Rezension über:

Bernhard Lorentz: Industrieelite und Wirtschaftspolitik 1928-1950. Heinrich Dräger und das Drägerwerk, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2001, 404 S., 16 Seiten Tafeln, ISBN 978-3-506-75255-0, EUR 30,60
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Rezension von:
Lutz Budraß
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Lutz Budraß: Rezension von: Bernhard Lorentz: Industrieelite und Wirtschaftspolitik 1928-1950. Heinrich Dräger und das Drägerwerk, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 3 [15.03.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/03/2131.html


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Bernhard Lorentz: Industrieelite und Wirtschaftspolitik 1928-1950

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Heinrich Dräger wurde 1898 in eine wohlhabende Lübecker Unternehmerfamilie hineingeboren. Nach Abitur und Kriegsdienst studierte er Agrarwirtschaft, leitete wenige Jahre ein Gut der Familie und wurde 1927 promoviert. Nach dem Tod des Vaters wechselte er 1928 an die Spitze des Familienunternehmens und führte es bis in die Sechzigerjahre. Das Drägerwerk, ursprünglich 1891 nach der Erfindung eines neuartigen Ventils für Bierfässer gegründet, war alsbald zu einem auch international bedeutenden Produzenten von Atemschutzgeräten und -masken aufgestiegen und expandierte während des Ersten Weltkriegs durch die Massenherstellung von Gasmasken. Heinrich Dräger übernahm das Drägerwerk, als es wieder auf mittelständisches Niveau geschrumpft war. Der Aufstieg des Unternehmens seither war vor allem sein Werk. Nicht allein Drägers Engagement in den Debatten über die Arbeitsbeschaffung, durch das er früh in der Forschung bekannt geworden ist, sondern auch seine Leistungen als Unternehmer rechtfertigen daher die Kombination aus Unternehmerbiografie und Unternehmensgeschichte, die Bernhard Lorentz vorlegt.

Lorentz fragt, inwieweit das Handeln Drägers typisch für die "Industrieelite" im Dritten Reich war, und er fragt, inwieweit und warum es untypisch war. Dräger war ein typischer Unternehmer, als er mit den typischen Herausforderungen der nationalsozialistischen Aufrüstung konfrontiert war. Er musste seinen Betrieb beträchtlich vergrößern, um die Aufträge auf Gasmaken und Höhenatmer abzuarbeiten, die die Wehrmacht ihm gab, er musste aber gleichzeitig die Zukunft des Unternehmens kalkulieren, das nun abermals in der Rüstung gefangen war. Er musste sich mit Konkurrenten auseinandersetzen, die jedes Zögern nutzten, um ihre Lage in der Rüstung zu verbessern, aber vor allem mit den diversen Rüstungsagenturen der Wehrmacht, die in die Geschicke des Unternehmens intervenierten. Dräger war aber vor allem ein typischer Unternehmer, da er an der Radikalisierung der nationalsozialistischen Rüstung auf allen Stufen beteiligt war. Er arisierte, führte Betriebe im Generalgouvernement, beschäftigte Zwangsarbeiter und schließlich KZ-Häftlinge.

