Rezension über:

Kristine Haney: The St. Albans Psalter. An Anglo-Norman Song of Faith (= Studies in the Humanities. Literature - Politics - Society; Vol. 60), Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2002, XVIII + 683 S., 152 s/w-Abb., ISBN 978-0-8204-5720-8, EUR 76,20
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Rezension von:
Ursula Nilgen
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Ursula Nilgen: Rezension von: Kristine Haney: The St. Albans Psalter. An Anglo-Norman Song of Faith, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 4 [15.04.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/04/1270.html


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Kristine Haney: The St. Albans Psalter

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Das Buch erweckt mit Titel und Umfang den Anschein, eine monografische Abhandlung des berühmten, in Südengland (St. Albans bei London) in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts geschaffenen Sankt Albans Psalters zu bieten (jetzt Hildesheim, Sankt Godehard). Doch geht es keineswegs um die gesamte, aus verschiedenen Teilen in mehreren Schüben zusammengestellte und mit mehreren bedeutenden Miniaturen-Zyklen ausgestattete Handschrift. Zu dieser liegt seit langem eine magistrale, von Otto Pächt, C.R. Dodwell und Francis Wormald erstellte Monografie vor. [1] Frau Haney geht es allein um die 211 historisierten Initialen im eigentlichen Psaltertext, deren ikonographische Herleitung und die Deutung der Darstellungen. Zu diesem Thema gibt es eindringliche Untersuchungen von Adolph Goldschmidt (1895) und von C.R. Dodwell in der genannten Monografie, doch bleiben viele Fragen offen. Frau Haney will mit einem neuen Deutungsansatz zu weiterführenden Ergebnissen kommen. Ihre These lautet, knapp zusammengefasst: Die Initialen des Sankt Albans Psalters sind die wohl in Sankt Albans hergestellte Wiederholung eines Initialzyklus, der in Canterbury unter direkter Benutzung des Utrecht Psalters und seiner angelsächsischen Kopie entworfen und in seiner stark vom Gedankengut Anselms von Canterbury geprägten Spiritualität wohl von Eadmer, dem Biografen Anselms, im frühen 12. Jahrhundert konzipiert worden war.

Der hohe Anspruch des Themas wird leider nicht eingelöst. Vielmehr bezeichnet das Buch einen Rückschritt gegenüber den Erkenntnissen und dem Reflexionsstand der älteren Literatur. Seiner Argumentation mangelt es an methodischer Disziplin und Reflexion, sodass die vorhandenen guten Einzelbeobachtungen nicht fruchtbar werden können. Endlose Kompilationen zu Rahmenthemen schwellen den Text auf, obwohl für die eigene These jeweils knappe Zusammenfassungen der Spezialforschung genügt hätten. Sehr knapp wird hingegen die Forschung zum Sankt Albans Psalter selbst und seinen Initialen abgetan: Die Überlegungen von Goldschmidt, Dodwell und Pächt werden nur punktuell angeführt, aber nicht argumentativ diskutiert.

Zur Kritik im Einzelnen: In der langen Einleitung (1-51) finden sich die großenteils aus der Literatur bekannte Informationen zur Handschrift selbst. Die Brüche in der Zusammenfügung ihrer unterschiedlichen Teile sowie ungewöhnliche Bestandteile wie die ohne Linierung auf einige Seitenränder geschriebenen Nachträge, aus denen sich Hinweise auf den Entstehungsprozess ergeben könnten, werden jedoch übergangen. In dem ausufernden Referat zu Psaltertexten im Allgemeinen (8-31) ist die Vorstellung des erstmals von James Golop auf Psaltertexte angewandten statistischen Ansatzes des "multidimensional scaling (MDS)" für eine umfassendere Text-Kollationierung hervorzuheben, die auch eine präzisere Gruppierung des Sankt Albans Psalters mit (fast) identischen Texten ermöglicht, allerdings ohne hier zu aussagekräftigen Ergebnissen zu führen. Ärgerlich ist es, wenn das "Benedicite", der Gesang der drei Hebräer im Feuerofen, einer der bekannten Zusatztexte des Psalters, durchgehend fehlerhaft als "Benedicte" geschrieben wird (21-24)! Die auffallend kurzen Ausführungen zu den ganzseitigen Miniaturen und den Künstlern des Sankt Albans Psalters (31-36) gehen einseitig von der - sicher wichtigen, aber mangels Farbabbildungen nicht kontrollierbaren - Farbgebung aus; sie berühren die übrigen formalen Aspekte nicht, was zu einseitigen (aber nicht neuen) Schlussfolgerungen bezüglich ottonischer Vorbilder führt.

