Rezension über:

Oliver Cech: Das elende Selbst und das schöne Sein. Autonomie des Individuums und seiner Kunst bei Karl Philipp Moritz (= Cultura; Bd. 19), Freiburg/Brsg.: Rombach 2001, 287 S., ISBN 978-3-7930-9269-8, EUR 24,60
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Sabine M. Schneider
Institut für deutsche Philologie, Bayerische Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Sabine M. Schneider: Rezension von: Oliver Cech: Das elende Selbst und das schöne Sein. Autonomie des Individuums und seiner Kunst bei Karl Philipp Moritz, Freiburg/Brsg.: Rombach 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 5 [15.05.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/05/3791.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Oliver Cech: Das elende Selbst und das schöne Sein

Textgröße: A A A

Schon die methodischen Vorüberlegungen und die Selbstpositionierung in der Moritz-Forschung im ersten Kapitel der vorliegenden Kölner germanistischen Dissertation lassen einen eigentümlich unpräzisen und bisweilen überheblichen Umgang mit der neueren Forschungsliteratur erkennen. So bescheinigt der Autor der Moritz-Forschung eine angeblich bis heute konstante "Dominanz des Biographischen" (15) sowie uneingestandenen "Psychologismus" (23). Damit setzt er das biografische Interesse am Beginn der wissenschaftlichen Wiederentdeckung Moritzens um 1900 [1] einfach gleich mit den differenzierten Rekonstruktionen des ideen- beziehungsweise diskursgeschichtlichen Horizonts durch die Anthropologieforschung seit den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Angeregt durch die quellengeschichtlichen Forschungen von Hans-Jürgen Schings (Melancholie und Aufklärung, Stuttgart 1977) haben die literaturwissenschaftlichen Arbeiten der letzten beiden Jahrzehnte das literarische und theoretische Gesamtwerk von Karl Philipp Moritz vor dem Hintergrund der "anthropologischen Wende" (Odo Marquard) des ausgehenden 18. Jahrhunderts erstmals erschlossen. Der eklektizistisch verfahrende Erfahrungsseelenkundler und Psychologe, der Popularphilosoph, Logiker und Sprachtheoretiker, der Ästhetiker und klassizistische Kunstheoretiker Karl Philipp Moritz wurde durch die Radikalität seiner Fragestellungen als "Seismograph der Epoche" (Hans Joachim Schrimpf) und ihrer Umbrüche entdeckt. Das Interesse gilt dem Zeitzeugen für eine hochreflexive Auseinandersetzung der aufgeklärten Intelligenz mit dem von der rationalistischen Schulphilosophie ausgegrenzten "Anderen der Vernunft" - dem "dunklen Grund der Seele", den sinnennahen Triebstrukturen und ihren pathologischen Extremzuständen, der physischen Bedingtheit des Denkens oder der "Zerstückbarkeit" einer nicht mehr in metaphysischen Gewissheiten aufgehobenen Körpernatur. [2] Das Spannungspotenzial dieser bewegten diskursiven Konstellation zeigt sich auch an der konnotativen Überbestimmtheit des Moritzschen Schreibens, das dieselben Problemkonstellationen in verschiedenen diskursiven Bereichen in ähnlichen Denkbewegungen bearbeitet. Dem hat die neuere Forschung Rechnung getragen durch den Versuch, die verschiedenen Diskurse in Moritz' Gesamtwerk auf die ihnen zugrunde liegende gemeinsamen Problemstellungen zu befragen - sind doch sowohl Anthropologie als auch Ästhetik mit dem Generalthema der "Aufwertung der Sinnlichkeit" befasst [3].

Obwohl die vorliegende Dissertation den Anspruch erhebt, das Forschungsdesiderat einzulösen, "die Verwebung des neuzeitlich psychologischen (also empirischen) mit dem neuzeitlich ästhetischen (also auf Autonomie angelegten) Diskurs" (25) in Moritz' Werk zu zeigen, nimmt sie auf die vorliegende Forschung nur summarisch Bezug, indem sie deren Ergebnisse auf die Formel eines kulturgeschichtlichen "Paradigmas des Individuums" reduziert und als ideengeschichtliche Hintergrundfolie für die eigene, biografisch und individualpsychologisch ausgelegte Deutung benutzt (Kapitel II: "Das Individuum als Paradigma", 61-94). Sie konturiert den eigenen psychoanalytischen Ansatz, indem sie der Moritzforschung in einer kategorialen Gleichsetzung von Gegenstand und Methode einerseits uneingestandenen Psychologismus, andererseits methodologische Naivität unterstellt, welche sich auf "psychologische Intuition" (108) verlasse und der Selbstdiagnostik des empirischen Psychologen Moritz kritiklos folge, an Stelle sie mit dem modernisierten Instrumentarium der Psychoanalyse auf ihre Verdrängungen hin zu hinterfragen.

