Rezension über:

Susanne Böller: US-amerikanische Studenten an der Münchner Akademie der bildenden Künste 1870-1887. Ästhetische Strategien im transkulturellen Kontext (= Open Publishing in the Humanities), Hildesheim: Olms 2021, XIV + 555 S., 10 Tbl., zahlr. Abb., frei zugänglich unter: https://doi.org/10.5282/oph.14, ISBN 978-3-487-16062-7, EUR 69,90
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Dominik von König: Polling - Das Malerdorf. Maler im Klosterdorf Polling in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach den Einträgen im Fremdenbuch der Klosterwirtschaft (= Editio Pollingana; 3), 2. neu bearb. u. erg. Aufl., Gemeinde Polling Edition 2021, 92 S., ISBN 978-3-00-069042-6, EUR 18,00
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Rezension von:
Walter Grasskamp
Akademie der Bildenden Künste, München
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Walter Grasskamp: Kulturaustausch zwischen Deutschland und den USA im 19. Jahrhundert (Rezension), in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 4 [15.04.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/04/36921.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Kulturaustausch zwischen Deutschland und den USA im 19. Jahrhundert

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Die Kunstgeschichte der Beziehungen zwischen den USA und Europa wurde mit großen Ausstellungen geschrieben: Als man 1976 in Cleveland, pünktlich zum bicentennial, "The European Vision of America" zeigte, präsentierte Düsseldorf mit "The Hudson and the Rhine" seine amerikanische Malerkolonie aus dem frühen 19. Jahrhundert. 1996 konnte man dann in Berlin bei "Vice Versa" deutsche Maler in Amerika und amerikanische Maler in Deutschland zwischen 1813 und 1913 vergleichen.

Der Kulturaustausch hatte im 19. Jahrhundert früh Fahrt aufgenommen, auch kommerziell: Deutschamerikaner sammelten Kunst aus der Heimat, schickten aber auch, mangels eigener Akademien, ihre Söhne auf dem umgekehrten Weg nach Europa.

Was die deutschen Akademien anging, so war Düsseldorf in der ersten Jahrhunderthälfte das Ziel; in der zweiten hingegen München. Als dort die Matrikelbücher von Birgit Jooss ausgewertet und 2008 ins Internet gestellt wurden (http://matrikel.adbk.de), konnte man die Landsmannschaften statistisch vergleichen - und das mit einer Überraschung: Noch vor den zahlreichen polnischen und ungarischen hatten nordamerikanische die Mehrheit an Studenten gestellt, die bis zum I. Weltkrieg aus Ländern außerhalb des deutschen Sprachraumes gekommen waren. Zwischen 1851 und 1916 ließen sich 415 solcher Munich men finden, die überwiegend Malerei studierten.

Das galt vor allem in der Glanzzeit, die der Historienmaler Carl von Piloty von 1874 bis 1886 prägte, aber auch noch im Zeichen der Münchner Secession, deren Vertreter die Akademie rasch eroberten. Ein amerikanischer Piloty-Schüler, Carl Marr aus Milwaukee, brachte es in München sogar zum Adelstitel und 1919 zum Rektor. Sein Monumentalbild "Die Flagellanten" war ein Publikumsfavorit in der Akademieretrospektive, die 2008 anlässlich der 200-Jahrfeier im Haus der Kunst zu sehen war.

Schon damals hatte Susanne Böller ihre Forschungsergebnisse eingebracht, sowohl in die Festschrift wie bei der Konferenz "American Artists in Munich. Artistic Migration and Cultural Exchange Processes", die mit der Terra Art Foundation veranstaltet und 2009 publiziert wurde. Seither wartete man auf die Fertigstellung ihrer Dissertation, zumal sie hauptberuflich schon am Lenbachhaus arbeitete.