In Kapitel II über das thematische Programm der Initialen (53-103) will Haney das "overriding principle governing the choice of subject matter" (54) ergründen, was weder Goldschmidt noch Dodwell gelungen sei. Die Darlegung thematischer Ansätze, lose geordnet nach Inhalt oder Motiv, allein vom Psaltertext und seiner Verbildlichung oder auch Konkretisierung ("pictorial glosses") ausgehend, blendet typologische oder durch Verwendung in der Liturgie zu bestimmten Festen nahe gelegte Bedeutungsschichten aus (etwa Initial zu Psalm 71, Vers 10, der in der Liturgie zum Epiphanie-Fest eine zentrale Rolle spielt, mit der Anbetung der Könige). Als Ergebnis wird festgehalten (102 f.), dass es sich in der Regel um eine eng textbezogene Illustrationsweise handelt (um Literalillustrationen, was schon Goldschmidt erkannte), die sich meistens auf die ersten Verse des jeweiligen Psalms bezieht, und dass die thematische Emphase auf dem allmächtigen Schöpfergott und seiner Sorge um die seiner Weisung folgenden Menschen liegt, während der göttliche Zorn selten zur Darstellung kommt.

Kapitel III (105-169) erörtert die Ikonographie der Psalterinitialen in ihrem Verhältnis zur Bildtradition. In betonter Absetzung von Dodwell greift Kristines Haney Hinweise der neueren Literatur auf mögliche Beziehungen zu früheren Psalterien mit "Wortillustration" auf, das heißt zum Utrecht-Psalter und seinen englischen Nachfolge-Handschriften, zum Stuttgarter Psalter sowie zu einigen byzantinischen Psalterien. Besonders der Utrecht-Psalter wird durchsucht (109-147) und als die wichtigste unmittelbare Quelle für den Entwerfer des Initialzyklus hingestellt. Diese gewagte Aussage können die zahlreich vorgelegten Detail-Vergleiche allerdings in keiner Weise untermauern. In ihrer Simplizität - meist nur Vergleiche analog bewegter Gliedmaßen einzelner Figuren - fallen sie in ein längst von der Forschung überwundenes Stadium kunsthistorischer Analyse zurück. Die grundsätzliche Unterschiedlichkeit der großen, mit zahlreichen Figuren besetzten Landschafts-Panoramen des Utrecht-Psalters und der Initialkompositionen von Sankt Albans mit wenigen, auf engstem Raum zusammengepferchten Figuren wird nicht beachtet. Ein methodenkritisches Bewusstsein für die Aussagekraft unterschiedlicher Arten von Vergleichen ist nicht erkennbar. Ähnlichkeiten allgemeinster Art ergeben sich freilich aus dem analogen, meist auf einen Anfangsvers bezogenen System der Wortillustration: Die wichtigsten Protagonisten, Gott und der Psalmist, können nur im weitesten Sinne ähnlich einander zugeordnet erscheinen. Hier ist anzumerken, dass die Bezeichnung der im Typus und mit dem Kreuznimbus Christi dargestellten Gottesgestalt als "Christus" falsch ist: Gott ist nur im Bilde des menschgewordenen Christus darstellbar, doch bleibt der Adressat der Psalmen (wie auch aller Gebete in Messe und Offizium) Gott im umfassenden Sinn. Die Erforschung weiterer für die Sankt Albans-Initialen anzunehmender Bildquellen (Pächt 159!) wird als "beyond the bounds of this study" bezeichnet (162), was schwierige anstehende Fragen umgeht.

Kapitel IV (171-228) mit langen Darlegungen zur Lesefähigkeit in Antike und Mittelalter ergibt nur die (einseitige) Schlussfolgerung, dass der Durchschnitt auch einer monastischen Gemeinschaft nicht über eine literale Texterfassung Wort für Wort hinauskam. Die Literalillustrationen der Sankt Albans-Initialen seien daher für die meisten Klostermitglieder und lesekundige Laien verständlich gewesen und diesen vermutlich vorgezeigt worden. Dagegen spricht allerdings der makellose Zustand der Sankt Albans-Initialen: Generell verwendete man zum Vorzeigen im Schulbetrieb Federzeichnungen, eventuell farbig angetuscht, die weniger empfindlich und kostbar waren als Vollmalerei mit Gold (wie die Sankt Albans-Initialen). Offenbar wirklich vorgezeigte Deckfarben-Malereien wie die in den Heiligen-"Libelli" zeigen denn auch deutliche Spuren einer solchen Benutzung.

Das langatmige Referat zur Psalterexegese in Kapitel V (229-305) führt zu dem keineswegs durchgehend nachgewiesenen Ergebnis, dass die Initialen des Sankt Albans Psalters nur vereinzelt Einflüsse der bekannten typologischen oder allegorischen Auslegungen aufweisen. Dagegen stellt Haney ihre These, dass sich der spezifische Charakter der Initialen aus den Schriften Anselms von Canterbury erklärt (265-305). In einem sehr generellen Sinn mag dies zutreffen: Der meditative, auf den Dialog des Denkers und Beters mit Gott ausgerichtete Ansatz Anselms lässt sich mit einer analogen "Stimmung" in etlichen der Initialen vergleichen. Doch wenn Haney versucht, Einzelmotive der Darstellungen aus Anselms Schriften direkt abzuleiten, so erscheint dies gezwungen und überinterpretiert, zumal doch ein erheblicher Abstand zwischen den subtilen Gedankengängen des großen Theologen und den einfach argumentierenden Bildern besteht.

