Rezension über:

Thomas Meier: Die Archäologie des mittelalterlichen Königsgrabes im christlichen Mittelalter (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 8), Stuttgart: Thorbecke 2002, 478 S., 173 Abb., ISBN 978-3-7995-4259-3, EUR 65,00
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Rezension von:
Maria Glaser
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Franz A. Bornschlegel
Empfohlene Zitierweise:
Maria Glaser: Rezension von: Thomas Meier: Die Archäologie des mittelalterlichen Königsgrabes im christlichen Mittelalter, Stuttgart: Thorbecke 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 4 [15.04.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/04/2410.html


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Thomas Meier: Die Archäologie des mittelalterlichen Königsgrabes im christlichen Mittelalter

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Wer unter dem Titelstichwort "Archäologie" eine Befundanalyse von Grabbeigaben, Bekleidungsresten oder Skeletten erwartet, wird von Thomas Meiers 1998 in München abgeschlossener Dissertation, deren zweiter Teil [1] hier in leicht überarbeiteter und aktualisierter Form vorliegt, zweifellos enttäuscht werden. [2] Dagegen weist die gemeinsame Behandlung von Grabbeigaben, Grabmälern und Inschriften in und am Grab auf eine wohltuende interdisziplinäre Ausweitung des Ansatzes, der auf eine möglichst umfassende Diskussion der Sachquellen im Umfeld königlicher Begräbnisse abzielt. Angesichts der äußerst lückenhaften Quellenlage, die zudem schwerwiegende Interpretationsprobleme aufwirft, erscheint es nicht weniger mutig, einen Überblick über die Entwicklungen im gesamteuropäischen Rahmen für die Zeitspanne vom frühen Mittelalter bis an die Wende zur Neuzeit gewinnen zu wollen. Meier richtet sein Interesse dabei auf die politischen Dimensionen. Er setzt sich damit von der französischen mentalitätsgeschichtlichen Forschungsrichtung ebenso bewusst ab wie von den Untersuchungen zu Jenseitsvorstellungen im sozialen Bezugsfeld, die unter dem Schlagwort "Memoria" seit über zwanzig Jahren die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Tod, Bestattung und Grabmal im Mittelalter in Deutschland dominieren. Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile: Zunächst werden die Sachquellen um das Königsgrab in den Abschnitten "Beigabenausstattung" und "Kennzeichnung des Grabes" ausgebreitet und schließlich "Wege zur historischen Interpretation" aufgezeigt. Unterstützt wird die Argumentation neben einer angemessenen Bildausstattung durch zahlreiche Tabellen und Karten. Die immense, durch Personen- und Ortsregister erschlossene Materialfülle spiegelt sich in dem ungewöhnlich umfangreichen Literaturverzeichnis wieder.

Die Grundlage des ersten Hauptkapitels (Beigabenausstattung) bilden 75 Königsgräber und 25 Königinnengräber, die naturgemäß in unterschiedlicher Dichte dokumentiert sind. Die Einteilung der Beigaben in die drei Gruppen "Insignien des Königtums" (Kronen und Kronhauben, Sphaira, Szepter), "Standeszeichen des Adels" (Schwert, Sporen) und "allgemeine Beigaben" (Fingerringe, Kreuzzeichen) erweist sich als durchaus zweckmäßig (Textilien bleiben von der Untersuchung ausdrücklich ausgeschlossen). Zusammenfassend kann Meier feststellen, dass Beigaben in Königsgräbern zuerst im deutschen Reich (Konrad II., gest. 1039) nachweisbar sind, in Frankreich, England, Spanien, Italien und Ungarn ab dem Ende des 12. Jahrhunderts und erst um 1300 in Böhmen, Polen und Skandinavien aufzutreten scheinen. Mit Ausnahme des Kamelaukions im Grab der Konstanze von Aragon (gest. 1222) in Palermo (das ihr als Frau zu Lebzeiten jedoch nicht zustand, wie Meier bemerkt) handelt es sich bei den als Beigaben des Königtums verwendeten Insignien stets um Funeralanfertigungen, vergleichbar mit den oft in Kopien in minderwertiger Ausführung in Klerikergräbern anzutreffenden Amtszeichen (Kelch, Patene, Ring, Pedum). Schwert und Sporen gelangten hingegen meist als funktionsfähige Originale in die Gräber. Einen Erklärungsansatz sieht Thomas Meier in "ihrem praktischen Wert im Kampf bzw. als Richtschwert", im Gegensatz zur Zeichenhaftigkeit der Insignien.

