Rezension über:

Jochen Hoock / Pierre Jeannin (Hgg.): Ars Mercatoria. Handbücher und Traktate für den Gebrauch des Kaufmanns, 1470-1820 / Manuels et traités á l'usage des marchands, 1470-1820. Eine analytische Bibliographie in 6 Bänden. Bd. 1: 1470-1600, Paderborn: Ferdinand Schöningh 1991, LIV + 432 S., ISBN 978-3-506-74401-2, EUR 152,80
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Jochen Hoock / Pierre Jeannin (Hgg.): Ars Mercatoria. Handbücher und Traktate für den Gebrauch des Kaufmanns, 1470-1820 / Manuels et traités á l'usage des marchands, 1470-1820. Eine analytische Bibliographie in 6 Bänden. Bd. 2: 1600-1700, Paderborn: Ferdinand Schöningh 1993, XXVI + 771 S., ISBN 978-3-506-74402-9, EUR 220,20
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Jochen Hoock / Pierre Jeannin / Wolfgang Kaiser (Hgg.): Ars Mercatoria. Handbücher und Traktate für den Gebrauch des Kaufmanns, 1470-1820 / Manuels et traités á l'usage des marchands, 1470-1820. Eine analytische Bibliographie in 6 Bänden. Bd. 3: Analysen (1470-1700), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2001, XII + 206 S., ISBN 978-3-506-74403-6, EUR 62,20
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Rezension von:
Stefan Gorißen
Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Gorißen: Jochen Hoock / Pierre Jeannin (Hgg.): Ars Mercatoria (Rezension), in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 11 [15.11.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/11/3402.html


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Jochen Hoock / Pierre Jeannin (Hgg.): Ars Mercatoria

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Eine wichtige und häufig benutzte Quelle für die Wirtschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit bilden die in großer Zahl publizierten Lehrbücher und Handreichungen für Kaufleute, in denen zeitgenössische Handelstechniken und -praktiken zum Zwecke des Selbststudiums und der Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses dargestellt wurden. Viele klassische Autoren der Wirtschaftsgeschichte - wie Max Weber, Werner Sombart oder Fernand Braudel - stützten sich in ihren Darstellungen zur vormodernen Ökonomie zu wesentlichen Teilen auf diese Texte der sogenannten "Handlungswissenschaft" und nahmen den Quellenkorpus zum Ausgangspunkt für die Rekonstruktion einer vergangenen sozialökonomischen Wirklichkeit. Hierbei darf jedoch nicht aus dem Auge verloren werden, dass die Kaufmannsliteratur der frühen Neuzeit insofern zunächst über weite Teile normativen Charakter besitzt, als hier in erster Linie dargelegt wurde, wie Geld- und Warenhandel, Transport und Verkehr in vorindustrieller Zeit funktionieren könnten und sollten, was im Einzelfall mit der konkreten Praxis des vorindustriellen Handels wenig zu tun haben konnte. Inwieweit die Ausführungen eines Autors der "Handlungswissenschaft" Berichte über vergangene Wirklichkeiten sind oder lediglich das normative Bild eines Lehrbuchs entwerfen, dies zu prüfen, bleibt das entscheidende quellenkritische Problem, von dem jede Arbeit mit diesem umfangreichen und bedeutenden Quellenkorpus auszugehen hat.

Trotz der verbreiteten Wertschätzung, der sich die Schriften der "Handlungswissenschaft" in der Wirtschaftsgeschichte erfreuen, fehlte bislang eine gründliche systematische Beschreibung und Analyse dieser Gattung und ihres wissenschaftsgeschichtlichen Umfelds - entsprechende Bemühungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, meist in der Absicht entstanden, die junge Disziplin der Betriebswirtschaftslehre in eine ältere historische Tradition einzuordnen [1], kamen über Ansätze nicht hinaus. Dies zu leisten ist das Ziel des bereits zu Beginn der 1980er Jahre gestarteten Projekts der "Ars Mercatoria" unter Leitung von Jochen Hoock und Pierre Jeannin, einer auf sechs Bände konzipierten analytischen Bibliografie der Kaufmannsliteratur, deren erste - die drei hier vorzustellenden - Bände zwischen 1991 und 2001 erschienen sind. Während die beiden ersten Bände das bibliografische Verzeichnis für die beiden Perioden 1470-1600 und 1600-1700 enthalten, umfasst der dritte Band in sieben Beiträgen Bausteine zu einer inhaltlichen Analyse der Textgattung Kaufmannsliteratur.