Groteske Formen nimmt Haneys Argumentation an, wenn in Kapitel VI (307-346) Anselms Biograf Eadmer (314 ff.) als der eigentliche Inspirator und Propagator eines angeblich in Canterbury erfundenen und in den Initialen des Sankt Albans Psalters genau wiederholten Bilderzyklus hingestellt wird. Die minimale Basis für diese weitreichenden und gänzlich der Fantasie entsprungenen Schlussfolgerungen - Hinweise auf verbreitetes Gedankengut zur Laien-Investitur etwa - trägt nicht. Die einzige von Haney überzeugend im Sinne von Anselms und Eadmers Position im englischen Investiturstreit gedeutete Initiale zu Psalm 93 muss keineswegs deren konkreten Einfluss reflektieren, da diese Debatte über lange Zeit hohe Wellen schlug und weite Kreise der Kirche betraf. Auch gibt es (trotz Pächts Vermutung) keine zwingenden Gründe zur Annahme einer Vorlage für den Psalterteil mit identischem Lay-out und Bildinhalt; im Skriptorium war man durchaus in der Lage, den nötigen Raum für Text und Initialen vorauszuberechnen, auch wenn ein ganz neues Lay-out geplant war. Haneys Versuch, künstlerische Einflüsse von Canterbury auf Sankt Albans nachzuweisen, ist völlig unzureichend. Aber das von ihr nirgends erwähnte, aufregend Neue des Initialzyklus von Sankt Albans, die dichte Füllung aller Initialen nicht mit einzelnen Figuren in Ranken, sondern mit großfigurigen Szenen, kann nicht aus der Tradition von Canterbury erklärt werden, sondern allein aus entsprechenden Errungenschaften in kontinentalen Psaltern und Bibeln des 11. und frühen 12. Jahrhunderts.

Erst am Ende dieses Kapitels kommt Haney auf die allgemein von der Forschung als zumindest zeitweilige frühe Besitzerin des Sankt Albans Psalters angesehene Einsiedlerin Christina von Markyate zu sprechen. Dass dies auch für den eigentlichen Psalterteil gelten soll und dass irgendetwas in den Initialen auf diese Frau Bezug nehmen könnte, passt jedoch nicht in Haneys These von der Bilderfindung in Canterbury und für die dortige Mönchsgemeinschaft. Anders orientierte Argumentationen in der Literatur werden, wenn von Autoritäten wie Pächt vertreten, nicht erwähnt oder verzerrt wiedergegeben. So hat niemand je behauptet (wie Haney suggeriert), die Initialen seien "gender-spezifisch" allein auf diese Frau zu beziehen; sie spiegeln selbstverständlich die monastische Spiritualität einer Männergemeinschaft, der Christina sich anschloss. Doch fordert der konkrete Bezug auf die Nonnengemeinschaft um Christina, so besonders in der Initiale zur Litanei, eine Erklärung. Dass solche direkten Hinweise auf die Einsiedlerinnen nur vereinzelt zu finden sind, ist kein Gegenargument; Haneys statistische Argumentation mit Mengen unzureichender Belege kann einige wenige konkrete Belege nicht aufwiegen. Kapitel VII (347-355) bietet eine Zusammenfassung.

Ein Katalog (439-654) beschreibt jede Initiale und gibt Vergleichbarkeiten mit, aber auch Abweichungen von der Bildtradition an, letzteres sinnlos. Selbst die im Sankt Albans Psalter nicht zur Illustration ausgewählten, aber möglichen Bildthemen werden wie schon im Text ausgebreitet, Auswuchs einer auf statistische Menge setzenden Argumentation. Falsche Beobachtungen und Fehlinterpretationen des Bildbestandes kommen vor, davon abweichende Forschungsmeinungen werden nicht diskutiert. Ergebnisse des Haupttextes werden nur vereinzelt aufgenommen, Schlussfolgerungen nicht gezogen.

Haneys Buch kann trotz erwägenswerter Ansätze und Einzelbeobachtungen der Forschung kaum positive Impulse geben. Ihre These ist in den weitgehenden Schlussfolgerungen nicht tragfähig. Eine erneute gründliche Erforschung des Initialzyklus des Sankt Albans Psalters bleibt weiterhin ein Desiderat.

Anmerkung:

[1] The St. Albans Psalter (Albani Psalter), London, The Warburg Institute etc. 1960.


Ursula Nilgen