Die geforderte methodische und terminologische Präzision will die vorliegende Arbeit durch eine konsequente Anwendung der Kategorien der Selbstpsychologie des Psychoanalytikers Heinz Kohut auf das Gesamtwerk von Karl Philipp Moritz erreichen. Ausgehend von einer psychoanalytischen Interpretation von Moritzens autobiografischem Roman "Anton Reiser. Ein psychologischer Roman" (1785-1790) und weiterer als autobiografische Zeugnisse gewerteter Texte (Beiträge zur Philosophie des Lebens (1780), Fragmente aus dem Tagebuch eines Geistersehers [1787]) werden die Symptome einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung des historischen Individuums Karl Philipp Moritz "Punkt für Punkt" (121) diagnostisch aufgewiesen. Dieser primäre narzisstische Defekt des vernachlässigten Kindes, dessen Leiden in der Autobiografie geschildert werden, habe - so die These - seine Spuren im Gesamtwerk des Autors Moritz hinterlassen und verleihe diesem seinen monomanischen und obsessiven Charakter. Sowohl der Versuch einer Rekonstruktion der eigenen Lebensgeschichte im autobiografischen Roman als auch die theoretische Formulierung der Kunstautonomie in seiner kunsttheoretischen Hauptschrift "Über die bildende Nachahmung des Schönen" (1788) seien als Selbstheilungsversuche des Autors Moritz zu werten. Die Ästhetisierung der "abgerissenen Fäden" (Moritz' Vorrede zum zweiten Band) des eigenen Lebens zur Ganzheit einer autobiografischen Konstruktion stehe so in einem "Motivationszusammenhang" zur emphatischen Formulierung der autonomen Kunst als eines in sich selbst vollendeten Ganzen. Beide Konstruktionsversuche von "Ganzheit", die der Kunst und die des Individuums, ständen in einem Verhältnis der wechselseitigen Spiegelung, wie überhaupt sowohl der autobiografische Roman als auch die Kunsttheorie die psychische Funktion eines internalisierten Selbstobjekts für den Autor Moritz hätten. Beide seien Manifestationen desselben Begehrens. Von diesem tieferliegenden Motivationszusammenhang aus löse sich auch, so die Konsequenz, der vermeintliche Widerspruch auf, warum der Psychologe Moritz eine dezidiert anti-psychologische Theorie autonomer Kunst formuliert habe, deren eskapistische Tendenz doch dem emanzipatorischen Anliegen des Anwalts des konkreten Individuums und Sprecher des vierten Standes zuwiderlaufen müsse.

Entsprechend dieser Generalthese folgt das Buch einer klaren Gliederung, die dem Kohutschen Grundmodell der psychischen Reaktionsbildung (dem "Begehren") auf eine ursprüngliche Mangelerfahrung entlehnt ist. Ein umfangreiches methodologisches Eingangskapitel setzt sich zunächst mit möglichen Einwänden gegen eine Anwendung psychoanalytischer Kategorien auf einen historisch zurückliegenden literarischen Text auseinander und ordnet die eigene Position unter den verschiedenen Richtungen der Psychoanalyse dezidiert der Selbstpsychologie, speziell der Narzissmustheorie Kohuts zu, in der sie eine reflektiertere Weiterentwicklung der Konfliktpsychologie Freuds sieht, deren objektlibidinöse Verkürzungen sie vermeide. Die besondere Kompetenz des psychoanalytischen Ansatzes für die Analyse insbesondere autobiografischer literarischer Texte sieht der Autor im Nachweis des Konstruktionscharakters lebensgeschichtlicher Erinnerung, der notwendigen Fiktionalisierung auf Grund des von Freud konstatierten "epischen Charakters" eines therapeutischen Erinnerungsprozesses (eine Einsicht, die allerdings auch für die literaturwissenschaftliche Autobiografieforschung eine methodische Selbstverständlichkeit ist; vergleiche Helmut Pfotenhauer, Literarische Anthropologie, Stuttgart 1987).

Ein zweites Kapitel fasst sehr vereinfachend und zum Teil unter Rückgriff auf veraltete Forschung (zum Beispiel zur "Melancholie" oder "Empfindsamkeit") den ideen- beziehungsweise mentalitätsgeschichtlichen Hintergrund für die Moritzschen lebensgeschichtlichen Leiden an der Individuation zusammen. Die Tendenz zur Schematisierung führt zu ärgerlichen Ungenauigkeiten, so wenn offenbar in Unkenntnis des Physiognomikstreits ausgerechnet der Lavaterschen Physiognomik die "Entdeckung der individuellen Körperlichkeit" und eine Vorbildfunktion für die medizinische Anthropologie zugeschrieben wird (74 f.). Der systematische Stellenwert dieses Kapitels bleibt zudem unklar, da im folgenden ausschließlich individualpsychologisch argumentiert wird.

