Rezension über:

Inge Keil: Augustanus Opticus. Johann Wiesel (1583-1662) und 200 Jahre optisches Handwerk in Augsburg (= Colloquia Augustana; Bd. 12), Berlin: Akademie Verlag 2000, 550 S., ISBN 978-3-05-003444-7, EUR 49,80
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Rezension von:
Stefan W. Römmelt
München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Stefan W. Römmelt: Rezension von: Inge Keil: Augustanus Opticus. Johann Wiesel (1583-1662) und 200 Jahre optisches Handwerk in Augsburg, Berlin: Akademie Verlag 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 5 [15.05.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/05/1685.html


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Inge Keil: Augustanus Opticus

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Die wissenschaftliche Revolution, die in der Frühen Neuzeit das Weltbild von Grund auf veränderte, vollzog sich als kontinuierlicher Prozess des Wissenserwerbs und des transnationalen Transfers neuer Erkenntnisse über weite Distanzen. Kommunikationsnetzwerke in Form von Briefwechseln spielten hierbei eine wichtige Rolle, ebenso Händler und Agenten, die ihren Lebensunterhalt damit bestritten, die Distribution technischer und künstlerischer Innovationen zu gewährleisten.

Auch die Reichsstadt Augsburg lieferte gewichtige Beiträge zum technischen Fortschritt. Dort wirkte Johann Wiesel, der wohl bedeutendste Hersteller optischer Instrumente in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die quellen- und literaturgesättigte Studie Inge Keils, die in der Schriftenreihe des Augsburger Instituts für Europäische Kulturgeschichte erschien, nimmt sich der bisher noch unzureichend erforschten Person Wiesels, seiner Rolle im Entwicklungsgefüge des optischen Handwerks und der weiteren Entwicklung des Optikerhandwerks in Augsburg bis um 1800 an. Vier Kapitel beleuchten Produzenten und Zeugnisse der optischen Kunst im frühneuzeitlichen Augsburg im Kontext der europäischen Technik- und Wissenschaftsgeschichte.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit "Leben und Wissenschaft in Augsburg um 1600". In diesem Zusammenhang geht Keil besonders auf die Verortung der Astronomie im kulturellen Leben der Stadt ein. Einige Schlaglichter: Während Tycho Brahes Aufenthalt in Augsburg im Jahre 1569 schloss der später berühmte Astronom Freundschaft mit Hieronymus Wolf (1516-1580), dem Rektor des städtischen Gymnasiums bei Sankt Anna, das später über eine der ersten Schulsternwarten in Europa verfügte, und um 1600 publizierte Marcus Welser (1558-1614) in seinem Verlag ad insigne pinus die Beobachtungen des Ingolstädter Jesuiten Christoph Scheiner über die Sonnenflecken. Wiesels Innovationen trafen so in Augsburg auf ein technisch interessiertes Umfeld. Die Stadt bot zudem durch die internationalen Verbindungen der Kaufleute und die günstige Verkehrslage günstige Ausgangsbedingungen für einen neuartigen Handwerkszweig.

"Perspectivmacher, Optici und ihre Werkstätten", das zweite Kapitel, stellt Leben und Werk bedeutender Augsburger Handwerker vor, die sich auf die Herstellung optischer Instrumente spezialisiert hatten. Im Zentrum steht der bereits erwähnte Johann Wiesel. Der aus der Rheinpfalz stammende Pionier des Fernrohrbaus hatte in eine Augsburger Handwerkerfamilie eingeheiratet, begann mit lichtschwachen Instrumenten, die nur ein kleines Gesichtsfeld besaßen, und entwickelte immer längere Geräte mit besseren Linsen. Die astronomischen und Erdfernrohre Wiesels stellten erste Höhepunkte der optischen Kunst dar.

Sinn für technische Innovationen zeigte sich auch in seinen Mikroskopen, dem zweiten optischen Instrument, dem sich Wiesel in den letzten Lebensjahren widmete. Schrauben und Gewinde, die Wiesel beim Bau von Flohgläsern und zusammengesetzten Mikroskopen einsetzte, erlaubten die Weiterentwicklung des Mikroskops, das am meisten von der Entwicklung der Feldlinse profitierte.

Zu den von Wiesel gefertigten Geräten zählten auch andere optische Instrumente wie Brennspiegel und Brennglas, Laterna magica und Camera obscura, das Polemoskop und das Ophthalmoskop. Wiesel war auch bemüht, die Sehschwäche seiner fürstlichen Kunden, zu denen Maximilian I. von Bayern, Gustav II. Adolf, Christian IV. von Dänemark und August von Braunschweig-Wolfenbüttel gehörten, durch Brillen auszugleichen. Dem geschäftlichen Erfolg Wiesels entsprach sein gesellschaftlicher Aufstieg, da er in die Kaufleutestube aufgenommen wurde, was Handwerkern nur selten gelang. Zudem verwaltete er als Zechpfleger von 1652 bis 1654 die Gemeindekasse von Heilig Kreuz in Augsburg.