Untypisch für die Unternehmerschaft war Dräger insofern, als er sich zumeist zögerlich auf die Anforderungen der Wehrmacht und des Regimes einließ, mit Kritik am wirtschaftspolitischen Kurs nicht sparte und seine Bilanz dennoch, vor allem im Vergleich zum wichtigsten Konkurrenten, der Berliner Auergesellschaft, günstiger war. Lorentz unternimmt zwar keine streng vergleichende Studie, doch dient ihm die managergeführte, anonyme Aktiengesellschaft Auer als Folie, um das Wesen des Familienunternehmers Dräger und seiner Firma herauszuarbeiten. Dräger ließ sich nur unter Widerstand auf wenig zukunftsträchtige Investitionen ein, unterband Eingriffe der DAF in die betriebliche Sozialpolitik und orientierte sich unbeirrt am Ziel des Produktivitätswachstums. Als dieses Ziel gegen Ende des Krieges auch in der Hierarchie des Speer-Ministeriums immer weiter nach oben rückte, wurde das Drägerwerk belohnt. Nachdem die einschlägigen Sonderausschüsse zunächst von der Auergesellschaft dominiert wurden, setzten sich Dräger-Manager im Sommer 1944 in der unternehmerischen Selbstverwaltung der Rüstungswirtschaft durch. Als es schließlich darum ging, die Perspektiven für die Zukunft zu sichern, standen dem Drägerwerk durch die Rolle in der unternehmerischen Selbstverantwortung größere Handlungsspielräume offen als der Auergesellschaft. Weil deren Anlagen im März 1945 vollständig vernichtet wurden, konnte sie in der Nachkriegszeit kaum je wieder reüssieren, während das Drägerwerk, dessen Geschichte nach 1945 in einem kurzen Ausblick betrachtet wird, nach der Währungsreform prosperierte.

Lorentz präsentiert mithin eine informative Fallstudie über einen Unternehmer mit all seinen Stärken und Schwächen, die sich gut und gerne als Baustein in die vor rund fünfzehn Jahren ernsthaft begonnene Debatte über Unternehmen im nationalsozialistischen Deutschland einfügen könnte. Doch der Anspruch des Verfassers geht weit darüber hinaus. Lorentz will aus dem Beispiel Heinrich Drägers Erkenntnisse über "generelle Veränderungsprozesse und Entwicklungstendenzen von Industrieunternehmen" (357) ableiten. Es geht ihm darum, nachzuweisen, dass unternehmerisches Handeln in der Aufrüstung und während des Zweiten Weltkriegs durch zunehmende staatliche Interventionen eingeengt wurde und Erfolg - wie im Fall von Dräger - sich daran entschied, ob ein Unternehmen trotz dieser Einengung Handlungsspielräume wahren konnte. Die staatlichen Stellen hätten sich durch die wachsende Interventionsmacht zunehmend "bürokratisiert" und in den Unternehmen eine parallele Entwicklung hervorgerufen: Da die Marktmechanismen immer weiter außer Kraft gesetzt worden seien, hätten die Unternehmen selbst bürokratische Apparate geschaffen, um die notwendigen Informationen für Entscheidungen zu gewinnen. Diese neuen Institutionen selbst seien aber Einfallstore für einen erweiterten staatlichen Einfluss in den Unternehmen gewesen, wenn es den Unternehmen nicht gelang, "den Prozeß für ihre strategischen Ziele zu instrumentalisieren" (22). Diese Idee über den Wandel unternehmerischen Handelns unter dem Druck der nationalsozialistischen Rüstungsforderungen ist nicht ganz neu, jedoch ist er bislang noch nicht als wesentlicher Zug der Entwicklung unter dem Nationalsozialismus herausgearbeitet worden, zumal nicht durch die Diskussion eines Fallbeispiels mit punktuellen Vergleichen zu einem zweiten Unternehmen der gleichen Branche.

Lorentz versucht dem Vorwurf der unzulässigen Verallgemeinerung durch eine besondere Modellierung seines Fallbeispiels zu entgehen. Dräger habe sich durch sein Engagement in der Arbeitsbeschaffungsfrage, das Lorentz erschöpfend darlegt, ein "Netzwerk" geschaffen, durch das er seit 1933 in der Lage gewesen sei, Informationen über die nationalsozialistische Rüstungspolitik abzurufen. Durch sein wirtschaftspolitisches Interesse ohnehin sensibler für allgemeinwirtschaftliche Zusammenhänge und als Alleinunternehmer flexibler, sei er damit besser informiert und eher in der Lage gewesen, seine strategische Unabhängigkeit angesichts der staatlichen Interventionen zu wahren. Der Vergleich mit Auer erhält durch diese methodische Abkürzung tatsächlich allgemein gültige Tendenz: Da davon ausgegangen werden kann, dass die Masse der Unternehmer ähnlich wie Auer nicht über jenen Faktor - Information - verfügte, den Dräger einsetzen konnte, ist der Vergleich Drägers mit seinem Berliner Konkurrenten mittelbar auch ein Vergleich mit dem großen Rest der Rüstungsunternehmen.

