gespannten Beziehungen zwischen Russland und England bezüglich Mittelasiens versperrte. Für deutsche Historiker - neben Dehio und Hauser ist auch Plaas [5] zu nennen - stimmt ihr Urteil nicht. Offenbar hat sie deutschsprachige Arbeiten nicht ausgewertet. In der Bibliografie erscheint lediglich Dietrich Geyers Studie über den russischen Imperialismus, allerdings in einer englischen Übersetzung.

Dass zeitgenössischen Beobachtern die äußerst gespannten anglo-russischen Beziehungen wegen Mittelasien nicht verborgen blieben, belegt Siegel mit Aussagen einflussreicher Politiker und Militärs beider Seiten: So richtete Lord Curzon schon früh sein Augenmerk auf Mittelasien. [6] Er trat als Vizekönig von Indien seit 1899 russischen Expansionsbestrebungen in Afghanistan und Persien entgegen und stärkte den britischen Einfluss am Persischen Golf. Er wollte unbedingt vermeiden, dass Russland mit Bandar Abbas ein "Port Arthur am Persischen Golf" erhielt (10). Die russische Seite dagegen wollte den Bau der Transkaspischen Eisenbahn bis Bandar Abbas vorantreiben, um mit diesem Hafen an der Straße von Hormus den Persischen Golf beherrschen zu können. Dies geht beispielsweise aus einem Buch des kaiserlich-russischen Hauptmanns Rittich [7] hervor, der meinte, es dürfe keine Aufteilung von Persien in Einflussbereiche geben, sondern ganz Persien müsse zu Russland gehören. [8] Generalmajor Grulev, Mitglied im russischen Generalstab, beschrieb in einem Buch 1909 ganz offen die weiterexistierenden Interessengegensätze zwischen England und Russland. [9] Er machte kein Hehl aus den weitgehenden Ambitionen des Zarenreiches in Mittelasien. Grulev führte aus, dass Russland in östlicher Richtung seine äußerste Grenze bereits erreicht habe; in südöstlicher Richtung habe es dagegen vorläufig Halt gemacht. [10] Afghanistan sei die Achillesferse Englands. Hinter Afghanistan (in Indien) stehe Russlands unmittelbarer Konkurrent und Gegner von alters her: England. [11]

Somit ließ die Verschlechterung der englischen Beziehungen zum Deutschen Reich in London zwar die Bereitschaft zum Ausgleich mit St. Petersburg wachsen, das Abkommen selbst trug aber wenig dazu bei, die Schwierigkeiten und Widersprüche beider Mächte bezüglich Mittelasiens zu lösen (198). Damit sagt Siegel nichts Neues, denn schon Oswald Hauser kommt in seiner Studie zum selben Ergebnis. [12] So sei zwar die Außenpolitik unter dem Einfluss des zuständigen Ministers Izvol'skij für einen Ausgleich mit den Westmächten gewesen, der russische Generalstab hielt jedoch langfristig am Ziel fest, den Persischen Golf zu gewinnen und das warme Meer (Indischer Ozean) zu erreichen. [13]

Siegel ist zuzustimmen, dass es kein unausweichliches Schicksal gewesen sei, dass der große Krieg unbedingt in Europa ausbrechen musste. Die Politiker der Jahre bis 1914 wussten nicht, ob und wann, und wenn ja, wo ein Krieg ausbrechen würde. Ebenso gut hätte er als Krieg des "Great Game" zwischen Großbritannien und Russland um Mittelasien ausgefochten werden können, mit dem Ziel, durch den Besitz Indiens auch die imperiale Hegemonie in dieser Weltregion zu erringen (199). - Ein trotz allem gut lesbares Buch, dem aber eine farbige Karte und Fotografien der damals politisch Handelnden gut getan hätten.

Anmerkungen:

[1] Paul Kennedy: Foreword, in: Siegel: Endgame, S. VII.

[2] Zitiert nach: Ludwig Dehio: Gleichgewicht oder Hegemonie. Betrachtungen über ein Grundproblem der neueren Staatengeschichte, Zürich 1996, S. 270.

[3] Ebenda, S. 271.

[4] Kennedy: Foreword, S. VII.

[5] Jens B. Plaas: England zwischen Russland und Deutschland. Der Persische Golf in der britischen Vorkriegspolitik 1899-1907, Hamburg 1966.

[6] Lord Curzon: Russia in Central Asia and the Anglo-Russian Question, London 1889.

[7] Petr A. Rittich: Želesnodorožnyj put' čerez Persiju, St. Peterburg 1900 (deutsch: Die Eisenbahnlinie durch Persien).

[8] Ebenda, S. II.

[9] M. Grulev: Soperničestvo Rossii i Anglii v Srednej Azii, St. Peterburg 1909 (deutsch: Die Rivalität Russlands und Englands in Mittelasien).

[10] Ebenda, S. 2.

[11] Ebenda, S. 4.

[12] Oswald Hauser: Deutschland und der englisch-russische Gegensatz 1900-1914, Göttingen 1960.

[13] Ebenda, S. 49.


Olaf Haselhorst