Rezension über:

Christoph Jensen: Die Druck- und Verlagsproduktion der Offizin Wolfgang Endter und seiner Erben (1619-72). Ein Beitrag zur Geschichte des Nürnberger Buchdrucks im 17. Jahrhundert mit einer Bibliographie der Drucke von Wolfgang Endter dem Älteren, Johann Andreas und Wolf dem Jüngeren sowie Christoph und Paul Endter (= Bibliothek des Buchwesens; Bd. 30), Stuttgart: Anton Hiersemann 2021, 389 S., ISBN 978-3-7772-2119-9, EUR 174,00
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Rezension von:
Angelika Wingen-Trennhaus
Erlangen
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Wagner
Empfohlene Zitierweise:
Angelika Wingen-Trennhaus: Rezension von: Christoph Jensen: Die Druck- und Verlagsproduktion der Offizin Wolfgang Endter und seiner Erben (1619-72). Ein Beitrag zur Geschichte des Nürnberger Buchdrucks im 17. Jahrhundert mit einer Bibliographie der Drucke von Wolfgang Endter dem Älteren, Johann Andreas und Wolf dem Jüngeren sowie Christoph und Paul Endter, Stuttgart: Anton Hiersemann 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 6 [15.06.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/06/37102.html


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Christoph Jensen: Die Druck- und Verlagsproduktion der Offizin Wolfgang Endter und seiner Erben (1619-72)

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Der Autor, Christoph Jensen, hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Alte Geschichte, Philosophie und Frühchristliche Archäologie und an der Fachhochschule Köln Bibliotheks- und Informationswissenschaft studiert. 2019 promovierte er. Derzeit ist er stellvertretender Leiter der Abteilung Handschriften und Graphische Sammlung sowie Fachreferent für Theologie an der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die über 1000 Werke umfassende Druck- und Verlagsproduktion der für das deutsche Sprachgebiet bedeutenden Nürnberger Druckerverleger Wolfgang Endter dem Älteren (1593-1659) und seiner Söhne Christoph (1632-1672) und Paul Endter (1639-1662), die nach dem Tod des Vaters den Betrieb von 1659 bis 1672 weiterführten, sowie deren älteren Brüdern Wolf dem Jüngeren (1622-1655) und Johann Andreas (1625-1670), die bereits zu Lebzeiten des Vaters unter eigenem Namen arbeiteten und sich 1653 mit dem Kauf der Druckerei des Jeremias Dümler selbständig machten.

Christoph Jensen verfolgt mit dieser Arbeit, wie er es in der Einleitung formuliert, zwei Ziele: sowohl "die Forschungslücke zum bisher nicht untersuchten Endterschen Druck- und Verlagsprogramm mithilfe einer statistischen Analyse schließen" (10) als auch "exemplarisch aufzeigen, welche Erkenntnismöglichkeiten sich auf diese Weise ergeben" (10). Diese Information ist insofern wichtig, weil bei diesem Ansatz die analytische Druckforschung, die sich mit der materiellen Erscheinungsform befasst, kaum Berücksichtigung findet.

Nach den umfangreichen Informationen zu den Rahmenbedingungen des Buchdrucks im 17. Jahrhundert in Nürnberg folgen die Lebensläufe der fünf oben genannten Endter, bevor Christoph Jensen den Leser in die Grundlagen der quantitativen Analyse der Endterschen Druck- und Verlagsproduktion einführt. Datengrundlage für die Untersuchungen bilden im Wesentlichen die Angaben, die der Autor im VD17 und in diversen Bibliotheken, im Endterschen Kalenderarchiv, in Messkatalogen sowie aus dem Inventar der Buchhandlung von Christoph Endter ermitteln konnte.

Anhand dieses zusammengetragenen Materials analysiert Christoph Jensen zunächst die Druck- und Verlagsproduktion von Wolfgang Endter dem Älteren (1619-1659). Schwerpunkte des inhaltlichen Profils bilden Kalender und theologische Werke. Anhand beispielhaft ausgewählter Titel wird ein Eindruck von der Gesamtproduktion vermittelt. Umgerechnet auf Foliobogen wird dann die Druckleistung analysiert und auf Ursachen von Veränderungen (z.B. inhaltliche Erweiterung des Programms, politische / militärische Einflüsse (Stichwort Wallensteins Lager) exemplarisch eingegangen.

Kurze Passagen über die Verlegertätigkeit Wolfgang Endters sowie den Anteil an Nachdrucken vervollständigen das Bild, bevor Christoph Jensen alle Produktsegmente (Theologische Kommentare und Streitschriften, Gebet- und Gesangbücher, Predigtsammlungen, Katechismen, Erbauungsliteratur, Bibeln (hier u.a. die berühmte Weimarer Bibel), Werke aus dem Gebiet der Rechtswissenschaft, der Medizin, der Chemie, Physik und Alchemie, politische Kommentare und Geschichtswerke, Werke zum Rechnungswesen, zeitgenössische Literatur, Schulbücher, sonstige Werke und Kalender in eigenständigen Kapiteln unter Aspekten wie Auflagenhöhe, Autoren, Nachdrucke, Konkurrenz, Privilegien, Druckleistung, Nürnberger Umfeld detailliert vorstellt. Eine kurze Fußnote zur kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung einzelner Werke hätte an mancher Stelle (z.B. bei Werken von Mitgliedern des Pegnesischen Blumenordens oder einigen der in der Rubrik "Sonstige Werke" eingeordneten Titeln (wie z.B. Johannes Saubert "Historia Bibliothecae Reip. Noribergensis" oder Georg Viescher "Blumengarten") das Bild vervollkommnet.

