Rezension über:

Verena Straub: Das Selbstmordattentat im Bild. Aktualität und Geschichte von Märtyrerzeugnissen, Bielefeld: transcript 2021, 314 S., ISBN 978-3-8376-5715-9, EUR 45,00
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Rezension von:
Larissa-Diana Fuhrmann
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Kerstin Schankweiler
Empfohlene Zitierweise:
Larissa-Diana Fuhrmann: Rezension von: Verena Straub: Das Selbstmordattentat im Bild. Aktualität und Geschichte von Märtyrerzeugnissen, Bielefeld: transcript 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 4 [15.04.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/04/36545.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Verena Straub: Das Selbstmordattentat im Bild

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Mit der Proklamation des sogenannten Islamischen Staates während des syrischen Bürgerkriegs sowie der darauffolgenden Anschläge seiner Unterstützerinnen und Unterstützer in Europa, zirkulierten ungeahnte Mengen an Bildern von Zerstörung und Gewalt in den Sozialen Medien. Dabei drängte sich die Frage nach dem symbolischen Verhältnis von Terrorismus und Medien immer wieder auf. Da es sich bei diesen Medienerzeugnissen um komplizierte und theoretisch schwer greifbare Phänomene handelt, wurden sie in der Vergangenheit allerdings oft nur oberflächlich diskutiert und ihre bis in die 1980er-Jahre zurückreichende und widersprüchliche Bildgeschichte oft ausgeblendet.

"Das Selbstmordattentat im Bild" von Verena Straub bespricht erstmals die "Genese und Wandlung dieses speziellen Bildtypus und zeigt die mediale wie ästhetische Bandbreite der militanten Selbstinszenierung auf". (8) Märtyrerzeugnisse aus diversen politischen Kontexten werden in der vorliegenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen historisiert, nach ihrer Medialität geordnet und auf ihre Funktion hin untersucht. "Entlang der Trias Bezeugen, Erzeugen und Überzeugen" (18) werden die ausgesuchten Fallbeispiele als Bildoperationen verhandelt. Die Autorin analysiert diese spezifischen Medienerzeugnisse militanter Akteure und fragt danach was die produzierten Bilder tun, inwiefern sie aktiv in das militante Geschehen eingreifen und wie sie es verändern. Das aus einer Dissertation entstandene Buch wurde gerade erst mit dem Deubner-Preis des Deutschen Verbandes für Kunstgeschichte e.V. ausgezeichnet.

Verena Straub geht zunächst der Frage nach, welches Vokabular und welche Beschreibungsmodi sich finden lassen, um über Selbstmordattentate zu sprechen und beginnt mit einer kritischen Diskussion der geläufigsten Interpretationsrahmen (Kapitel 1). Dabei erklärt sie unter anderem ihre Wahl des Begriffs Bildoperation und zeigt auf, inwiefern das Bildmaterial selbst als Akteur mit Wirk- und Handlungsmacht zu begreifen ist. Mit Bildoperation werden die funktionalen Zusammenhänge zwischen Bild, Martyrium und Gewalt gefasst, ohne die Bilder als rein ästhetische Artefakte zu beschreiben oder auf den problematischen Topos eines Bilderkrieges zurück zu greifen. Ein weiterer zentraler Begriff ist Zeugenschaft, wobei die grundsätzliche Annahme der Autorin ist, "dass mit dem Bezeugen immer auch etwas erzeugt wird" (17) und, dass Martyrien auf ihre mediale Sichtbarkeit angewiesen sind. Sie stellt dabei nicht nur bildwissenschaftliche, sondern auch kunst- und medienwissenschaftliche sowie ethnologische Bezüge her.

Der Struktur der folgenden vier Kapitel liegt die These zu Grunde, dass mit den unterschiedlichen Medien, ihren materiellen Eigenheiten und spezifischen Möglichkeiten der Verbreitung auch unterschiedliche Bildoperationen einhergehen. Sie beschäftigen sich mit Medien der Bildzeugenschaft, unterteilt nach Märtyrerpostern (Kapitel 2), Videotestamenten (Kapitel 3), Live Streams (Kapitel 4) und der Rolle des Medienpublikums (Kapitel 5). Bildoperationen werden im Spannungsfeld zwischen Instrumentalisierung und Eigendynamik untersucht. Es handelt sich aber nicht nur um eine Auseinandersetzung mit den Märtyrerzeugnissen selbst, sondern auch ihren Aneignungen, Umdeutungen und Neukontextualisierungen. Mit der Frage, inwiefern künstlerische Zugriffe alternative Perspektiven auf die Bildoperationen eröffnen, zeigt sich das innovative Verständnis des Themenkomplexes und "ermöglicht es die untersuchten Bilder aus anderen Blickwinkeln neu zu beleuchten und bisher verhandelte Themen in Bewegung zu bringen". (21)

