Rezension über:

Anna-Lena Krüger: Hieronische Architektur auf Sizilien. Überlegungen zu einem modernen Forschungskonstrukt (= Philippika. Altertumswissenschaftliche Abhandlungen; 158), Wiesbaden: Harrassowitz 2022, 254 S., 113 s/w-Abb., ISBN 978-3-4471-1792-0, EUR 65,00
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Rezension von:
Markus Wolf
Deutsches Archäologisches Institut Rom
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Markus Wolf: Rezension von: Anna-Lena Krüger: Hieronische Architektur auf Sizilien. Überlegungen zu einem modernen Forschungskonstrukt, Wiesbaden: Harrassowitz 2022, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 9 [15.09.2023], URL: https://www.sehepunkte.de
/2023/09/37785.html


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Anna-Lena Krüger: Hieronische Architektur auf Sizilien

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Die bereits durch ihren gewinnbringenden Vortrag "Disentangling Hieronian Architecture in Hellenistic Sicily" auf der von Monika Trümper veranstalteten Berliner Tagung "Cityscapes of Hellenistic Sicily" 2017 bekannt gewordene Tübinger Archäologin Anna-Lena Krüger konnte nun ihre Forschungen zu einer 2019 eingereichten Dissertation ausweiten und in der renommierten Reihe Philippika zügig publizieren.

In der Einleitung in Kapitel 1 (1-13) wird zunächst die Fragestellung geklärt: es geht im Wesentlichen um eine kritische Betrachtung des in der Forschung bislang bestehenden Denkmodells einer mit König Hieron II., dem letzten griechischen Herrscher in Ostsizilien, und seiner langen Regierungszeit zwischen 275 und 215 v.Chr. verbundenen Architektur und Formensprache.

Kapitel 2 (15-51) diskutiert die Datierungsgrundlagen. Als sicher gilt hier die zeitliche Stellung des Koilons des Theaters von Syrakus durch eine Bauinschrift, in der unter anderem Hierons Sohn Gelon als Mitregent und dessen Frau Nereis genannt sind. Dies spricht für eine Errichtung nach deren Hochzeit in den späten 230er Jahren v.Chr., demnach in hieronischer Zeit. Auf unsicherem Terrain bewegt man sich hingegen bei einer rein stilistischen Datierung von Bauornamentik wie dem sogenannten hieronischen Kymation, sofern keine außerstilistische Einordnung etwa mit Münzen oder Keramik möglich ist.

In Kapitel 3 (53-142), das sicherlich das Herzstück der gesamten Studie ausmacht, wird dann der Große Altar Hierons II. in Syrakus als zentrales, mit Hieron sicher verbundenes Monument in den Blick genommen. Dabei stehen zwei wesentliche Besonderheiten des Altars im Brennpunkt, die die Zugänge rahmenden Stützfiguren und die Ausbildung der Geisa des Altarherdes mit dem sogenannten hieronischen Kymation. Beide Elemente werden dann in den Rahmen der sizilischen Bauplastik und Bauornamentik im Sakralbau, in der Theater- und Stoenarchitektur sowie in der Wohn- und Grabarchitektur eingeordnet. Für den Großen Altar von Syrakus wird das schlüssige Ergebnis erarbeitet, dass weniger der Bauschmuck als vielmehr die schiere Größe des Monuments für die Repräsentation und Selbstdarstellung des Herrschers eine wichtige Rolle spielte.

Im Kapitel 4 (143-170) werden sizilische Beispiele des Stützfigurenmotivs und des 'hieronischen Kymations', italisch-ionischer und italisch-korinthischer Kapitelle sehr kenntnisreich in einen größeren Kontext der Verbreitung im Mittelmeerraum gestellt.

Kapitel 5 (171-176) fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen. Als Fazit wird die bisherige Beschäftigung mit den Grundzügen der 'hieronischen Architektur' als modernes Forschungskonstrukt bezeichnet, mit dem letztlich die hellenistische Baukunst Siziliens nicht präzise umschrieben werden kann, was dem Untertitel der neuen Studie besonders Rechnung trägt.

Es folgt schließlich noch ein Katalogteil (177-207) mit einer Auflistung aller besprochenen Bestandteile.