Ein Fazit beschließt die Analyse der Produktion von Wolfgang Endter, zahlenmäßig die umfangreichste der drei.

In der zweiten Hälfte seines Buches widmet sich Christoph Jensen zunächst der Druck- und Verlagsproduktion von Johann Andreas und Wolf Endter dem Jüngeren, die ab 1651 bereits eigenständig druckten und sich 1653 mit der Übernahme der Druckerei von Jeremias Dümler (Nürnberg) selbständig machten. Auch hier beginnt die Betrachtung der bis 1670 gedruckten 206 Werke mit dem inhaltlichen Profil des Gesamtumfangs und der Verteilung der Drucke auf die Jahre. Ein eigener Abschnitt ist Johann Andreas Endter als Buchhändler gewidmet, bevor - wie zuvor bei Wolfgang Endter d. Ä. - die einzelnen Produktsegmente detailliert bearbeitet werden und ein Fazit die Betrachtungen abschließt. Bereits in einem früheren Abschnitt war darauf hingewiesen worden, dass Johann Andreas nach dem Tod des Bruders (1655) vor allem Werke aus dem Bereich der Medizin und der Rechtswissenschaften, historische Werke und zeitgenössische Literatur druckte. Welche Tragweite die Übernahme der Offizin Dümlers und die damit erworbenen Niederlassungen in Frankfurt und Leipzig für die Endter spielten und welcher Zusammenhang zwischen den Frankfurter Offizinen von Zacharias Palthenius bzw. Philipp Fievet und den Endterschen Nachdrucken bestand, wird nur punktuell behandelt. Auch zu den Gründen für die verschiedenen Druckortangaben (Frankfurt, Straßburg bzw. Würzburg) oder zur Rolle der Erben von Wolfgang dem Jüngeren erfährt der Leser wenig. Da jedoch die Beantwortung dieser Fragen nicht zur Zielsetzung der vorliegenden Arbeit gehört, bieten sich weitere Forschungen zu diesen Themen an.

Nach dem Tod des Vaters (1659) führten die beiden Brüder Christoph und Paul Endter dessen Geschäft fort, jedoch verstarb Paul bereits 1662. Bis zum Jahr 1672 wurden 267 überwiegend deutschsprachige Werke veröffentlicht (darunter zahlreiche Nachdrucke der Produktion des Vaters). Nach dem gleichen Schema wie bereits bei Wolfgang Endter d.Ä. und den Brüdern Johann Andreas und Wolf analysiert Christoph Jensen auch hier die in absoluten Zahlen kleinste der drei Produktionen.

Die Schlussbetrachtung fasst die inhaltlichen Schwerpunkte der Produktionen zusammen und verdeutlicht die wirtschaftlichen Erfolge der Offizinen. Eine knapp 70-seitige engbedruckte Bibliographie, gegliedert nach Drucker, dann nach Produktsegment und innerhalb dessen alphabetisch nach Autoren, ermöglicht ein schnelles Auffinden der Drucke und unterstreicht die Fokussierung auf die Endter, denen in diesem speziellen Fall die Autoren nachgeordnet sind. Bei dieser Sortierung Nachdrucke oder Neuauflagen bei verschiedenen Druckern zu ermitteln (z.B. Glass, Salomon: Evangelicorum (Theologische Streitschriften)) ist ungewohnt, gelingt aber mit geringem Aufwand. Der Anhang bietet ein Literaturverzeichnis und einen Personen- und Ortsindex, eine Danksagung und drei Stammbäume der Familie Endter.

Mit diesem neuartigen Ansatz seiner Arbeit ist es Christoph Jensen gelungen, seine Zielsetzung zu erfüllen und damit einen wertvollen Beitrag zur Druckgeschichte (nicht nur Nürnbergs) zu liefern. Das statistische Material und die fundierten Einblicke in die thematisch breitgefächerten Produktionen der drei Endter-Offizinen bilden eine solide Basis für zukünftige Arbeiten. Über die Arbeitsprozesse, die mit der Buchherstellung verbunden sind und die einen hohen Anteil der Leistung der Endter ausmachen, sowie über die wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der publizierten Werke wird wenig gesagt.

Abschließend lässt sich feststellen, dass die Vielfalt der dargebotenen Informationen aus unterschiedlichsten Fachgebieten nicht nur den Anreiz zum wiederholten Lesen liefert, sondern auch die Neugier auf unbekannte "Seiten" (in doppelter Bedeutung!) des 17. Jahrhunderts weckt.

Angelika Wingen-Trennhaus