Am Beginn des zweiten, der "Kennzeichnung des Grabes" gewidmeten Hauptkapitels steht eine fundierte Auseinandersetzung mit den bisher nie im Zusammenhang untersuchten so genannten Grabauthentiken, "Inschriften auf verschiedenen Materialien, die in Gräbern deponiert oder angebracht wurden". Die breite Materialübersicht ermöglicht etwa erst eine neue Beurteilung der bekannten Beispiele von Inschriften in Gräbern von Angehörigen des merowingischen Königshauses. Sie wurden in der älteren Forschung alle in ihrer Originalität angezweifelt, stellen sich im Gesamtkontext aber durchaus als authentisch dar. Denn gerade im 6.-8. Jahrhundert ist die Praxis der Kennzeichnung von Gräbern mittels beschrifteten Stein- oder Ziegeltafeln in den Sarkophagen oder mittels Inschriften an den Sarkophagwänden auch anderweitig nachweisbar, jedoch nicht zu den (verschiedenen!) Zeiten in denen die Fälschungen entstanden sein sollen. Meier beobachtet, dass gerade in der Spätantike, als die römische Tradition der Kennzeichnung von Gräbern durch Inschriften zunehmend aufgegeben wird, sich die ersten Belege für Inschriften in Gräbern finden. Die bekannten Inschriften (36) in Gräbern des 6.-8. Jahrhunderts stammen überwiegend aus dem noch stark romanisch geprägten Gallien westlich der Seine, während die vergleichsweise wenigen Belege (16) aus dem 9. und 10. Jahrhundert in größter Dichte im Osten Galliens vorkommen. Der Liste von Meier ist der Steinsarg des Bischofs Bernhard (gest. 968) von Halberstadt hinzuzufügen, der eng mit dem Steinsarg der im selben Jahr verstorbenen Königin Mathilde in der Quedlinburger Stiftskirche verwandt ist. [3] Parallelen kann Meier zur Verbreitung von Reliquienauthentiken aufzeigen, einer ebenfalls (häufig) nicht sichtbaren Inschriftengattung, die der Echtheitsbezeugung diente. Dass im 11. Jahrhundert das bisher den Reliquienauthentiken vorbehaltene Material Blei auch bei den Grabtäfelchen zur Anwendung kam, ebenso wie Eingangsformular und Datierung auf diese rekurrieren, wurde bereits von Ehrentraut [4] gesehen. Für Reliquienauthentiken und Grabauthentiken ist gleichermaßen ab der Mitte des 11. Jahrhunderts eine signifikante Zunahme zu verzeichnen. Bereits in einer früheren Publikation setzte Meier dieses Phänomen überzeugend in Bezug zur Öffnung des Grabes Karls des Großen durch Otto III. im Jahr 1000 beziehungsweise zu dem zunehmend standardisierten Kanonisationsprozess, der auch eine Graböffnung (inventio) umfasste. [5] Die moderne Bezeichnung Grabauthentiken erweist sich im Hinblick auf die mittelalterliche Funktion demnach als zutreffend. Sie dienten, ebenso wie die Funeralinsignien, sicher nicht zuletzt der Identifizierung bei einer eventuellen Graböffnung.

Weniger Neues bietet der Abschnitt zur "obertägig sichtbaren Kennzeichnung des Grabes", wenn sich Meier auch in den Fragestellungen von der typengeschichtlich orientierten kunsthistorischen Forschung abzusetzen versucht. Es finden sich Überblicke zur Entwicklung des Grabformulars, zur regional und sozial differenzierten Verbreitung von Grabinschriften und den verschiedenen Grabmälerformen. Wie kaum anders zu erwarten, stehen Grabinschriften und Grabauthentiken inhaltlich in engem Bezug. In einzelnen Beispielen scheint darüber hinaus in der Anordnung der Inschriften in parallelen Zeilen am Kopfende von Grabplatten ein Rekurs auf diese versteckte Inschriftengattung ablesbar. Bemerkenswert ist weiterhin die Beobachtung, dass die unsichtbaren Grabauthentiken früher einsetzen als "obertägige" Inschriften an Gräbern von Angehörigen der weltlichen und geistlichen Oberschicht. Die karolingische Renaissance hatte hier zwar einen Aufschwung gebracht, die Mehrzahl der Grabplatten von Königen und Bischöfen ist im 11. Jahrhundert aber noch nicht mit Inschriften versehen. Aus diesem chronologischen Verhältnis scheint ein Funktionszusammenhang ablesbar, zumal im Mittelmeerraum, wo die antike Tradition oberirdischer Grabinschriften nicht abbrach, Grabauthentiken nie verbreitet waren. Die Darlegung der bekannten Fakten zur Deponierung von Realien am Grab, also vor allem von Waffen, Helmen und Schilden, die zuerst in England im dritten Viertel des 14. Jahrhunderts belegt ist, beschließt das zweite Hauptkapitel.

