Rezension über:

Joachim Lerchenmüller: Die Geschichtswissenschaft in den Planungen des Sicherdienstes der SS. Der SD-Historiker Hermann Löffler und seine Denkschrift " Entwicklung und Aufgaben der Geschichtswissenschaft in Deutschland" (= Archiv für Sozialgeschichte; 21), Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2001, 320 S., ISBN 978-3-8012-4116-2, EUR 34,80
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Rezension von:
Eduard Mühle
Herder-Institut, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Eduard Mühle: Rezension von: Joachim Lerchenmüller: Die Geschichtswissenschaft in den Planungen des Sicherdienstes der SS. Der SD-Historiker Hermann Löffler und seine Denkschrift " Entwicklung und Aufgaben der Geschichtswissenschaft in Deutschland", Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2001, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 2 [15.02.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/02/3280.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Joachim Lerchenmüller: Die Geschichtswissenschaft in den Planungen des Sicherdienstes der SS

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In der jüngeren Diskussion über die Rolle deutscher Historiker im Nationalsozialismus stehen vor allem jene Fachvertreter im Zentrum des Interesses, die später in der Bundesrepublik besonders wirkungsmächtige akademische Schulen begründen konnten. Deutlich weniger Aufmerksamkeit haben bislang jene weithin unbekannten Historiker gefunden, die während des Dritten Reiches den zentralen Institutionen des Eroberungs- und Vernichtungskrieges, das heißt dem Sicherheitsdienst des Reichsführer SS als Mitarbeiter unmittelbar verbunden waren und daher nach 1945 nicht in den vorderen universitären Reihen in Erscheinung traten.

Die vorliegende Studie will dieser eingegrenzten Sicht mit einem Porträt des Historikers Hermann Löffler entgegenwirken. Ihren Ausgangspunkt bildet eine Denkschrift zur zeitgenössischen deutschen Geschichtswissenschaft, die Löffler im Winter 1938/39 im Auftrag des Leiters der wissenschaftlichen Gegnerforschung des Sicherheitsdienstes (SD) Franz Alfred Six anfertigte. Sie wird in Kapitel 1 ausführlich erörtert und im Anhang (189-295) zusammen mit 13 weiteren - für das Thema mehr oder weniger einschlägigen - Dokumenten publiziert. Die Denkschrift bietet (auch dank der Einordnung und Kommentierung Lerchenmuellers) einen guten Einblick in das Verständnis, das der SD von der Hochschuldisziplin 'Geschichtswissenschaft' entwickelte beziehungsweise nicht entwickelte (eine "nationalsozialistische Geschichtswissenschaft" konnte Löffler 1938/39 noch nicht ausmachen und nur eine kleine Gruppe von Historikern mochte er zu den im Sinne des Nationalsozialismus positiven Kräften zählen).

Es folgt eine biografische Skizze (Kapitel 2), in der knapp und anschaulich die politische und die beruflich-wissenschaftliche Karriere des Verfassers der Denkschrift geschildert wird. Löffler war seit 1936 als Leiter der Abteilung Geschichte zunächst für das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS tätig. Im August 1938 wurde er zur SS-Forschungsgemeinschaft "Das Ahnenerbe" versetzt, deren klassische Analyse durch Michael Kater, in der auch Löffler bereits Erwähnung fand, inzwischen in dritter Auflage wieder greifbar ist.[1] Im "Ahnenerbe" hoffte der noch unpromovierte Wissenschaftler zum "Chefhistoriker" aufzusteigen, wurde aber 1940 ins Reichssicherheitshauptamt versetzt. Ob er Ende 1939/1940 noch an den vom Ahnenerbe durchgeführten Kulturraub-Aktionen in Polen und im Baltikum teilgenommen hat, konnte auch Joachim Lerchenmueller in Ergänzung zu den einschlägigen Ausführungen bei Kater nicht definitiv ermitteln.

Löfflers 1940 bei Günther Franz in Jena erfolgte Promotion über den "Anteil der jüdischen Presse am Zusammenbruch Deutschlands" und seine 1942 an der Reichsuniversität Straßburg abgelegte Habilitation waren ein Beispiel für die enge Verbindung von Gegnerforschung und wissenschaftlichen Abschlussarbeiten, wie sie der SD zum Zwecke der Förderung und Ausbildung seines wissenschaftlichen Nachwuchses beziehungsweise als alternativen Versuch einer personellen und inhaltlich-methodischen Erneuerung der deutschen Geschichtswissenschaft unter Einbeziehung externer Wissenschaftler, unter anderem auch aus dem Milieu der Ostforscher (Hans Joachim Beyer, Ernst Birke), systematisch zu entwickeln versuchte. Dem habilitierten Dozenten, der im Frühjahr 1945 zum außerplanmäßigen Professor der nach Tübingen verlagerten Reichsuniversität ernannt wurde, blieb in Straßburg lediglich ein Semester, ehe er im Sommer 1943 erneut als hauptamtlicher SD-Mitarbeiter eingesetzt wurde, diesmal bei "SiPo"-Einsätzen im besetzten Jugoslawien.

Nach dem Krieg setzte Löffler zunächst als freier Mitarbeiter (unter anderem des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen), seit 1952 als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte und ab 1962 schließlich als Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg seine Historikerlaufbahn fort. Wie Lerchenmueller anschließend zeigt (Kapitel 3 und 4) und wie auch aus anderen Arbeiten, etwa dem jüngst von Norbert Frei herausgegebenen Sammelband über Nachkriegskarrieren von Medizinern, Unternehmern, Offizieren, Juristen und Journalisten inzwischen hinlänglich bekannt ist [2], war diese "zweite Karriere" alles andere als eine Ausnahme. Wie Löffler gelangte auch der Großteil der übrigen ehemaligen SD-Wissenschaftler im Laufe der späten 1940er und 1950er-Jahre wieder in führende Stellungen im Presse-, Verlags- und Universitätsbereich, von wo aus sie, wenn auch - wie schon in den Jahren zuvor - keinen nachhaltigen Einfluss auf die professionelle Geschichtswissenschaft, gleichwohl aber durchaus Anteil an der Ausprägung des populären Geschichtsbildes der frühen Bundesrepublik, darunter ihres Bildes vom 'Osten' zu nehmen vermochten.

Anmerkungen:

[1] Michael H. Kater: Das "Ahnenerbe" der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches. 3. Aufl., München 2001. (Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 6).

[2] Norbert Frei: Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945. In Zusammenarbeit mit Tobias Freimüller, Marc von Miquel, Tim Schwanetzky, Jens Scholten, Matthias Weiß, Frankfurt/M. 2001.


Eduard Mühle