Es ist daher eine wesentliche Schwäche von Lorentz' Studie, dass die Prämisse des besser informierten Unternehmers nicht trägt. Unbeschadet dessen, dass die Besetzung der Studiengesellschaft durchaus illuster war - mit Werner Sombart an der Spitze - muss Lorentz doch einräumen, dass Dräger zu einem großen Teil ihrer intellektuellen Protagonisten den Kontakt verlor. Die Mitgliedschaft im Beirat der "deutschen Kolonialwissenschaftlichen Gesellschaft" und des "deutschen auslandswissenschaftlichen Instituts" konnte schwerlich vertiefende Kenntnis über den Gang der Rüstungspolitik vermitteln, ebenso wenig wie ein Leiter der außenhandelspolitschen Abteilung des Amtes Rosenberg. In diesem Fall wie auch jenem von Ernst Wagemann muss Lorentz schon zweimal um die Ecke spekulieren, um einen vermeintlichen Kontakt Drägers zu einer mehr exponierten Persönlichkeit wie Rolf Wagenführ herzustellen. Die Versicherung, das "gesamte Netzwerk von Persönlichkeiten [...] zu rekonstruieren [...] kann hier nicht einmal ansatzweise versucht werden" (167), wirkt da wenig beruhigend.

Es ist freilich überhaupt fraglich, ob sich die Modellierung des Unternehmers Dräger empirisch belegen lässt: Setzt sie doch voraus, dass die Ziele der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Rüstungspolitik verbindlich festgelegt wurden. Dies aber widerspricht allen Erkenntnissen über die Entscheidungsfindung im Regime. Zumindest Georg Thomas, der meist um Orientierung ringende Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, dürfte nicht daran beteiligt gewesen sein. Und so helfen auch die Kontakte Drägers zu ihm nicht viel weiter. Aber selbst wenn die Netzwerkthese zu belegen wäre, wird sie durch die fahrige Verwendung des Begriffs verwässert. Meist hat Dräger das bessere "Netzwerk"; aber als es darum geht, die Führung der Auergesellschaft im System Speer zu erklären, zaubert Lorentz plötzlich auch hier "Netzwerkbeziehungen" (301) aus dem Hut - womit er nicht nur seine These in die Luft sprengt, sondern dann auch verdeutlicht, was er mit dem Begriff etikettieren will: Kommunikation und Informationsbeschaffung im weitesten Sinne, keineswegs also einen exklusiven Vorteil Drägers.

Eine unscharfe Begriffsverwendung zeichnet die Arbeit allerdings insgesamt aus. Die "Bürokratisierung" des Drägerwerks wird zwar an verschiedenen Beispielen verdeutlicht - aber die Angestelltenquote als Messlatte ist dann doch nicht völlig überzeugend. Die "Bürokratisierung" der Rüstungsverwaltung hingegen expliziert Lorentz nicht. Einmal abgesehen von der bizarren These, das "Subsystem Wirtschaft" sei "vom Steuerungsmedium Geld auf das Steuerungsmedium Macht" umgestellt worden (19) - damit nimmt sich Lorentz ganz nebenbei die Möglichkeit, die Re-Monetarisierung der Rüstungssteuerung in der zweiten Kriegshälfte in seine Geschichte einzufügen - bleibt im Dunkeln, was er überhaupt mit dem Begriff "Rüstungsbürokratie" bezeichnet, den er - ohne nähere Begründung abwechselnd im Singular und im Plural - ziemlich inflationär verwendet, um die handelnden staatlichen Stellen zu charakterisieren. Und was angesichts dessen die "neuen Rüstungsbürokratien" sind, wird auch nicht eben klarer.