Das Warten hat sich gelohnt. Denn einer der Gründe für die Verzögerung ist die schiere Menge des Materials, das sie hüben wie drüben ausgewertet hat, etwa in dem aufschlussreichen "Pressespiegel der gegenseitigen Wahrnehmung" in den Kunstszenen der USA und im Deutschen Reich, mit dem das Buch einsetzt. Ein weiterer Grund liegt darin, dass sie das umgewälzte Faktenmaterial nicht einfach forschungsstolz über den Rezensenten ausschüttet, sondern in plausibel gestaffelten Kontexten gewichtet, wobei die flüssige Narration eine angenehme Lesbarkeit zur Folge hat. Die begrüßt man umso mehr, als sich ihr Thema als ergiebig erweist.

Ein weiterer Grund ist, dass das nüchtern geschriebene, im Detail aber auch schon mal urteilsfreudige Buch nicht nur eine Vielzahl von Quellen erschlossen hat, sondern diese stets auch hinterfragt, sogar dort, wo man sie vorderhand für verlässlich gehalten hätte. Das ist besonders eindrucksvoll, wenn sie die Matrikelbuchangaben der US-Studenten über Herkunftsort, Beruf des Vaters oder Studienfach mit später erschienenen Biografien abgleicht.

Unter einem historiografischen Vergrößerungsglas konzentriert sich das Buch auf siebzehn Jahre dieser Kulturvermischung, aber ohne übergreifende Kontexte aus den Augen zu verlieren. In der akribischen Rekapitulation der Studienaufenthalte entstand zugleich eine Nahaufnahme der Lehrpraxis an der Münchner Akademie. Deren Archiv ging bei der Zerstörung durch amerikanische Bomben 1944 verloren, was eine Kompensation durch die Erschließung anderer Quellen erfordert. Die sind zwar vorhanden, doch findet sich darin vieles verschriftlicht, was die Akademie tun sollte oder tun wollte, aber wenig über ihren tatsächlichen Lehralltag. Der dürfte schon damals recht wenig mit all den Satzungen, Dienstanweisungen und Ministerialkorrespondenzen zu tun gehabt haben, also mit jenen Quellen, an denen sich die Geschichte der Kunstakademien hauptsächlich abarbeitet.

Erst in letzter Zeit ist deren Alltagsgeschichte in den Fokus gerückt, also die meist unerschlossenen Tagebücher und Memoiren der Eleven sowie ihre Korrespondenz mit Freunden und Eltern. Das ist in diesem Fall besonders ergiebig, weil praktisch alles schriftlich nach Hause zu berichten war und nicht einfach im Familienkreis erzählt werden konnte. Über den Akademiealltag geben aber auch eindrucksvolle Studienblätter Auskunft, die als Souvenirs zurück in die USA mitgenommen wurden und dort in die Archive fanden.

Was Susanne Böller in der Aufarbeitung dieser schriftlichen und künstlerischen Quellen zur Klärung des Akademiealltags geleistet hat, lässt erahnen, was eine Institutionsgeschichte der Kunstausbildung generell aus Tagebüchern und Briefen generieren könnte. Für zweisprachige Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker läge hier ein ergiebiges Arbeitsfeld, zumal im Fall der Bildungsmigranten, die im 19.Jahrundert aus Mittel- und Osteuropa kamen.

Man muss Susanne Böller jedenfalls dankbar sein für ihre akribische Rekonstruktion des Lehralltages. Wie der manchmal über dem Thema verzweifelnde Akademiehistoriker musste nämlich auch sie über die Lehrer erfahren: "Die Dauer ihrer Tätigkeiten und die von ihnen erfüllten Funktionen, die sich teilweise veränderten und überschnitten, sind reichlich verwirrend." (132) Trockener kann man es nicht ausdrücken. Raumnutzung, Zuständigkeit, Qualifikation, Lehrprogramm oder Umgangsstil lassen sich in der Tat selten klar erkennen. Aber nirgendwo dürften sie je so genau festgehalten worden sein wie im Mittelteil ihres Buches, ohne dass dabei der falsche Eindruck entstünde, es handele sich um eine berechenbare Institution.