Die Weiterentwicklung der optischen Geräte wäre ohne Kommunikation nicht möglich gewesen. Dies gilt für den innerwissenschaftlichen Austausch ebenso wie für Kontakte zwischen Wissenschaftlern und Produzenten. Eine wichtige Rolle als Vermittler spielten die Augsburger Kaufleute, die den Absatz der Instrumente in ganz Europa sicherten. Besonders der Kunsthändler Philipp Hainhofer hatte maßgeblichen Anteil an der internationalen Bekanntheit Wiesels. Diese wird im Abschnitt "Europäische Beziehungen" deutlich: Instrumente Wiesels gelangten nach Schweden und Italien, Frankreich und Polen. So verkaufte der Augustanus Opticus terrestrische Fernrohre unter anderem nach Wolfenbüttel, Gotha, Paris, Kopenhagen und Danzig. Die bisher einzig noch existierenden Fernrohre Wiesels finden sich so auch im schwedischen Skokloster, dem Schloss des Generals Wrangel. Seit 1645 wiesen gedruckte Werke auf Wiesels Leistungsfähigkeit hin und belegen dessen Reputation. Nach 1650 büßte Augsburg seine Rolle als Zentrum der Optikerkunst jedoch weitgehend ein. Wiesels zunehmendes Alter, aber auch mangelnde Kommunikation mit Wissenschaftlern dürften hier eine wichtige Rolle gespielt haben.

Wiesels Nachfolger, der geborene Danziger Daniel Depiere (gestorben 1682) und Cosmus Conrad Cuno (1652-1745), der aus Hamburg stammte, besaßen nicht mehr dessen europäische Geltung. Cuno, der auch eine umfangreiche und vielbesuchte technisch-naturwissenschaftliche Sammlung zusammengetragen hatte, produzierte wohl um 1700 die modernsten einfachen Mikroskope. Der Kundenkreis bestand zu dieser Zeit aber nicht mehr aus fürstlichen Personen, sondern vermutlich aus naturwissenschaftlich interessierten "bürgerlichen" Dilettanten.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden London, Rom und Leiden die Zentren der Entwicklung optischer Instrumente. Besonders die Mikroskopie lieferte in dieser Zeit bahnbrechende Erkenntnisse - 1655 bildete die "Micrographia" von Hooke erstmals Zellen ab. Im 18. Jahrhundert gelang es englischen Optikern, achromatische Linsen durch das Zusammensetzen zweier Glassorten, des Kron- und Flintglases, herzustellen. Auch das Spiegelteleskop wurde hauptsächlich in England entwickelt. Augsburg spielte so bis in das 18. Jahrhundert auf diesem Sektor nur eine zweitrangige Rolle. Erst 1734 ließ sich mit Georg Friedrich Brander wieder ein bedeutender Instrumentenbauer in den Mauern der Reichsstadt nieder, der 1737 das erste Spiegelteleskop Newtonscher Bauart in Deutschland herstellte und 1759 zu den Gründungsmitgliedern der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zählte. Außerhalb Augsburgs lassen sich in Deutschland nur wenige Handwerker nachweisen, die sich mit dem Bau optischer Instrumente beschäftigten. Zumeist handelte es sich um Wissenschaftler, Ingenieure oder Dilettanten.

Das dritte Kapitel stellt die optischen Instrumenten vor, die Wiesel und seine Nachfolger produzierten. Die Verfasserin geht detailliert auf die Rohstoffe und deren Verarbeitung ein. Hierzu gehörten neben dem Glas, das hauptsächlich aus Venedig stammte, Papprohre, Leder, Pergament, Papier, Holz, Horn und Bein. Thematisiert werden Brillen und andere Sehhilfen, Fernrohre, Mikroskope und andere Instrumente. Ein englisches Summary ermöglicht auch einem internationalen Leserkreis die Rezeption der Erkenntnisse Keils.

Einen umfangreichen Anhang enthält das vierte Kapitel. Neben Texten der Proklamationsverzeichnisse finden sich hier ein Verzeichnis der in Augsburg nachweisbar gefertigten Instrumente, Transkriptionen einiger Briefe Wiesels und Zeittafeln, die über die Entwicklung der optischen Geräte informieren. Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis belegt die immense Arbeitsleistung Keils. Die Erschließung des Bandes erleichtert ein Register der Orts- und Personennamen. Die Publikation besticht durch die beeindruckende Menge des verarbeiteten Materials, die plastische Darstellung technischer Details und die Verbindung von Augsburger Verortung und europäischer Perspektive. Man wünscht sich noch viele solcher wichtigen Einzelstudien zur frühneuzeitlichen Technikgeschichte, die den Gang der wissenschaftlichen Revolution veranschaulichen.


Stefan W. Römmelt