Rezension über:

Philipp Jakobs: Max Weber und die Organisationssoziologie. Überlegungen zu einem Begriff der vormodernen Organisation, Heidelberg: Springer-Verlag 2021, V + 93 S., e-book, ISBN 978-3-658-33932-6, EUR 54,99
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Rezension von:
Tobias Schenk
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Schenk: Rezension von: Philipp Jakobs: Max Weber und die Organisationssoziologie. Überlegungen zu einem Begriff der vormodernen Organisation, Heidelberg: Springer-Verlag 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 4 [15.04.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/04/36676.html


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Philipp Jakobs: Max Weber und die Organisationssoziologie

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Wenn in der Soziologie von Organisationen als sozialen Systemen die Rede ist, geht es für gewöhnlich ausschließlich um die okzidentale Moderne. Dieser epochalen und geographischen Beschränkung liegt die Annahme zugrunde, Organisationsbildung beruhe auf gesellschaftlichen Voraussetzungen, die vor der Sattelzeit nicht in hinreichendem Maße existent gewesen seien. Präzise ausgearbeitet wurde diese Prämisse allerdings nirgends, obwohl sie für Soziologie und Geschichtswissenschaft weitreichende Folgen hat. Denn indem die Soziologie die Vormoderne nur als wenig konturierte Kontrastfolie der heutigen "Organisationsgesellschaft" (Uwe Schimank) wahrnimmt, beraubt sie sich der Vergleichsmaßstäbe, anhand derer die Epochenspezifik moderner Sozialformen präzise herausgearbeitet werden könnte. Die Frühneuzeitforschung wiederum nimmt die Organisationssoziologie bislang kaum wahr, obwohl sie auf deren avanciertes Theorieangebot im Rahmen zahlreicher aktueller Fragestellungen (etwa: Prozesse des Entscheidens, Normenkonkurrenz, Ambiguität, Wissensgeschichte) kaum wird verzichten können.

In wohlverstandenem Eigeninteresse täten beide Disziplinen also gut daran, miteinander ins Gespräch zu kommen. Den Auftakt hierzu könnten zwei jüngst erschienene soziologische Qualifikationsarbeiten bilden, die das Paradigma einer organisationslosen Frühneuzeit grundlegend in Frage stellen. Während Rena Schwarting mit ihrer dem Reichskammergericht gewidmeten Dissertationsschrift [1] eine perspektivreiche empirische Fallstudie vorlegt, bietet Philipp Jakobs in seiner an der Universität Bonn entstandenen Masterarbeit eine nicht minder anregende Neulektüre Max Webers. Der Klassiker ist als Anknüpfungspunkt klug gewählt. Schließlich müssen Webers Thesen zu rationaler Arbeitsorganisation und bürokratischer Herrschaft nicht nur in der Soziologie, sondern auch in der Geschichtswissenschaft vielfach dazu herhalten, einen modernisierungstheoretisch verengten Organisationsbegriff zu begründen.

Sehr zu Recht wirft Jakobs die Frage auf, ob eine solche Inanspruchnahme tatsächlich im Sinne eines Denkers ist, in dessen Werk "wie kaum irgendwo anders historische und geographische Weitsicht mit begrifflicher Schärfe und Generalisierungswillen verknüpft sind" (46). Jakobs' Auseinandersetzung mit Weber zielt deshalb auf die Entwicklung eines Organisationsbegriffs ab, der epochenübergreifend nutzbar und zugleich spezifisch genug sein soll, um Organisationen gegenüber anderen Sozialformen abzugrenzen. Zunächst bietet der Autor einen konzisen Überblick über die Organisationstheorien des amerikanischen Neo-Institutionalismus, der Politischen Ökonomie und der Systemtheorie. Trotz aller Unterschiede eint diese Schulen die Annahme, Organisationsbildung beruhe auf gesellschaftlichen Merkmalen, die in der Vormoderne entweder gar nicht oder nur in Ansätzen vorhanden gewesen seien.

Für den Neo-Institutionalismus ist dies ein an Rationalität orientiertes Kulturmodell, an das sich Organisationen mithilfe formaler Strukturen als "Myth and Ceremony" (John W. Meyer / Brian Rowan) isomorphisch anpassen, während die Politische Ökonomie kapitalistische Wirtschaftsverhältnisse voraussetzt. Die Systemtheorie wiederum fokussiert auf die Evolution von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzierung und die Ebenendifferenzierung zwischen Organisation, Interaktion und Gesellschaft. Jakobs weist jeweils nach, dass die Einschränkung des Organisationsbegriffs auf die okzidentale Moderne keineswegs zwingend ist, sondern aus der Semantik einer Theoriebildung folgt, die mit ihren Vorstellungen von der Plan- und Gestaltbarkeit bestehender Sozialformen selbst ein Kind der Moderne ist. Wie problematisch viele tradierte soziologische Vorstellungen über die Vormoderne sind, führt der Autor in Anlehnung an Otto Gerhard Oexle am Beispiel mittelalterlicher Korporationsformen aus, die keineswegs allein auf dem Prinzip der Totalinklusion beruhten, so dass die Grundannahme fehlender Ebenendifferenzierung fragwürdig erscheint.