Den dritten und umfangreichsten Teil bilden schließlich kunsthistorische Einzeldarstellungen, die das jeweilige Verhältnis der amerikanischen Eleven zu ihren Professoren klären und dann der Individualisierung nachgehen, in der sich einige in Europa wie in den USA einen Namen machten. Zu ihnen zählen etwa John White Alexander, William Merritt Chase, J. Frank Currier, Robert Koehler, Toby E. Rosenthal, Walter Shirlaw oder Charles F. Ulrich - und nicht zuletzt Carl Marr und Frank Duveneck.

Die penible Untersuchung dieses Übergangs aus der akademischen Bevormundung in eine unternehmerische Selbständigkeit, die auch eine der Stilimitation bleiben konnte, kennt in der Akademieliteratur nicht ihresgleichen, zumal sie nicht einem Einzelkünstler, sondern einer Generation von Bildungsmigranten gilt, was den methodischen Anspruch einer "kollektiven Biografie" rechtfertigt.

Trafen die frühen Amerikaner in Düsseldorf als der damals besten deutschen Akademie auf ein hohes Niveau von Landschafts- und Historienmalerei, so hatten ihre Münchner Nachzügler das Pech, dass eine historistisch ratlose, thematisch aber gerne deftige Genremalerei den Kunstmarkt beherrschte und die Akademie infiltrierte. Damit fielen auch sie der Geringschätzung des späten 19. Jahrhundert durch die folgenden Generationen zum Opfer; wie man nun sieht, durchaus zu Unrecht.

Im Historischen Museum Berlin kann man jedenfalls überprüfen, ob Robert Koehlers Bild "Der Streik" (1886) es nicht verdient hätte, genau wie Emanuel Leutzes "Washington Crossing the Delaware" (1859, Metropolitan Museum New York), zu einer US-Ikone zu werden. Nicht zuletzt zeigt es, dass einige der Bildungsmigranten auch mit den demokratischen Vorstellungen zu tun hatten, die 1848 ihre Vorfahren zur Emigration in die USA motiviert hatten.

Topografisch ist hingegen das Vergrößerungsglas, unter dem eine andere Studie diese Thematik behandelt, die gerade in einer erweiterten Fassung erschienen ist. Sie widmet sich einem kleinen oberbayerischen Dorf, das unter Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern in den USA bekannter ist als unter deutschen, weil sich dort Münchner Kunststudenten aus den USA zeitweise für ihre Genre- und Freilichtstudien ansiedelten, Currier sogar für zwei volle Jahre.

Ihre Kolonie handelte dem kleinen, einst als Klosterstandort mächtigen Polling den Spitznamen "Amerikanerdorf" ein. Seine Klosterwirtschaft war schon früh eine Anlaufstation für Münchner Maler gewesen, die im pittoresken Oberland ihre Freilichtstudien betrieben; als Mitglied der privaten Malschule von Friedrich Fehr fand sogar noch Emil Nolde hierher. Zu den Eintragungen im Gästebuch, das von 1853 bis 1907 geführt und durch Dominik von König kunsthistorisch ausgewertet wurde, gesellten sich auch die Namen der Duveneck Boys, der prominentesten unter den rund 80 amerikanischen Polling-Besuchern.

Nach der Säkularisierung waren nicht nur die Gästebetten und der Biergarten der Klosterwirtschaft eine Attraktion, sondern vor allem die leerstehenden Klosterräume, in welche die Amerikaner sich einmieten konnten, sofern sie nicht bei einer der Bauernfamilien wohnten, deren Mägde sie auch schon mal für Halbakte gewannen.

Dominik von König, nach seiner Zeit als Generalsekretär der Stiftung Niedersachsen Einwohner von Polling, hat ein besonderes Augenmerk auf die Bildungsmigranten gelegt, die das Amerikanerdorf bevölkerten, und eine ebenso prägnante wie anschauliche und lesbare Zusammenschau der bayerischen und amerikanischen Maler verfasst, die mit zahlreichen Abbildungen versehen ist.

Walter Grasskamp