Problematisch und zu einem gewissen Maß immer prekär bleibt die Frage der Abgrenzung des in die Bibliografie aufgenommenen Textkorpus. Hoock und Jeannin betonen in der Einleitung zum ersten Band, dass zwei Kriterien hierfür maßgeblich waren: Zum einen wurden nur gedruckte selbstständig publizierte Werke (unter Ausschluss von Periodika) einbezogen, zum anderen wurden die in Frage stehenden Schriften nur dann in die Bibliografie aufgenommen, wenn sie eindeutig einen Verwendungszweck für die kaufmännische Praxis erkennen ließen. Vor allem das zweite Kriterium impliziert natürlich, dass es für eine Fülle von Büchern, ja für ganze Literaturgattungen zweifelhaft bleiben musste, ob sie in diesem Sinne der "Ars mercatoria" zuzurechnen sind. Hoock und Jeannin diskutieren dies ausführlich für die Gattung der Arithmetiken, die immer dann, wenn die frühneuzeitliche Kaufmannschaft als Adressatengruppe erkennbar ist, in die Bibliografie aufgenommen wurden. Auch für die Gattungen der Reiseberichte und der juristische Texte, die beide nur in Ausnahmefällen Eingang in das Verzeichnis fanden, wird ausführlich erörtert, ob beide Gattungen der "Ars Mercatoria" zuzurechnen sind.

Eine weitere Einschränkung bezieht sich auf die Verfügbarkeit der aufgenommenen Texte: Die "Ars Mercatoria" verzeichnet nur solche Werke, die bibliothekarisch nachgewiesen werden konnten. Die Liste der ausgewerteten 289 Kataloge und Verzeichnisse liest sich dabei wie ein "who is who" von Bibliotheken mit historisch relevanten Beständen. Auch wenn das gewählte Verfahren impliziert, dass einzelne verloren gegangene Schriften unberücksichtigt bleiben, hat es doch den großen Vorzug, dass zweifelhafte oder irrtümliche bibliografische Nachweise und Verweise auf de facto unauffindbare Bücher die Bibliografie nicht unnötig aufblähen.

Die verschiedenen Werke der Kaufmannsliteratur werden in der "Ars Mercatoria" mit allen bekannten und greifbaren Auflagen verzeichnet, wobei Neuauflagen als gesonderte Einheiten unmittelbar im Anschluss an die Erstauflage in der Bibliografie erscheinen. Die Zahl der mit diesem Verfahren aufgefundenen Arbeiten beläuft sich für den gesamten Untersuchungszeitraum des 15.-18. Jahrhunderts auf mehr als 12.000 Einheiten, wovon auf die beiden bislang publizierten Bände zum 15./16. und 17. Jahrhundert auf etwas über 1700 und knapp 3800 Einträge entfallen, die von 286 beziehungsweise 538 Autoren verfasst wurden. Misst man die Bedeutung der Handlungswissenschaft an der Quantität der Publikationen, entfaltete diese Disziplin ihre Wirksamkeit überwiegend im 18. Jahrhundert. Da die Folgeauflagen jeweils bei der Erstauflage verzeichnet werden, ist der Anteil der im 18. Jahrhundert gedruckten Werke mit geschätzten mehr als 8000 Büchern noch größer.

Indem die verschiedenen Ausgaben eines Werkes als selbstständige Einheiten verzeichnet werden, erweist sich deutlich, welch hohe Bedeutung in der Kaufmannsliteratur Neudruck und Überarbeitung besaßen. Nicht wenige Werke des 17. Jahrhunderts wurden noch im frühen 19. Jahrhundert in ergänzter und erweiterter Form gedruckt. Zu solchen klassischen Arbeiten zählt nicht nur die sprichwörtlich berühmte Arithmetik "Rechenbüchlein auf Linien und Federn" des Erfurter Rechenmeisters Adam Riese, von dem die "Ars Mercatoria" 77 Ausgaben zwischen 1518 und 1656 auflistet, sondern gehören auch umfassende Kompendien der Handlungswissenschaft, wie Samuel Ricards "Traité géneral du commerce" mit 19 Ausgaben in französischer und deutscher Sprache zwischen 1700 und 1801, oder das vielbenutzte und häufig kopierte "Parfait Négociant" des Jacques Savary, das in der "Ars Mercatoria" mit dreißig Ausgaben in Französisch, Niederländisch und Deutsch zwischen 1675 und 1800 verzeichnet ist.

Die "Ars Mercatoria" bietet jedoch weit mehr als bloßes ein Verzeichnis von Werken der frühneuzeitlichen Handlungswissenschaft. Jeder Eintrag in der Bibliografie umfasst außer den üblichen bibliografischen Angaben und Nachweisen über die Existenz eines Buches in wenigstens einer Bibliothek auch eine Reihe von inhaltlichen Charakterisierungen, wozu Angaben zum Autor sowie vor allem die Zuordnung zu einem System von 41 Inhaltskategorien zu rechnen sind. Die Bibliografie ist für jeden Band alphabetisch nach Autorennamen sortiert, ergänzt um eine Gruppe von Arbeiten nicht genannter Autoren sowie ein Verzeichnis von Schriften zur Münzwissenschaft, die teilweise die Grenzen der kaufmännischen Gebrauchsliteratur überschreiten.