Sodann zeichnet Jakobs die selektive Rezeption Webers durch die Organisationssoziologie nach, die weniger an den Begriff der rationalen Arbeitsorganisation als an das Modell bürokratischer Herrschaft anknüpfte. Tendenziell geriet dabei aus dem Blick, dass es sich bei der Bürokratie um einen von Weber universalhistorisch konzipierten Idealtypus und nicht etwa um ein Instrument zur Beschreibung von Organisationen oder gar um eine Anleitung zu technischer Effizienz im Sinne eines tayloristischen scientific managements handelt. Weber selbst hat die Existenz vormoderner Verwaltungsstäbe ("Patrimonialbureaukratie") keineswegs bestritten.

Im dritten und umfangreichsten Abschnitt der Arbeit entwirft Jakobs einen Organisationsbegriff, der epochenübergreifend anschlussfähig sein soll. Zu den wichtigsten Merkmalen, die Organisationen von anderen Sozialverbänden unterscheiden, zählt der Autor einen Verwaltungsstab, dessen Handeln durch eine nicht notwendig schriftlich gesetzte, aber sozial verbindliche und auf die Erreichung bestimmter Ziele gerichtete Ordnung geregelt ist. Hinzu treten eine auf Entscheidung beruhende Mitgliedschaft (wobei diese Entscheidung nicht notwendig eine freiwillige sein muss), ein gewisses Maß an Autonomie hinsichtlich interner Verhaltensvorgaben, eine zumindest rudimentär formalisierte, Herrschaftsbeziehungen (re)produzierende und mit Arbeitsteilung einhergehende Hierarchie und Mechanismen der Stellvertretung. Akzentuiert wird schließlich der Ortsbezug von Organisationen, der nicht unbedingt in einer strikten Trennung von Wohnung und Arbeitsstätte, sehr wohl aber darin besteht, "dass es überhaupt einen Ort gibt, an dem sich alle Mitglieder regelmäßig versammeln und interagieren" (57).

Zudem kennzeichnet Jakobs Organisationen als soziale Systeme, denen auch jenseits des militärischen Bereichs etwas Kämpferisches anhaftet. Organisationsbildung stellt nämlich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber unorganisierten Konkurrenten dar und dient insofern stets der Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen. Diese Betonung eines systemimmanenten Agons wirkt umso erfrischender, als in Teilen der Frühneuzeitforschung ein vager Aushandlungsbegriff grassiert, der zur Analyse von Machtbeziehungen kaum etwas beiträgt. Gleichwohl: Sofern Organisations- und Gesellschaftsanalysen auf produktive Weise miteinander verbunden werden sollen, dürfte es vor allem mit Blick auf die Vormoderne angezeigt sein, beide Perspektiven konsequent miteinander zu verbinden, um die Epochenspezifik organisierter Machtansprüche vor dem Hintergrund eines konsensualen Herrschaftsideals herauszuarbeiten. Zu fragen wäre in diesem Zusammenhang auch nach der Wechselwirkung von Organisationsbildung und jenen kommunikativen Impulsen aus der Umwelt, die neuere Forschungen unter dem Begriff "empowering interactions" [2] subsummieren.

Fazit: Auf einem intellektuellen und stilistischen Niveau, das einer Dissertation alle Ehre machte, stellt Jakobs in seiner Masterarbeit etablierte Sichtweisen in Frage und ermuntert dazu, unnötige Scheuklappen abzulegen. Es bleibt zu hoffen, dass sein engagiertes Plädoyer für einen epochenübergreifenden Organisationsbegriff nicht ungehört verhallen wird. Schließlich scheint es "kaum eine Eigenschaft 'moderner' Organisationen zu geben, die sich nicht zu einem gewissen Grade auch in 'vormodernen' Organisationen wiederfinden" (81) ließe. Frühneuzeitforschung und Organisationssoziologie haben deshalb viel voneinander zu lernen.


Anmerkungen:

[1] Tobias Schenk: Rezension von: Rena Schwarting: Organisationsbildung und gesellschaftliche Differenzierung. Empirische Einsichten und theoretische Perspektiven, Heidelberg 2020, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 1 [15.01.2022], URL: http://www.sehepunkte.de/2022/01/36583.html.

[2] Gisela Naegle: Rezension von: Wim Blockmans / André Holenstein / Jon Mathieu (eds.): Empowering Interactions. Political Cultures and the Emergence of the State in Europe 1300-1900, Aldershot 2009, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 6 [15.06.2013], URL: http://www.sehepunkte.de/2013/06/16760.html.

Tobias Schenk