Rezension über:

Eduard Maur: Gutsherrschaft und "zweite Leibeigenschaft" in Böhmen. Studien zur Wirtschafts-, Sozial- und Bevölkerungsgeschichte (14. - 18. Jahrhundert) (= Sozial- und wirtschaftshistorische Studien; Bd. 26), München: Oldenbourg 2001, 248 S., ISBN 978-3-486-56570-6, EUR 39,80
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Rezension von:
Dirk Schleinert
Landeshauptarchiv Schwerin
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Dirk Schleinert: Rezension von: Eduard Maur: Gutsherrschaft und "zweite Leibeigenschaft" in Böhmen. Studien zur Wirtschafts-, Sozial- und Bevölkerungsgeschichte (14. - 18. Jahrhundert), München: Oldenbourg 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 3 [15.03.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/03/2802.html


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Eduard Maur: Gutsherrschaft und "zweite Leibeigenschaft" in Böhmen

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"Slavica non leguntur". Mit diesem Fazit beginnt das Vorwort der Herausgeber dieses Bandes, und es soll damit auf die äußerst dürftige Rezeption der ostmittel- und osteuropäischen, meist in slawischen Sprachen sich äußernden Historiografie in Deutschland und Westeuropa hingewiesen werden. Was hier insbesondere aus Sicht der österreichischen Historiker für die ehemaligen Gebiete des Habsburgerreichs beklagt wird, kann Rezensent mutatis mutandis auch aus seiner Beschäftigung mit der pommerschen Geschichte für die polnischen Forschungen zu den ehemaligen deutschen Ostgebieten bestätigen. Insofern ist dieser Band ein wichtiger Beitrag zum Abbau der Unkenntnis der Forschungsleistungen unserer Kollegen in den östlichen Nachbarländern.

Es handelt sich bei der vorliegenden Publikation nicht um eine geschlossene Monografie, sondern um die Übersetzung einiger Aufsätze Maurs zum im Bandtitel genannten Themenkreis aus den letzten dreißig Jahren. Der Verfasser gilt als einer der wichtigsten Vertreter zur tschechischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Insgesamt sind sechs Beiträge abgedruckt, von denen sich der erste mit der demographischen Entwicklung Böhmens im Spätmittelalter befasst, die anderen sind zeitlich alle in der Frühen Neuzeit angesiedelt und behandeln in erster Linie verschiedene Aspekte der Herausbildung von Gutsherrschaft und "zweiter Leibeigenschaft" in Böhmen. Schon der Begriff "zweite Leibeigenschaft", der ja auch in der frühneuzeitlichen Agrargeschichtsforschung der DDR eine zentrale Rolle spielte, deutet an, dass Maur ein Vertreter der marxistischen Geschichtsforschung ist. Dieser Eindruck verstärkt sich bei der Lektüre noch, was aber, das sei an dieser Stelle betont, keinesfalls abwertend gemeint ist.

Worin liegt nun der Nutzen dieses Buches? Immerhin ist der früheste der Artikel schon 1974 erschienen. Ich denke, der größte Gewinn liegt darin, dass man neben den Einblick in die speziellen böhmischen Verhältnisse vor allem Material für vergleichende Betrachtungen an die Hand gegeben bekommt. Aus der Sicht des Agrarhistorikers ist es schon interessant, etwas darüber zu erfahren, wie die frühneuzeitliche Gutsherrschaft sich außerhalb der Kernzone an der südlichen Ostseeküste unter anderen Voraussetzungen und Bedingungen entwickelte. Dass dieser Vergleich auch über größere Räume hinweg neben den in den letzten Jahren stark "in Mode" gekommenen mikrohistorischen Untersuchungen wichtig und notwendig ist, zeigte nicht zuletzt der vor wenigen Jahren von der inzwischen aufgelösten Potsdamer Arbeitsgruppe zur ostelbischen Gutsherrschaft herausgegebene Band "Gutsherrschaftsgesellschaften im europäischen Vergleich". Maur war übrigens einer der Beiträger jenes Bandes.

Zusammenfassendes über Gutsherrschaft und "zweite Leibeigenschaft" in Böhmen in der Frühen Neuzeit bieten der zweite Artikel (Genese und spezifische Züge der spätfeudalen böhmischen Gutsherrschaft) und der den Band abschließende letzte Beitrag (Die böhmische Gesellschaft und die Folgen des Dreißigjährigen Krieges [1648-1740]), der als einziger vorher noch nicht abgedruckt worden war.

Neben einigen Gemeinsamkeiten in der Entwicklung - wie etwa den Beginn der gutsherrschaftlichen Transformation der ländlichen Gesellschaft im 16. Jahrhundert, der Katalysatorfunktion der Kriege und Krisen des 17. Jahrhunderts, der schweren Depression in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und der wirtschaftlichen und demographischen Erholung seit dem Ende des 17. Jahrhunderts - gab es auch eine Reihe von Besonderheiten in der böhmischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Dazu zählen unter anderem die andersartige Grundbesitzstruktur infolge des Vorherrschens ausgedehnter Standesherrschaften nach der Verdrängung des Kleinadels im 17. Jahrhundert, die Bedeutung des Braugewerbes für die grundherrlichen Einkünfte, die im Gegensatz zu den Gebieten an der südlichen Ostseeküste fehlende einseitige Orientierung auf den Getreideexport nach Westeuropa und eine sich vergleichsweise stärker ausbildende Protoindustrie. Betont wird immer wieder die Bedeutung der Niederlage der böhmischen Stände im Dreißigjährigen Krieg, die zwar einerseits eine Verschiebung der Besitzverhältnisse und eine Einschränkung der politischen Macht der Stände zur Folge hatte, während die habsburgische Landesherrschaft andererseits aber den Grundherrschaften doch ziemlich freie Hand bei den "inneren" Angelegenheiten ihrer Besitzungen ließ. Ähnlichkeiten mit der Entwicklung in Brandenburg-Preußen im 17. und 18. Jahrhundert sind nicht zu übersehen, doch wäre es sicher reizvoll, zu diesem Thema einmal eine vergleichende Untersuchung durchzuführen.

Die Übersetzung der ursprünglich auf tschechisch abgefassten Texte ist gelungen, allerdings hätte man an der einen oder anderen Stelle statt einiger doch etwas ungewöhnlicher Fremdwörter geläufigere deutsche Begriffe verwenden sollen. "Dominikales" und "rustikales" Land sind zwar verständlich, lesen sich aber als "herrschaftliches" oder "grund-" beziehungsweise "gutsherrliches" respektive "bäuerliches" Land einfach besser. Aber das sind natürlich Kleinigkeiten, über die die Absicht der Herausgeber am Wiener Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, mit ihren Übersetzungen auch dem nicht der slawischen Sprachen mächtigen Historiker einen Einblick in die Forschungen unserer Nachbarn geben zu wollen, gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann.

Dirk Schleinert