Weiterführend ist ein Anhang, der in einem ersten statistischen Teil in zahlreichen Tabellen und Grafiken einen Überblick über den Bestand und die Verteilung der Bücher auf Themen, Druckorte, Herkunft der Autoren und verwendete Sprache bietet. Es folgen Register zu den Autoren, den Druckern, den Verlegern, Erscheinungsorten sowie den Inhaltskategorien, die den unmittelbaren Zugriff auf ausgewählte Teile der Bibliografie ermöglichen. Abgerundet wird die Bibliografie schließlich durch eine Auflistung aller Werke in chronologischer Reihenfolge, die das Aufspüren von Querbeziehungen und Verweisen zwischen den Werken erheblich erleichtert.

Mit dem Anhang ist eine Auswertung des Bücherverzeichnisses nach verschiedenen Kriterien, vor allem auch unter thematischen Gesichtspunkten möglich. Eine solche inhaltliche Auswertung wird für einzelne, ausgewählte Aspekte im jüngst erschienenen dritten Band der "Ars Mercatoria" geboten, der hier nicht mit allen Beiträgen vorgestellt werden kann. Hervorgehoben seien der Beitrag von Wolfgang Kaiser, der die räumliche Ausbreitung und die inhaltlichen Schwerpunkte der Kaufmannsliteratur in der frühen Neuzeit auf der Grundlage der bibliografisch erfassten Werke nachzeichnet. Der Beitrag von Pierre Jeannin widmet sich der schwierigen Frage der tatsächlichen Verbreitung und Rezeption dieser Literaturgattung, eine Frage, die anhand bibliografischer Angaben nur schwer zu erschließen ist, zu der sich jedoch auf indirektem Weg interessantes zu Tage fördern ließ. So diskutiert Jeannin anschaulich die mächtige Rolle von Verlegern, die auf die Entwicklung der Gattung weit größeren Einfluss nahm als die Autoren.

Auf die Fortsetzung der Bibliografie für die große Zahl von Werken des 18. Jahrhunderts darf man gespannt sein. Die "Ars Mercatoria" ist eine abgeschlossene Bibliografie in dem Sinne, dass sie die Bücher eines Themenkreises für eine historische Publikationsperiode verzeichnet. Auch wenn Hoock und Jeannin wiederholt darauf hinweisen, dass jeder Anspruch auf Vollständigkeit vermessen wäre, und Nachträge zu einem späteren Zeitpunkt publiziert werden sollen, lässt sich die Publikation der Bibliografie in Buchform auch zu Zeiten einer alltäglichen Nutzung vernetzter digitaler Informationssysteme durchaus noch rechtfertigen - was für laufende Bibliografien nur noch schwer möglich ist. Mit der Vielzahl von Informationseinheiten und der Aufnahme der Informationen nach formalen, streng gleichförmigen Kategorien besitzt die Bibliografie jedoch auch in der hier publizierten Form den Charakter einer Datenbank. Weist schon der Band zum 17. Jahrhundert mit 771 Seiten einen Umfang auf, der sich noch gerade zwischen Buchdeckel pressen lässt, so erscheint ein analoges Verfahren für das 18. Jahrhundert mit der doppelten Menge an Einheiten kaum noch praktikabel. Auch die Tabellen, Register und Verzeichnisse, die den vorliegenden Bänden in den Anhängen mitgegeben wurden, verweisen darauf, dass das Projekt vom Selbstverständnis her tatsächlich weit eher modernen Datenbankkonzepten verpflichtet ist als herkömmlichen bibliografischen Nachschlagewerken. Die Publikation in Buchform nötigt den Benutzer zum permanenten Blättern - wie lange die Einband- und Papierqualität das aushalten wird, bleibt abzuwarten. Was aber nahe liegt, wäre eine konsequente Publikation der Bibliografie als Datenbank auf digitalen Medien, bedienbar über Suchmasken und elektronische Indices. Dass dies zu Beginn der 90er-Jahre noch Zukunftsmusik war, schließt nach Ansicht des Rezensenten keineswegs aus, sich für die Folgebände auf diesen neuen Weg zu wagen.

Zum Schluss noch ein Satz zum prohibitiv hohen Preis des Werkes? Das verkneift sich der Rezensent im Wissen darum, dass diese Form moderner kaufmännischer Kalkulation angesichts der gegenwärtig sich vollziehenden Medienrevolution bald ein historisches Phänomen sein wird.

Anmerkung:

[1] Zu verweisen ist vor allem auf Weber, Eduard, Literaturgeschichte der Handelsbetriebslehre, Tübingen 1914; Löffelholz, Josef, Geschichte der Betriebswirtschaft und der Betriebswirtschaftslehre, Stuttgart 1935; Seyffert, Rudolf, Wirtschaftslehre des Handels, Opladen 1955.


Stefan Gorißen