Lorentz hat eine Vorliebe für "generelle Veränderungsprozesse", die er in langen Exkursen und in einem schauderhaften Wissenschaftsjargon präsentiert: "Das für die Analyse des unternehmerischen Handlungsfeldes Bedeutsame an diesem Bürokratisierungsprozeß als Auswirkung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik ist die Untersuchung der Reaktion des Unternehmers auf diese Entwicklung" (21). Er nimmt sich auf diese Weise nicht zuletzt die Chance, die Spezifika der Rüstung herauszuarbeiten, in der sich Dräger engagierte. So handelt Lorentz den "Reichsbeauftragten für das Sanitäts- und Gasschutzwesen", Karl Brandt, als pars pro toto für seine "neuen Rüstungsbürokratien" ab, während in Wahrheit deutlich wird, dass Brandt die Verhältnisse in den einschlägigen Sonderausschüssen in ganz besonderer Weise verzerrte, weil er unmittelbar von Hitler ernannt wurde. Die Prioritäten des erblindeten Gefreiten im Lazarett von Pasewalk, die die Hauptprodukte des Drägerwerks auch generell politisch aufluden, werden allerdings nur in Nebensätzen reflektiert.

Schwer erträglich ist schließlich eine durchgängige Tendenz in Lorentz' Darstellung, die sich aus der Prämisse des besser informierten Unternehmers ableitet. Da Lorentz unterstellt, dass Dräger - tief verwurzelt im Glauben an die Macht des Marktes - die Ideale des Wirtschaftswunders schon vor der Zeit zur Leitlinie seines Handelns erkor, hebt er seinen Unternehmer auf einen Sockel und argumentiert so hart am Rande der Exkulpation. Wenn er schreibt, dass Dräger sich bei der Arisierung "im Vergleich zu sonstigen Unternehmern zurückhaltend verhielt" und stattdessen den "staatlichen Impuls" abwartete (229f.), so erscheint Drägers Handlungsweise unter der Voraussetzung des "Netzwerkes", über das er rechtzeitig über die Richtung der antisemitischen Politik des Regimes orientiert war, nachgerade perfide. Wenn es Dräger "aufgrund langfristiger Vorbereitungen", "zur Überraschung der Rüstungsbürokratie" (268), gelang, im Juli 1944 einen großen Teil der polnischen Arbeiter des Werkes Wolbrom aus dem Generalgouvernement nach Lübeck zu entführen, während sie bei anderen Unternehmen häufig entkamen, so stellt sich durchaus die Frage, was unter diesen "langfristigen Vorbereitungen" konkret zu verstehen ist.

Lorentz zeichnet ein allzu bekömmliches Bild des Unternehmers, der sich später mit Ludwig Erhard und Helmut Schmidt fotografieren ließ. Dazu ein Zufallsfund: In der sogenannten Speer-Chronik (Bundes-Archiv R3/1736, Bl. 45) findet sich zu den Besprechungen des Ministers für Bewaffnung und Munition am 27. Mai 1942 unvermittelt folgender Eintrag: "Dr. Dräger aus Lübeck entwickelte neue Ideen zum Seekrieg." Inhaltlich waren diese Ideen Drägers vermutlich so belanglos, dass sie bei Lorentz nicht erwähnt werden. Der Vorstoß Drägers hatte aber offenbar nicht sonderlich viel mit Kriegführung zu tun. Speer hatte im April 1942 den Hauptausschuss Kriegsschiffe gegründet und Rudolf Blohm an seine Spitze gestellt. Damit freilich endete Speers Expansion in die Marinerüstung - wie sich in den folgenden Monaten zeigte - noch lange nicht. Hier wollte sich offenbar ein Unternehmer rechtzeitig ins Spiel bringen, um dabei zu sein, wenn die Würfel fielen. Man kann das "Netzwerkbildung" nennen. "Anbiedern" schiene mir jedoch treffender.

Lutz Budraß