Am Beispiel von Palästina zeigt sich wie der Märtyrerbegriff zu einem "Sammelbecken für Opfer- und Täterbilder" (39) werden kann. Diskutiert wird hier die Märtyrerverehrung in Form von Postern, die "öffentliche Mauern in dicht plakatierte Ausstellungsflächen" und "palästinensische [...] Städte in eine nicht enden wollende Kundgebung des Todes" (39) verwandeln. Da das veröffentlichte Bildmaterial mit weiteren Informationen über Selbstmordattentate auch als Beweismaterial gegen die Produzentinnen und Produzenten verwendet werden kann, wird hier der Frage nach ihrer Motivation nachgegangen. Den Bildproduzentinnen und Bildproduzenten geht es nicht nur darum, die Poster als Medien der Bekanntgabe oder Erinnerungsbilder zu inszenieren, sondern sie auch als Austragungsorte ihrer politischen Kämpfe zu nutzen. Dabei wird um die Deutungshoheit der Selbstmordanschläge gekämpft, die von den Produzentinnen und Produzenten als Widerstand gegen die Besatzung verstanden werden. Es zeigt sich hier, dass die Kommunikation mindestens ebenso entscheidend nach innen wie nach außen ist und häufig staatliche Repressalien mit sich zieht. Relevant sind über den performativen Gebrauch der Poster hinaus auch deren ikonographische und ästhetische Dimensionen, die Verena Staub anschaulich historisiert und kontextualisiert. Techniken und Beispiele digitaler und künstlerischer Postproduktionen werden mit dem Ziel besprochen, die Folgen des "kontinuierlichen Prozesse(s) des Austauschs und der Wiederaneignung der Bilder" (200) und Videos in (trans-)nationalen Kontexten zu zeigen.

In der Diskussion zu Videotestamenten im Libanon zeigt sich die besondere agency dieser Medienerzeugnisse und ihre Wirkmacht als Akteure. Dabei wird nicht nur auf die visuelle, sondern auch auf die auditive Ebene eingegangen. So wird unter anderem die Verwendung von Anashid, einer Form von islamischen a-capella Gesängen, untersucht. Im angeführten Beispiel wird aufgezeigt, wie sie in Videos eingebunden werden, um unter anderem den Perspektivwechsel der Rezipientinnen und Rezipienten in die Rolle des Märtyrers zu unterstützen (234/235). Es wird deutlich, dass sich das Forschungsobjekt mit jeder medientechnischen Innovation verändert hat und weiter verändern wird. Das zeigt sich unter anderem in der Bandbreite der besprochenen Fallbeispiele von Postern in Palästina in den 1980er-Jahren bis hin zu hyperrealistischen Aufnahmen mit Go-Pros und Gaming Elementen, produziert vom sogenannten Islamischen Staat, heute. Auf eine potentielle Fortführung der Forschung wird so gleich hingewiesen.

Zuletzt wird noch die immer wieder im Buch erwähnte Rolle des Medienpublikums verhandelt. Dabei gilt ein besonderes Augenmerk den digitalen Austragungsorten, hier am Beispiel von Live-Stream Testamenten. Diese 2016 veröffentliche technische Erweiterung bringt es mit sich, dass "die Grenze zwischen Produktion und Rezeption zunehmend verschwimmt". (273) Auch hier zeigt sich die empirische Dichte der Arbeit mit einer Reihe von kritisch beleuchteten Fallbeispielen und dem Hinweis auf weitere Problemfelder im Forschungskontext. Interessant wäre es, intensiver die Userinnen und User und deren Reaktionen in Kommentarspalten und Diskussionsforen zu untersuchen. Wie reagieren "zufällige" und "absichtliche" Rezipientinnen und Rezipienten in den Sozialen Medien, was machen die Bilder mit den Betrachterinnen und Betrachtern und wie nutzen diese beispielsweise Memes, GIFs und weitere kreative oder künstlerische Beiträge in ihren Reaktionen? Spannend könnte zum Beispiel ein Einblick in online Diskussionsbeiträge im Kontext der hier behandelten palästinensischen Selbstmordattentäterinnen und "affirmativen 'Songs' auf YouTube" (200) sein.

Verena Straub widmet sich zentral der Frage nach Positionierung und Perspektive von Akteurinnen und Akteuren. Sie veranschaulicht, dass Begriffe wie Terrorismus in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung oft "generalisierend und unhinterfragt verwendet" werden, was auf die "politische Positionierung der Schreibenden" (26) verweist. Bezeichnungen, welche politisch neutraler und offen für verschiedene Anwendungsweisen sind, werden hier bewusst ausgewählt und genutzt, ohne die Gewalt zu bagatellisieren oder sich einer persönlichen Positionierung zu entziehen. Zusätzlich werden auch Geschlechterrollen immer wieder thematisiert sowie säkulare Beispiele besprochen, wodurch der Zugang zu den Phänomenen erweitert wird. Verena Staub stellt fest, dass "das Genre des 'Märtyrer'-Videotestaments [...] sich als verstörender Teil unserer globalisierten Medienwelt etabliert" (283) hat und solange es Selbstmordattentate geben wird, werden wir uns diesen Bildern nur schwer entziehen können. Mit ihrem differenzierten Beitrag, der die Komplexität und Heterogenität des Phänomens mit einer Vielfalt an Fallbeispielen aufzeigt, schafft sie eine ideale Grundlage dafür, sich weiter mit dem Themenkomplex zu beschäftigen, ohne auf übliche Stereotype zurückzugreifen und problematische Denkmuster zu reproduzieren.

Larissa-Diana Fuhrmann