Im letzten Hauptabschnitt ("Wege zur historischen Interpretation") kommt ein semiotischer Ansatz zum Tragen. Das dargebotene Material, die Grabbeigaben, Inschriften im und über dem Grab, Grabmäler und Realien werden als Zeichen verstanden, deren Bedeutung zu entschlüsseln ist. Die sonst einzelnen Disziplinen - der Archäologie, Epigraphik und Kunstgeschichte - zugeordneten Objekte können so im Konnex interpretiert werden. Die Aussagen decken sich nach Meier weitgehend und laufen im Wesentlichen auf die Rühmung des Verstorbenen hinaus. Er schließt daraus auf gleiche Funktion, nämlich die dauerhafte Dokumentation des weltlichen Ranges des Verstorbenen. Zweifellos ist es nicht zuletzt in Meiers Fragestellung begründet, dass er die diesseitige Ausrichtung all der besprochenen Zeugnisse im Umfeld königlicher Bestattungen gegenüber der sonst oft hervorgehobenen religiösen Motivation im Vordergrund sieht. Die Untrennbarkeit von sakraler und profaner Sphäre im Mittelalter kommt hier nur ungenügend zum Ausdruck. Auf der breiten Materialgrundlage wird aber erkennbar, dass Neuerungen gerade in akuten oder latenten Krisenzeiten auftraten, ein deutlicher Hinweis auf ihre Indienstnahme für politische Interessen. Wenn die methodisch durchaus stringente Argumentation in Detailfragen auch zu Diskussionen Anlass geben mag, so offenbart der interdisziplinäre Ansatz in dem geografisch und zeitlich weitgesteckten Untersuchungsrahmen doch Zusammenhänge zwischen Entwicklungen im Umfeld königlicher Bestattungen und im verfassungsrechtlichen Bereich, die bisher nie so umfassend angesprochen wurden.

Anmerkungen:

[1] Der erste Teil befasst sich mit der Königsgrablege im Dom zu Speyer. Thomas Meier, Zwischen Stiftern und Heiligen. - Die Saliergräber im Speyerer Dom, in: Beiträge zu Mittelalterarchäologie in Österreich 14 (1998), S. 37-48, bietet eine äußerst knappe Zusammenfassung der Ergebnisse.

[2] Den irreführenden Titel vermerkt bereits die Internetrezension von Bernd Thier in http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen, (15.10.2002), die in ihrer Kritik an der Methodik, Präsentation und Interpretation des Materials sicher zu weit geht, siehe dazu die Erwiderung von Thomas Meier, ebd., 7.11.2002.

[3] Ernst Schubert, Zwei ottonische Sarkophage, in: Form und Stil. Festschrift für Günther Binding zum 65. Geburtstag, hrsg. von Stefanie Lieb, Darmstadt 2001, S. 83-86 (Abb. 3, 4) mit weiterer Literatur.

[4] Hartmut Ehrentraut, Bleierne Inschrifttafeln aus mittelalterlichen Gräbern der Rheinlande, in: Bonner Jahrbücher 152 (1952), S. 190-225.

[5] Thomas Meier, Inschrifttafeln aus mittelalterlichen Gräbern. Einige Thesen zu ihrer Aussagekraft, in: Guy de Boe und Frans Verhaeghe (Hrsg.) Death and Burial in Medieval Europe (Papers of the "Medieval Europe Brugge 1997" Conference 2), Zellik 1997, S. 43-53.


Maria Glaser