Rezension über:

Sebastian Brather: Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde; 30), Berlin: de Gruyter 2001, X + 426 S., 198 Abb., 14 Tab., ISBN 978-3-11-017061-0, EUR 128,00
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Rezension von:
Eduard Mühle
Herder-Institut, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Eduard Mühle: Rezension von: Sebastian Brather: Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa, Berlin: de Gruyter 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 3 [15.03.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/03/3223.html


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Sebastian Brather: Archäologie der westlichen Slawen

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Angesichts eines begrenzten Korpus an Schriftquellen ist jede Beschäftigung mit dem frühen und hohen Mittelalter des östlichen Europa in hohem Maße auf die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen. Diese hat in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Sondierungen, Rettungsgrabungen und teilweise recht umfangreichen Ausgrabungscampagnen immer wieder interessante, mitunter aufsehenerregende Funde und Befunde zu Tage gefördert. Mit zunehmend verfeinerteren Methoden und sich wandelnden Fragestellungen hat sie unsere Kenntnis von der materiellen Kultur der slawischen, baltischen und finnougrischen Völker im östlichen Mitteleuropa und darüber hinaus erheblich erweitert. Eindrucksvolle Ausstellungen wie jüngst "Europas Mitte um das Jahr 1000" (mit einem ebenso voluminösen wie prachtvollen dreibändigen Text- und Katalogwerk; vergleiche Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 50/2001, 457) haben inzwischen auch ein breiteres Publikum mit diesen archäologischen Errungenschaften bekannt gemacht.

Woran es bislang - zumindest in der deutschsprachigen Literatur - hingegen gemangelt hat, war eine konzise, übersichtliche und gut geschriebene Einführung, die in Kenntnis sowohl der älteren grundlegenden Literatur als auch des aktuellen slawisch- und westsprachlichen Forschungsstandes eine Zwischenbilanz der archäologischen Erforschung des frühen und hohen Mittelalters im östlichen Mitteleuropa bietet.

Sebastian Brather hat diese Zusammenfassung nun vorgelegt. Was sie auszeichnet ist nicht nur eine solide, präzise Darstellung der Fakten, sondern auch ein hohes Methodenbewusstsein, das sich unter anderem in einer traditionskritischen Erörterung der Geschichte der 'slawischen Altertumskunde' und ihrer Slawenbilder (Kapitel 1, 9-29) sowie in einer expliziten Darlegung der methodischen Grundlagen (Kapitel II, 31-50) ausdrückt. Die erfreulich nüchtern-vorsichtige Einschätzung der spezifischen Erkenntnismöglichkeiten der Archäologie bleibt ein Grundton auch der weiteren Darstellung. Diese beschreibt nach einer knappen Entfaltung des historischen Rahmens (Kapitel III, 51-87: Herkunft und Einwanderung der Slawen, Merowinger- und Karolingerzeit, westslawische Reichsbildungen, Ostsiedlung des 12./13. Jahrhunderts) 1. die Siedlungsverhältnisse (Kapitel IV, 89-161: Haus, Hof und Dorf, Burgwälle und Befestigungen, Siedlungen 'frühstädtischen' Charakters, hoch- und spätmittelalterliche Städte), 2. die Wirtschaft (Kapitel V, 163-253: Landwirtschaft und Ernährung, Hauswerk und Handwerk, Austausch und Handel) und 3. die Gesellschaft (Kapitel VI, 255-354: Bestattung und Grab, Bevölkerung, Kleidung und Schmuck, Waffen und Kriegführung, Sozialstruktur, Religion und Mythologie). Stets um zurückhaltende Datierungen, eine realistische Einschätzung der 'Repräsentativität' der jeweils vorgestellten Quellen bemüht und mit einer guten Portion berechtigter Skepsis gegenüber 'ethnischen' Deutungen ausgestattet, zeichnet Brather für diese Großbereiche vergangener Wirklichkeit ein differenziertes, aufschlussreiches Bild von der westslawischen Frühgeschichte.

Dass dieser weitgespannte, komparatistisch angelegte Überblick zugleich auch auf seine Lücken verweist und damit Desiderata der Forschung benennt, kann als ein weiterer Pluspunkte dieses mit zahlreichen Zeichnungen, Tabellen und Karten, einem Ortsregister sowie einer Liste der zitierten Schriftquellen und einer sachlich gegliederten Bibliografie ausgestatteten Handbuchs angesehen werden. Einziger Kritikpunkt bleibt sein Preis, der der wünschenswerten weiten Verbreitung bei Studierenden und Nichtarchäologen wohl wenig förderlich sein wird.

Eduard Mühle