Rezension über:

Hasso Spode: Urlaub Macht Geschichte. Reisen und Tourismus in der DDR, Berlin: be.bra verlag 2022, 208 S., 30 s/w-Abb., ISBN 978-3-89809-201-2, EUR 22,00
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Rezension von:
Andreas Stirn
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Stirn: Rezension von: Hasso Spode: Urlaub Macht Geschichte. Reisen und Tourismus in der DDR, Berlin: be.bra verlag 2022, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 11 [15.11.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/11/37168.html


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Hasso Spode: Urlaub Macht Geschichte

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Seit Rüdiger Hachtmann die Tourismusgeschichte als "Mauerblümchen" der historischen Forschung klassifizierte [1], sind einige Sommerurlaube vergangen. Zu denen, die sich schon früh mit Hingabe um dieses Randgewächs kümmerten, gehört Hasso Spode, der seit den 1980er-Jahren die Entwicklung des modernen Tourismus aus kultur- und sozialhistorischer Perspektive analysierte. Neben dem Massentourismus des "Dritten Reiches" mit seinen "Kraft durch Freude"-Fahrten rückte nach der Wiedervereinigung auch der DDR-Tourismus in den Fokus seines historischen Interesses.

Nun hat Spode eine Geschichte des Reisens und des Tourismus in der DDR veröffentlicht, die sich in erster Linie an allgemein historisch Interessierte richtet: "Vorwissen über die DDR wird nicht vorausgesetzt" (11). Dieser Ausrichtung entsprechend bietet der handgepäcktaugliche und mit mehr als 40 Abbildungen versehene Band weniger grundlegend neue Forschungsergebnisse als einen konzisen Überblick über Erscheinungsformen und Entwicklungslinien des DDR-Tourismus. Die Basis bildet dabei der aktuelle Forschungsstand.

Ein knapper Prolog begründet eingangs die zeitgenössische Brisanz und anhaltende geschichtswissenschaftliche Relevanz des Themas. Die Stabilität der SED-Herrschaft habe nicht zuletzt von der Frage abgehangen, ob sie "den Untertanen zu schönen Ferien zu verhelfen" vermochte (12). Dieser pointierten These zufolge war der Tourismus "ein geradezu konstitutives Element dieses Staates" und er spielte - manifestiert im Ruf nach Reisefreiheit - eine entscheidende Rolle bei seinem Zusammenbruch (7).

Im Hauptteil des Buches werden schließlich einzelne Reiseformen und Reiseveranstalter im Quer- und Längsschnitt vorgestellt und wesentliche, durchaus subjektiv gewichtete Phänomene des DDR-Urlaubswesens umrissen. Überraschen mag dabei die schiere Vielzahl der Ferienorganisationen bei gleichzeitigem Fehlen privatwirtschaftlicher Anbieter. Von der Pseudogewerkschaft FDGB über die Kombinate und Betriebe, den Ministerrat, die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bis hin zur evangelischen Kirche - nahezu jede Institution organisierte eigene, meist stark subventionierte Reisen.

Überraschen dürfte auch die Tatsache, dass die Reiseintensität, also der Anteil der regelmäßigen Urlauber, seit den 1970er-Jahren die der Bundesdeutschen übertraf. Die Urlaubsreise wurde in beiden deutschen Staaten für viele Menschen zur Selbstverständlichkeit. Auslandsreisen blieben jedoch, anders als in der Bundesrepublik, die - gar nicht so seltene - Ausnahme. Derartige immer wieder eingeflochtene deutsch-deutsche Vergleiche heben die systemspezifischen Eigenarten des DDR-Tourismus hervor und relativieren das vermeintlich Besondere als Teil einer systemübergreifenden Entwicklung. Dass der DDR-Tourismus nicht als isoliertes historisches Phänomen, sondern durch vielfältige Bezüge zu älteren Vorläufern und Vorbildern zu begreifen ist, hat zuvor schon das einleitende Kapitel zur Ausbildung und Verbreitung touristischer Praxis seit dem 19. Jahrhundert deutlich gemacht.