Das umfangreichste dritte Kapitel unternimmt eine psychoanalytische Interpretation von Moritz' psychologischem Roman "Anton Reiser". Ausgehend von der Grundannahme, dass es sich dabei um die fiktionalisierte Form einer Autobiografie handle, werden zunächst die "Formen der Entbehrung", das heißt die Symptome eines narzisstischen Primärdefekts in Anton Reisers Lebensgeschichte und der seiner Eltern mit Hilfe von Kohuts Individuationsmodell diagnostiziert, sodann die psychischen Ersatzbildungen Antons, die Zerstörungsspiele des Kindes und die tagträumerischen Größenfantasien des Adoleszenten als Selbststimulierung eines fragmentierten Selbst gewertet. Die Analyse setzt nicht den Autor Moritz einfach mit seiner Figur gleich, sondern trägt der erzähltheoretischen Unterscheidung zwischen Figur, Erzähler und Autor Rechnung, allerdings nicht aus literarästhetischen Gründen, sondern um sowohl Figur als auch Erzähler wiederum auf ihre psychischen Funktionen als distanzierende Fiktionalisierungen des Autor-Ich zu befragen. Produktiv erweist sich dabei die Infragestellung des Erzählers, dessen vermeintlich objektiver kritischer Erzählerkommentar selbst perspektivischen Trübungen und Ausblendungen unterliegt. Darüber hinaus aber ist der literarästhetische Ertrag dieser Diagnostik gering, die Beobachtungen beschränken sich auf Inhaltliches, die angestrebte "Psychoanalyse der Form" unterbleibt. Ungenutzt bleibt die Chance, die Fragmentierungsthese auf der Ebene der literarischen Darstellungsstrategien zu untersuchen, die Sprache des Begehrens etwa in Verdichtungen oder Überblendungen der Symbolstruktur aufzuweisen und so die Komplexität des literarischen Textes zu erweisen. Stattdessen eignet dem Systemzwang der Hauptthese, wonach das Werk ein kompensatorischer Spiegel für das beschädigte Autorsubjekt sei, eine harmonisierende Tendenz, welche die Ästhetisierungsleistung des Romans auf die intendierte Kategorie der "Ganzheit" reduziert.

Ähnliches gilt für die beiden letzten Kapitel der Arbeit, die den oben skizzierten Zusammenhang zwischen der Ganzheitsvorstellung der Moritzschen Autonomieästhetik und dem angeblich "gescheiterten" Konstruktionsversuch des beschädigten Lebens als (nun geglückten) Versuch einer theoretischen Rationalisierung eines existenziellen Bedürfnisses fassen. Wird schon das generelle (therapeutisch, nicht ästhetisch begründete) Erklärungsmodell von "Scheitern" (Vergleiche Kapitel IV, 1: "Fragmente eines Scheiterns") und "Gelingen" einem Autor nicht gerecht, dessen Leistung gerade in seiner inkonsistenten, weil radikalisierten und gleichsam überdeterminierten Denk- und Schreibweise liegt, so gilt das auch für die daraus abgeleiteten Wertungen seiner Kunsttheorie im Einzelnen. Die Einschätzung, wonach Moritz im Schlussteil seiner "Bildenden Nachahmung des Schönen" die selbstzerstörerischen regressiven Tendenzen seines Konzepts der "Tatkraft" befriedet habe zur die Autonomie des produktiven Individuums stabilisierenden schöpferischen "Bildungskraft" - womit der Autor seine lebensgeschichtliche Fixierung auf archaische Fantasien des Größenselbst überwunden habe - ist schlichtweg verharmlosend. Denn gerade die nachitalienische Autonomieästhetik führt auf obsessive Weise die Vollkommenheit des Werks mit Zerstörungsfantasien eng. Die Sprache der Kunst, so Moritz in "Die Signatur des Schönen" (1793), ist mit dem Blut der abgeschnittenen Zunge geschrieben, in die Geschlossenheit der Form ist das Leid als geheimes Zentrum "eingewürkt" und immer wieder stellen sich angesichts der vollendeten Marmorstatuen die imaginierten Bilder versehrter Körper ein. Darin ist aber Goethes "beschädigter jüngerer Bruder" nicht ein pathologischer Einzelfall (das ließe sich am Beispiel Winckelmanns oder Herders zeigen), sondern sensibler Zeuge für eine historische Problemkonstellation, die dem vermeintlich so geschlossenen Gestaltmodell der Klassik zugrunde liegt. Das ist ein grundlegender Einwand gegen die verengte Perspektive des Buchs, die dem eigenen Anspruch auf psychohistorische Ausweitung (und das hieße zunächst einmal produktive Auseinandersetzung mit bestehenden Forschungstraditionen) nicht gerecht wird.

Anmerkungen:

[1] Vergleiche Hugo Eybisch, Anton Reiser - Untersuchungen zur Lebensgeschichte von Karl Philipp Moritz, Leipzig 1909.

[2] Vergleiche Wolfgang Riedel, Anthropologie und Literatur in der deutschen Spätaufklärung. Skizze einer Forschungslandschaft, in: IASL 6, 1994, 410-439.

[3] Vergleiche Raimund Bezold, Popularphilosophie und Erfahrungsseelenkunde im Werk von Karl Philipp Moritz, Würzburg 1984; Sabine Schneider, Die schwierige Sprache des Schönen, Würzburg 1998.


Sabine M. Schneider