Die Autorin behandelt das Thema 'hieronischer Architektur' aus Sicht der Klassischen Archäologin in jedem Fall umfassend, indem sie sich besonders auf die Bauplastik wie die Stützfiguren und die Bauornamentik des 'hieronischen Kymations', der italisch-ionischen und der italisch-korinthischen Kapitelle konzentriert, aber auch Inschriften, Münzen und Keramik einbezieht. Auf dieser Grundlage warnt sie an vielen Stellen vor Verallgemeinerungen und rät zur Vorsicht mit dem Begriff 'hieronischer Architektur', was meines Erachtens auch gerechtfertigt ist. Von Seiten der Bauforschung wären allenfalls bautechnische Fragen hinzuzufügen wie ein besonderes, mit der hieronischen Zeit verbundenes Mauerwerk in der charakteristischen Kettentechnik ('Hieronian masonry chains' nach Lars Karlsson [1]), das etwa verschiedene Bauten in Megara Hyblaea oder Morgantina kennzeichnet. Durch jüngste Forschungen der französischen Équipe unter der Leitung von Henri Tréziny gelang der Nachweis, dass die Hauptphase R2 der hellenistischen Stadtmauer von Megara Hyblaea, die mit Rechtecktürmen ausgestattet ist, auch aufgrund stratigraphischer Befunde sicher hieronisch ins mittlere oder dritte Viertel des 3. Jahrhunderts v.Chr. datiert. [2] Und zuletzt ordnet auch Malcom Bell III die zwei wesentlichen Ausbauphasen der Agora von Morgantina in die Zeit Hierons II. ein [3], und zwar aufgrund des archäologischen Fundmaterials, aber auch aufgrund der Verwendung der Kettentechnik im Mauerwerk, die beispielsweise sowohl in der Oststoa des mittleren 3. Jahrhunderts v.Chr. als auch in der unvollendet gebliebenen Weststoa im späteren 3. Jahrhundert v.Chr. zu beobachten ist. [4]

Auch wenn außer dem Koilon des Theaters (durch die Inschriften der Namen des Königshauses) und dem Großen Altar in Syrakus (durch die Nachricht Diodors) manche andere erhaltene Bauten nicht mit letzter Sicherheit mit König Hieron II. verbunden werden können, so halte ich es bei aller Vorsicht dennoch für wahrscheinlich, dass Hieron die lange Friedenszeit und seinen Reichtum durch die Bewirtschaftung seines fruchtbaren Landes genutzt hat, um auch die anderen Städte seines Reiches wie Heloros, Megara Hyblaea, Morgantina und Tauromenion mit einem Netz von sakralen und öffentlichen Gebäuden zu versehen. [5] Ein zusätzlicher Hinweis darauf wären die jüngsten Untersuchungen an der hellenistischen Stadtmauer von Megara Hyblaea, aber auch an Bauten an der Agora von Morgantina. Dies ist aber natürlich in jedem Einzelfall sorgfältig zu prüfen, und eine voreilige Einordnung sizilischer Monumente in hieronische Zeit wird ohne konkrete Belege künftig nicht mehr möglich sein. Dafür hat uns Anna-Lena Krüger in ihrer nun vorliegenden, herausragenden Dissertation die Augen geöffnet.


Anmerkungen:

[1] Lars Karlsson: Fortification Towers and Masonry Techniques in the Hegemony of Syracuse, 405-211 B. C.. Stockholm 1992, 86-91 mit Abb. 72-80.

[2] Henri Tréziny/Mégara Hyblaea: La ville classique, hellénistique e romaine. Rom 2018, 131-134. Vergleiche dazu auch die Rezension: Markus Wolf, Gnomon 92/2 (2020), 156f.

[3] Malcolm Bell III: Morgantina Studies 7. The City Plan and Political Agora. Wiesbaden 2022, 67-73 mit Abb. 4.13; 4.14.

[4] Malcolm Bell III: ebenda, 199 Abb. 8.5; 8.6; 322 Abb. 12.17; 12.18.

[5] Markus Wolf: Hellenistische Heiligtümer in Sizilien. Studien zur Sakralarchitektur innerhalb und außerhalb des Reiches König Hierons II. Sonderschriften des DAI Rom 20. Wiesbaden 2016, 83-86, 101f.

Markus Wolf