Den mit Abstand größten Raum nimmt der FDGB-Feriendienst ein, was dessen Dominanz als sozialtouristischer Reiseanbieter und dem relativ guten Forschungsstand entspricht. Ausführungen zur institutionellen Entwicklung des Feriendienstes von seinen bescheidenen Anfängen zum massenhaften Produzenten eines "Einheitsurlaubs" (60) unterfüttern die These von einer schrittweisen "Normalisierung des FDGB-Urlaubs". Dessen anfängliche politische Agenda, "Loyalität und Leistungsbereitschaft" zu generieren (28), geriet zusehends ins Hintertreffen. Einstiger Luxus wurde bald zur Selbstverständlichkeit. Die enormen Kosten dieser sozialpolitischen Ansprüche werden in einem eigenen Kapitel zur wirtschaftspolitischen Misere der DDR erörtert. Leser, die eine ausschließlich unterhaltsam-lehrreiche Lektüre erwarten, könnten sich hier, wie an einigen anderen Stellen, von der hohen Informationsdichte herausgefordert fühlen.

Neben dem FDGB-Feriendienst entwickelten sich die Betriebe schließlich zum wichtigsten sozialtouristischen Anbieter. Die Vor- und Entwicklungsgeschichte dieses bedeutenden, gleichwohl bisher vergleichsweise wenig beachteten Zweiges des DDR-Urlaubswesens mit seiner speziellen Dynamik und Motivlage werden in einem weiteren Kapitel dargestellt. Die Betriebe glichen demnach nicht nur den Mangel an FDGB-Reisen aus, sondern positionierten sich mit ihren Ferienheimen auch im Wettbewerb um knappe Arbeitskräfte.

Der in Zahlen gemessen drittgrößte Bereich des Urlaubswesens war das in der Regel ebenfalls staatlich subventionierte, aber dennoch kostspielige Camping, das parallel zur wachsenden Motorisierung in den 1960er-Jahren ein starkes Wachstum erfuhr. Dass Campingplätze und kleine Betriebsferienlager als Alternative zum "FDGB-Einheitstourismus" empfunden wurden, da sie ein größeres Maß an Individualität ermöglichten, scheint plausibel, kann aber angesichts des begrenzten Platzes nur knapp argumentativ unterfüttert werden (107).

Neben dem FDGB und den Betrieben als sozialtouristischen Anbietern existierte mit dem staatlichen Reisebüro der DDR ein nicht-sozialtouristischer Anbieter, dessen vielfältige organisationshistorische Entwicklungsstränge, Angebote, Preise und Zielgruppen ebenfalls erörtert werden. Weitere Kapitel beleuchten die organisierten Urlaubsformen der Ferienlager und Jugendreisen sowie die diversen hier auftretenden Akteure vom FDJ-Reisebüro Jugendtourist bis hin zur evangelischen Kirche. Auch eher Randständiges wie die staatlich kontrollierten Organisationen der Wanderer und Bergsteiger wird gestreift. Etwas aus dem Rahmen fällt ein Exkurs zur Freikörperkultur, der wie dem Camping eine "Ventilfunktion" zugeschrieben wird (109).

Abgerundet wird die Darstellung von Ausführungen zum devisenbringenden "Randphänomen" (168) des "Inbound-Tourismus" und zur touristischen Infrastruktur. Von der Datsche bis zum Interhotel finden hier nahezu alle Formen von (Ferien-)Unterkünften auf wenigen Seiten Beachtung. Fakten und Statistiken stehen auch hier neben Impressionen, die das Geschilderte aus der historischen Distanz holen, etwa wenn "die schmuddeligen Tischdecken, die griesgrämigen Kellner" ins Bild gerückt werden (144). Themenschwerpunkte werden hier wie an anderer Stelle nicht zuletzt aufgrund ihres Unterhaltungswertes gesetzt, was den DDR-Urlauberschiffen und dem Warnemünder "Hotel der Spione" zu größeren Auftritten und dem Leser zu vergnüglicher Lektüre verhilft.

Insgesamt liefert die Veröffentlichung ein angesichts ihres überschaubaren Umfangs erstaunlich detailliertes und facettenreiches Bild des DDR-Tourismus. Immer wieder gelingt dabei die Verbindung zwischen faktengesättigter Aufbereitung des Forschungsstandes und pointierter, teils auch anekdotisch-subjektiver Annäherung an den emotionalen Gehalt des zeitgenössischen Urlaubs-Gefühls. Als kompakte Einführung und Überblicksdarstellung zum DDR-Tourismus sollte der Band eine breite Leserschaft auch jenseits der historischen Zunft finden. Für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wiederum könnte er zur anregenden Inspirationsquelle für vertiefende Forschungen werden.


Anmerkung:

[1] Rüdiger Hachtmann: Tourismus-Geschichte, Göttingen 2007, 17.

Andreas Stirn